Trotz der erneuten Verschärfung der europäischen Schuldenkrise wird EZB-Chef Jean-Claude Trichet auf die langfristigen Inflationsrisiken verweisen und vermutlich seine Warnung vor einer Lohn-Preis-Spirale erneuern. Außerdem muss die EZB erläutern, ob und in welcher Form nun auslaufende geldpolitische Sondermaßnahmen fortgesetzt werden. Zur Stabilisierung der Geld- und Kapitalmärkte hatte die Notenbank während der Finanzkrise beschlossen, den Geschäftsbanken unlimitiert Liquidität zur Verfügung zu stellen.
Klettert der Leitzins bis Jahresende auf 2,0 Prozent?
Mit der Straffung der Geldpolitik gefährden die Währungshüter allerdings die wirtschaftliche Erholung in den hoch verschuldeten Krisenstaaten der Eurozone. Deshalb wird die EZB nur vorsichtig agieren, um die Inflationsrate von derzeit 2,7 Prozent auf die mittelfristig anvisierte Marke von knapp zwei Prozent zu drücken. Bis zum Jahresende dürfte der EZB-Leitzins deshalb von aktuell 1,25 Prozent bis maximal auf 2,0 Prozent angehoben werden.
Mit dem Refinanzierungssatz beeinflusst die EZB direkt den Geldmarkt und steuert so die kurzfristigen Zinsen. Die langfristigen Kapitalmarktzinsen steigen in der Regel ebenfalls, weil die Zinsentscheidung Preisrisiken signalisiert. Bei einer höheren Inflation verlangen Investoren in der Regel auch eine höhere Verzinsung ihres Kapitals, um eine positive Realverzinsung sicherzustellen.
Trotz der Inflationsgefahren und einer boomenden Wirtschaft, die ohne Zinserhöhungen „heiß zu laufen“ droht, sind in Deutschland die Kapitalmarktrenditen kräftig gesunken. Inzwischen notieren die aussagekräftigen Bundesanleihen mit zehn Jahren Laufzeit wieder unter der Marke von drei Prozent. Gründe für diese Entwicklung waren zunächst die Erdbebenkatastrophe in Japan und die politischen Unruhen im Mittleren und Nahen Osten. Die Diskussion um die Schuldenobergrenze in den USA und die schwache Konjunktur der nach wie vor größten Volkswirtschaft der Welt, aber vor allen Dingen die Angst vor einer Pleite Griechenlands haben die Anleger immer wieder in den sicheren Hafen bonitätsstarker Staatsanleihen getrieben. Die Folge waren steigende Kurse und im Gegenzug automatisch sinkende Renditen.
Für Eigenheimer mit Kapitalbedarf hat sich inzwischen eine attraktive Zinsdelle ergeben. Die ohnehin immer noch niedrigen Hypothekenzinsen sind in den vergangenen Wochen spürbar gesunken. Laut Biallo-Index Baufinanzierung kosten klassische
Immobilienkredite mit zehn Jahren fester Zinsbindung durchschnittlich wieder weniger als 4,0 Prozent.
Wie stark die Zinsdelle ausfallen und wie lange der aktuelle Trend noch anhalten wird, hängt auch von der Konsensfähigkeit der Euro-Mitgliedsstaaten ab. Solange unklar bleibt, wie der wachsende Finanzbedarf Griechenlands gedeckt werden kann, bleibt die Unsicherheit im Markt. Belastbare Ergebnisse wird es aber frühestens auf dem EU-Gipfel Ende Juni geben. Bis dahin soll auch die endgültige Ausgestaltung des permanenten Krisenmechanismus ESM (ab 2013) und eine mögliche Aufstockung der Finanzmittel für den aktuellen Rettungstopf geregelt werden. Angesichts der bisherigen Performance der Akteure sind aber Zweifel angebracht.
Zinstrend
kurzfristig: leicht fallend
mittelfristig: steigend
langfristig: steigend