Commerzbank: "Dann habe ich Sie falsch verstanden"

Anlageberatung Test Commerzbank: "Dann habe ich Sie falsch verstanden"

Manfred Fischer
von Manfred Fischer
04.07.2017
Auf einen Blick
  • In Teil 7 der Serie Anlageberatung testet biallo.de eine Filiale der Commerzbank in München.

  • Die Filialleiterin klammert das Thema Geldanlage zunächst aus. Beharrlich rät sie dem Kunden zu einer Berufsunfähigkeitsversicherung.

  • Als zweites Finanzprodukt legt die Bank dem Tester einen Bausparvertrag nahe.

  • Schließlich empfiehlt das Geldhaus einen Dachfonds der Allianz-Tochter Global Investors und ein teures Fondsdepot.
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Die Erbschaft erscheint auf einmal mickrig, in dem Diagramm wäre sie millimetergroß. Eine graue und eine gelbe Flächen weiten sich am Bildschirm von links nach rechts. Die Bankerin deutet auf das Ende der steil aufsteigenden Linie, die die graue Fläche säumt. "Das ist Ihr größtes Vermögen", sagt sie. Die Linie endet bei 1,4 Millionen Euro. Einen Daumen breit darunter hört die andere auf. "Diese Lücke gilt es abzusichern", sagt die Chefin einer Münchner Commerzbank-Filiale. Sie neigt den Kopf nach vorne, schiebt ihre Brille auf die Nasenspitze und blickt dem Kunden (*) in die Augen. "Das sollten Sie sich wirklich überlegen."

Eine Stunde ist vorüber, und die Beraterin macht noch immer keine Anstalten, über Geldanlagen zu reden. Sie ist beim Thema Berufsunfähigkeit angelangt. Es läuft nach Plan, als sie dem Bankentester von biallo.de die Diskrepanz zwischen kumuliertem Einkommen und gesetzlicher Erwerbsminderungsrente in grau und gelb vor Augen führt. "Kundenkompass" heißt dieser Plan der Commerzbank. Zu der Frage, was tun mit den 50.000 Euro Erbe, die der Tester mehren möchte, bringt er die Filialleiterin erst ganz zum Schluss.

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"Ich schlage vor, wir machen zuerst einen Gesamtüberblick über die finanzielle Situation, damit man weiß, in welche Richtung es überhaupt gehen kann", eröffnet sie das Beratungsgespräch. Und ihr gepflegtes Münchnerisch klingt gleich noch mehr nach München, als sie hört, dass auch ihr Gegenüber die Mundart pflegt. Sie startet ihren digitalen Lotsen, dreht den Computermonitor und fragt: "Können Sie mitlesen?" Seite für Seite arbeitet sie sich vor und tippt Angaben des Kunden zu privater Lebenssituation, Beruf, Einkommen und Zielen für die Zukunft ein.

Keine Viertelstunde dauert es, da fasst sie zusammen, was richtungsweisend ist: junger Single, Besserverdiener, vierstelliger Haushaltsüberschuss, sicherheitsbewusst, aber auch renditeorientiert. Sie schlussfolgert prompt. Aus finanzieller Sicht gebe es nichts, was wertvoller sei als seine Arbeitskraft, impft sie dem Kunden ein.

Dann rechnet sie ihm aus, wie viel eine Berufsunfähigkeitsversicherung kosten würde, die ihm eine monatliche "Garantierente" in Höhe von 2.500 Euro zahlt - und die Lücke schlösse. Es ist eine Modellrechnung auf der Basis einer Police der Allianz-Versicherung. 104 Euro würden monatlich fällig bei einer Laufzeit von 38 Jahren, bis zum 67. Lebensjahr. Nicht einkalkuliert sind etwaige Vorerkrankungen oder andere Risikofaktoren.

"Haben Sie sich schon einmal Gedanken gemacht, was wäre, wenn Sie Ihren Beruf nicht mehr ausüben können?", fragt die Bankerin. Der Tester will das Thema nicht vertiefen. Da weist sie auf die steigende Zahl von Nervenerkrankungen hin, betont, dass gerade Menschen wie er, die viel am Computer arbeiten, im Alter Probleme mit den Augen bekämen. In zehn oder fünfzehn Jahren wäre es zu spät für ihn, eine solche Police abzuschließen, dann wäre der Beitrag unverhältnismäßig hoch. "Die BU ist das erste, das andere bauen wir dazu", erklärt sie und lenkt das Gespräch in eine andere Richtung, besser gesagt, andere Richtungen.

Es scheint fast, als würde der Kundenkompass jetzt kreiseln.

3
 
Name
ISIN
Wertzuwachs p.a.
 
1.
LO Funds Generation Global(EUR)P
LU0428704554
15,41%
2.
LGT Sustainable Equity Fund Global EUR B
LI0106892966
12,65%
3.
Carnegie Worldwide Gl. Equities Ethical
LU0122292328
10,63%
Laufzeit: 5 Jahre

Sie streift die Frage der Altersvorsorge ("Da würde ich sagen, machen wir einen zweiten Termin."), kommt zu den Kontomodellen der Commerzbank ("Der Kontoumzug ist ganz einfach, das läuft über eine App.") und greift schließlich einen Wunsch auf, den der junge Biallo-Mitarbeiter eher beiläufig zu Protokoll gegeben hat: Er würde gerne mit Mitte Dreißig eine Immobilie erwerben.

Vom Bausparvertrag zum Dachfonds

"Dann müssen Sie jetzt mit Bausparen beginnen." Sie erklärt ihm, was Anspar- und Darlehensphase sind, und schlägt vor, die komplette Erbschaft plus einen Teil seiner 1.000 Euro Haushaltsüberschuss in einen Bausparvertrag zu stecken. Sie verschweigt nicht, dass die Verzinsung in der Ansparphase momentan "extrem gering ist." Doch wenn die Zinsen in einigen Jahren wieder bei "sechs oder sieben Prozent liegen", erhalte er das Darlehen zum vereinbarten "extrem günstigen Zinsatz".

Auch im Hinblick auf einen Bausparvertrag legt die Filialchefin einen separaten Termin nahe, zusammen mit einer Kollegin von Wüstenrot. Und wie schon bei ihrem Rat zu einer Berufsunfähigkeitspolice zeigt sie sich beharrlich. Der Kunde sagt, der Wunsch nach einer Immobilie habe hohe Priorität, aber nicht die höchste. Sie bleibt beim Bausparer. Er sagt, die 50.000 Euro sollen gut geparkt sein. Sie guckt skeptisch. Er sagt, er wolle aus den 50.000 Euro in den nächsten fünf Jahren das meiste herausholen. Sie fragt: "Wollen Sie eine Absicherung oder hohe Zinsen?" Der Kunde sagt: "Ich würde schon pokern."

"Dann habe ich sie falsch verstanden", sagt sie und lacht. Dann müsse man über Wertpapiere gehen. Sie öffnet ein neues Dokument am Computer und erstellt ein Anlegerprofil. Es zeigt sich, dass der Biallo-Mitarbeiter den Mund zu voll genommen hat, als er von Pokern sprach. Die Software stuft ihn als risikoscheu ein. Die Bankerin empfiehlt ein Finanzprodukt namens "Vermögensmanagement Wachstum". Es handelt sich um einen Dachfonds, er streut Geld in Aktien, Renten und andere Anlagen, gemanagt wird er von der Allianztochter Gobal Investors.

In den vergangenen zwölf Monaten hat das Papier knapp sieben Prozent an Wert gewonnen, seit dem Jahr 2012 mehr als 30 Prozent. Zwischen 2015 und 2016 rutschte es ab. "Für schwache Nerven ist das nichts", sagt Münchner Anlageberaterin. Wer investiere, müsse die Anlage mindestens vier, fünf Jahre halten. 

Fondsdepot mit "Flatrate"

Sie rät, die Anlage über das "Premium Fondsdepot" der Commerzbank zu verwalten. In dem Fall muss kein Ausgabeaufschlag berappt werden. Stattdessen berechnet die Bank pauschal 0,9 Prozent des Anlagevolumens pro Jahr, "mindestens 90 Euro pro Quartal". Für das Geld könne man einzelne Wertpapiere nach Belieben tauschen. "Das können Sie sich wie ein Flatrate vorstellen." Worauf sie nicht eingeht, ist die Verwaltungsvergütung, die laut Produktunterlagen noch hinzukommt. 2,2 Prozent knappst das Geldhaus dafür ab.

Lesen Sie auch: Gebührenwucher bei neuem Fonds-Depot

Nicht nur der Dachfonds schwebt der Bankerin für ihren Kunden vor. Als "Beimischungen" schlägt etwa DWS-Aktienfonds  und einen offenen Immobilienfonds vor. Doch so ganz überzeugt scheint sie von dieser Richtung nicht zu sein.

Nach mehr als zweieinhalb Stunden Beratung entlässt sie die Kunden mit einem dicken Stapel Unterlagen und einem Appell: "Setzen Sie sich mit dem Thema Berufsunfähigkeit auseinander, das lege ich Ihnen wirklich ans Herz".

Fazit

Die Leiterin der Commerzbank-Filiale richtete Ihre Beratung konsequent an der geschilderten Lebenssituation des Testkunden aus. Vor dem Hintergrund von Alter, Beruf und Einkommen war die Empfehlung einer Berufsunfähigkeitgssversicherung plausibel. Das gilt auch für die Empfehlung eines Bausparvertrages. Unklar bleibt, warum die Bankerin der Vorstellung dieser Produkte so viel Zeit gewidmet und das eigentliche Anliegen des Kunden, die Geldanlage, hintangestellt hat. Der schließlich empfohlene Dachfonds wäre im Hinblick auf Risiko und Renditeerwartung anlegergerecht. Das "Premium Fondsdepot" ist teuer.
Fragen beantwortete die Beraterin ausführlich und für jederman verständlich. Das Beratungsprotokoll enthielt alle wesentlichen Punkte. Der ausgehändigte "persönliche Vorschlag" für eine Berufsunfähigkeitsversicherung eröffnet dem Kunden einen guten Einstieg in die Materie.   

(*)Testkunde war ein junger Kollege. Als monatliches Einkommen gab er 3000 Euro netto an. Als Beruf nannte er Wirtschaftsinformatiker.

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Quelle: www.datenschutzbeauftragter-info.de