Gern verkauft und kaum verstanden

Unfalltod-Zusatzversicherung Gern verkauft und kaum verstanden

von Günther J. Brandt
27.06.2012
Auf einen Blick

Die Unfalltod-Zusatzversicherung in der Lebensversicherung ist ein Verkaufsklassiker. In ihrer Wirkung von den Käufern vielfach verkannt, beschert sie den Anbietern langfristige Einkünfte bei überschaubarem Risiko.

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Wer seine Police zur Lebensversicherung näher betrachtet, ist mitunter überrascht: “Bei Unfalltod”, so kann er lesen, “wird die vereinbarte Versicherungssumme verdoppelt“. Damit dokumentiert der Versicherer das
Bestehen einer Zusatzversicherung zum Hauptvertrag, ausgestattet mit derselben Laufzeit und gleicher Versicherungssumme - allerdings mit der Einschränkung, dass die Versicherungssumme nur bei einem Tod durch Unfall gezahlt wird.

Wie kam der Vertrag zustande?

Nicht jedem ist ohne weiteres klar, was er da vereinbart hat. Auch die Erinnerung an das Verkaufsgespräch lässt einen oft im Stich. Wurde danach gefragt, ob ich so etwas möchte? Habe ich danach gefragt? Oder gab der Vertreter damals nicht einen kurzen Hinweis, dass bei dieser Gesellschaft die Verdoppelung der Summe irgendwie Bestandteil des Tarifs sei? Immerhin hat der Käufer einen Antrag unterschrieben. Und im Durchschlag dazu ist vermerkt, dass die Unfalltod-Zusatzversicherung mitbeantragt wurde.

Letzten Endes ist es unerheblich, unter welchen Vorzeichen die Zusatzversicherung erörtert oder vereinbart wurde. Steht sie im Versicherungsschein und der Versicherte akzeptiert den Vertrag, indem er seine Beiträge bezahlt, so wird dadurch seine Zustimmung erkennbar.

Einem beinah geschenkten Gaul…

Wer will es ablehnen, wenn die Versicherung unter bestimmten Voraussetzungen ihre Leistung verdoppelt? Erscheint die Höhe des Gesamtbeitrags annehmbar, so wird die üppige Zusatzleistung nicht in Frage gestellt. Außerdem, so denkt sich mancher, läuft der Vertrag jetzt schon jahrelang. Kann ich den überhaupt kündigen, wenn ich ihn nicht mehr will? Er gehört ja mit dem anderen Vertrag irgendwie zusammen. Und der soll weiterlaufen. So bleibt zumeist alles beim alten, der Zusatzvertrag wird höchstens etwas kritisch betrachtet und - weiter geführt.

Das Risiko und wie damit umgegangen wird

Im Jahr 2010 gab es in der Bundesrepublik nach Angaben des Statistischen Bundesamtes Destatis rund 860.000 Todesfälle. Eine Untersuchung der Bundesanstalt für Arbeitsschutz bezogen auf das Jahr 2009 weist 19.178 Todesfälle durch Unfall aus. Setzt man die beiden Werte zueinander ins Verhältnis, so ergibt sich eine Quote von 2,2 Prozent. Demnach geht jeder 45. Todesfall auf einen Unfall zurück. Die Versicherungsbranche selbst weist in der vom Gesamtverband der Deutschen Versicherungswirtschaft geführten Statistik für 2011 einen Bestand von 10,2 Millionen Unfalltod-Zusatzversicherungen aus. Das Risiko für den einzelnen bei einer Bevölkerungszahl von 81 Millionen Menschen ist demnach rechnerisch denkbar gering. Gleichzeitig kann sich niemand dem Risiko entziehen.

Wir haben uns daran gewöhnt, den Unfalltod als ein besonders schwer zu ertragendes Risiko zu sehen und wappnen uns dagegen durch Millionen von Versicherungsverträgen. Dabei erscheint es merkwürdig, was für den einzelnen schwerer wiegt. Offensichtlich ist es nicht der Todesfall für sich genommen sondern der Umstand, dass ein Unfall der Grund dafür ist. Anders ist es nicht zu erklären, dass sich die entsprechend Versicherten mit der Hälfte der Versicherungssumme zufrieden geben, wenn Krankheit als Todesursache gilt.

Solches Verhalten ist nicht schlüssig, es offenbart, dass sich ein Gutteil der Versicherten keine Gedanken um das Funktionieren eines solchen Vertrages macht. Unterstellt man, dass durch den Abschluss einer Lebensversicherung Hinterbliebene angemessen abgesichert werden sollen, so ist nicht zu erkennen, warum bei Unfalltod die angemessene Absicherung auf einmal doppelt so hoch ausfallen soll.

Wie so oft kann man das so oder so sehen

Zehn Millionen bestehende Verträge sind ein Zeichen dafür, dass sich die Menschen bei dieser Frage weniger um Statistik scheren und sich vielmehr von Verkaufsargumenten, vermeintlicher Üblichkeit und durch eigene Denkfehler leiten lassen. Man kann es auch positiv formulieren: Der Bestand in der Versicherungswirtschaft bei dieser Vertragsart ist für die Anbieter eine weitgehend stornosichere und langfristige Einnahmequelle, nicht zuletzt durch die Verknüpfung mit dem lange dauernden Hauptvertrag. Dem gegenüber steht ein rechnerisch sehr überschaubares Leistungsrisiko.

Die Aussichten sind gut. Eine Unfalltod-Zusatzversicherung wird auch in Zukunft ihre Abnehmer finden. Gemessen an der Höhe der Beiträge für diese Vertragsart ist die Belastung für den einzelnen auch leicht zu verschmerzen. Jedoch bleibt am Ende die Frage ob eine weite Verbreitung und ein geringer Preis hinreichende Argumente dafür sind, eine kostenpflichtige Wette auf ein Risiko einzugehen, welches bei Licht betrachtet gar keines ist, da eine Steigerung von tot nicht nur grammatischer Unfug ist. Die Antwort mag jeder selbst suchen. Die Freiheit, das zu tun, ist eine kleine Herausforderung.

Der Autor ist Versicherungsberater in Lennestadt.

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