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05.10.2010 00:00

Fünf Fragen an: Fünf Fragen an: Marcel Keiffenheim, Greenpeace Energy

"Keine Deals zugunsten der Stromkonzerne"

von
Fünf Fragen an: Marcel KeiffenheimÖkostrom - Verbraucher sind gefordert Finanzportal Biallo.de
Marcel Keiffenheim, Leiter Energiepolitik bei Greenpeace Energy
Die Entscheidung für längere AKW-Laufzeiten steht. Doch wenn mehr Verbraucher sich für ökologisch orientierte Stromanbieter entscheiden, kann die Politik auf Dauer kaum wegsehen, glaubt Marcel Keiffenheim, Leiter Energiepolitik bei Greenpeace Energy.
Biallo.de: Der Stern titelte neulich „Die Atom-Lüge – so führen uns Regierung und Stromkonzerne hinters Licht“. Beginnt jetzt die Zeit der Ökostromanbieter?

Marcel Keiffenheim:
Zumindest die Chance besteht! Die Entscheidung über längere AKW-Laufzeiten fällt zwar das Parlament. Aber die Verbraucher können ebenfalls abstimmen – indem sie einen anderen, ökologisch orientierten Stromanbieter wählen. Wer jetzt wechselt, zeigt den Atomkonzernen die Rote Karte und gibt ein deutliches Signal an die Politik. Und das Signal heißt: Keine Deals und Tricksereien zugunsten der Stromkonzerne, raus aus der Atomkraft und entschlossener Aufbau einer umweltfreundlichen Stromversorgung. Unsere Aufgabe ist es, den Verbrauchern zu verdeutlichen, dass jetzt der richtige Zeitpunkt ist, dieses Signal zu setzen.

Biallo.de: Wieviele Neuanmeldungen hat Greenpeace Energy, der zwar als Pionier der zertifizierten Ökostromanbieter gilt, dennoch nur 95.000 Kunden in Deutschland hat, seit dem Atomkompromiss hinzugewonnen? 

Keiffenheim: Nachdem Ende August die Deals und Tricksereien von Gutachtern, Konzernen und Politik ruchbar wurden, die zu den Laufzeitverlängerungen führen sollen, hat sich die Zahl der Neukunden bei Greenpeace Energy glatt verdoppelt. Dieser erste Schwung ist inzwischen wieder etwas abgeebbt, doch liegt das Neukunden-Aufkommen immer noch deutlich über dem Durchschnitt der Vormonate.
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Biallo.de: Ist der Zuwachs ein Grund zufrieden zu sein?

Keiffenheim: Zufrieden sind wir nur, wenn die Abstimmung mit den Füßen zu Veränderungen in der Energiepolitik führt. Wenn Verbraucher mit ihrem Stromwechsel massenhaft zeigen, dass sie Ökostrom den Vorzug geben, dann wird sich die Politik zweimal überlegen, ob sie wirklich zugunsten der Atomkraft den Vorrang der erneuerbaren Energien antastet.

Biallo.de: Warum ist dennoch die Wechselbereitschaft der Verbraucher weg von Atomstromanbietern insgesamt gering, wenn man die überwiegend ablehnende Haltung in der Bevölkerung gegenüber der Kernenergie berücksichtigt?

Keiffenheim:
In der Tat: Gegen längere AKW-Laufzeiten demonstrieren, aber den Strom von RWE beziehen – das ist wie Vegetarier sein und beim Metzger einkaufen! Es gibt etliche Atomkraftgegner, die in der Hinsicht ihren Worten noch keine Taten haben folgen lassen. Menschen sind halt nicht immer konsequent. Wir lamentieren nicht darüber, sondern sagen: Leute, gebt euch einen Ruck! Der Wechsel zu konsequentem Ökostrom ist politisch wichtig, ökologisch richtig und für die Haushaltkasse billiger, als viele denken.

Biallo.de:
Ab welchem Jahr könnte theoretisch – bei optimalem Netzausbau, ungehindertere Einspeisung und gleichen Rahmenbedingungen für alle Energieträger – Deutschland ohne Atomstrom auskommen? Welcher weiteren Voraussetzungen bedürfte es dafür aus Ihrer Sicht?

Keiffenheim: Laut wissenschaftlich fundierten Untersuchungen, die Greenpeace in Auftrag gegeben hat, können wir die älteren Meiler sofort abschalten und dann binnen fünf Jahren vollständig aus der Atomkraft aussteigen. Dass ohne Atomstrom die Lichter ausgingen, ist eine längst widerlegte Behauptung. Den Atomkonzernen und den ihnen willfährigen Politikern geht es nicht um Versorgungssicherheit. Es geht um Sicherung der Konzerngewinne und darum, die erneuerbare Konkurrenz zur konventionellen Stromversorgung kleinzuhalten. Als Brückentechnologie ins Zeitalter der erneuerbaren Energien ist Atomkraft ungeeignet, weil AKWs viel zu unflexibel sind. Die optimale Ergänzung zu den Wind- und Solaranlagen mit ihrer schwankenden Leistung sind Gaskraftwerke, die sich optimal in kurzer Zeit hoch- und runterregeln lassen. Wir brauchen also eine Gas-Brücke ins Erneuerbaren-Zeitalter, und wir brauchen leistungsfähigere Netze und Stromspeicher. Mit diesen Zutaten können wir binnen weniger Jahrzehnte unsere gesamte Stromversorgung vollständig auf erneuerbare Energien umstellen.
Zum Unternehmen

Greenpeace Energy ist eine eingetragene Genossenschaft, die 1999 gegründet wurde und neben der bundesweiten Stromversorgung auch die Planung, Finanzierung, Errichtung und den Betrieb von Energieanlagen im Bereich Windkraft, Wasseranlagen und Fotovoltaik betreibt. Bis Mitte 2010 sind über eine Tochterfirma sechs Windparks und drei Fotovoltaikanlagen in Betrieb genommen worden. 18.000 Mitglieder gehören der Genossenschaft an, zum März 2010 hatte das Unternehmen 95.000 Kunden.
Zur Person

Marcel Keiffenheim, 50, arbeitete 20 Jahre lang als Journalist, unter anderem als Redakteur der Frankfurter Rundschau und des Greenpeace Magazins, bevor er Ende 2007 als Pressesprecher zu Greenpeace Energy wechselte. Inzwischen ist der studierte Politologe und Völkerrechtler Leiter Energiepolitik bei Greenpeace Energy.
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Foto: Marcel Keiffenheim ID:4403
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