Fahnen, Autokorsos, Jubelgesänge – nein, Italien ist nicht Fußballweltmeister geworden! Zehntausende Italiener feierten ausgelassen bis in die frühen Morgenstunden hinein, weil sie ihren langjährigen Ministerpräsidenten Silvio Berlusconi endlich losgeworden sind. Was den Wählern selbst nicht gelang, schafften letztendlich die Akteure an den Finanzmärkten, Rating-Agenturen und die politischen Partner in der EU.
Der Druck auf Berlusconi, der das Land nach knapp zwei Jahrzehnten als Regierungschef abgewirtschaftet hat und hoch verschuldet an seinen Nachfolger Mario Monti übergibt, wurde schlicht zu groß.
1,9 Billionen Euro Staatsverschuldung
Das sind 120 Prozent der jährlichen Wirtschaftsleistung: Italien bleibt ein gewaltiges ökonomisches Risiko für die Eurozone. Einen vollständigen Vertrauensverlust und der mögliche Zusammenbruch der drittgrößten Volkswirtschaft Europas würde der Euro kaum überleben. Deshalb haben sich in den vergangenen Wochen die Anleger an den Kapitalmärkten auch wieder aus risikoreicheren Anlagen wie Aktien verabschiedet und sind in sichere Staatsanleihen etwa aus Deutschland geflüchtet.
Nach einem kurzen Zwischenhoch sind hierzulande die Renditen für die stark beachteten Schuldscheine mit zehn Jahren Laufzeit wieder deutlich unter die Zwei-Prozent-Marke gefallen. Entsprechend vergünstigt haben sich auch die Konditionen für Kredite: Der durchschnittliche Preis für Hypothekendarlehen mit zehn Jahren fester Zinsbindung ist laut Biallo-Index Baufinanzierung wieder auf seinen historischen Tiefststand gefallen.
Zinsen bleiben weiter unten
Auch in den kommenden Wochen dürften die Zinsen auf einem vergleichsweise niedrigen Niveau verharren. Zwar wird sich die Lage an den Finanzmärkten in den kommenden Tagen entspannen. Denn mit den neuen Regierungen in Griechenland und in Italien ist die Hoffnung verbunden, dass nun die strukturellen Probleme in diesen Krisenstaaten ernsthaft angegangen werden können. Hauptargument der Optimisten: Sowohl in Athen als auch in Rom haben jetzt gestandene Wirtschaftsexperten die Führung ihres Landes übernommen.
Ihre Glaubwürdigkeit an den internationalen Märkten und in der eigenen Bevölkerung mag ungleich höher sein als die ihrer Vorgänger. Doch auch die Technokraten müssen mit politischen und gesellschaftlichen Widerständen rechnen, wenn es an die Umsetzung der notwendigen Rosskuren geht. Die Eurokrise ist die Folge einer stetig wachsenden Staatsverschuldung – und damit in erster Linie eine politische Krise. Nun muss eben diese Politik liefern. Die Erfahrung aber zeigt: Das Enttäuschungspotenzial ist mindestens so groß wie die Hoffnung auf mehr Haushaltdisziplin und eine Wende zum Besseren.
Zinstrend
kurzfristig: schwankend
mittelfristig: leicht steigend
langfristig: steigend