„Überfordern Sie die Zentralbank“, warnt Jürgen Stark in einem Interview mit der Wirtschaftswoche. Der scheidende EZB-Chefvolkswirt hat sich vehement gegen den Kauf von Staatsanleihen notleidender Euro-Mitgliedsländer ausgesprochen und mit seinem Rücktritt zum Jahresende die aus seiner Sicht notwendige Konsequenz gezogen. Mit dem Kauf weiterer Staatsanleihen sei der Euro-Krise nicht beizukommen. Im Klartext: Wer die Notenpresse anschmeißt, löst nicht die europäische Schuldenkrise – er verschärft sie.
Das ist ganz auf der Linie der deutschen Politik. Auch deshalb hat Bundeskanzlerin Angela Merkel gemeinsam mit Frankreichs Staatspräsident Sarkozy auf dem letzten EU-Krisengipfel in Brüssel auf langfristige Haushaltskonsolidierung und Sanktionsmechanismen für Haushaltssünder bestanden. Doch die beschlossenen Maßnahmen zur Bekämpfung der europäischen Schuldenkrise werden erst im März 2012 vertraglich fixiert – und helfen auch dann nicht bei akuten Refinanzierungsproblemen klammer Euro-Staaten weiter.
Tatsächlich steht den Kapitalmärkten ein heißer Jahresauftakt bevor: Allein die Wackelkandidaten Spanien und Italien benötigen bis Februar 37 Milliarden Euro frisches Geld. Insgesamt werden im Jahr 2012 rund eine Billionen Euro fällig. Hinzu kommen weitere 230 Milliarden Euro, die sich europäische Banken durchschnittlich pro Quartal leihen müssen.
Deutsche Bank, BNP, Paribas, Credit Suisse – alle von Fitch herabgestuft
Die Skepsis an den Märkten ist gewaltig. Das muntere Herabstufen der Bonität der Euro-Staaten und von Finanzinstituten geht weiter. In einer Art Rundumschlag hat die Ratingagentur Fitch noch vor dem Wochenende die Deutsche Bank, BNP Paribas Barclays Bank und das Institut Credit Suisse herabgestuft. Außerdem sind eine Reihe Euro-Länder erneut ins Visier der Ratingagenturen geraten: Frankreich muss um seine Bestnote „AAA“ zittern – Fitch hat den Ausblick von „stabil“ auf „negativ“ gesenkt. Belgien, Spanien, Slowenien, Italien, Irland und Zypern droht kurzfristig die Bonitätsherabstufung. Im Fall Belgien ist Ratingkonkurrent Moody’s schon einen Schritt weiter – und senkte die Ratingnote.
Den (umstrittenen) Bonitätswächtern gehen die Brüsseler Gipfelbeschlüsse vom 9. Dezember nicht weit genug. Für Fitch beispielsweise ist die Lösung der Eurokrise inzwischen politisch und technisch „außer Reichweite“. Und wer einen Blick auf die Entwicklungen an den Aktienmärkten wirft, erkennt, dass auch die Marktteilnehmer enttäuscht von den politischen Plänen sind. Drei „EU-Rettungs-Gipfel“ hat es seit der Zuspitzung der Schuldenkkrise im Sommer 2011 gegeben. Jedes Mal kletterten die Aktienkurse im Vorfeld der Treffen – und jedes Mal brachen sie anschließend wieder ein.
Enttäuschungen und Verunsicherung – das ist der Treibsatz für die Nachfrage sicherer Investments. Dazu gehören bonitätsstarke Bundesanleihen, deren Kurse in der vergangenen Woche wieder kräftig gestiegen sind. Automatisch fallen im Gegenzug die Renditen – Papiere mit zehn Jahren Laufzeit notierten sogar wieder unter der Marke von 1,8 Prozent. Von dieser Entwicklung profitiert auch der Hypothekenmarkt. Immobilienkredite bleiben bis auf Weiteres extrem günstig: Im Durchschnitt kosten ein klassisches Darlehen mit zehn Jahren Laufzeit laut Biallo-Index Baufinanzierung derzeit 3,28 Prozent.