Tatsächlich locken
Hypothekenkredite zu historischen Tiefstpreisen einerseits und der Mangel an renditestarken Anlagealternativen andererseits Investoren und Selbstnutzer verstärkt in den Immobiliensektor. Und tatsächlich sind in den vergangenen Jahren insbesondere in bevorzugten Großstadtlagen die Immobilienpreise kräftig gestiegen. Doch zwischen den europäischen Immobilienmärkten gibt es erhebliche Unterschiede. Traditionell sind in Deutschland die Eigenkapitalanforderungen für die Vergabe eines Hypothekendarlehens sehr hoch. 100-Prozent-Finanzierungen für das Eigenheim, wie sie in anderen Ländern durchaus üblich waren, hat es hierzulande praktisch nicht gegeben – ein Grund für die Stabilität des Sektors.
„Fünf Prozent Wertzuwachs pro Jahr bis 2020 bedeutet keine Überhitzung“
Außerdem wird im Gegensatz etwa zu Spanien oder Irland der Preisschub in Deutschland bislang von steigenden verfügbaren Einkommen begleitet. Das Preis-Einkommensverhältnis hat sich nicht verändert. Dieser sogenannte Erschwinglichkeitsindikator gibt Aufschluss über die Bewertung eines Immobilienmarktes. In Deutschland liegt dieser Indikator nach einer Analyse der Deutschen Bank sogar noch unter seinem langjährigen Durchschnitt. So könnten Preise für Wohnimmobilien bei einer jährlichen Wachstumsrate der verfügbaren Einkommen um zwei Prozent bis 2020 durchschnittlich um jährlich fünf Prozent zulegen, ohne dass eine Überbewertung des Marktes eintreten würde.
Dennoch sollte der Immobilienkauf, der für die meisten Menschen die größte Investition in ihrem Leben bedeutet, nicht überstürzt werden. Lage und Ausstattung müssen wohl überlegt sein – und die erstklassigen Finanzierungskonditionen sollten niemanden dazu verführen, das eigene Budget zu sprengen. Die Verlockung ist groß: Laut
Biallo-Index Baufinanzierung kostet ein klassischer Immobilienkredit mit einer festen Zinsbindung von zehn Jahren durchschnittlich 2,56 Prozent Zinsen. Zum Vergleich: Vor nicht einmal 18 Monaten mussten Eigenheimer für den gleichen Kredit rund 4,20 Prozent auf den Tisch legen.
Ursache dieser Entwicklung ist die europäische Schuldenkrise und die hieraus resultierende Notenbankpolitik. Die Europäische Zentralbank hat ihren Leitzins bis auf 0,75 Prozent herabgesetzt, stützt das fragile Bankensystem langfristig mit Milliardenkrediten und hat inzwischen angekündigt, im Ernstfall unter bestimmten Voraussetzungen unlimitiert Staatsanleihen wankender Euro-Länder zu kaufen. Gewünschter Effekt: niedrige Zinsen zur Stützung der schwachen Konjunktur, Sicherung der Liquidität an den Finanzmärkten und Verbesserung der Refinanzierungsbedingungen für Krisenstaaten.
Steigende Hypothekenzinsen, wenn die Nachfrage nach deutschen Staatspapieren schwindet
Eine Wende der extrem lockeren Geldpolitik ist vorerst nicht in Sicht. Die EZB wird ihren Kurs so lange fortsetzen, bis Portugal, Spanien und Italien ihre strukturellen Haushaltsprobleme in den Griff bekommen – ganz zu schweigen von der Dauer-Rettung Griechenlands vor der Staatspleite. Dennoch dürften sich in den kommenden Monaten die Zinsen am Kapitalmarkt in Deutschland tendenziell nach oben entwickeln. Inzwischen spricht einiges für eine leichte Entspannung in der europäischen Schuldenkrise. Die Nachfrage nach sicheren deutschen Staatsanleihen, die für Zinsentwicklung am Hypothekenmarkt eine Benchmarkfunktion haben, dürfte dann deutlich nachlassen. Die Folge: sinkende Kurse und steigende Renditen – und damit anziehende Zinsen für Hypothekendarlehen.
Zinstrend
sehr kurzfristig (1 Woche): stagnierend
mittelfristig (1-6 Monate): leicht steigend
langfristig: steigend