ETFs: Steigende Marktmacht als Sicherheitsrisiko?

Indexfonds ETFs: Steigende Marktmacht als Sicherheitsrisiko?

von Peter Hermann
25.02.2019
Auf einen Blick
  • Der Marktanteil von ETFs am Finanzmarkt ist in den vergangenen Jahren kräftig gestiegen. Kein Wunder: Mit Indexfonds lässt sich einfach, günstig, flexibel und diversifizierend in einen Markt investieren.

  • Dennoch ruft die steigende Nachfrage nach ETFs immer mehr Kritiker auf den Plan. Die Sorge: ETFs könnten in Krisenzeiten die Abwärtsdynamik des Marktes verstärken.

  • Der Finanzexperte Dr. Bernhard Jüneman hält dagegen: ETFs seien besser zu handeln als viele Basiswerte. Ein systemisches Risiko sieht Jünemann nicht.
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Seit dem Jahr 1975, als die US-amerikanische Fondsgesellschaft Vanguard damit begann, passiv gemanagte Fonds auf Basis von Indizes herauszugeben, haben ETFs verschiedenster Strategien und unterschiedlichster Anbieter einen beispiellosen Siegeszug bei Anlegern rund um den Globus angetreten. Allerdings mehren sich in der jüngeren Vergangenheit kritische Stimmen, die darin eine Gefahr für den Finanzmarkt sehen.

Seit Oktober 2017 sind ETFs der US-amerikanischen Fondsgesellschaft Vanguard auch für deutsche Anleger handelbar. Hierzu gehört beispielsweise der Vanguard FTSE All-World UCITS ETF mit einem aktuellen Volumen von knapp 1,7 Milliarden US-Dollar.

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Enormes Wachstumspotenzial von ETFs

Laut Bundesbank belief sich das weltweit ausstehende Vermögen sämtlicher Gattungen von Investmentfonds im ersten Halbjahr 2018 auf 37,1 Billionen US-Dollar. Davon entfielen gut fünf Billionen US-Dollar auf ETFs, was einer Quote von 13,7 Prozent entspricht. Zum Vergleich: Anfang 2009 waren lediglich 0,7 Billionen US-Dollar in ETFs investiert (5,4 Prozent). Allein im Gesamtjahr 2017 wuchs der globale ETF-Markt um knapp 19 Prozent.

Das Wachstum dürfte sich in den kommenden Jahren noch beschleunigen. Wie Stephen Cohen im Sommer 2018 in einem Interview mit dem Handelsblatt prognostizierte, werde sich der globale ETF-Markt bis 2023 auf zwölf Billionen US-Dollar mehr als verdoppeln. "Europa wird noch stärker zulegen, von rund 700 Milliarden Euro auf knapp zwei Billionen Euro, sich also fast verdreifachen", so Cohen.

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Kritiker warnen vor steigender Marktmacht von ETFs

Ausgerechnet John Bogle, der im Januar verstorbene Gründer von Vanguard, war einer der Prominentesten, der sich kritisch zu der immer exponierteren Marktstellung von ETFs geäußert hat. In seinem Ende 2018 veröffentlichten Buch "Stay the Course –The Story of Vanguard and the Index Revolution" warnte er: "Es ist nur eine Frage der Zeit, bis mehr als die Hälfte aller US-Aktien in passiven Portfolios liegen. Und ich denke nicht, dass solch eine Konzentration dem nationalen Interesse dient."

Aber nicht nur John Bogle, dem Warren Buffett – der Guru des aktiven Fondsmanagements – einst ein Denkmal setzen wollte, erkannte düstere Wolken am Horizont. Auch andere Experten bemängeln, dass durch einen ständig steigenden Anteil der ETFs am Finanzmarkt mit ihrer Marktmacht Abschwungphasen verstärkt werden. Wenn Anleger ihr Kapital abziehen, müssen ETFs große Mengen an Einzelaktien verkaufen.

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Darüber hinaus wird kritisiert, dass Indexfonds keine Marktmeinung vertreten. Anstatt bei einem Abschwung aktiv gegenzusteuern, würden sie die negative Entwicklung eher weiter anheizen. Außerdem: Da bei ETFs weitgehend auf die Analyse einzelner Unternehmen verzichtet wird, seien große Gesellschaften mit weniger guten Kennzahlen in den Indexfonds überrepräsentiert. Und dies natürlich umso mehr, je höher der Anteil der ETFs am gesamten Finanzmarkt steigt.

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Fondsmanager von klassischen Anlagefonds wiederum kennen zumindest ihre Großinvestoren. Möchte nun einer von ihnen eine größere Summe abziehen, wird er das in der Regel frühzeitig signalisieren und die Fondsgesellschaft kann den Versuch unternehmen, die notwendige Liquidität so marktschonend als möglich herzustellen. Das ist bei ETFs kaum möglich.

Bundesbank sieht Liquiditätsrisiken

Die Bundesbank wies im Oktober 2018 in ihrem Monatsbericht auf die Liquiditätsrisiken von ETFs hin: "Aufgrund der besonderen Struktur von ETFs mit ihrem Primär-/Sekundärmarkt-Mechanismus können Risiken aus potenziellen Ungleichgewichten zwischen der Liquidität des ETFs und der Liquidität der zugrunde liegenden Wertpapiere entstehen."

Probleme könnten vor allem bei ETFs entstehen, die auf weniger liquide Wertpapierkörbe setzen, wie etwa Unternehmensanleihen- oder Schwellenländer-ETFs. "Hier kann es bei Marktstress schnell zu einem starken Verkaufsdruck kommen", heißt es in dem Bericht weiter. So bestehe die Gefahr, dass der Börsenkurs des ETF in solch einem Szenario deutlich unter den inneren Wert (NAV) des hinterlegten Portfolios fallen kann.

Machtfülle contra Machtvakuum

Kai Lehmann, Senior Research Analyst bei der Fondsgesellschaft Flossbach von Storch, weist noch auf eine andere Gefahr hin: "Die drei großen Emittenten Blackrock, Vanguard und State Street haben bei den meisten S&P 500-Unternehmen einen aufsummierten Anteil von über 20 Prozent. Dies bedeutet eine gewaltiges Stimmengewicht und damit eine gewaltige Machtfülle."

Werde das Stimmrecht nicht genutzt, könne die Überwachung der Unternehmen darunter leiden. Im Gegenzug würde der Einfluss anderer Investoren größer. Außerdem könnten Fondsgesellschaften der Versuchung erliegen, die Stimmrechte aus ihren passiven ETFs mit denen ihrer aktiven Fonds zu bündeln, um so mehr Einfluss auf die jeweiligen Unternehmen auszuüben, in welchen sie investiert sind.

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ETF-Befürworter halten dagegen

Viele Finanzexperten halten die Kritik an den ETFs für überzogen. Wenn Anleger im Zuge einer Abschwungphase des Marktes Kapital abziehen, müssen ETFs zwar Aktien aus ihrem Portfolio verkaufen. Das gelte aber ebenso für aktiv gemanagte Fonds. Und richtig, dadurch werde der Abschwung verstärkt. Schuld an dem Dilemma: Es sind weniger die Fonds oder ETFs, die dafür verantwortlich sind. Vielmehr bewirkt das sogenannte prozyklische Verhalten zahlreicher Anleger (im Aufschwung kaufen, im Abschwung verkaufen) übertriebene Ausschläge.

  • Biallo-Tipp: Eine Anlage in Fonds oder ETFs sollte immer langfristig ausgerichtet sein. Mit einem ETF-Sparplan nutzen Anleger den sogenannten Cost-Average-Effekt. Dadurch können Kursschwankungen langfristig ausgeglichen werden.

Auch der Finanzexperte und Buchautor Dr. Bernhard Jünemann ist ähnlicher Ansicht: "Dass die ETFs in Krisenzeiten die Abwärtsbewegung verstärken, dann wenn alle verkaufen wollen, ist kein ETF-Merkmal an sich. Das gilt genauso für die zugrundeliegenden Aktien." Im Gegenteil: Die sehr robuste Handelstechnik habe in der Finanzkrise gezeigt, dass ETFs sogar liquider und besser zu handeln sind als viele Basiswerte. Genau deshalb hätten sich diese Produkte bei den Profis durchgesetzt.

Jünemann schränkt aber auch etwas ein: "Wenn alle nur noch passiv anlegen, könnte es theoretisch dazu kommen, dass die Aktienanalyse leidet. Aber die Gefahr sehe ich aktuell nicht." In Europa liege der Anteil von ETFs gerade mal bei vier Prozent. Im Vergleich zu den 96 Prozent auf der aktiven Seite sei das nicht signifikant. Außerdem: "Je mehr passiv anlegen, desto eher eröffnet das die Chance für aktive Manager und deren Research wieder, eine Outperformance zu erzielen. Das dürfte sich also von selbst regeln."

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Was ETFs für Anleger so attraktiv macht

Es wundert nicht, dass ETFs bei Anlegern immer populärer werden. Sie kombinieren eine Reihe von Vorteilen von Aktieninvestments mit der Charakteristik von breit streuenden Fonds in einem einzigen Finanzinstrument. ETFs bilden einen Finanzmarktindex nach. Im besten Fall lässt sich mit ihnen günstig, einfach, diversifizierend und flexibel in ein Marktsegment investieren.

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Die Gefahren für den Finanzmarkt, die in jüngster Zeit von einigen Kritikern heraufbeschworen werden, stellen sich – zumindest was Europa angeht – als weniger relevant dar. Da es wohl immer Investoren geben wird, die bestrebt sind, eine bessere Rendite als der Durchschnitt zu erzielen, wird es wohl auch immer die Anlage in Einzelaktien oder aktiv gemanagten Fonds geben.

Biallo-Tipp

Wenn Sie sich bei Ihrer Geldanlage für einen bestimmten Markt (Region, Thema oder Branche) entschieden haben, vergleichen Sie die in Frage kommenden Finanzprodukte anhand der bekannten Performancelisten – etwa auf onvista.de oder fondsdiscount.de. Bei Ihrer Entscheidung sollten Sie sich von objektiven Kriterien wie beispielsweise der Performance in Relation zu den Kosten leiten lassen und weniger davon, ob ein Fonds aktiv oder passiv gemanagt ist.

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Quelle: www.datenschutzbeauftragter-info.de