Frustrierte Anleger finden sich derzeit überall: Die einen sitzen noch auf wertlosen Zertifikaten der amerikanischen Pleitebank Lehman Brothers. Die anderen können es kaum glauben, wie der Wert ihrer angeblich so sicheren Fonds in ihrem Depot zusammengeschmolzen ist. Viele Kunden vertrauen den Banken deshalb nicht mehr.
Trotzdem wird nach wie vor häufig schlecht beraten. Das zeigen Stichproben des Verbraucherzentrale Bundesverbandes (vbzv). Danach gelang es nur einem von 25 getesteten Bankmitarbeitern, den finanziellen Hintergrund eines möglichen Kunden auszuleuchten und ihn richtig zu beraten.
Zudem sorgte vor einiger Zeit eine Studie der Hamburger Beratungsgesellschaft Evers & Jung für Aufsehen, die das Verbraucherschutzministerium in Auftrag gegeben hatte. Darin wurden die Vermögensschäden durch mangelnde Finanzberatung mit 20 bis 30 Milliarden Euro im Jahr beziffert. Der auf Bank- und Kapitalanlagerecht spezialisierte Düsseldorfer Rechtsanwalt Julius Reiter sieht dafür vor allem einen Grund: „Die Beratung hat sich längst zu einem reinen Verkaufsgespräch entwickelt“, sagt er.
Enormer Vertriebsdruck
So berichten Mitarbeiter in Banken und Sparkassen, dass der Vertriebsdruck in den vergangenen Jahren enorm gestiegen und sie angehalten seien, möglichst viele Ratenkredite, Fonds, Zertifikate, Versicherungspolicen und Kreditkartenverträge unters Volk zu bringen. „Kunden, die eine Bank betreten, sollten sich darüber bewusst sein, dass sie es nicht mit Beratern, sondern mit Verkäufern zu tun haben“, sagt Niels Nauhauser, Finanzexperte der Verbraucherzentrale Baden-Württemberg. Und diese stehen nach den Erkenntnissen der Verbraucherschützer selbst unter enormen Druck, zumal ein zunehmend größerer Teil ihres Gehalts oder zumindest ihre berufliche Laufbahn von den Verkaufsquoten abhängt. So gebe es häufig Vorgaben, wie viele und welche Produkte die Mitarbeiter in einer Woche an den Mann oder die Frau bringen müssen. „All dies geschieht im Dienst der Rendite. Der Gewinn für die Bank muss stimmen – notfalls auf Kosten der Kunden“, sagt Nauhauser.
Auch Rechtsanwalt Reiter warnt: „Die sogenannte Beratung orientiert sich häufig leider nicht daran, was der Kunde braucht und welches Risiko er eingehen will, sondern was die Bank gerade verkaufen will und was für das Geldinstitut die höchste Provision abwirft.“