Goldexperte Stöferle: "Aus monetärer Sicht ist Gold sehr günstig"

Exklusiv-Interview Goldexperte Stöferle: "Aus monetärer Sicht ist Gold sehr günstig"

Sebastian Schick
von Sebastian Schick
07.11.2018
Auf einen Blick
  • Im Vergleich zu den Aktienmärkten zeigte sich der Goldpreis in den vergangenen Wochen überraschend stabil.

  • Fondsmanager Ronald-Peter Stöferle hält Gold und Goldminen derzeit für attraktiv bewertet. Der starke US-Dollar wirke allerdings noch als Bremsklotz.

  • "In einem Umfeld der Währungskriege war Gold historisch gesehen eigentlich immer eine ganz gute Idee", sagt Stöferle im Exklusiv-Interview mit biallo.de.
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Der Goldpreis erweist sich derzeit als Fels in der Brandung und macht seinem Ruf als sicherer Hafen alle Ehre. Während die Aktienmärkte in den vergangenen Wochen heftig durchgeschüttelt wurden, ließen Gold die jüngsten Turbulenzen kalt. Ist die Zeit reif für einen Einstieg, auch bei den Goldminen? Ja, meint Ronald Stöferle, Analyst und Fondsmanager beim Liechtensteiner Vermögensverwalter Incrementum.

Herr Stöferle, trotz steigender Inflation und geopolitischer Krisenherde kommt der Goldpreis nicht so recht in die Gänge. Wie erklären Sie sich die relative Schwäche?

Ronald Stöferle: Die Auswirkung geopolitischer Events auf den Goldpreis wird oft überschätzt. Die wichtigsten Einflussfaktoren sind sicherlich die Realzinsentwicklung und das Vertrauen in das Finanzsystem. Trotz der deutlichen Rücksetzer im Oktober ist der Bullenmarkt an den Aktienmärkten noch intakt, nicht zuletzt auch aufgrund der extremen Aktienrückkaufprogramme in den USA, die in diesem Jahr die Rekordmarke von einer Billion US-Dollar knacken dürften.

Auch die Immobilienmärkte rund um den Globus entwickeln sich nach wie vor sehr positiv. Am Bondmarkt ist noch keine Panik da. Wir sehen steigende Zinsen und sogar eine Reduktion der Notenbankbilanz via Quantitative Tightening in den USA. Das Vertrauen in das Finanzsystem ist noch relativ groß, von einer Panik à la 2008 sind wir weit entfernt. Insofern ist das jetzt nicht unbedingt ein Umfeld, das für eine Goldpreis-Rallye spricht, denn die Opportunitätskosten sind noch relativ hoch.

Wir sehen durch die steigenden Zinsen und die Emerging Markets, die auf Dollar-Basis verschuldet sind, eine massive Dollarknappheit. Nicht nur die Türkei, auch der Iran, Brasilien und Argentinien sowie einige südostasiatischen Schwellenländer sind massiv in US-Dollar verschuldet. Daher ist der Dollar die ganz wesentliche Einflussgröße für den Goldpreis im Moment, aber auch für das ganze Finanzsystem.

Die gigantische Geldmengenausweitung der vergangenen Jahre müsste doch eigentlich für den Goldpreis sprechen. Was meinen Sie?

Stöferle: Wir haben jetzt fast zehn Jahre eine Liquiditäts-Party gefeiert. Die großen Notenbanken rund um den Globus haben insgesamt knapp 20 Billionen US-Dollar – also 20.000 Milliarden US-Dollar – aus dem Nichts geschöpft und in die Märkte gepumpt. Das hat natürlich Konsequenzen: Das führt zwangsläufig zu einer Asset-Price-Inflation. Den Goldpreis hat das bislang nicht nach oben hieven können, aber gemäß der Österreichischen Schule ist eben die erste Stufe die Geldmengenausweitung, die haben wir bereits gesehen.

Die nächste Stufe ist dann die Asset-Price-Inflation, welche sich anhand von haussierenden Aktien-, Anleihen-, Immobilien-, Kunstpreisen etc. ablesen lässt. Die letzte Stufe ist dann erst die Preisinflation beziehungsweise Teuerung. Daher halte ich diese Abkehr von der Politik des billigen Geldes, die die Fed jetzt behutsam vollzieht, in Kombination mit steigenden Zinsen in einem Umfeld, das hoch verschuldet ist, für einen ziemlich spannenden Cocktail.

Der globale Schuldenstand liegt derzeit bei fast 250 Billionen US-Dollar, also mehr als 300 Prozent vom weltweiten Bruttoinlandsprodukt. Wir sehen rund um den Globus nach wie vor stark steigende Schulden. 2008 waren eigentlich die Emerging Markets Teil der Lösung, sprich, da ist sehr viel Kapital hingeflossen und da hat auch wirkliches Wachstum stattgefunden. Mittlerweile sind die Schwellenländer Teil des Problems, weil sie, was die Schuldenstände betrifft, zur westlichen Welt aufgeholt haben.

Wenn die nächste Krise kommt – und die wird früher oder später kommen, wahrscheinlich früher als später –, dann stehen auch die Notenbanken vor einem richtigen Dilemma. Die haben sich in die Nullzins-Falle hineinmanövriert und werden da unserer Meinung auch nicht wirklich herauskommen.

Aber die US-Leitzinsen liegen mittlerweile schon wieder bei 2,0 bis 2,25 Prozent…

Stöferle: Ich möchte da fast eine Lanze brechen für die Federal Reserve, die sich in eine deutlich bessere Position gebracht hat als die EZB, die massiv "behind the curve" ist. Sprich: Normalerweise werden die Zinsen im Zuge einer Rezession historisch gesehen um 500 Basispunkte gesenkt. Wir wissen, wo wir jetzt stehen. Das heißt, wir werden da in deutlich negatives Terrain kommen, wenn die nächste Rezession eintritt. Und da kommt dann langsam wieder das Gold ins Spiel, wenn solche Szenarien eintreten.

Wie gesagt, es hat ja nicht wirklich eine Lösung der Probleme – eine echte Therapie – stattgefunden, sondern es wurde einfach die Dosis der Medikation massiv erhöht und das über einen sehr langen Zeitraum. Insofern werden die Probleme früher oder später wieder aufbrechen. Es gibt ja bereits zahlreiche Symptome: Der Housing-Markt in den USA reagiert deutlich negativ auf die gestiegenen Zinsen, das Geldmengenwachstum ist zuletzt wieder gefallen. Wir sehen in den USA zwar einen Arbeitsmarkt, der extrem positiv ist. Aber das ist der gleiche Stand wie zu Beginn der vergangenen zwei großen Rezessionen. Die Aktienmärkte sind trotz der jüngsten Rücksetzer alles andere als günstig bewertet, von den Bondmärkten ganz zu schweigen. Insofern ist Gold – insbesondere aus antizyklischer Sicht – relativ gesehen sehr attraktiv im Moment.

Sie haben den begrenzten Handlungsspielraum der Europäischen Zentralbank angesprochen. Welche Möglichkeiten hat die EZB überhaupt noch, wenn sich die Lage verschärfen sollte? Negative Leitzinsen?

Stöferle: Das würde ich nicht ausschließen. Da ist noch einiges in der Trickkiste der finanziellen Repression: Einschränkungen des Bargeldes, Kapitalverkehrskontrollen, Kaufprogramme für Aktien und andere Assetklassen, etc. Ich halte es für möglich, dass die nächste Krise keine Wirtschaftskrise, sondern eine Währungskrise sein wird. Denn die ganze Welt benötigt eigentlich einen schwachen US-Dollar, speziell auch Donald Trump, der ja immer wieder die Reindustrialisierung der USA betont. Und da kommt ihm der starke Dollar in die Quere. Deshalb hat er ja auch zuletzt massiven Druck auf die Federal Reserve ausgeübt. So etwas gab es eigentlich seit den 70er Jahren nicht mehr, dass sich das Weiße Haus negativ gegenüber der Geldpolitik geäußert hat. Daran erkennt man schon, dass die Nervosität sehr groß ist.

Wir sehen beim Goldpreis auch eine enge Korrelation zum chinesischen Yuan. Die Chinesen haben ihre Währung zuletzt massiv abgewertet. Insofern beantworten die Chinesen den Handelskrieg mit einem Währungskrieg. Jedes Land möchte eine schwächere Währung, um seine Exporte anzukurbeln. Und da stellt sich natürlich die Frage, welche Währung da übrig bleibt. In so einem Umfeld der Währungskriege war Gold historisch gesehen eigentlich immer eine ganz gute Idee.

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Wo sehen Sie denn den fairen Wert im Moment für Gold?

Stöferle: Sie wissen, ich komme nicht nur aus Österreich, sondern ich bin auch ein Freund der Österreichischen Schule der Nationalökonomie. Die besagt, dass Wert und Preis immer subjektiv sind. Von daher bin ich, was den fairen Wert betrifft, immer ein bisschen skeptisch. Der Preis spiegelt sich eben da wider, wo der Großteil der Anleger denkt, dass er richtig ist. Aus monetärer Sicht halte ich Gold für unterbewertet. Die Golddeckung des US-Dollars ist jetzt am gleichen Stand wie in den Jahren 2000 oder 1971. Wir wissen beide, was danach mit dem Goldpreis passiert ist. Geht man jetzt davon aus, dass sich die Geldmengen nicht stark deflationär entwickeln, sondern ihrem langfristigen Trend folgen werden, dann bin ich der festen Überzeugung, dass Gold aus monetärer Sicht sehr günstig ist.

Ein steigender Goldpreis würde natürlich auch für ein Comeback der Goldminen-Aktien sprechen, die wie ein Hebel auf den Goldpreis funktionieren. Wie geht der Anleger am besten vor, wenn er mit der Materie noch nicht so vertraut ist und dennoch in Goldminen investieren möchte?

Stöferle: Minenaktien sind hochvolatil. Die Daumenregel besagt, dass Minenwerte zum Goldpreis einen Faktor von drei nach oben, aber natürlich auch nach unten haben. Das heißt, wenn sich der Goldpreis um zehn Prozent entwickelt, dann sind es bei den Minenaktien 30 Prozent oder auch mehr. Insofern braucht man da schon Geduld und Nerven.

Ganz wichtige Einflussfaktoren sind der Standort beziehungsweise das politische Risiko und der Status, also ob es sich um einen sogenannten Explorer, Developer oder schon Produzenten handelt. Dann kommt es natürlich auch ganz stark auf das Management an. Der Betrieb einer Mine ist ein hochkomplexes Projekt. Wer noch völlig unbedarft an das Thema herangeht, für den bieten sich Fonds an. Da macht es schon Sinn, sein Risiko zu streuen und in diesem Sektor einem Experten zu vertrauen.

Sind ETFs, etwa auf den Goldminen-Index HUI, auch eine Alternative?

Stöferle: Man muss da einfach abwägen, ob man wirklich einem aktiven Manager das Vertrauen schenkt – und da gibt es einige, die den Gesamtmarkt nachhaltig outperformen – oder auf passive Instrumente setzt. Natürlich sind die Kosten bei Letzteren deutlich geringer. Aber bei einer Assetklasse, die so hochvolatil ist wie der Minensektor, sind die Management Fees eher ein geringer Faktor.

Können Sie ein paar Einzeltitel nennen, mit denen der Anleger auf lange Sicht nichts verkehrt macht?

Die wichtigste Einflussgröße ist natürlich immer der Goldpreis. Nichtsdestotrotz gibt es viele Unternehmen, die seit vielen Jahren und Jahrzehnten beweisen, dass sie wirklich einen hervorragenden Job machen, die Risiken im Griff haben und den Goldpreis nach oben schön outperformen. Von den größeren Unternehmen gefällt uns eine Agnico Eagle sehr gut. Das Unternehmen hat ein hervorragendes Produktionsprofil mit einem exzellenten Management.

Von den sogenannten Royalties und Streamern – das sind Unternehmen, die sich an bestehenden Projekten beteiligen und so die Risiken massiv streuen – ist eine Franco Nevada aber auch eine Osisko Gold Royalties interessant. Im Fonds haben wir zuletzt Wesdome Mines, Kirkland Lake, Evolution Mining und Barsele Minerals aufgestockt.

Herr Stöferle, besten Dank für das Interview.

Zur Person

Ronald-Peter Stöferle ist Partner der Incrementum AG und zuständig für Research und Portfolio Management. Nach seinem Studium Betriebswirtschaftslehre und Finance in den USA und an der Wirtschaftsuniversität Wien arbeitete er bei der Erste Group im Research, wo er 2007 erstmals den "In Gold we Trust"-Report publizierte. Im Laufe der Jahre avancierte die Goldstudie zu einer Standardpublikation zum Thema Gold, Geld und Inflation.

Seit 2013 ist Stöferle Lektor am Scholarium in Wien sowie Vortragender an der Wiener Börse Akademie. 2014 veröffentlichte er das Buch "Österreichische Schule für Anleger" und 2017 das Buch "Die Nullzinsfalle". 

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nach seinem Studium für das Lehramt an Gymnasien mit der Fächerkombination Deutsch/Latein/Geschichte in Würzburg und Berlin entschied sich Sebastian Schick für den Journalismus. 2005 absolvierte er die Ausbildung zum Rundfunkjournalisten an der Akademie für Neue Medien in Kulmbach.

Direkt im Anschluss volontierte er beim Deutschen Anleger Fernsehen (DAF), wo er sich in seiner zehnjährigen Laufbahn ein umfangreiches Fachwissen zum Thema Geldanlage und Börse aneignete. Zuletzt baute er als Chefredakteur in Kooperation mit dem Kurier Medienhaus den österreichischen TV-Sender DAF Austria mit auf. Bei biallo.de schreibt er als Redakteur über das Thema Kredit und Geldanlage. 

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Quelle: www.datenschutzbeauftragter-info.de