Scalable-Chef zum Börsencrash: "Es gibt grundsätzlich zwei Szenarien"

Corona-Krise Scalable-Chef zum Börsencrash: "Es gibt grundsätzlich zwei Szenarien"

Sebastian Schick
von Sebastian Schick
18.03.2020
Auf einen Blick
  • Der digitale Vermögensverwalter Scalable Capital hat die Aktienquote in seinen Kundenportfolios deutlich abgebaut.

  • "Wir gehen dann wieder in den Markt, wenn das Risiko wieder fällt", sagt Scalable-Chef und Mitgründer Erik Podzuweit im Interview mit biallo.de.

  • Auch wenn die Lage im Moment alles andere als rosig aussieht, könnte sich laut Podzuweit gerade jetzt ein Einstieg mit einem ETF-Sparplan lohnen.
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Das Coronavirus sorgt für anhaltenden Verkaufsdruck an den Finanzmärkten. Selbst die vermeintlich "sicheren Häfen" wie Gold oder Staatsanleihen verzeichnen im Moment deutliche Kursverluste. Das bekommen auch die sogenannten Robo-Advisor zu spüren. Wie der digitale Vermögensverwalter Scalable Capital mit der aktuellen Situation umgeht und die weitere Entwicklung einschätzt, verrät Scalable-Chef und Mitgründer Erik Podzuweit im Interview mit biallo.de.

Herr Podzuweit, die Telefonleitungen dürften bei Ihnen in den vergangenen Tagen heiß gelaufen sein. Wie ist die Lage im Moment?

Erik Podzuweit: In der Tat ist im Moment sehr viel los, die Kommunikation mit unseren Kunden läuft auf Hochtouren. Bislang registrieren wir, dass zehn bis 15 Prozent im Moment sehr besorgt sind, der Großteil aktuell aber noch abwartet. Wenn man sich jetzt rein die Zuflusszahlen anschaut, dann würde man noch gar nicht vermuten, dass der Markt im Krisenmodus ist. Wir haben nach wie vor gute Zuflüsse, viele nutzen das aktuelle Niveau auch zum Nachkaufen.

Aber was natürlich im Moment sehr weh tut, sind die Marktverluste. Je nach Risikoklasse betragen die Rückgänge seit Jahresanfang sieben bis 25 Prozent. Wir halten unsere Anleger regelmäßig mit Kommentaren zur Marktlage auf dem Laufenden – sei es über Webinare oder per E-Mail – und wir achten im Team noch stärker als sonst darauf, jedes Telefonat anzunehmen und E-Mails sehr schnell zu beantworten, damit die Kunden nicht lange darauf warten müssen. Das ist jetzt ganz wichtig, da nah dranzubleiben.

Wie versuchen Sie und Ihre Mitarbeiter besorgten Kunden die Angst zu nehmen?

Podzuweit: Das funktioniert primär über Aufklärung. Das klingt immer wie eine Durchhalteparole: Aber am Ende des Tages ist es so, dass es nach jedem Bärenmarkt – selbst bei den allerschlimmsten – immer wieder nach oben geht. Manchmal sogar so schnell, dass die Bärenmärkte in wenigen Monaten wieder aufgeholt werden. Manchmal dauert es auch Jahre. Aber dabei übertrifft der neue Höchststand immer den alten. Das wird auch dieses Mal so sein. Es hängt alles davon ab, wie lange dieser Lockdown (Abriegelung; Anm. d. Red.) andauert.

Was, wenn dieser Lock- oder Shutdown-Zustand jetzt länger anhalten wird, mit Betriebsschließungen und Ausgangssperren?

Podzuweit: Dann bewegen wir uns in einem Szenario von einer mehrjährigen Rezession und nicht nur von zwei Quartalen.

Wie reagieren Sie in Ihren Portfolios auf die aktuelle Lage?

Podzuweit: Die ersten zwei Wochen hat unser Algorithmus noch nicht die Aktiengewichtungen reduziert. Da hieß es abwarten, weil empirisch betrachtet viele Korrekturen von zehn bis 15 Prozent sich meist auch wieder schnell erholen. Das ist diesmal aber nicht eingetreten. Die Risikolevels bleiben jetzt hoch, die Volatilitätsindizes wie der VDax und der VIX in den USA stehen schon seit Tagen über 70. Natürlich ist das Gebot der Stunde jetzt, Aktienquoten signifikant runterzufahren. Da haben wir in den Portfolios schon ein Drittel abgebaut und werden wahrscheinlich auch noch mehr abbauen. Und wir gehen dann wieder in den Markt, wenn das Risiko wieder fällt.

Gibt es auch Kunden, die jetzt kündigen?

Podzuweit: Ja. Wenn Kunden kündigen, dann aus zweierlei Gründen: Manche haben einfach Bedenken, weil die Kurse so stark fallen. Manche sagen aber auch: Ich würde im Grunde gern nachinvestieren, aber ich brauche das Geld im Moment. Wenn Sie ein Hotel haben, wenn Sie Berater sind, wenn Sie Events ausrichten – dann brauchen Sie in Situationen wie jetzt womöglich Liquidität. Typischerweise ist ja die Empfehlung, nur Geld am Kapitalmarkt anzulegen, das man mittelfristig nicht braucht. Aber in Extremsituationen müssen manche einfach an ihr Geld ran. Die Verkäufe erfolgen also nicht aufgrund einer bestimmten Anlagestrategie, sondern es kommt mittlerweile auch zum sogenannten Forced Selling (Zwangsverkauf; Anm. d. Red). Das verstärkt den Verkaufsdruck im Markt. Das haben wir bei Lehman auch gesehen und das ist eine gefährliche Spirale.

Lesen Sie auch: Robo-Advisor, wie schnell komme ich an mein Geld?

Auch wenn die Dynamik des Crashs im Moment heftiger ausfällt als bei Lehman: Ganz nüchtern betrachtet hat die Historie gezeigt, dass sich besonders in stark fallenden Märkten der Einstieg mit einem monatlichen ETF-Sparplan lohnen kann. Was meinen Sie?

Podzuweit: Absolut. Ein Sparplan, der den Einsatz über eine bestimmte Zeit lang streckt, ist immer eine gute Idee – vor allem jetzt! Wer im Januar beispielweise damit geliebäugelt hat, mit einem ETF-Sparplan in den Kapitalmarkt einzusteigen, für den ist es jetzt um 30 Prozent günstiger geworden. Natürlich kann der Markt immer noch weiter fallen, aber dann bekommt er auch mehr Anteile für seine Sparrate, was sich in der nächsten Aufwärtsbewegung auszahlt. Bei größeren Einmalsummen ist das Risiko derzeit schon höher, weil keiner weiß, wie weit es noch nach unten geht.

Mit welchem Szenario rechnen Sie?

Podzuweit: Es gibt grundsätzlich zwei Szenarien: Wenn wir jetzt eine positive News bekommen, eine unerwartet positive News, zum Beispiel dass die Zahl der Neuinfektionen in Europa und den USA geringer steigt als erwartet oder das Virus sich bei steigenden Temperaturen abschwächt oder ein Impfstoff gefunden wird – wenn solche News plötzlich auftauchen, dann könnten wir eine sehr schnelle und drastische Erholung am Kapitalmarkt erleben.

Und das zweite Szenario?

Podzuweit: Wenn sich die Nachrichtenlage weiter verschlechtert, dann wird der Abwärtsdruck anhalten oder sich sogar noch verstärken. In Europa ist bereits schon viel Negatives eingepreist, das größte Risiko sind im Moment die USA. Da kann man leider überhaupt noch nicht abschätzen, wie sich die Lage entwickeln wird. Da scheint es eine enorm hohe Dunkelziffer an Infizierten zu geben, weil es ein anderes Testsystem gibt. Die Leute sind oft schlecht oder gar nicht versichert. Viele haben extreme Bedenken, sich überhaupt testen zu lassen, und verschweigen deshalb die Symptome, um bloß keine Gesundheitskosten aufgebürdet zu bekommen. Wenn wir sozusagen die Lombardei in New York, Los Angeles, Boston und Chicago haben – dann haben wir das Tief bei Weitem noch nicht erreicht!

Wohin tendieren Sie?

Podzuweit: Ich wohne ja in Berlin. Wenn man schaut, wie sich die Leute hier am Wochenende verhalten haben: Da waren die Cafés, die Restaurants und die Parks brechend voll bei dem schönen Wetter! Ich halte das für sehr gefährlich.

In München leider auch.

Podzuweit: Von Eindämmung und Social Distancing ist da in der breiten Bevölkerung leider überhaupt noch nichts zu sehen!

Jetzt gibt es schon die ersten Überlegungen, auch die Börsen mal für ein paar Tage zu schließen, damit wenigstens hier etwas mehr Ruhe reinkommt. Was halten Sie von dem Vorschlag?

Podzuweit: Normalerweise halte ich nichts davon, der Markt muss seine Preise selbst finden. Aber das sind auch außergewöhnliche Zeiten im Moment. Aktuell fände ich diese Maßnahme gut – bei 09/11 hat man es ja auch gemacht. Im Moment geht es nicht um Preisbildung, sondern – wie bereits erwähnt – um Forced Selling. Neue Unternehmen gehen jetzt sowieso nicht an den Kapitalmarkt. Um da mal eine Beruhigung reinzubekommen und sich die Faktenlage anzuschauen, wäre das in dieser besonderen Situation kein schlechtes Unterfangen.

Jetzt wagen sich auch einige Kritiker aus der Deckung, die monieren, dass die Robos keine Short-Produkte zur Absicherung einsetzen können, sondern meist nur auf ETFs setzen.

Podzuweit: Bei ETFs gab es nie das Versprechen, dass ein einzelnes Produkt Risiken abfängt. Im Gegenteil: Wenn Sie einen Aktien-ETF auf den MSCI World, S&P 500 oder Dax einkaufen, dann machen Sie genau die Entwicklung der Indizes mit. Robos haben dagegen verschiedene Strategien: Manche setzen auf Buy and Hold, manche greifen aktiver ein – da gilt es letztlich abzuwarten, denn wir sind erst ganz am Anfang der Krise. Shortprodukte sind nicht wirklich für eine langfristige Anlagestrategie einsetzbar, sie kosten auf Dauer zu viel Geld, sprich Versicherungsprämie.

Lesen Sie auch: Die besten ETFs auf den MSCI World Index

Ein Kritikpunkt an den börsengehandelten Indexfonds ist auch, dass sie die Abwärtsdynamik noch beschleunigen würden.

Podzuweit: Dass ETFs die Krisenbeschleuniger sind, davon sehe ich im Moment gar nichts. Die Instrumente sind weiter gut handelbar, auch wenn die Handelsspannen etwas gestiegen sind, aber sogar die Corporate-Bond-ETFs sind derzeit weiter handelbar, ganz im Gegensatz zu den Unternehmensanleihen selbst. Der Markt wird nicht aufgrund irgendeiner Systematik, die den ETFs innewohnt, abverkauft, sondern weil die Leute krank werden und das wiederum den Konsum und die Konjunktur schwächt.

Was spricht im Moment klar für die Robos?

Podzuweit: Ein großer Vorteil von ETFs und Robos sind die günstigen Kosten, die 50 bis 70 Prozent niedriger ausfallen als bei aktiven Managern. Das ist langfristig ein unschlagbarer Vorteil. Was die generelle Beurteilung dieser singulären Krise angeht, muss man weiter beobachten. Für ein Fazit ist es viel zu früh, sogar für einen Zwischenstand ist es zu früh. Wir hatten am Freitag den größten Tagesgewinn im S&P 500 seit drei Jahrzehnten und am Montag den größten Tagesverlust seit 90 Jahren. Das schwankt im Moment noch zu stark, um eine endgültige Aussage zu treffen.

Herr Podzuweit, besten Dank für das Interview.

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nach seinem Studium für das Lehramt an Gymnasien mit der Fächerkombination Deutsch/Latein/Geschichte in Würzburg und Berlin entschied sich Sebastian Schick für den Journalismus. 2005 absolvierte er die Ausbildung zum Rundfunkjournalisten an der Akademie für Neue Medien in Kulmbach.

Direkt im Anschluss volontierte er beim Deutschen Anleger Fernsehen (DAF), wo er sich in seiner zehnjährigen Laufbahn ein umfangreiches Fachwissen zum Thema Geldanlage und Börse aneignete. Zuletzt baute er als Chefredakteur in Kooperation mit dem Kurier Medienhaus den österreichischen TV-Sender DAF Austria mit auf. Bei biallo.de schreibt er als Redakteur über das Thema Kredit und Geldanlage. 

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Direkt im Anschluss volontierte er beim Deutschen Anleger Fernsehen (DAF), wo er sich in seiner zehnjährigen Laufbahn ein umfangreiches Fachwissen zum Thema Geldanlage und Börse aneignete. Zuletzt baute er als Chefredakteur in Kooperation mit dem Kurier Medienhaus den österreichischen TV-Sender DAF Austria mit auf. Bei biallo.de schreibt er als Redakteur über das Thema Kredit und Geldanlage. 

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Quelle: www.datenschutzbeauftragter-info.de