Handel zum Nulltarif

Broker Justtrade im Interview: „Mit Xetra lässt sich kein kostenfreier Handel abbilden“

Update: 27.08.2020
Auf einen Blick
  • Im Oktober 2019 starteten die ehemaligen Onvista-Manager Ralf Oetting und Michael Bußhaus ihren neuen Gratis-Broker Justtrade. 

  • Anleger können neben der LS Exchange auch kostenfrei an Quotrix handeln. Zudem sind unter anderem zahlreiche ETFs und Derivate im Angebot. 

  • Spätestens Anfang 2021 soll es auch ETF-Sparpläne geben. 

  • Das komplette Interview gibt es auch als Video auf dem Youtube-Kanal von biallo.de.
Mit Justtrade lässt sich sowohl über den Desktop als auch via Smartphone traden.
Bro Crock / Shutterstock.com

Hohe Orderkosten drücken beim Wertpapierhandel auf die Rendite. Doch es geht auch anders: Der Online-Broker Justtrade ermöglicht den provisionsfreien Handel in Echtzeit. Wie das genau funktioniert, das erklären die Gründer und Geschäftsführer von Justtrade, Michael Bußhaus und Ralf Oetting, im Biallo-Interview.

Herr Bußhaus und Herr Oetting, die Generation Robinhood ist in aller Munde. Viele junge Menschen haben während der Coronakrise ihre Leidenschaft für Aktien entdeckt. Hat Justtrade den positiven Effekt für sich nutzen können?

Michael Bußhaus: Ja, absolut. Wobei wir dazu sagen müssen, dass es nicht nur junge Leute sind, sondern wir stellen auch fest, dass neben vielen jungen Anlegern auch ältere dazugekommen sind. Weil sie einfach gemerkt haben, an der Börse passiert etwas, was sie nicht verpassen möchten. 

Wie sieht der typische Justtrade-Kunde eigentlich aus?

Bußhaus: Grob lässt sich sagen, dass unsere Kundengruppe zweigeteilt ist: Zum einen haben wir natürlich junge Leute, die neu in den Markt gekommen sind. Wir haben aber auch eine große Menge an Bestandskunden, die bei uns ein Zweit-Depot eröffnen, um einfach Ordergebühren zu sparen. Der typische Justtrade-Kunde ist im Schnitt 45 Jahre alt. Was aber besonders interessant ist, dass sich darunter – verglichen mit anderen Brokern – überproportional viele Frauen befinden.


Michael Bußhaus, ehemaliger Onvista-Manager und Vorstand des Fintechs Justtrade.

Ist Justtrade also der Broker, dem die Frauen vertrauen?

Bußhaus: In der Regel spricht man von 90 Prozent Männern und zehn Prozent Frauen. Bei uns ist die Quote der weiblichen Anleger aber deutlich höher.

Ralf Oetting: Es sind wirklich auffällig viele. Wir schätzen zwischen 20 und 30 Prozent.

Also nichts mit „Generation Robinhood“?

Bußhaus: Unser Kundenprofil unterscheidet sich schon etwas von der klassischen „Generation Robinhood“, was auch daran liegt, dass wir ein Mindestordervolumen von 500 Euro haben. Nichtsdestotrotz haben wir am Ende beide Zielgruppen, was uns sehr freut.

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Vor einem Jahr hatten Sie ein Ziel von 40- bis 50.000 Kunden ausgegeben, um profitabel zu arbeiten. Davon dürften Sie nach dem jüngsten Zulauf nicht mehr allzu weit entfernt sein.

Bußhaus: Von diesem Ziel sind wir noch deutlich entfernt. Der Punkt ist allerdings, dass wir diese 40- bis 50.000 Kunden auf Basis unsere Schätzung abgegeben haben, was wir glauben, was ein Kunde in Summe handelt. Aber dadurch, dass die Kunden deutlich aktiver sind, müssen wir auf zehn bis 20.000 Kunden kommen, um profitabel zu sein.

Oetting: In der Tat kann man sagen, beim Thema Profitabilität sind wir nicht mehr weit entfernt. Wir gehen davon aus, dass wir mit Glück in diesem, spätestens aber im nächsten Jahr die ersten positiven Monate sehen werden. Mit der Kundenzahl hängen wir zwar etwas hinterher, aber – und das ist das Schöne – die Kunden sind viel aktiver, als wir es in unserer ursprünglichen Planung angenommen haben. Von daher gleicht sich das sehr schön aus. 


Ralf Oetting, ehemaliger Geschäftsführer der Onvista Bank und jetzt Justtrade-Vorstand.

Glauben Sie, dass der Trend nachhaltig sein wird? Sprich: Dass aus dem Land der Aktienmuffel plötzlich ein Land der Aktienliebhaber wird, nach dem Vorbild der USA?

Bußhaus: Wir würden uns das natürlich wünschen, weil wenn man sich das Thema Niedrig- und Negativzinsen ansieht, kommt kein Kunde mehr am Kapitalmarkt vorbei. Das gilt besonders für die Altersvorsorge. Das schöne ist auch, dass nicht nur Neueinsteiger, sondern auch erfahrene Anleger Aktien für sich entdeckt haben. Auch das Thema ETF boomt nach wie vor. Man darf allerdings auch nicht vergessen, dass wir uns gerade noch in der Aufarbeitung des Wirecard-Skandals befinden. Und solche Skandale führen natürlich dazu, dass Kunden aus dem Markt wieder ausscheiden, weil es ihnen schlicht zu unsicher ist. Aber natürlich hoffen wir, dass der Trend nachhaltig weiter anhält.

Oetting: Es wird allerdings sicherlich noch Jahre dauern, bis wir – wenn überhaupt – auf dem Niveau der USA sind, was die Aktionärsquote angeht. Wir tragen da hoffentlich unseren Teil dazu bei und wir sehen eben auch einen Teil dieser neuen Leute, die bei uns ihr Depot eröffnen. Aber wie gesagt: Es wird Jahre dauern.

Sie haben jeder für sich genommen mehr als 20 Jahre Erfahrung in der Finanzindustrie und auch den Onlinebroker Onvista mit aufgebaut. Was hat Sie dazu bewogen, einen eigenen Broker zu gründen?

Bußhaus: Bei mir ist es witzigerweise schon der fünfte Broker, den ich mitaufbaue. Das macht mir einfach total Spaß. Wir hatten ja schon immer die Idee, einen Null-Euro-Broker zu gründen, haben es nur nicht umsetzen können. Letztendlich ist es so, wenn man etwas aufbaut und viel Erfahrung mitbringt, dann kann man wirklich seine Ideen und Vorstellungen ohne Konzernzwänge erstmal miteinbringen. In dieser Hinsicht ergänzen sich Herr Oetting und ich extrem gut, weil ich decke eher die Marktseite ab und Herr Oetting die Marktfolgeseite. Ich muss Ihnen ehrlich gestehen: Ich hatte noch nie so viel Spaß bei der Arbeit wie bei Justtrade.

Oetting: Das kann ich nur bestätigen. Wir haben immer mal wieder über einen Null-Euro-Broker nachgedacht. Im Rahmen von Onvista haben wir konzernbedingt allerdings keine Kostenreduktion hinbekommen. Da war der Verkauf von Onvista eine glückliche Fügung, nach dem Motto: Jetzt oder nie!

In den vergangenen Wochen sind zahlreiche neue Anbieter auf den Markt gekommen. Was machen Sie besser als Ihre Wettbewerber, wenn man vom provisionsfreien Handel mal absieht?

Bußhaus: Neben dem provisionsfreien Handel bringen wir unwahrscheinlich viel Erfahrung mit. Wir sind beide gestandene Bankgeschäftsführer, also wir haben beide die Onvista Bank geleitet, was natürlich bedeutet, dass wir uns im Bankgeschäft gut auskennen. Auf der anderen Seite war es für uns von Anfang an wichtig, dass wir eine relativ große Bandbreite von dem abdecken, was die Kunden aus unserer Erfahrung wollen. Das ist zum einen, dass wir einen Desktop-Handel und auch eine App anbieten, weil wir einfach wissen: Gerade ein aktiver Hebelprodukt-Kunde macht das ausschließlich über das Desktop-Frontend. Was uns auch extrem wichtig war: Niemand braucht alle zwölf Börsen in Deutschland, aber eine Börse war uns eben auch zu wenig, denn der Kunde braucht eine gewisse Auswahl. Da sind wir mit unseren zwei Börsen LS Exchange und Quotrix extrem gut aufgestellt. Interessanterweise sind die Spreads an den Börsen in Teilen deutlich unterschiedlich. Oder auch bei ETFs: Natürlich kann man sagen, man nimmt einen großen Anbieter, der deckt die gesamte Palette ab, aber wir haben auch sieben Anbieter im Portfolio unter anderem Vanguard, iShares oder Lyxor.

Ralf Oetting: Kurz zusammengefasst – wir bieten mehr Kanäle, mehr Produkte und mehr Produktanbieter, das hebt uns ganz deutlich von allen anderen ab. 

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Justtrade hat noch keine Banklizenz. Haben Sie beziehungsweise Ihre Kunden dadurch irgendeinen Nachteil gegenüber den Flaggschiffen Flatex, Consors, Comdirect und wie sie alle heißen?

Bußhaus: Da kann man ganz klar sagen – nein. Wir arbeiten mit der Sutor Bank zusammen, eine inhabergeführte Bank aus Hamburg, die gleichzeitig Mitglied des freiwilligen Einlagensicherungsfonds ist.

Oetting: Über die freiwillige Einlagensicherung sind die Einlagen noch einmal deutlich höher abgedeckt als über die gesetzliche. Dadurch sind wir mit der Sutor Bank deutlich bessergestellt als so manch anderer Wettbewerber.

Dennoch: Mit einer Banklizenz könnten Sie Ihre Marge sicher noch erhöhen. Schließlich könnten Sie die Kundedepots dann selbst verwalten und auch Wertpapierleihen selbst tätigen. Was meinen Sie?

Bußhaus: Das kann sein. Letztendlich ist es so, dass wir mit der Sutor Bank und dem Set-up total zufrieden sind und auch keinen Grund sehen, daran etwas zu verändern. Eine Wertpapierleihe im klassischen Sinne, wie es ausländische Broker bieten, ist in Deutschland sowieso nicht erlaubt. Alle Features, die wir jetzt haben und auch in Zukunft umsetzen möchten, haben wir mit der Sutor Bank besprochen und die stehen voll dahinter.

Oetting: Man könnte vielleicht die Marge erhöhen, aber auf der anderen Seite kommen da eine Menge Fixkosten hinzu. Als Bank braucht man eine Compliance-Abteilung, eine interne Revision und so weiter. Da kommt man nur mit einem viel größeren Mitarbeiterstab zurecht und das haben wir eben über die Sutor Bank abgedeckt. Also warum sollte man sich so einen Kostenblock ans Bein binden?

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Wie weit sind Ihre Pläne für ein Heavytrader-Handelsfrontend?

Bußhaus: Ja, diesen Plan gibt es nach wie vor. Wir haben ja bereits ein Desktop-Frontend, das sich auf das reine Trading fokussiert. Es gibt aber auch aktivere Trader, die beispielsweise auch aus einem Chart heraus handeln möchten oder sich irgendwelche Kennzahlen berechnen wollen. Das möchten wir langfristig anbieten.

Werden Sie dann auch den Xetra-Handel anbieten?

Bußhaus: Wir wundern uns eigentlich fast schon täglich darüber, dass der Xetra-Handel für Privatkunden so gut wie keine Rolle mehr spielt. Wenn man sich die Ordervolumina von den Börsenplätzen anschaut, dann ist es mitnichten so, dass Xetra den Stellenwert bei den Privatkunden hat, den es vielleicht früher mal hatte. Zudem muss man ehrlicherweise sagen: Mit Xetra lässt sich kein kostenfreier Handel abbilden. Weil dann müsste man nämlich wieder eine Order- und Börsengebühr einführen.

Wann ist die Aufnahmen von Sparplänen bei Justtrade geplant?

Bußhaus: Die Aufnahme von Sparplänen ist geplant. Wir hoffen das wir noch dieses Jahr, in jedem Fall aber Anfang 2021, damit starten können. 

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Die Konsolidierung im Brokerage-Markt scheint auf jeden Fall eröffnet zu sein mit der Übernahme von Degiro durch Flatex zum Jahresanfang. Schielen Sie auch nach einem starken Partner oder wollen Sie erst mal unabhängig bleiben?

Oetting: Wir haben ja bereits mit der Sutor Bank einen starken Partner. Damit sind wir mehr als zufrieden. Ansonsten sind wir sehr froh, unabhängig agieren zu können, weil es uns einfach Spaß macht, unsere eigenen Ideen zu verwirklichen.

Herr Bußhaus und Herr Oetting, vielen Dank für das Gespräch.







 
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