"Aktienmärkte stark von Notenbanken getrieben"

Interview "Aktienmärkte stark von Notenbanken getrieben"

Sebastian Schick
von Sebastian Schick
09.02.2018
Auf einen Blick
  • Laut einer Umfrage der ING-Diba verfügt mehr als ein Viertel der Deutschen über keine Ersparnisse. Nur in Rumänien ist die Quote schlechter.

  • Als Hauptgrund für das schlechte Abschneiden nennt ING-Diba-Chefvolkswirt Carsten Brzeski die Einkommensschere, die immer weiter auseinanderklafft.

  • Die anhaltende Nullzinspolitik der EZB sorgt zudem für einen Anlagenotstand. Mit sicheren Geldanlagen kann die Inflation nur noch zum Teil ausgeglichen werden.

  • Als Alternative bieten sich Aktien und Immobilien an. Allerdings ist das Risiko hier auch höher.

  • Die erste Leitzinserhöhung der EZB erwartet Brzeski frühestens im Sommer 2019 – vorausgesetzt, Konjunktur und Inflation entwickeln sich wie geplant.
Artikelbewertung
Teilen
Schrift

Von wegen Deutschland, das Land der Sparer! Eine aktuelle Umfrage der ING-Diba fördert Erschreckendes zutage: Gut jeder Vierte verfügt über keine Ersparnisse. Lediglich Rumänien schneidet in der Untersuchung noch schlechter ab. Über die Gründe und den Anlagenotstand in Deutschland haben wir mit Carsten Brzeski gesprochen, Chefvolkswirt der ING-Diba.

Herr Brzeski, Ihre neue Studie widerspricht eigentlich dem Bild der Deutschen als Spar-Weltmeister. Wie ist das schlechte Abschneiden zu erklären?

Brzeski: Wir sind auch überrascht, dass das Ergebnis so schlecht ausgefallen ist. Aus volkswirtschaftlicher Sicht hat das sicher auch damit zu tun, dass die Einkommensschere in den vergangenen Jahren weiter auseinander gegangen ist und es einen großen Unterschied zwischen Arm und Reich gibt. Das Einkommen reicht bei vielen einfach nicht mehr aus, um Ersparnisse aufzubauen.

Heißt, die Löhne müssen deutlich steigen?

Brzeski: Lohnerhöhungen würden sicher dazu führen, dass die Sparquote hierzulande wieder steigt. Allerdings müsste man auch das Konsumverhalten noch mal genau analysieren. Es kann nämlich auch sein, dass die Menschen zu viel ausgeben und ihnen gar nicht bewusst ist, dass sie sparen wollen. Unsere Umfrage zeigt nämlich auch, dass relativ viele Menschen ohne Ersparnisse trotzdem zufrieden sind. Hier braucht es mehr Aufklärung, dass die Disziplin zum Sparen wichtig ist, vor allem auch im Hinblick auf die Rente.

Trägt die Politik des billigen Geldes nicht auch ihren Teil dazu bei, dass die Spardisziplin der Deutschen nachlässt?

Brzeski: Natürlich hat die Nullzinspolitik der EZB dazu beigetragen, dass weniger Leute zusätzlich sparen. Aber in unserer Umfrage ging es jetzt nur um die absolute Ersparnis. Das hat ja auch vor der Lockerung der Geldpolitik schon angefangen, dass die Bestände der Ersparnisse geschrumpft sind. Von daher liegen die Ursachen tiefer.

Jetzt können Sparer mit klassischen Geldanlagen wie Tages- oder Festgeld die steigende Inflation nur noch zum Teil ausgleichen. Unterm Strich steht eine negative Realrendite. Welche Alternativen gibt es?

Brzeski: Da sind wir bei Aktienmärkten, bei Immobilien und anderen Anlageklassen. Allerdings haben diese Alternativen natürlich ein Risiko und dessen muss sich der Sparer auch bewusst sein.

Stichwort Risiko: Die Aktienmärkte befinden sich trotz des jüngsten Rücksetzers weiter auf hohem Niveau. Provokativ gefragt: Wenn man jetzt den Kleinsparer quasi in die Aktienmärkte "reinprügelt", besteht da nicht die Gefahr, dass er am Ende wieder mit leeren Händen dasteht?

Brzeski: Man darf die Kleinsparer natürlich nicht in die Aktienmärkte hineindrücken, das sage ich auch ganz deutlich. Wer in Aktien investieren will, sollte sich vorher umfassend informieren und auch schauen, wie er das Risiko optimal streuen kann. Hier spielt auch der Planungshorizont eine große Rolle: Wann brauche ich das Geld wieder? Denn wie wir in den vergangenen Tagen gesehen haben: Der Aktienmarkt ist keine Einbahnstraße. Es gibt immer wieder Rückschläge. Rendite geht nicht ohne Risiko. Das muss der Anleger genau abwägen.

Es könnte ein heißer Tanz auf dem Vulkan werden an den Aktienmärkten in den nächsten Monaten. Mit welcher Entwicklung rechnen Sie?

Brzeski: Die Volatilität, also die Schwankungsbreite, die wir zuletzt gesehen haben, wird auf jeden Fall bleiben, wenn nicht sogar zunehmen. Denn die Aktienmärkte sind im Moment stark von den Notenbanken getrieben, aber auch von der wirtschaftlichen Lage. Es wird in den kommenden Monaten immer wieder Spekulationen geben, ob die Notenbanken schneller als erwartet auf das Gaspedal beim Ausstieg treten oder ob die Inflation stärker anzieht als bislang angenommen. Von der wirtschaftlichen Lage gehe ich davon aus, dass wir 2018 in den USA, in Europa und auch in China noch mal eine solide Wirtschaftsentwicklung sehen werden, dass die Inflation nicht anziehen wird – wie das jetzt von einigen Skeptikern erwartet wird – und uns von daher die Politik des billigen Geldes nicht so schnell verlassen wird. Das spricht eigentlich alles für die Aktienmärkte. Allerdings werden die hohen Schwankungen bleiben.

Die Gretchenfrage lautet natürlich: Wann wird die EZB die Zinswende einläuten?

Brzeski: Das wird definitiv dieses Jahr noch nicht passieren. Die Frage lautet auch: Wie definiere ich die Zinswende? Die Renditen von zehnjährigen Bundesanleihen haben bereits angezogen, nämlich von 0,3 auf 0,8 Prozent. Da ist schon ein leichter Zinsanstieg am langen Ende erkennbar. Die EZB wird im Sommer sicherlich kommunizieren, dass sie ihr Anleihekaufprogramm bis zum Jahresende verlängern wird – im Augenblick lautet das Ziel noch bis mindestens Ende September. Dann werden wir wahrscheinlich noch ein halbes Jahr warten müssen, bis die erste Leitzinserhöhung der EZB dann im Sommer 2019 kommt.

Glauben Sie wirklich, dass Draghi vor dem Ende seiner Amtszeit noch mal an der Zinsschraube drehen wird?

Brzeski: Wenn die Konjunktur weiter so gut läuft wie bisher, dann kann Herr Draghi kurz vor dem Ende seiner Amtszeit den Leitzins erhöhen. Aber ganz ehrlich: Ich denke nicht, dass er ein persönliches Bedürfnis hat, den Leuten zu zeigen, dass er auch den Zins erhöhen kann. Das liegt dann wirklich allein an der wirtschaftlichen Situation im Euroraum und noch mehr an der Inflationsentwicklung bis dahin.

Es gibt Kritiker, die meinen, dass die EZB die Leitzinsen über Jahrzehnte unter der Inflation halten wird. Auch im Hinblick auf die immer noch hohe Verschuldung der Peripheriestaaten. Was meinen Sie?

Brzeski: Jahrzehnte, das klingt schon viel. Ein Jahrzehnt könnten wir durchaus schaffen. Das ist realistisch. Das werden wir nicht nur in Europa sehen, sondern auch in den USA. Die Leitzinsen werden ja nur sehr langsam steigen. Und wenn wir das EZB-Inflationsziel von knapp zwei Prozent heranziehen, dann wird der Hochpunkt der Leitzinserhöhungen in Europa in den nächsten zehn Jahren sicher nicht darüber liegen.

Herr Brzeski, besten Dank für das Interview.

Biallo-Lesetipp

Am Montag, den 5. Februar 2018, verzeichnete der US-Leitindex Dow Jones den größten Tagesverlust seiner Geschichte – gemessen an der Punktzahl. Experten gehen davon aus, dass die Turbulenzen in den nächsten Wochen anhalten werden. Mehr dazu lesen Sie in unserem Artikel "Crash-Gefahr gebannt?".

Ihre Meinung ist uns wichtig
Sebastian Schick
Sebastian Schick
Redaktionsleitung
Jetzt Artikel bewerten
E-Mail an den Autor
Artikel kommentieren
Sebastian Schick
Sebastian Schick

nach seinem Studium für das Lehramt an Gymnasien mit der Fächerkombination Deutsch/Latein/Geschichte in Würzburg und Berlin entschied sich Sebastian Schick für den Journalismus. 2005 absolvierte er die Ausbildung zum Rundfunkjournalisten an der Akademie für Neue Medien in Kulmbach.

Direkt im Anschluss volontierte er beim Deutschen Anleger Fernsehen (DAF), wo er sich in seiner zehnjährigen Laufbahn ein umfangreiches Fachwissen zum Thema Geldanlage und Börse aneignete. Zuletzt baute er als Chefredakteur in Kooperation mit dem Kurier Medienhaus den österreichischen TV-Sender DAF Austria mit auf. Bei biallo.de schreibt er als Redakteur über das Thema Kredit und Geldanlage. 

E-Mail an den Autor
Artikelbewertung
Teilen
Drucken
Zur Startseite
Sebastian Schick
Sebastian Schick

nach seinem Studium für das Lehramt an Gymnasien mit der Fächerkombination Deutsch/Latein/Geschichte in Würzburg und Berlin entschied sich Sebastian Schick für den Journalismus. 2005 absolvierte er die Ausbildung zum Rundfunkjournalisten an der Akademie für Neue Medien in Kulmbach.

Direkt im Anschluss volontierte er beim Deutschen Anleger Fernsehen (DAF), wo er sich in seiner zehnjährigen Laufbahn ein umfangreiches Fachwissen zum Thema Geldanlage und Börse aneignete. Zuletzt baute er als Chefredakteur in Kooperation mit dem Kurier Medienhaus den österreichischen TV-Sender DAF Austria mit auf. Bei biallo.de schreibt er als Redakteur über das Thema Kredit und Geldanlage. 

E-Mail an den Autor
Newsletter
Keine News mehr verpassen
Bitte geben Sie eine korrekte E-Mail Adresse ein:
Unsere Datenschutzerklärung finden Sie hier.

Regeln für das Schreiben von Kommentaren:

  1. Kommentieren Sie sachlich und ohne persönliche Angriffe.
  2. Verfassen Sie keine Beiträge mit strafbarem, diskriminierendem, rassistischem, anstößigem, beleidigendem oder kommerziellem Inhalt und verweisen Sie nicht auf Seiten mit solchem Inhalt.
  3. Stellen Sie weder zu lange Texte noch Bilder ein, außer, wenn es unbedingt nötig ist.
  4. Veröffentlichen Sie keine personenbezogenen Daten Dritter, wie Namen, Adressen, Telefonnummern oder E-Mail-Adressen.
  5. Wenn Sie persönliche Mitteilungen oder Texte anderer Verfasser einstellen oder Kommentare anderweitig veröffentlichen möchten, beachten Sie die Rechte Dritter. Bei einer Verletzung dieser Rechte (z.B. Persönlichkeitsrecht, Urheberrecht, Datenschutz) haften Sie.
  6. Sie haben die Möglichkeit, Ihren Benutzernamen frei zu wählen. Sie sollten aber im eigenen Interesse markenrechtlich geschützte Namen vermeiden.

Quelle: www.datenschutzbeauftragter-info.de