EU-Prospektverordnung: Was ändert sich für Anleger?

Prospektrecht EU-Prospektverordnung: Was ändert sich für Anleger?

Tim Stockschläger
von Tim Stockschläger
19.07.2019
Auf einen Blick
  • Die neue Prospektverordnung soll gezielt den Anlegerschutz durch bessere und einfachere Formulierungen stärken.

  • Im Rahmen der neuen Verordnung können Emissionen bis zu acht Millionen prospektfrei begeben werden.

  • Das neue Wertpapier-Informationsblatt (WIB) ersetzt in Zukunft bei kleinen Emissionen das Prospekt.
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Die Europäische Union wächst trotz aller Kritiker weiter zusammen, deutlich wird das in diesem Monat insbesondere auf dem Finanzmarkt. Die neue EU-Prospektverordnung wurde grundlegend vereinheitlicht und gilt ab dem 21. Juli europaweit. Die Auswirkungen merken auch Sie persönlich als Investor.

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Prospektverordnung soll Emissionen erleichtern und Anlegerschutz stärken

Die Prospektverordnung regelt die Wertpapieremission von Unternehmen, in der Regel also die Herausgabe von Aktien oder Anleihen. Ziel der neuen Verordnung ist es, dass Unternehmen schneller und günstiger an Kapital gelangen, dafür werden Prozesse europaweit vereinheitlicht und die Ausnahmen erweitert.

Die Regeln zur Prospektpflicht variieren sehr stark mit der Größe des Unternehmens und dem Umfang der Emission. Wichtig ist, dass trotz der Erleichterungen für die Unternehmer jedoch der Verbraucherschutz nicht verwässert werden sollDarum wird in Zukunft noch mehr Wert darauf gelegt, dass Unternehmen die Risiken in einfacher und verständlicher Sprache darlegen. Das war bislang oft anders.

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Der Gesetzgeber hatte bei der Aktualisierung des Prospektrechts insbesondere den Mittelstand und Start-ups im im Fokus. Ihnen soll die Kapitalaufnahme durch eine Reduzierung der Anforderungen deutlich erleichtert werden. Darüberhinaus ist die Harmonisierung der Europäischen Kapitalmarktunion ein wichtiges Ziel der neuen Prospektverordnung. Das heißt, Unternehmen sollen von einheitlichen Regelungen und Grenzwerten innerhalb der gesamten EU profitieren und müssen beispielsweise nicht mehr diverse Prospekte in den EU-Mitgliedsstaaten herausgeben.

Das neu eingeführte EU-Wachstumsprospekt orientiert sich im Grundsatz an dem bisherigen KMU-Prospekt, allerdings entfallen einige zuvor verpflichtende Angaben. Es zeichnet sich insbesondere durch kürzere Inhalte, eine kompaktere Zusammenfassung sowie eine einheitlichere Aufmachung aus. Die Erleichterungen sollen insbesondere die Kosten senken für kleine und mittlere Unternehmen (KMU) und Unternehmen mit geringer Marktkapitalisierung.

In Zukunft können etwa Informationen über die Beschäftigten, Wettbewerber oder der Unternehmensgeschichte weggelassen werden. Darüber hinaus reduzierte der Gesetzgeber die Informationsanforderungen an die Finanzkennzahlen und die Leistungsindikatoren (auch KPIs genannt). Angaben zu Gewinnprognosen und Schätzungen sind in Zukunft ohne detaillierte Prüfung gestattet, eine Erläuterung zu den Werten ist allerdings im Anhang beizufügen.

Im Zuge der Neuregelung wurden die entsprechenden nationalen Gesetze – zum Beispiel das Wertpapierprospektgesetz – angepasst und weitere Gesetze wie etwa das Vermögensanlagegesetz hinsichtlich der bevorstehenden Änderungen harmonisiert und in die europäische Verordnung überführt.

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Prospektverordnung offen für neue Technologien

Zu den größten Änderungen gehören die Erhöhung des Ausnahmebetrages, bis zu dem kein Wertpapierprospekt notwendig wird. Der Betrag der prospektfreien Emission steigt von zuvor einer Millionen Euro auf acht Millionen Euro an.

Ein wichtiger Punkt für die Entwicklung neuer Technologien ist auch die technologieneutrale Ausrichtung der Prospektverordnung. Die neuen Regelungen gelten dabei nicht nur für den klassischen Aktienmarkt sondern auch für neu aufkommende Technologien wie der Blockchain. Die Ausnahmen wie beispielsweise die prospektfreie Emission bis acht Millionen Euro kommt also in Zukunft auch den stark wachsenden Security Token Offerings entgegen. "Die Regelungen der Verordnung finden daher Anwendung unabhängig davon, ob Angebote von Security-Token oder andere Konstellationen betroffen sind", erklärt Dominika Kula, Pressesprecherin der Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht (Bafin)

Viele der neuen Regelungen aus der Verordnung sind in Deutschland bereits in Kraft getreten, die verbleibenden folgen am 21. Juli 2019. Die EU-Verordnung wurde bereits im Jahr 2017 von der Europäischen Union verabschiedet, allerdings blieb den Mitgliedstaaten eine Übergangszeit von zwei Jahren bis sämtliche Aspekte in Gänze zur Anwendung kommen. Zum Stichtag am 21. Juli diesen Jahres sollen dann außerdem die verbleibenden Schwellenwerte und Grenzwerte an die EU-weite Verordnung angepasst werden.

Die EU-Verordnung ist im Gegensatz zu sonstigen Prospektrichtlinien nach Ablauf der Übergangsfrist von zwei Jahren direkt in nationales Gesetz anwendbar, "was zu stärkerer Einheit des Prospektrechts und der aufsichtlichen Praxis innerhalb Europas beitragen soll", so Kula weiter.

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Wertpapierprospekt soll verbraucherfreundlicher werden

Die Europäische Union betont bei all den Erleichterungen für Unternehmen, dass auch der Anlegerschutz ein wichtiges Ziel der Novellierung ist. Das Problem: Investoren beschäftigen sich zu selten vor einer Investition mit den Risiken und Informationen aus dem Wertpapierprospekt. Dies liegt teilweise auch an den komplexen und umständlichen Formulierungen. Dies soll sich im Rahmen der neuen Prospektverordnung ebenfalls ändern und die Komplexität vieler Prospekte reduziert werden.

Die Prospekte sollen künftig einfacher und nutzerfreundlicher strukturiert sein. In vielen Fällen liegt auch eine deutliche Verkürzung des Informationsumfang vor, hierin sehen einige Kritiker eine Verwässerung des Anlegerschutzes. Die Bafin betont hingegen, dass dies als eine Reduktion auf das Wesentliche zu verstehen ist. In der Praxis wird sich für Privatinvestoren vermutlich wenig ändern.

"Wenn Verbraucher Geld zum Vermögensaufbau oder zur Altersvorsorge anlegen wollen, raten wir grundsätzlich immer zu einer hohen Risikostreuung und zu Produkten mit geringen Kosten," erklärt Niels Nauhauser, Abteilungsleiter bei der Verbraucherzentrale Baden-Württemberg. Zwar zeichnen sich einzelne Aktien (im Gegensatz zu ETFs oder Fonds allgemein) durch günstige Kosten beziehungsweise keine Folgekosten aus, doch der Verbraucherschützer gibt zu Bedenken: "Der Kauf einzelner Wertpapiere, welche von Unternehmen zur Unternehmensfinanzierung ausgegeben werden, kann mit besonders hohen Risiken für Anleger verbunden sein."

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Wertpapierprospekt light: Das neue Wertpapier-Informationsblatt (WIB)

Unter bestimmten Voraussetzungen wird kein Prospekt mehr notwendig, sondern es reicht ein dreiseitiges Wertpapier-Informationsblatt (WIB) mit den wichtigsten Details aus. Das spart sowohl Zeit als auch Kosten.

Während WIBs nur auf ihre Vollständigkeit und festgelegte Reihenfolge der Pflichtangaben von der Bafin geprüft werden, orientiert sich der Prüfungsmaßstab bei herkömmlichen Prospekten an Vollständigkeit, Kohärenz und Verständlichkeit der Angaben. In keinem Fall nimmt die Finanzaufsicht allerdings eine Bewertung der Tragfähigkeit des Geschäftsmodells vor. Außerdem müssen Nachträge zu den Prospekten geprüft und gebilligt werden, wohingegen eine erneute Prüfung bei Ergänzungen des WIBs nicht notwendig ist.

Vielleicht ist das WIB gerade aufgrund der komprimierten Darstellung in einfacher Sprache für viele Privatinvestoren sogar informativer als ein herkömmliches Prospekt mit nicht selten über 100 Seiten. "Abgesehen davon ist ein Prospekt allerdings umfassender und erklärt manches, das man in der Kurzfassung eines WIB möglicherweise weniger gut versteht. Daher kann man nicht ohne Weiteres sagen, dass ein WIB generell transparenter wäre, als ein Prospekt", erklärt Bafin-Sprecherin Kula.

Verbraucherschützer Nauhauser warnt, dass es "Anlegern aber oft nicht möglich ist, auf Grundlage dieser Informationen zu erkennen, ob sie für das Risiko, welches sie tragen, vom Unternehmen eine angemessene Verzinsung erhalten. Am ehesten gelingt dieses Austarieren von Rendite und Risiko noch über einen fortlaufenden liquiden Börsenhandel. Wir raten daher, Wertpapiere, die nicht an der Börse gehandelt werden, eher zu meiden."

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Privatinvestoren, die trotzdem auf den Erfolg von Start-ups spekulieren möchten, erhalten mit der neuen EU-Prospektverordnung bessere Möglichkeiten. Auch ein Investment in europäische Mittelständler sollte für Investoren dank der neuen Verordnung erleichtert werden. Unabhängig vom Prospekt sollten Sie sich vor jeder Investition gründlich über die Chancen und Risiken informieren, denn dafür gibt es im Internet neben dem Prospekt oftmals noch zahlreiche andere aufschlussreiche Quellen.

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Quelle: www.datenschutzbeauftragter-info.de