Erbschaft Wer pflegt, erbt mehr

von Horst Peter Wickel
11.02.2016
Auf einen Blick

Seit der Erbrechtsreform 2010 ist klar geregelt, dass Kinder, die ihre Eltern pflegen, Anspruch auf einen größeren Anteil vom Nachlass haben als ihre miterbenden Schwestern und Brüder. Aber an einige Punkte sollten sie denken.

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Sind in den Weihnachtstagen bei Ihnen auch wieder mal alle Kinder und Enkel aufgetaucht, die sich während des Jahres nur sporadisch melden und die regelmäßige, zeitaufwendige und anstrengende Pflege der Eltern und Großeltern einem Kind oder Enkel überlassen?

In der gesetzlichen Erbaufteilung werden alle Nachkommen eines Verstorbenen entsprechend ihres Verwandtschaftsgrades gleichbehandelt. Doch in vielen Familien ist die Pflege und Betreuung der Eltern oder Großeltern nicht gleich verteilt. Nach dem seit 1. Januar 2010 gültigen neuen Erbrecht haben pflegende Angehörige einen Ausgleichsanspruch aus dem Erbe.

Nach dem neuen Erbrecht brauchen Verwandte keinen Einkommensverlust mehr nachzuweisen, um den Aufwand einer häuslichen Pflege beim Erbe geltend zu machen. Diese Regelung verbessert sowohl die Stellung von Hausfrauen, die vor der Pflege kein Einkommen hatten, als auch von Nachkommen, die die Doppelbelastung von Beruf und Pflege auf sich nehmen.

Pflegeleistungen werden vorab von der Erbmasse abgezogen

Das verbleibende Erbe wird dann gesetzlich oder nach Testament verteilt.

Ein Beispiel: Ein Vater hinterlässt seinen beiden Töchtern insgesamt 100.000 Euro. Eine Tochter hat den Vater in den letzten Jahren gepflegt. Die Pflegeleistungen werden mit 20.000 Euro bewertet. Die pflegende Tochter erhält also zunächst 20.000 Euro aus dem Erbe. Die verbleibenden 80.000 Euro werden gleichmäßig verteilt. Insgesamt erhält also die Tochter, die die Pflege übernommen hat, 60.000 Euro und die andere Tochter 40.000 Euro.

Das neue Erbrecht definiert allerdings nicht, wie Pflegeleistungen bewertet werden. Einen einheitlichen Stundenlohn für die Pflege gibt es also nicht, offizielle Tabellen oder gesetzliche Vorgaben fehlen. So kommt es immer häufiger zu gerichtlichen Auseinandersetzungen der Hinterbliebenen. Entscheidend ist in der Regel dabei auch der Wert des Nachlasses. Hat beispielsweise die Mutter ihren Kindern nur 10.000 Euro hinterlassen, wäre etwa ein Ausgleich von 8.000 Euro Unangemessen hoch. Vor dem Landgericht Konstanz bekam 2008 eine Tochter, die ihre Mutter acht Jahre lang gepflegt hatte, beispielsweise 30.000 Euro zusätzlich zu ihrem normalen Erbanteil zugesprochen (Az. 5O 249/08 E).

Pflegesätze der Pflegekassen als Anhaltspunkt

Pflegende sollten in jedem Fall Pflegekosten dokumentieren und genau aufschreiben, wann sie welche Pflegeleistungen erbracht haben, um im Erbfall ihre Ansprüche geltend machen zu können.


Wer ganz sicher gehen will, dass eine Person, die die häusliche Pflege übernommen hat, beim Erbe angemessen berücksichtigt wird, sollte ein Testament machen. Im Testament können Sie außerdem pflegende Geschwister, Schwiegerkinder oder Bekannte begünstigen. Denn auch nach dem neuen Erbrecht gehen diese ansonsten leer aus.

Schenkungen als Alternative

Alternativ können Sie Schenkungen zu Lebzeiten machen. Angehörige erhalten auf diese Weise sofort finanzielle Unterstützung für Pflege und Betreuung. Schenkungen innerhalb der letzten zehn Jahre vor dem Tod werden allerdings der Erbmasse zugeschlagen.

Das heißt, der Beschenkte muss möglicherweise Teile der Schenkung zurückgeben, wenn der Schenkende vor Ablauf der Zehnjahresfrist verstirbt. Das neue Erbrecht hat die Folgen der Schenkung jedoch entschärft. Im Gegensatz zu früher fließen nur noch Schenkungen im letzten Jahr vor dem Tod voll in die Erbmasse ein. Danach nimmt der Wert jedes Jahr ab. Nach fünf Jahren wird eine Schenkung also nur noch zu 50 Prozent und nach neun Jahren zu zehn Prozent in der Erbmasse berücksichtigt.

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