Draghi geht – die Nullzinsen bleiben

Zinspolitik Draghi geht – die Nullzinsen bleiben

von Andreas Jalsovec
25.10.2019
Auf einen Blick
  • Zum 31. Oktober endet die Amtszeit von Mario Draghi. Er leitet die EZB acht Jahre lang.

  • Der Italiener hat der Eurozone erstmals Nullzinsen beschert. Börsianer lieben ihn deshalb. Für Zins-Sparer ist er ein rotes Tuch.

  • Nachfolgerin Christine Lagarde dürfte die Nullzins-Politik vorerst fortsetzen. Grund ist die sich abschwächende Konjunktur.
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Als am Ende der Pressekonferenz die Rede auf die Zeit nach seinem EZB-Job kam, wich Mario Draghi ein letztes Mal elegant aus: Welche Pläne er für die Zukunft habe, hatte die internationale Presse von dem scheidenden Präsidenten der Europäischen Zentralbank wissen wollen. "Fragen Sie meine Frau", antwortete Draghi lächelnd: "Sie weiß mehr über meine Zukunft." Direkt gefragt hat Draghis Gattin dann keiner – auch wenn sie an diesem Tag ebenfalls im Pressesaal saß.

Ob sich der 72-Jährige künftig tatsächlich ins Private zurückziehen wird, das blieb bei dieser EZB-Sitzung offen - der letzten, die Mario Draghi leitet. Acht Jahre lang stand der streitbare Italiener an der Spitze der EZB, zum 31. Oktober verlässt er die Zentralbank nun. Er wird als derjenige EZB-Chef in die Geschichte eingehen, der der Eurozone erstmals Null- und Negativzinsen beschert hat.

Draghis lockere Geldpolitik ist schon länger umstritten

Schon seine erste Amtshandlung am 3. November 2011 hatte darin bestanden, die Leitzinsen zu senken. Wegen der Finanzkrise stand die Weltwirtschaft damals vor dem Kollaps. Gemeinsam stemmten sich die Zentralbanken gegen die Krise, indem sie Zinsen senkten und der Wirtschaft billiges Geld zur Verfügung stellten. An dieser Politik hat sich seitdem im Grunde nichts geändert. Schrittweise sanken die Leitzinsen immer weiter. Den Nullpunkt erreichten sie in der Eurozone im Jahr 2016. Und ein Ende dieser Nullzinspolitik ist bislang nicht absehbar.

Dabei ist Draghis lockere Geldpolitik schon lange nicht mehr unumstritten. Vor allem für deutsche Sparer, die gerne auf Tagesgeld, Festgeld oder andere sichere Anlagen setzen, ist der Italiener ein rotes Tuch. Sie suchen händeringend nach Möglichkeiten, ihr Geld gewinnbringend anlegen zu können. Dass Draghi ihnen zwischendurch riet, ihr Geld eben "cleverer" anzulegen, hat das Verhältnis zwischen den deutschen Zins-Suchern und dem italienischen Zins-Vernichter nicht gerade verbessert.

Draghi - das wurde auch bei seiner letzten Sitzung als EZB-Chef deutlich - ist das herzlich egal. Er darf sich auf die Fahnen schreiben, mit seiner Zins- und Geldpolitik die Konjunktur angekurbelt und die Aktienmärkte beflügelt zu haben. Seit seinem Amtsantritt 2011 hat sich der Deutsche Aktienindex (Dax) mehr als verdoppelt. Nicht nur deutsche Börsianer lieben Draghi dafür.

3
 
Name
ISIN
Wertzuwachs p.a.
 
1.
S4A Pure Equity Germany
DE000A1W8960
7,17%
2.
MEAG Proinvest
DE0009754119
6,18%
3.
Frankfurter-Sparinvest Deka
DE0008480732
5,87%
Laufzeit: 5 Jahre

Auch Nachfolgerin Lagarde wird keine Freundin deutscher Sparer werden

Mittlerweile jedoch stößt seine Politik der Nullzinsen und des übermäßig vorhandenen Geldes selbst innerhalb der EZB auf Widerstand. Als die Europäische Zentralbank im September den Einlagenzins auf minus 0,5 Prozent senkte und gleichzeitig ankündigte, ihr Anleihenkaufprogramm wieder zu starten, distanzierten sich mehrere nationale Notenbankchefs von dieser Politik – allen voran Bundesbank-Präsident Jens Weidmann.

Draghis Nachfolgerin Christine Lagarde wird daher gleich bei ihrem Amtsantritt am 1. November versuchen müssen, die Risse zu kitten, die sich durch den EZB-Zentralbankrat ziehen. Aber nicht nur deshalb tritt die ehemalige Chefin des Internationalen Währungsfonds (IWF) ein schwieriges Erbe an. Weil ihr Vorgänger die Zinswende verpasst hat, bleibt Lagarde kaum noch Spielraum, um etwa auf eine sich abschwächende Konjunktur zu reagieren.

Genau damit dürfte die Wirtschaft weltweit in den kommenden Monat jedoch zu kämpfen haben. Lagarde wird daher fürs erste wohl nichts anderes übrig bleiben, als Draghis Politik der Null- und Negativzinsen fortzusetzen. Eine Freundin deutscher Sparer wird daher auch die Französin wohl auf absehbare Zeit nicht werden.

Zur Person

Christine Lagarde wurde 1956 in Paris geboren. Die Rechtsanwältin ging 2005 als französische Außenhandelsministerin in die Politik. 2007 wurde sie Ministerin für Wirtschaft und Finanzen. Ab 2011 leitete sie den Internationalen Währungsfonds (IWF). Zum 1. November 2019 wird Lagarde Chefin der Europäischen Zentralbank.

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Quelle: www.datenschutzbeauftragter-info.de