Ein Schrecken ohne Ende – die europäische Schuldenkrise wird immer gruseliger. Erst stürzt Griechenlands Ministerpräsident Giorgos Papandreou mit seiner – gut gemeinten – Schnapsidee einer Volksbefragung zum jüngsten Rettungsplan das politische Europa und die internationalen Finanzmärkte mal wieder ins Chaos. Und dann wird publik, dass vor allen Dingen Frankreich die Währungsreserven der Deutschen Bundesbank zur Euro-Rettung anzapfen will.
Auf dem Treffen der 20 wichtigsten Industrie- und Schwellenländer (G20) in Cannes Ende vergangener Woche haben offenbar der französische Präsident Nicolas Sarkozy, US-Präsident Barack Obama und Großbritanniens Premier David Cameron vorgeschlagen, dass die Euro-Staaten und deren Notenbanken für zusätzliche 60 Milliarden Euro des Euro-Rettungsschirms EFSF garantieren sollen. Als Pfand sollen die sogenannten Sonderziehungsrechte herhalten. Dabei handelt es sich um Ansprüche einzelner Staaten und deren Notenbanken gegenüber dem Internationalen Währungsfonds (IWF). Die Deutsche Bundesbank lehnt einen solchen Zugriff auf ihre Reserven strikt ab.
Bundeskanzlerin Angela Merkel hat dem Treiben, an dem auch die Europäische Zentralbank (EZB) einen wichtigen Anteil haben soll, – vorläufig – Einhalt geboten. Doch schon die Diskussion muss stutzig machen. Hatten sich nicht erst wenige Tage zuvor Europas Finanz- und Regierungschefs auf ihrem Gipfel in Brüssel auf ein Gesamtpaket zur Überwindung der dramatischen Schuldenkrise geeinigt? Offensichtlich befürchten die handelnden Akteure, dass der viel zitierte „Schutzwall gegen die Krise“ den kommenden Stürmen an den Finanzmärkten nicht standhalten wird.
Die Tragödie in Griechenland kann nach jetzigem Stand der Dinge kein gutes Ende nehmen. Der Staatsbankrott der Hellenen und ein Ausstieg aus der Eurozone bleiben nach wie vor ein unkalkulierbares Risiko für das Projekt „Gemeinschaftswährung“ und hätten vermutlich dramatische Folgen für die europäischen Banken und Versicherungen. Auf der anderen Seite ist nicht abzusehen, wann Griechenland unter den gegebenen Umständen überhaupt wieder auf eigenen Beinen stehen kann. 50 Prozent Schuldenerlass, günstige Kredite und gewaltige Sparprogramme reichen nicht. Benötigt werden dringend Investitionen und Aufbauhilfen.
Griechenlands Wirtschaftskraft ist geringer als die Hessens
Dabei ist die Rettung Griechenlands ökonomisch betrachtet eigentlich kaum der Rede wert Das kleine Land in der Ägäis hat eine Wirtschaftskraft, die unter der Hessens liegt. Viel gefährlicher für die Eurozone ist die Lage in Italien. Europas drittgrößte Volkswirtschaft hat einen Schuldenberg von knapp zwei Billionen Euro aufgetürmt. Schon heute kann sich Italien am Kapitalmarkt kaum noch refinanzieren. Selbst die Stützungskäufe durch die EZB konnten nicht verhindern, dass die Risikoaufschläge für italienische Staatsanleihen inzwischen ihren höchsten Stand seit Einführung des Euro erreicht haben.
Das Vertrauen in die Lösungskompetenz der Regierung von Silvio Berlusconi geht an den Finanzmärkten inzwischen gegen Null – und die internationalen Partner sind gehörig genervt. Auf dem G20-Gipfel musste der unberechenbare italienische Ministerpräsident deshalb einwilligen, dass seine Sparanstrengungen künftig unter der Beobachtung des IWF stehen. Doch wie für Griechenland gilt auch für Italien und alle anderen hochverschuldeten Staaten der Eurozone: Sparen allein genügt nicht, um die Haushalte zu konsolidieren. Die internationale Wettbewerbsfähigkeit muss nachhaltig verbessert werden. Nur dann kann die Abwärtsspirale durchbrochen und das notwendige Wachstum erreicht werden.
Für die angeschlagenen Volkswirtschaften wird das in den kommenden Monaten zunehmend schwerer. Die Konjunktur in Europa kommt zum Stillstand, mindestens über die Wintermonate droht sogar eine Rezession. Deshalb hat die EZB überraschend reagiert. In seiner ersten Sitzung als Notenbankchef hat Mario Draghi mit der Absenkung des Leitzinses um 25 Basispunkte auf 1,25 Prozent deutlich gemacht, wie schlecht es um Europas Wirtschaft stehen muss und wie fragil das Finanzsystem ist. Trotz steigender Inflationsraten – die EZB ist der Stabilität des Euro verpflichtet – weiten die Währungshüter ihre expansive Geldpolitik aus.
Verschnaufpause an den Kapitalmärkten ist vorüber
Auch die Kapitalmärkte sind nach einer kurzen Verschnaufpause wieder vollständig zurück im Risikomodus. Die Flucht in sichere Staatsanleihen hat die Renditen deutscher Schuldscheine wieder unter die Marke von zwei Prozent gedrückt. Davon profitieren Kreditkunden. Hypothekendarlehen dürften nach ihrem leichten Anstieg nun wieder etwas günstiger werden. Aktuell müssen Eigenheimer laut Biallo-Index Baufinanzierung für einen klassischen Immobilienkredit mit zehn Jahren Laufzeit im Marktdurchschnitt kaum mehr als 3,20 Prozent Zinsen bezahlen. Egal, welche Nachricht in den kommenden Wochen die Märkte bewegen wird. Das Auf und Ab dürfte sich fortsetzen – im historischen Vergleich bleiben die Konditionen für Immobilienkredite aber im jedem Fall erstklassig.
Zinstrend
kurzfristig: stabil
mittelfristig: leicht steigend
langfristig: steigend