Rohstoff-Guru Weinberg zum Goldpreis: "Abbild von Gier und Angst"

Exklusiv-Interview Rohstoff-Guru Weinberg zum Goldpreis: "Abbild von Gier und Angst"

Sebastian Schick
von Sebastian Schick
09.08.2019
Auf einen Blick
  • Der Goldpreis hat seit Anfang Mai knapp 20 Prozent zugelegt und vor kurzem die Marke von 1.500 US-Dollar je Feinunze geknackt.

  • Eugen Weinberg, Leiter Rohstoffanalyse bei der Commerzbank, hat mit seiner Prognose im Sommer 2018 eine Punktlandung erzielt.

  • Im Interview mit biallo.de sieht Weinberg aktuell "eine gewisse Überhitzung" beim Goldpreis. Mittel- bis langfristig rechnet er aber mit weiter steigenden Goldkursen.

  • Bei einem Investment in Goldminen-Aktien sollten Anleger allerdings vorsichtig sein: "Goldminen-Aktien sind reine Spekulation."
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Herr Weinberg, seit Mai hat der Goldpreis um rund 20 Prozent zugelegt. Wie erklären Sie sich das phänomenale Comeback?

Eugen Weinberg: Phänomenal würde ich das nicht bezeichnen angesichts der Veränderungen an den anderen Märkten. Ich habe bereits zu Jahresbeginn darauf hingewiesen, dass der Goldpreis für die damalige Lage eigentlich schon zu niedrig war. Das heißt, der Goldpreis hat nicht die Risiken im System richtig widergespiegelt, wie er es sonst tut. Häufig ist der Goldpreis nichts anderes als ein Lackmustest oder ein Derivat von den anderen Märkten, also ein Abbild der Gier und Angst der Marktteilnehmer, und spiegelt eigentlich nur die Bewegungen an den Aktien- und Bondmärkten wider. Das hat er zu Jahresbeginn ungenügend gemacht. Und jetzt sehen wir das mittlerweile gut eingepreist. Das heißt, die Risiken werden mittlerweile richtig berücksichtigt. Das Comeback ist also nichts anderes als eine Anpassung an die Gegebenheiten, an die höheren Risiken im System.

Also ist der Goldpreis eine Art Angstbarometer. Was gibt denn mehr Auftrieb im Moment? Der Handelsstreit oder die weitere Lockerung der Geldpolitik?

Weinberg: Als reines Angstbarometer sehe ich den Goldpreis nicht. Angst und Unsicherheit spielen natürlich schon eine Rolle. Wenn die Aktienmärkte jetzt unter Druck kommen, dann wird Gold als sicherer Hafen gesucht. Aber Gold ist auch ein Kapitalschutz gegen negative Realzinsen. In Europa sind die Zinsen abzüglich der Inflation schon seit Jahren negativ. Das heißt, der Anleger verzichtet freiwillig auf einen Teil seiner Kaufkraft, wenn er Geld zur Bank bringt. Das ist langfristig eine nicht hinnehmbare Situation! Man muss sein Kapital schützen mit Sachanlagen, die ihren Wert beibehalten. Neben Aktien und Immobilien gehört Gold ganz klar zu diesen Sachwerten und wird dementsprechend auch als Kapitalschutz gesucht.

Wird die Nachfrage jetzt eher von der physischen Seite gestützt oder ist da auch viel spekulatives Momentum drin.

Weinberg: Spekulatives Momentum ist sicher auch mit dabei. Man kann das eine von dem anderen nicht trennen. Spekulation ist alles. Wenn man auf steigende, fallende oder gleichbleibende Preise setzt oder gar nichts macht, ist das alles Spekulation. Aber wenn Sie die kurzfristige Spekulation am Terminmarkt meinen, dann ist da tatsächlich in letzter Zeit vermehrt zu sehen, dass Anleger auf den Zug aufspringen – insbesondere nachdem die wichtige Marke bei 1.370/1.380 US-Dollar je Feinunze gefallen ist. Hier haben viele Marktteilnehmer zu Recht auf eine Fortsetzung gesetzt. Eine gewisse Überhitzung ist sicher mit dabei. Kurzfristig könnten jetzt auch Rücksetzer kommen. Aber Spekulation ist per se nichts Negatives und auch nichts Positives. Die Stimmung ist vielleicht etwas übertrieben optimistisch und könnte sich kurzfristig abkühlen.

Wenn wir mittelfristig schauen: Da haben Sie ja schon im Sommer 2018 bei uns im Interview gemeint, dass der Goldpreis in diesem Jahr durchaus Potenzial bis 1.500 US-Dollar hat. Werden Sie nach der Punktlandung Ihr Kursziel jetzt nach oben anpassen?

Weinberg: Die Ziele sind ja nichts anderes als eine Momentaufnahme. Wenn sich die Gegebenheiten ändern, dann müssen auch die Ziele angepasst werden. Die Situation – insbesondere was den Handelsstreit und die Auswirkungen auf die Wirtschaft angeht – hat sich verdunkelt. Dementsprechend wird der sichere Hafen tendenziell gesucht. Gleichzeitig erwarten wir jetzt in den USA nicht mehr einen Zinsanstieg wie noch vor einem Jahr, sondern weitere Zinssenkungen. Das ist wirklich ein völlig anderes Bild. Und solange dieses negative Bild für die Wirtschaft und die Erwartung fallender Zinsen anhalten, sollte sich auch dieser Trend nicht umkehren. Hinzu kommt ein ganz neues Thema, was derzeit noch wenig diskutiert wird, weil es sehr schwer zu begreifen ist, auch in seinen Auswirkungen: das Thema Währungskrieg.

Wie wirkt sich das aus?

Weinberg: Die Zentralbanken und Regierungen versuchen weltweit, ihre Währungen zu schwächen, weil sie sich dadurch Erfolge und Unterstützung im Export erhoffen. Das ist aus meiner Sicht ein Irrglaube. Aber wenn jetzt jede Zentralbank und Regierung ihre Währung schwächt, wer profitiert davon? Derjenige, der das nicht macht. Oder eine Währung, wo es keine Zentralbank gibt, und das ist Gold eben schon seit Jahrtausenden. Es wird auch als Tauschmittel überall akzeptiert. Die Währung Gold wird in solch einer Situation bevorzugt.

Aber auf der anderen Seite kaufen die Notenbanken verstärkt Gold zu.

Weinberg: Das ist kein Widerspruch, das passt ins Bild. Das ist ja nichts anderes als ein sehr dezenter, aber auch direkter Hinweis darauf, dass sich die Zentralbanken nicht mehr gegenseitig vertrauen und ihre Reserven diversifizieren. Man möchte sich unabhängig von den anderen machen, insbesondere unabhängiger von der Weltleitwährung US-Dollar. Dieser Trend dürfte anhalten. Das sind jetzt zwar nicht die europäischen Zentralbanken, die das machen, aber dafür die Zentralbanken in den Schwellenländern, die sehr hohe Währungsreserven besitzen. Zuletzt hat ja die russische Zentralbank massiv Gold zugekauft und jüngst hat auch die chinesische Zentralbank zugeschlagen.

Heißt, die alten Höchststände vom September 2011 bei gut 1.900 US-Dollar sind durchaus erreichbar in den nächsten zwölf Monaten?

Weinberg: Man kann solche Ziele nie vernünftig voraussagen. Das sind rein spekulative Tendenzen. Im Moment ist es ein Trend, der anhält. Inwiefern sich dieser Trend im nächsten Jahr umkehrt, ist schwer auszumachen. Meines Erachtens wird der Trend auch im nächsten Jahr anhalten. Ich gehe aber nicht von einer Währungs- oder Wirtschaftskrise aus und sehe auch keinen Grund, irgendwelche Weltuntergangsszenarien an die Wand zu malen. In so einer Situation ist alles denkbar, ausschließen würde ich nichts, aber es ist nicht das, wovon wir zum jetzigen Zeitpunkt ausgehen.

Auf der anderen Seite wäre der Goldpreis vor einem Deflationsschock wie 2008/2009 auch nicht gefeit.

Weinberg: In einem deflationären Szenario würde Gold sicher nicht so stark gesucht. Aber eine Deflation ist meines Erachtens eine Chimäre im Moment. Man hat zwar Angst davor, obwohl sie eigentlich ungefährlich ist. Auch das Beispiel Japans ist bei weitem nicht so gefährlich, wie viele uns das weismachen wollen. Eine viel wichtigere Rolle spielen die Realzinsen und diese sind heute bereits in Europa negativ und gehen auch in anderen Ländern in den negativen Bereich.

Der starke Goldpreis hat auch die Goldminen-Aktien befeuert. Viele Werte haben sich seit Herbst 2018 verdoppelt. Wenn jetzt aber die Aktienmärkte einknicken würden, dann könnten sich doch auch die Goldminen dem übergeordneten Abwärtstrend nicht entziehen – auch wenn Gold als sicherer Hafen gesucht wird. Was meinen Sie?

Weinberg: Eben! Die Goldminen sind in erster Linie Aktien und deshalb rate ich davon ab, diese beiden Anlagen zu vermischen. Die Anlage in Goldminen ist eine Anlage in Aktien und eben nicht in Gold. Die Goldminen-Aktien sind von operativen Risiken betroffen, von möglichen Enteignungen, Kostensteigerungen et cetera und auch von den allgemeinen Markttendenzen. Das war in den Jahren 2008 und 2009 sehr schön zu sehen, als im Zuge des Abverkaufs bei anderen Aktien auch die Goldminen unter Druck kamen, obwohl der Goldpreis gestiegen war. Für mich ist der beste Beweis dafür, dass Gold und Goldminen-Aktien unterschiedliche Anlageklassen sind, unterschiedliche Tendenzen aufweisen und unter unterschiedlichen Aspekten gekauft werden, der langfristige Vergleich: Seit 2000 hat Gold bei niedrigerer Volatilität – also bei niedrigerem Risiko – mehr zugelegt als die Goldminen-Aktien. Und da frage ich mich, warum jetzt die Anleger, die immer behaupten, Gold würde eher als Diversifizierungs-Instrument und sicherer Hafen gekauft, immer wieder darauf reinfallen und stattdessen Goldminen-Aktien kaufen. Denn diese bieten bei einem ungünstigen Risikoprofil niedrigere Chancen. Kurzfristig mag es anders sein, kurzfristig können sie – wie auch Silber – durchaus stärker zulegen als Gold, aber langfristig nicht. Gold erfüllt einen ganz anderen Zweck, es dient nicht der Kapitalvermehrung, sondern dem Kapitalschutz, während Goldminen-Aktien reine Spekulation sind.

Herr Weinberg, besten Dank für das Interview.

Biallo-Tipp

Physisches Gold gehört unserer Meinung nach als Kapital- und Krisenschutz in jedes gut diversifizierte Portfolio. Doch die Aufbewahrung gestaltet sich meist schwierig. Zudem sollten sich Anleger gegen Diebstahl absichern. Mehr dazu erfahren Sie im folgenden Ratgeber: Wie Sie Ihre Goldschätze richtig versichern.

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nach seinem Studium für das Lehramt an Gymnasien mit der Fächerkombination Deutsch/Latein/Geschichte in Würzburg und Berlin entschied sich Sebastian Schick für den Journalismus. 2005 absolvierte er die Ausbildung zum Rundfunkjournalisten an der Akademie für Neue Medien in Kulmbach.

Direkt im Anschluss volontierte er beim Deutschen Anleger Fernsehen (DAF), wo er sich in seiner zehnjährigen Laufbahn ein umfangreiches Fachwissen zum Thema Geldanlage und Börse aneignete. Zuletzt baute er als Chefredakteur in Kooperation mit dem Kurier Medienhaus den österreichischen TV-Sender DAF Austria mit auf. Bei biallo.de schreibt er als Redakteur über das Thema Kredit und Geldanlage. 

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Quelle: www.datenschutzbeauftragter-info.de