Tom Friess zur Geldanlage: "Nicht alles auf eine Karte setzen"

Exklusiv-Interview Tom Friess zur Geldanlage: "Nicht alles auf eine Karte setzen"

Kerstin Weinzierl
von Kerstin Weinzierl
17.01.2019
Auf einen Blick
  • Politisches Tohuwabohu, Unsicherheiten an den Börsen: Tom Friess, Geschäftsführer des Vermögenszentrums (VZ), hält die damit verbundenen Ängste und Sorgen an den Finanzmärkten für überzogen.

  • Der Experte rät Anlegern zu mehr Weitsicht und Eigeninitiative: "Wenn ich in Aktien investiere, dann muss ich mich mit diesem Thema konkret auseinandersetzen und einen Anlagehorizont von mindestens zehn Jahren oder mehr mitbringen."

  • Das gilt ebenso für die Altersvorsorge. "Das Geheimnis und der Erfolg eines sinnvollen und flexiblen Rentenplans steckt in der Anlagestrategie", weiß Friess.
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Die aktuellen Börsengefahren sind Brexit, Italien, US-Handelsstreit. Wie hoch schätzen Sie die Gefahr einer weltweiten Rezession ein?

Tom Friess: Es ist richtig, dass die drei genannten Faktoren die Marktaussichten trüben. Besonders der Handelsstreit zwischen den USA und China verunsichert Investoren. Erschwerend kommt das Thema Liquiditätsschwemme hinzu. Damit meine ich, dass die Nationalbanken die Zinsen in Richtung Nullpunkt getrieben und riesige Anleiheankaufprogramme gestartet haben.

Zahlreiche Unsicherheitsfaktoren auf politischer Ebene bergen weitere Gefahren. Wir gehen aber davon aus, dass übergeordnet eine gewisse Vernunft siegen wird. Wie sich ja bereits abzeichnet, werden die USA und China in Verhandlungen einsteigen und hoffentlich moderatere Lösungen herbeiführen. Dasselbe gilt hinsichtlich Brexit und Italien. Insgesamt ist der Konjunkturzyklus in einem Reifegrad, von dem wir vermuten, dass sich das Wirtschaftswachstum abkühlen wird.

Die politischen Unsicherheitsfaktoren bremsen die Aktienmärkte. Wie schätzen Sie die Lage im Moment ein?

Friess: Wir beobachten nicht nur rückläufige Entwicklungen an den Aktienmärkten, sondern auch an den Anleihemärkten. Eigentlich ein faszinierendes Phänomen. Normalerweise funktioniert es ja eher so: Aktie runter, Anleihe hoch und umgekehrt.

Zwei Punkte sind wichtig: Der eine ist, dass wir fundamental ein positives Umfeld in Deutschland haben. Die Unternehmenszahlen zeigen eine relativ starke Gewinnsituation, robuste Bilanzen und in den meisten Fällen hohe Liquiditätsbestände. Die Gewinnentwicklung der Unternehmen ist nach wie vor günstig.

"Insgesamt kann man sagen, dass das konjunkturelle Umfeld weiterhin robust ist. Es tritt jedoch oftmals zu sehr in den Hintergrund politischer Ereignisse."

Der zweite Punkt ist, das Thema Bewertung. Wir erleben immer wieder Korrekturen an den Aktienmärkten – weltweit und in unterschiedlicher Ausprägung. Man kann aber sagen, dass das konjunkturelle Umfeld in den großen Volkswirtschaften oft in den Hintergrund politischer Ereignisse tritt.

Was können Sie den zunehmend verängstigten Sparern gerade in Krisensituationen raten?

Friess: In Krisensituationen zeigt sich, ob sich die gewählte Anlagestrategie auszahlt oder nicht. Anleger sollten sich darüber im Klaren sein, dass sie bei Aktien-Investments einen Anlagehorizont von mindestens zehn Jahren oder mehr haben. Nur dann kann das Anlagekapital Krisenzeiten erfolgreich überstehen und langfristig erfolgreich Vermögen aufbauen. Auch, wenn es auf den ersten Blick nicht den Anschein macht: Die Kursschwankungen an den Aktienmärkten der vergangenen Wochen waren keineswegs außergewöhnlich. Aktuell sind die Volatilitäts-Kennzahlen nicht weit von den 20-Jahres-Durchschnittswerten entfernt.

Das Sicherheitsgefühl der Deutschen ist ja seit Jahren eingeknickt. Was empfehlen Sie Ihren Kunden?

Friess: Das Problem ist, dass nur zehn Prozent der Deutschen jemals eine Aktie besessen haben. Nur wenige wissen überhaupt, was das für eine Anlageform ist. Viele fragen sich: Wie gehe ich an die äußerst attraktiven Kapitalanlagen wie Aktien, Anleihen oder auch Immobilien sowie Rohstoffe überhaupt ran? Die Auseinandersetzung mit dem Thema und das Verständnis dafür ist der erste wichtige Schritt für jede Art von Geldanlage.

"Deutsche Anleger gewichten oft deutsche Titel zu stark, was zu einem Klumpenrisiko führen kann."

Entscheidend für den Erfolg oder Misserfolg einer Investition ist die Anlagestrategie. Privatanleger schenken ihr aber häufig zu wenig Beachtung. Grundsätzlich gilt: Je länger man das Geld investiert und je besser man mit Kursschwankungen umgehen kann, desto größer darf der Aktienanteil sein. Vor einer Anlage sollten sich Verbraucher daher über den Anlagehorizont und die eigene Risikobereitschaft im Klaren sein.

"Wichtig ist, nicht alles auf eine Anlageklasse zu setzen."

Der Anteil einer einzelnen Aktie oder Anleihe sollte höchstens fünf Prozent der Gesamtinvestition betragen. Wichtig ist, nicht alles auf eine Anlageklasse zu setzen. Deutsche Anleger gewichten oft deutsche Titel zu stark, was zu einem Klumpenrisiko führen kann. Wer strategisch durchdacht anlegt, kommt nicht in Versuchung, zum falschen Zeitpunkt in ungeeignete Wertpapiere zu investieren.

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Viele Deutsche sorgen inzwischen privat fürs Alter vor. Aber was tun, wenn jemand bereits kurz vor der Rente steht und noch nicht entsprechend vorgesorgt hat? Was empfehlen Sie diesen Kunden?

Friess: Der erste Rat wäre, so schnell wie möglich eine Vorsorgestrategie zu entwickeln. Als zweites sollte man sich einen finanziellen Überblick verschaffen. Das heißt, welche Vermögenswerte besitze ich, welche Rentenansprüche habe ich aufgebaut – etwa zur gesetzlichen und betrieblichen Rente? Wie sieht die aktuelle Einkommenssituation aus? Kann ich Ausgaben optimieren und zusätzliches Sparkapital freischaufeln? Anschließend geht es an die Umsetzung, also zum Beispiel mit einem ETF-Sparplan zusätzliches Vorsorgekapital aufbauen und dabei den Cost-Average-Effekt ausnutzen.

Auf was genau sollten sich Anleger bei Renteneintritt fokussieren?

Friess: Das Geheimnis eines sinnvollen und flexiblen Rentenplans steckt wiederum in der Anlagestrategie. Bewährt hat sich zum Beispiel die VZ "Etappen-Rente". Anders als bei den Versicherungen fließt das Vermögen hier in unterschiedliche Investments. Am Anfang legt der Kunde die Höhe der gewünschten Zusatzrente fest. Die Finanzexperten des VZ entwickeln auf dieser Basis eine flexible und robuste Anlagestrategie. Dazu wird das Kapital in zwei Teile gesplittet, in einen Verbrauchsteil und einen Wachstumsteil. Der erste Topf sichert die Zusatzrente für die erste Zehn-Jahres-Etappe. Hier ist das Geld sicherheitsorientiert angelegt. Der zweite Topf wird renditestark investiert. Aus den erzielten Gewinnen speist sich dann der Kapitalvorrat für die nächste Verbrauchsetappe. Nach zehn Jahren beginnt die zweite Etappe.

Aber ganz ohne Risiko funktioniert das Ganze nicht, oder?

Friess: Ja, das ist richtig. Ein solches Anlagekonzept weist Schwankungen auf, hat jedoch höhere Renditechancen als eine Sofortrente. Der langfristige Anlagehorizont reduziert Verlustrisiken. Aufgrund der geringen Kosten und der hohen Transparenz setzt das VZ verstärkt auf ETFs. Doch auch hier gilt: Nur mit klaren Regeln und bewährten Strategien werden optimale Renditen erwirtschaftet.

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In den vergangenen Wochen haben einige klassische Vermögensverwalter eine digitale Vermögensverwaltung eingeführt. Plant das VZ auch einen Robo-Advisor?

Friess: Was versteht man eigentlich unter einem Robo-Advisor? Normalerweise ist ein Robo-Advisor ein Roboter, der Rat gibt. Die in Deutschland eingesetzten Robo-Advisors sind aber keine Ratgeber, sondern in erster Linie einfache, regelbasierte Anlagelösungen. Das heißt, man kann online einen Vermögensverwaltungsauftrag abschließen, ein Portfolio wählen und dieses wird nach bestimmten Regeln umgesetzt. Das ist durchaus sinnvoll. Die Thematik der regelbasierten Geldanlage beschäftigt das VZ schon seit über zehn Jahren. Wir bieten offline, also in der Beratung, auch Vermögensverwaltungsmandate an, die regelbasiert funktionieren. Dabei setzen wir ETFs ein. Wir arbeiten aber auch an digitalen Lösungen, es laufen zahlreiche Projekte hierzu. Über unser Finanz-Portal sind verschiedene regelbasierte Anlagen bereits für unsere Kunden zugänglich.

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Wie sieht es mit dem Megatrend Nachhaltigkeit aus? Bietet das VZ die Möglichkeit, in grüne Geldanlagen zu investieren?

Friess: Ein spannendes Thema. Wir finden nachhaltige Investments sehr gut. Wir standen vor der Frage, ob wir ein reines Nachhaltigkeits-Mandat entwickeln sollten oder ob es nicht sinnvoller ist, das Thema grundsätzlich einzubeziehen. Das Problem: Ein Mandat, das ausschließlich auf Nachhaltigkeit setzt und nur besondere Nachhaltigkeitsunternehmungen berücksichtigt, ist mit relativ hohen Risiken verbunden. Grund: Es gibt noch nicht genügend Produkte, die eingesetzt werden können. Damit stünde das VZ in punkto Diversifikation im Widerspruch zu den Grundsätzen der Portfolio-Bewirtschaftung.

Wir haben uns deshalb für das Mandat "Vermögensverwaltung mit nachhaltiger Fondsselektion" entschieden. Damit berücksichtigen wir bereits in der Auswahl unserer Fondsmandate das Thema Nachhaltigkeit – und zwar übergreifend bei allen Mandaten, die wir umsetzen. Sprich, die von der UN unterstützten "Prinzipien für verantwortliches Investieren" (UNPRI) sind etwas, worauf wir uns verpflichtet haben. Wir prüfen demnach alle unsere Investmentprodukte auf deren Fußabdruck in Bezug auf Nachhaltigkeit, sowie hinsichtlich des Themas "sozial verantwortlichem Investment" (SRI), und setzen das entsprechend um.

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Die Immobilienpreise zeigen sich von den jüngsten Turbulenzen unbeeindruckt und kletternweiter nach oben. Wo lohnt sich nach Ihrer Meinung derzeit noch eine Immobilie alsKapitalanlage?

Friess: Ich halte nichts von Verallgemeinerungen wie "Immobilien sind gut" oder "Immobilien sind schlecht". Ich bin ein großer Befürworter von Immobilienanlagen. Aber: Es gibt zurzeit nur sehr wenige Objekte, in die ich persönlich investieren würde. Da spielt vor allem das Thema "Schwarmstädte" eine große Rolle. Denn hier sind die Preise auf einem sehr hohen Niveau und können sogar noch weiter steigen. Heute muss man genau hinsehen und auch sehr genau nachrechnen, wenn ein Immobilienkauf zur Vermietung erfolgen soll. Viele Risiken sind im Vorfeld abzuwägen, etwa unerwartete bauliche Maßnahmen, Gesetzesänderungen, Mietvandalismus oder negative Veränderungen des Umfeldes. Da braucht es 1,5 bis 2,5 Prozentpunkte mehr Rendite pro Jahr als der sogenannte risikolose Zins – und da sind Steuern noch nicht eingerechnet. Das heißt, wir bewegen uns derzeit zwischen 2,5 bis 4,5 Prozent Mietrendite – nur wenn sich das im Ergebnis niederschlägt, wird ein Objekt interessant.

Im Unterschied zur EZB hat die US-Notenbank Fed die Leitzinsen bereits mehrmals angehoben.Wann wird die EZB nachziehen? Früher als erwartet?

Friess: Diese Entscheidung ist aus meiner Sicht noch nicht getroffen. Die EZB hat bereits 2017 die geldpolitische Normalisierung eingeleitet. Nämlich durch die Reduktion der monatlichen Anleihekäufe, und sie hat nochmals im November 2018 unterstrichen, dass sie an dieser Normalisierung festhalten will. Aufgrund der erwarteten Wachstums- und Inflationsabschwächung dürfte der Prozess aber eher langsam und graduell ablaufen. Ob damit rasche Zinsanhebungen verbunden sind, würde ich in der aktuellen Gemengelage bezweifeln. Auch die US-Notenbank Fed hat ja signalisiert, dass sie wahrscheinlich den Zinserhöhungszyklus nicht weiterbehalten wird. Deswegen ist es unklar, wie der Zinsfahrplan 2019 aussieht.

Herr Friess, vielen Dank für das Gespräch.

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Quelle: www.datenschutzbeauftragter-info.de