Künftig mehr Geld für Pflege zuhause

Pflegestärkungsgesetz Künftig mehr Geld für Pflege zuhause

Annette Jäger
von Annette Jäger
11.11.2016
Auf einen Blick

Das Pflegestärkungsgesetz bringt einschneidende Veränderungen für Pflegebedürftige mit sich. Ein Überblick über die Neuerungen 2017.

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Statt Pflegestufen gibt es ab Januar 2017 Pflegegrade. Damit verbunden sind neue finanzielle Leistungen bei Pflegebedürftigkeit. Vor allem aber wird der Begriff der Pflegebedürftigkeit neu definiert. Künftig werden mehr Menschen als bisher Zugang zu Leistungen aus der gesetzlichen Pflegeversicherung haben. Festgezurrt wurden die Neuerungen im Pflegestärkungsgesetz II, das bereits seit 2016 in Kraft ist. Teile davon werden aber erst ab Januar umgesetzt, so die neuen Pflegegrade.


Neue Definition von Pflegebedürftigkeit

Bei der Beurteilung von Pflegebedürftigkeit spielt künftig nicht mehr nur die körperliche Beweglichkeit eine Rolle. „Wie oft ist jemand aufgrund von geistigen Problemen und psychischen Verhaltensauffälligkeiten auf Hilfe angewiesen und wie geht jemand mit Gesundheitsproblemen um, sind Fragen, die dann in die Bewertung mit einfließen“, sagt Meret Lobenstein, Pflegeexpertin bei der Verbraucherzentrale Rheinland-Pfalz.

Das ist insbesondere für Menschen mit Demenzerkrankungen ein Gewinn, die nun einen besseren Zugang zu Leistungen erhalten. Sechs Lebensbereiche werden künftig berücksichtigt: körperliche Mobilität, geistige und sprachliche Fähigkeiten, psychische Probleme und auffälliges Verhalten, die Fähigkeit, sich selbst zu versorgen, der Umgang mit Gesundheitsproblemen und die Fähigkeit, den Tagesablauf zu gestalten.

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Berechnungsgrundlage/Modellfall: 

Das Pflegestärkungsgesetz II sieht fünf Pflegegrade vor

Im kommenden Jahr lösen fünf Pflegegrade die bisherigen drei Pflegestufen ab. Wer bereits pflegebedürftig ist, wird automatisch, ohne finanziellen Nachteil, in das neue System überführt. Wer allerdings jetzt pflegebedürftig wird, muss sich auf lange Wartezeiten einrichten: Die übliche Wartezeit von 25 Tagen, in denen die Pflegekasse über Leistungsanträge entscheiden muss, ist bis 31. Dezember 2017 ausgesetzt. „Es kann dann sein, dass Pflegeversicherte mehrere Wochen oder gar Monate auf eine Entscheidung über ihren Leistungsanspruch warten müssen“, sagt Lobenstein.


Pflegegrad 1

Neu ist Pflegegrad 1. Er ist auf Menschen zugeschnitten, die nur wenig Unterstützung benötigen. Sie erhalten jetzt frühzeitig Hilfeleistungen, damit sie so lange wie möglich zuhause wohnen bleiben können. Dazu zählen 125 Euro monatlich, um beispielsweise eine hauswirtschaftliche Hilfe abzurechnen. Ferner erhalten sie bis zu 2.500 Euro für die Gründung einer Pflege-Wohngemeinschaft, 214 Euro im Monat Wohngruppenzuschlag sowie maximal 4.000 Euro, um die vier Wände altengerecht umzubauen. Personen in Pflegegrad 1 erhalten außerdem 40 Euro im Monat für die Versorgung mit Pflegehilfsmitteln zum Verbrauch hinzu. Das sind Hilfsmittel wie beispielsweise Pflegehandschuhe, Bettschutzeinlagen und Desinfektionsmittel.


Pflegestärkungsgesetz II stärkt Pflege zuhause

Wer zuhause gepflegt wird, darf sich ab Januar über deutlich mehr Geld aus der Pflegekasse freuen. Das größte Leistungsplus gibt es für Menschen, die Pflegegrad 3 haben, vormals Pflegestufe I mit einer Demenzerkrankung: Sie erhalten anstatt 316 Euro nun 545 Euro an Pflegegeld, also ein Plus von 229 Euro! Beschäftigen sie einen ambulanten Pflegedienst, erhalten sie statt 689 Euro nun 1.298 Euro – das ist fast doppelt so viel.


Weniger Geld für Pflege im Heim

Eine Gruppe von Pflegebedürftigen hat das Nachsehen bei der Reform: Versicherte, die ab 2017 mit niedrigen Pflegegraden ohne Demenzerkrankung in ein Heim einziehen. In Pflegegrad 2 - bislang Pflegestufe I - erhalten sie dann nur mehr 770 Euro statt 1.064 Euro im Monat. Und in Pflegegrad 3 - bisher Pflegestufe II – erhalten sie künftig 1.262 anstatt 1.330 Euro. Wer jetzt in Pflegestufe I oder II ist und in ein Heim umziehen will, sollte es noch in diesem Jahr tun. Denn dann genießt er im neuen Jahr Bestandsschutz und zahlt nicht mehr als bisher.


Einheitlicher Eigenanteil

Eine weitere finanzielle Last kommt auf Versicherte in niedrigen Pflegegraden zu. Alle Heimbewohner müssen künftig einen einheitlichen Eigenanteil zahlen, unabhängig vom Pflegegrad. Der wird voraussichtlich bei 580 Euro liegen. Dieser Anteil fällt zusätzlich zu den Kosten für Unterkunft und Verpflegung an. Bislang müssen Bewohner in niedrigen Pflegestufen weniger zahlen, als Bewohner in hohen Pflegestufen. Das Fazit: „Pflege im Heim wird für viele ab 2017 teurer, die Pflege zuhause wird stärker gefördert“, sagt Lobenstein.


Neuer Beitragssatz

Um die neuen Pflegeversicherungsleistungen zu finanzieren, müssen alle Pflegeversicherten etwas tiefer in die Tasche greifen. Der Beitrag zur gesetzlichen Pflegeversicherung – er wird gemeinsam mit dem Beitrag zur gesetzlichen Krankenversicherung erhoben – steigt ab 2017 um 0,2 Prozentpunkte auf 2,55 Prozent des Bruttoeinkommens. Versicherte ohne Kinder zahlen 0,25 Prozentpunkte mehr, also 2,8 Prozent. Bei einem Bruttoeinkommen von 3.000 Euro sind das 6 Euro mehr im Monat für Versicherte mit Kindern und 7,50 Euro für Versicherte ohne Kinder.

Mein Tipp: Lesen Sie hier, was die Veränderungen 2017 bei Pflegezusatzversicherungen bewirken.

Möchten Sie mehr erfahren über die Neuerungen durch das Pflegestärkungsgesetz II? In unserem kostenlosen sechsseitigen Dossier informieren wir Sie ausführlich zu diesem Thema.
 

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Annette Jäger
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Annette Jäger

während meines Studiums der Neueren Geschichte in München begann ich als freie Journalistin zu arbeiten, unter anderem für die Süddeutsche Zeitung. Im Jahr 2000 kam ich zu biallo.de, damals waren Versicherungsthemen für mich Neuland, über Gesundheitspolitik las ich in der Zeitung oder bekam die Auswirkungen als Patientin zu spüren.

Schnell stellte ich fest, dass der unverstellte Blick von außen durchaus von Vorteil ist bei der kritischen Aufbereitung dieser Themen. Bei Biallo schreibe ich noch immer über Versicherungen, Gesundheit und Soziales. Neuland sind diese Themen heute nicht mehr.

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während meines Studiums der Neueren Geschichte in München begann ich als freie Journalistin zu arbeiten, unter anderem für die Süddeutsche Zeitung. Im Jahr 2000 kam ich zu biallo.de, damals waren Versicherungsthemen für mich Neuland, über Gesundheitspolitik las ich in der Zeitung oder bekam die Auswirkungen als Patientin zu spüren.

Schnell stellte ich fest, dass der unverstellte Blick von außen durchaus von Vorteil ist bei der kritischen Aufbereitung dieser Themen. Bei Biallo schreibe ich noch immer über Versicherungen, Gesundheit und Soziales. Neuland sind diese Themen heute nicht mehr.

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