Kommen bald Strafzinsen für Privatkunden?

Sparkassen klagen über EZB-Politik Kommen bald Strafzinsen für Privatkunden?

Sebastian Schick
von Sebastian Schick
04.03.2017
Auf einen Blick
  • Die anhaltende Negativzinspolitik der EZB hinterlässt deutliche Spuren in den Bilanzen der Banken.
  • Immer mehr Sparkassen reichen den negativen Einlagezins an Firmen- und Geschäftskunden weiter. Privatkunden bleiben vorerst verschont.
  • Die Redaktion von biallo.de hat bei den Sparkassen-Chefs nachgefragt.
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EZB-Chef Mario Draghi macht keine Anstalten, den negativen Einlagezins anzuheben. Banken, die kurzfristig Geld bei der EZB parken, zahlen nach wie vor einen Strafzins von minus 0,4 Prozent. Das bereitet immer mehr Sparkassen zunehmend Probleme. "Banken mit dominantem Einlagengeschäft - wozu einige Sparkassen und Genossenschaftsbanken zählen - beschert die Nullzinspolitik der EZB dramatische Ertragseinbrüche, die sie durch Kostensenkungen und Gebühren nicht auffangen können", erklärt Wolfgang Gerke, Präsident des Bayrischen Finanz Zentrums.

Zehn Millionen Euro Strafzinsen

Beispiel Stadtsparkasse München: Das Geldinstitut zahlte im vergangenen Jahr rund zehn Millionen Euro Strafzinsen an die EZB. Der Zinsüberschuss reduzierte sich um 16 Millionen Euro auf 271 Millionen Euro. Ohne einen buchhalterischen Sondereffekt hätte sich das Minus sogar auf 25 Millionen Euro belaufen. "Wenn sich nicht kurzfristig etwas durch die EZB an der Zinslage hin zu einem wieder höheren und normalen Zinsniveau ändert, werden wir voraussichtlich ab dem Jahr 2018 keinerlei Erträge mehr mit Einlagen unserer Kunden erzielen", warnte Ralf Fleischer, Vorstandsvorsitzender der Stadtsparkasse München, kürzlich bei der Präsentation der Geschäftszahlen.

Klartext

von Horst Biallo:

Ich kann das Gejammer der Sparkassen sowie Volks- und Raiffeisenbanken nicht mehr hören. Sie beschweren sich über die hohen Einlagen ihrer Kunden, für die sie nun bei der EZB Strafzinsen zahlen müssen. Schon vergessen? In der Finanzkrise haben vor allem regionale Institute ungeliebte Wettbewerber wie die ING-Diba denunziert: Dort sei das Geld der Sparer nicht sicher angelegt. Als die Milliarden dann in ihre Kassen flossen, klopften sie sich selbst auf die Schulter. Und nun können Sie mit dem vielen Geld ihrer Kunden nichts anfangen, während die "Sparbank" ING-Diba ihre Kunden-Milliarden ganz einfach umwandelt in Kredite für den Wohnungsbau, in Auto- und Konsumentenfinanzierung usw. Merke: Die einen verstehen was von Banking, die anderen leider zu wenig.

Änderung der EZB-Politik frühestens 2018 erwartet

Bei der größten Sparkasse Deutschlands, der Hamburger Sparkasse (Haspa), belaufen sich die Belastungen durch die EZB-Geldpolitik in den vergangenen Jahren auf jeweils hohe zweistellige Millionenbeträge. "Auch 2017 bleiben die extreme Niedrigzinsphase und Regulierungsthemen für die gesamte Finanzwirtschaft eine große Herausforderung", sagt Haspa-Vorstandssprecher Harald Vogelsang gegenüber biallo.de. "Bei der letzten Bundestagswahl hat sich leider keine der Parteien zum Anwalt der Sparer gemacht, das dürfte sich 2017 ändern. Die Diskussion wird Fahrt aufnehmen."

Vogelsang rechnet frühestens 2018 mit einer Umkehr der EZB-Geldpolitik. Bislang verlangt die Haspa nur für größere Guthaben von institutionellen Anlegern und Firmenkunden ein Verwahrentgelt. Strafzinsen für Privatkunden will die Bank "so lange wie möglich" vermeiden.

Kosteneinsparungen und Gebührenerhöhungen

Die Sparkassen stemmen sich mit Kosteneinsparungen und teils kräftigen Gebührenerhöhungen gegen die Ertragseinbrüche im Zinsgeschäft. Auch der Boom bei Baufinanzierungen und Bausparverträgen hilft den Geldhäusern, ihre Gewinneinbußen zumindest teilweise zu kompensieren. Immer mehr Geldhäuser reichen den negativen Einlagezins der EZB zudem an Geschäfts- und Firmenkunden weiter. Die Stadtsparkasse München belastet von April an Firmenkonten ab 250.000 Euro mit einem Verwahrentgelt in Höhe von 0,4 Prozent. Auch die Stadt München muss mittlerweile Strafzinsen zahlen. Privatkunden bleiben vorerst verschont.

Negativzinsen für Firmenkunden bereits Alltag

Bei den anderen großen Sparkassen in Deutschland sieht die Lage ähnlich aus. Die Frankfurter Sparkasse erhebt seit dem vierten Quartal 2016 Strafzinsen auf hohe, kurzfristige Einlagen für große Firmen- und institutionelle Kunden. "Dabei handelt es sich stets um individuelle Vereinbarungen", sagt Robert Restani, Vorstandsvorsitzender der Frankfurter Sparkasse. "Dennoch versuchen wir, Negativzinsen so lange zu vermeiden, wie es geht."

Auch der Sparkasse Köln-Bonn macht der negative Einlagezins zu schaffen. "Die Tatsache, dass wir für die Hinterlegung von Einlagen bei der EZB Geld bezahlen müssen, anstatt Zinsen zu bekommen, wirkt sich negativ auf unsere Erfolgsrechnung aus", sagt Artur Grzesiek, Vorstandsvorsitzender der Sparkasse Köln-Bonn. Das Geldinstitut erhebt ein Verwahrentgelt für große Einlagen im Millionenbereich. "Nach wie vor ist aber nur ein kleiner Teil unserer Kunden davon betroffen", so Grzesiek weiter.

Gefahr einer Kettenreaktion

Bei der Stadtsparkasse Düsseldorf summierten sich die Strafzinsen im vergangenen Jahr auf rund 1,7 Millionen Euro. "Angesichts steigender Inflationsraten in den meisten europäischen Volkswirtschaften und der zu erwartenden Zinsschritte in den USA wird nach unserer Einschätzung die EZB spätestens Anfang 2018 ihre Geldpolitik überdenken müssen", sagt Karin-Brigitte Göbel, Vorstandsvorsitzende der Stadtsparkasse Düsseldorf. "Wir rechnen nicht damit, dass - von wenigen Ausnahmen abgesehen - der negative Einlagenzins der EZB an Kleinsparer weitergereicht wird", so Göbel weiter.

Wenn die erste Großbank in Deutschland Strafzinsen für Privatkunden einführt, dürfte das eine Kettenreaktion auslösen. Noch wagt kein Geldinstitut, das Tabu für Kleinsparer zu brechen. "Sollte jedoch eine große deutsche Bank damit beginnen, wären wir gezwungen, in ganz kurzer Zeit nachzuziehen, da wir ansonsten zusätzliche Liquidität erhielten, die wir zunächst nicht als weitere Kredite vergeben könnten und somit Negativzinsen dafür zahlen müssten", heißt es von Seiten der Stadtsparkasse München.

Biallo-Tipp

Durch die anhaltende Negativzinspolitik der EZB suchen viele Geldinstitute nach neuen Einnahmequellen. Dabei drehen immer mehr Banken kräftig an der Gebührenschraube. Das sollten sich Verbraucher nicht gefallen lassen. Mehr dazu lesen Sie in unserem Beitrag: "Der absolute Gebühren-Wahnsinn"

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nach seinem Studium für das Lehramt an Gymnasien mit der Fächerkombination Deutsch/Latein/Geschichte in Würzburg und Berlin entschied sich Sebastian Schick für den Journalismus. 2005 absolvierte er die Ausbildung zum Rundfunkjournalisten an der Akademie für Neue Medien in Kulmbach.

Direkt im Anschluss volontierte er beim Deutschen Anleger Fernsehen (DAF), wo er sich in seiner zehnjährigen Laufbahn ein umfangreiches Fachwissen zum Thema Geldanlage und Börse aneignete. Zuletzt baute er als Chefredakteur in Kooperation mit dem Kurier Medienhaus den österreichischen TV-Sender DAF Austria mit auf. Bei biallo.de schreibt er als Redakteur über das Thema Kredit und Geldanlage. 

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Quelle: www.datenschutzbeauftragter-info.de