Berufsunfähigkeit Zehn Denkfehler, die Sie vermeiden sollten

Max Geißler
von Max Geißler
23.09.2015
Auf einen Blick

Berufsunfähigkeit birgt existentielle Risiken. Umso erstaunlicher, dass sich nur wenige dagegen absichern. Diese Fehlannahmen sollten Sie korrigieren.

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Viele Arbeitnehmer unterschätzen die Gefahr, wegen gesundheitlicher Probleme vorzeitig aus dem Beruf ausscheiden zu müssen. Körperliche Leiden und Gebrechen werden zwar immer seltener, dafür führen heute verstärkt psychische Erkrankungen wie Depression zu Berufsunfähigkeit. Nach Informationen der gesetzlichen Rentenversicherung muss jeder Vierte Arbeitnehmer vorzeitig seine Erwerbstätigkeit einschränken oder ganz aufgeben.

Das Problem: Die gesetzliche Erwerbsminderungsrente zahlt praktisch nur noch, wenn man vollständig erwerbsunfähig ist. Kann man täglich noch mehr als sechs Stunden arbeiten – egal in welchem Job – besteht kein Anspruch auf staatliche Rentenleistungen. Wer noch drei bis sechs Stunden pro Tag arbeiten kann, der erhält höchstens 20 Prozent des letzten Bruttoeinkommens. Nur wer so gut wie überhaupt keiner Beschäftigung mehr nachgehen kann, bekommt volle Rentenleistungen. Allerdings sind diese nicht gerade üppig, weshalb eine private Berufsunfähigkeitsversicherung dringend geboten ist. Doch weit verbreitete Fehlannahmen verhindern den Abschluss.

Denkfehler 1: Ich bin zu jung für Berufsunfähigkeit

Weit gefehlt! Unfälle oder Krankheiten sorgen dafür, dass jeder neunte Betroffene jünger als 40 Jahre ist. Vorteil in jungen Jahren: geringe Beiträge. Eine garantierte Monatsrente von 1.500 Euro gibt‘s zum Beispiel für einen 30-Jährigen bereits für weniger als 50 Euro im Monat, etwa bei Hannoversche, Canada Life und Gothaer Versicherung. Wer mit erst 40 einsteigt, muss mehr als 60 Euro hinlegen.

Denkfehler 2: Was soll mir Büro passieren?

Auch im Büro lauert Berufsunfähigkeit. So kann Bewegungsmangel aufgrund der sitzenden Tätigkeit zu Rückenproblemen führen. Die größere Gefahr geht allerdings von psychischen Erkrankungen aus: Stress, Überforderung, Mobbing – die Ursachen für seelische Leiden können vielfältig sein. Jede dritte Berufsunfähigkeitsrente geht bereits auf psychische Erkrankungen zurück. Damit sind Büroangestellte körperlich anstrengenden Berufen wie Bauarbeiter oder Krankenschwester dicht auf den Fersen.

Denkfehler 3: Die gesetzliche Rente reicht aus

Seit 2001 gibt es für die Geburtsjahrgänge ab 1961 keine Berufsunfähigkeitsrente mehr. Sie erhalten jetzt Erwerbsminderungsrente. Bei voller Erwerbsminderung gewährt der Gesetzgeber aber nur noch höchstens ein Drittel des letzten Bruttogehalts. Wenn Betroffene überhaupt eine Rente erhalten, rund die Hälfte aller Anträge wird regelmäßig abgelehnt. Die Leistungen sind  bescheiden: Westdeutsche Männer erhielten zum Beispiel 2014 bei voller Erwerbsminderung im Schnitt 659 Euro Monatsrente ausgezahlt, ostdeutsche Männer 603 Euro. Bei Frauen war es andersherum: Ostdeutsche Frauen bekamen 662 Euro, westdeutsche 594 Euro. Damit liegen die Erwerbsminderungsrenten mehr als 300 Euro unter der vom Statistischen Bundesamt ermittelten, offiziellen Armutsgrenze von 979 Euro.

Denkfehler 4: Ich bin bereits gut versorgt.

Ein Mythos, dem die Erbengeneration häufig unterliegt. Sicher, wer vermögend ist oder ein Häuschen von der Oma oder den Eltern geerbt hat, der steht finanziell gut da. Doch schlägt die Berufsunfähigkeit früh zu, ist der Kapitalbedarf groß: Wer mit 47 berufsunfähig wird und dann bis Rentenbeginn mit 67 Jahren nicht mehr arbeiten kann, der benötigt viel Geld. So summieren sich beispielsweise monatliche Ausgaben von 1.500 Euro binnen 20 Jahren zu einem Vermögen von 360.000 Euro. Und bei aktuellen Minizinsen fällt der Zinseszins als Spargehilfe praktisch aus. Das Vermögen kann schneller zu Ende sein, als gedacht. Die Berufsunfähigkeitsversicherung zahlt hingegen bis zum vereinbarten Alter.

Denkfehler 5: Ich bin Unfallversichert – das reicht!

Falsch gedacht. Nur zehn Prozent aller Berufsunfähigkeitsfälle gehen auf einen Unfall zurück. In 90 Prozent der Fälle ist eine Krankheit für die Berufsunfähigkeit verantwortlich – und da zahlt die Unfallversicherung nicht.

Denkfehler 6: Die BU-Rente wird mit Erwerbsminderungsrente verrechnet.

Stimmt ebenfalls nicht: Die Leistungen aus der gesetzlichen Erwerbsminderungsrente fließen auch bei Bezug einer privaten Berufsunfähigkeitsrente in vollem Umfang. Allerdings können neue Erwerbseinkünfte mit der gesetzlichen Absicherung verrechnet werden. Die Berufsunfähigkeitsversicherung bleibt hingegen außen vor.

Denkfehler 7: Die Berufsunfähigkeitsversicherung kostet zu viel

Wie unter Punkt 1 gezeigt, ist ausreichender Schutz bereits für wenig Geld zu haben. Das gilt vor allem, wenn man in jungen Jahren einsteigt. Ist die veranschlagte Prämie zu hoch, kann eine geringere Rentenleistung den Beitrag drücken. Die meisten Berufsunfähigkeitsversicherungen sehen vor, dass man später, wenn das Einkommen gestiegen ist, die Leistungen erhöhen kann. Eine zweite Möglichkeit bietet das Vertragssplitting. Dabei teilen Sie die Versicherungssumme auf zwei getrennte Policen auf. Die eine läuft dann beispielsweise bis zum 57. Lebensjahr und versichert 750 Euro Monatsrente. Die andere läuft bis zum 67. Lebensjahr und sichert ebenfalls 750 Euro ab. Vorteil: Bis 57 ist voller Berufsunfähigkeitsschutz sichergestellt, danach reduziert sich der Schutz um die Hälfte. Die kurzlaufende Police ist deutlich günstiger als die länger laufende. Endet die kurzlaufende Police überbrückt die zweite, teurere Police das finanzielle Loch bis zur Altersrente. Der geringere Schutzumfang ist in diesem Alter für die meisten Versicherten verkraftbar.

Denkfehler 8: Bestehende Erkrankungen verschweigen

Hier sollten Sie vorsichtig sein. Zwar kann dies zu einer günstigeren Prämie führen, doch im Ernstfall wird der Vertragspartner ihre Krankenakte sehr genau prüfen. Sollten Unregelmäßigkeiten zwischen ihren Vorerkrankungen bzw. ihren Gesundheitsangaben und den ärztlichen Dokumenten auftauchen, kann die Versicherung die Leistungen komplett verweigern.

Denkfehler 9: Ich bin zu alt für die Berufsunfähigkeitsversicherung

Das Risiko, berufsunfähig zu werden, wächst mit steigendem Alter. Erleiden Sie beispielsweise mit Ende Fünfzig einen Herzinfarkt und können nicht mehr arbeiten, kann dies ein teures Unterfangen werden. Denn werden Sie berufsunfähig, müssen Sie die Zeit bis zum Beginn der Altersrente aus eigenen finanziellen Mitteln überbrücken. Und das kostet, wie unter Punkt 4 gezeigt, sehr viel Geld.

Denkfehler 10: Berufsunfähigkeitsschutz gibt’s nicht ohne Lebensversicherung

Solche Angebote gibt es zwar noch immer, aber sie sind nicht zwingend. Heute haben alle Gesellschaften auch separate BU-Policen im Angebot. Tipp: Sinnvoll kann eine solche Kombination für Selbstständige sein, die eine Rürup-Versicherung abschließen wollen. Solche Verträge sind steuerbegünstigt. In diesem Fall kann bis zu 49 Prozent der Prämie in eine Berufsunfähigkeitsversicherung fließen, und der Schutz trotzdem als Steuersparmodell laufen.

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nach dem Studium der Politikwissenschaft in München arbeitete ich als Redakteur im ökom-Verlag. Zeitgleich begann ich freiberuflich über Wirtschafts- und Finanzthemen für verschiedene Tageszeitungen zu schreiben. Über mehrere Lektoratsstellen in verschiedenen Bucherverlagen (u.a. Meister Verlag, Gerling Akademie Verlag) kam ich 1998 zu biallo.de.

Für das Finanzportal bearbeite ich seither die Themen Geldanlage, Vorsorge, Immobilien und Steuern. Im Rahmen der Zusammenarbeit erschienen die Biallo-Bücher: „Immobilienfinanzierung“ und „Tages- und Festgeld“. 2006 veröffentliche ich das Fachbuch: „Börse für jedermann“ (Linde Verlag, Wien).

Darüber hinaus berichte ich regelmäßig in Tageszeitungen über Finanz- und Wirtschaftsthemen, u.a. für Süddeutsche Zeitung, Münchner Merkur, Westdeutsche Zeitung, Kölner Stadtanzeiger, Ruhrnachrichten und Badische Zeitung.

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nach dem Studium der Politikwissenschaft in München arbeitete ich als Redakteur im ökom-Verlag. Zeitgleich begann ich freiberuflich über Wirtschafts- und Finanzthemen für verschiedene Tageszeitungen zu schreiben. Über mehrere Lektoratsstellen in verschiedenen Bucherverlagen (u.a. Meister Verlag, Gerling Akademie Verlag) kam ich 1998 zu biallo.de.

Für das Finanzportal bearbeite ich seither die Themen Geldanlage, Vorsorge, Immobilien und Steuern. Im Rahmen der Zusammenarbeit erschienen die Biallo-Bücher: „Immobilienfinanzierung“ und „Tages- und Festgeld“. 2006 veröffentliche ich das Fachbuch: „Börse für jedermann“ (Linde Verlag, Wien).

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Quelle: www.datenschutzbeauftragter-info.de