Exklusiv-Interview

Deka-Chefvolkswirt: "Ein tieferes Zinstal ist durchaus vorstellbar"

Update: 09.08.2019
Sebastian Schick
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Auf einen Blick
  • In dieser Woche haben die Renditen für zehnjährige Bundesanleihen ein neues Allzeittief markiert. Auch Gold wird als sicherer Hafen von Investoren angesteuert.

  • Deka-Chefvolkswirt Dr. Ulrich Kater geht davon aus, dass die Zinsen weiter sinken werden. "Das bedeutet die komplette Kapitulation für all diejenigen, die immer noch die Zinswende erwarten", sagt Kater im Interview mit biallo.de.

  • Sparer sollten ihren Blick auf Dividendentitel richten. Allerdings müssen sich Anleger bewusst sein, "dass mit der bereits jetzt eingetretenen Konjunkturschwäche die Risiken angestiegen sind".
Dr. Ulrich Kater, Chefvolkswirt der Deka-Gruppe, im Interview mit biallo.de.
Deka

Die Finanzwelt steht Kopf: Die Renditen von zehnjährigen Bundesanleihen haben am Mittwoch ein neues Rekordtief in Höhe von minus 0,61 Prozent markiert. Wie ist denn die jüngste Flucht in den sicheren Hafen Bundesanleihen zu erklären?

Ulrich Kater: Die jüngste Stufe ist sicherlich mit den neuen Unsicherheiten in der Konjunktur zu erklären, die nach der Verschärfung der Handelspolitik durch die US-Regierung aufgetreten sind. Allerdings sind die Umsätze während der Ferienzeit gerade in Europa, aber auch in den USA sehr dünn und wir sehen hier teilweise indikative Quotierungen. Wenn das Geschäft im September wieder anläuft, wird sich zeigen, inwieweit zu solchen Preisen überhaupt Umsätze stattfinden werden.

Mit welcher Entwicklung rechnen Sie?

Kater: Selbst wenn es hier eine kleine Erholung bei den Renditen geben sollte, werden wir das aktuelle Niveau wahrscheinlich auch in den kommenden Monaten sehen. Es kann vielleicht sogar noch etwas schlimmer werden. Denn am Ende hängt es davon ab, was die Marktteilnehmer über die Geldpolitik denken, und hier hat die EZB bereits angekündigt, dass die Geldpolitik noch expansiver wird. Ein tieferes Zinstal ist durchaus vorstellbar.

Die Mehrheit der Marktbeobachter geht davon aus, dass EZB-Chef Draghi auf seiner vorletzten Ratssitzung im September noch mal ein geldpolitisches Feuerwerk zünden wird. Welche Maßnahmen erwarten Sie konkret?

Kater: Es wird ein ganzes Maßnahmenpaket geben. Wir glauben, dass der Einlagensatz um zehn Basispunkte sinken wird – auf dann minus 0,5 Prozent. Zudem gehen wir davon aus, dass Draghi die Wiederaufnahme des Anleihekaufprogramms fürs kommende Jahr ankündigen wird. Weitere expansive Schritte wird sich die EZB noch vorbehalten. Das bedeutet die komplette Kapitulation für all diejenigen, die immer noch die Zinswende erwarten – und die Etablierung von Null- und Negativzinsen als Normalzustand.

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Was hat Draghi denn noch in seinem Köcher? Negative Leitzinsen?

Kater: Wir haben bereits negative Leitzinsen. Der Einlagensatz ist der neue Leitzins. Das ist der Zins, an dem sich alles orientiert. Wir liegen bei minus 0,4 Prozent. Wir glauben, dass der Zins in dieser straffen Expansionsrunde bis Frühjahr nächsten Jahres durchaus bis auf minus 0,6 Prozent sinken wird. Die Grenze ist schwer festzulegen. Spitzenreiter ist hier momentan die Schweiz mit einem Leitzins von minus 0,75 Prozent.

Wenn man jetzt aber den "normalen" Leitzins hernimmt, also den Hauptrefinanzierungssatz, zu dem sich die Banken Geld von der EZB leihen, so liegt der immer noch bei null Prozent…

Kater: Der wird wahrscheinlich auch erst mal nicht angetastet. Die Auswirkungen sind aber so schon schlimm genug. Banken müssen erstens für ihre Guthaben bei der EZB bezahlen und zweitens sinkt ihre Zinsmarge immer weiter, weil sie in der Breite keine Negativzinsen auf die Kundeneinlagen nehmen und die Kreditzinsen auf der anderen Seite mit dem sinkenden Einlagensatz auch in die Tiefe gehen.

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Welche Alternativen hat da der Sparer überhaupt noch? Bei den Aktienmärkten scheint nach zehn Jahren Hausse die Luft raus zu sein.

Kater: Man sollte auf die regelmäßigen Einkünfte aus Beteilungen achten. Im aktuellen Marktumfeld sind für Anleger mit längerem Anlagehorizont die Dividenden von besonderer Bedeutung. Die Aktienmärkte sind zwar schon sehr gut gelaufen, aber die Dividendenrenditen und die Kurs-Gewinn-Verhältnisse stimmen immer noch, zumindest was Europa angeht. Das sollte der Fokus des Privatanlegers bei seiner Suche nach Zinsen sein. Man muss aber auch ganz klar sagen: Dividenden sind keine Zinsen, sie schwanken viel stärker. Hinzu kommt das unternehmerische Risiko. Aber mit einer breiten Streuung können Anleger dieses Risiko deutlich reduzieren.

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Ist Gold für Kleinanleger auch eine Option?

Kater: Gold ist wie eine einzelne Aktie zu betrachten. Das heißt, wenn die Umstände gut sind für das "Unternehmen" Gold, dann steigt der Wert und umgekehrt. Wie bei einer einzelnen Position im Portfolio gilt das Gebot der Streuung, diesen Anteil nicht zu groß werden zu lassen. Das heißt aber nicht, dass Gold nicht auch mal über- oder untergewichtet werden sollte. Zurzeit sollten die Zeichen eher auf einer Übergewichtung stehen. Es dürften also statt der üblicherweise empfehlenswerten drei oder vier Prozent im Portfolio jetzt ein bisschen mehr sein.

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Dann schauen wir auf den Immobiliensektor. Die rückläufigen Renditen von Bundesanleihen haben auch die Bauzinsen stark gedrückt. Mittlerweile gibt es schon zehnjähriges Baugeld für 0,26 Prozent pro Jahr. Auf der anderen Seite steigen die Immobilien- und Baupreise. Die Frage bleibt: Wann platzt die Immobilienblase?

Kater: Angesichts des Zinsausblicks ist es nicht sehr wahrscheinlich, dass wir große Korrekturen am Immobilienmarkt erleben. Die Immobilienmärkte reagieren stärker auf konjunkturelle Entwicklungen und dann über die Mietentwicklung. Das heißt, wenn die Konjunktur jetzt gedämpft wird, dann steigen die Mieten langsamer. Das Verhältnis von einzelnen Wohnimmobilien-Investitionen zu den Risiken, die sich dabei ergeben, ist schon seit langem ungesund. Für Privatanleger könnten Investments in breit gestreute Immobilien wie bei Immobilienfonds durchaus von Interesse sein. Die Renditen aus breit gestreuten Immobilienanlagen liegen bei circa zwei Prozent. Das wird sich nicht großartig ändern.

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Und wie sieht es bei der Anlage in Einzelobjekten aus?

Kater: Wer auf der privaten Ebene mit Einzelobjekten umgeht, der muss zwei Dinge beachten: Zum einen sind die Risiken und Aufwendungen bei Vermietungen von Einzelobjekten so hoch, dass die vergleichsweise geringen Renditen dies kaum mehr rechtfertigen. Das Zweite ist, dass trotz niedrigem Bauzinsniveau der Kredit getilgt werden muss. Die große Gefahr besteht darin, sich an günstigen Kreditraten "schön zu rechnen". Zwar ist der Zinsanteil gering, aber bei näherer Betrachtung ist der Kaufpreis für das Haushaltseinkommen vielleicht zu hoch. Wichtig ist, dass eine Rückzahlung des Immobilienkredites keine Mehrgenerationen-Veranstaltung wird. 

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Das Zinsänderungsrisiko gilt nicht nur für Kreditnehmer, sondern auch für Kreditgeber. Wie hoch schätzen Sie die Gefahr ein, dass es noch mal so richtig kracht wie 2008/2009, wo es eine Weltrezession gab und besonders die Finanzwerte kräftig durchgeschüttelt wurden?

Kater: Ich glaube nicht, dass das System aus den Fugen gerät. Die Notenbanken haben beim letzten Mal überzeugend gezeigt, dass sie zusammen mit den Finanzministerien Krisen bewältigen können. Aber dass wir Marktschwankungen erleben werden, etwa bei Unternehmensanleihen und auch bei Aktien, ist sehr wahrscheinlich. Wir sehen jetzt eine Abschwächung der Konjunktur, die für Unsicherheit sorgt. Im Augenblick sieht es nur nach einer Verflachung der Konjunktur aus, nicht nach einem Absturz. Und auch die US-amerikanische Regierung wird im Handelsstreit vorsichtiger werden, wenn es der eigenen Wirtschaft an den Kragen geht. Aber alle Marktteilnehmer sollten sich darüber im Klaren sein, dass mit der bereits jetzt eingetretenen Konjunkturschwäche die Risiken angestiegen sind.

Herr Kater, besten Dank für das Interview.

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