Wann kassiert die erste Großbank Kleinsparer ab?

Negativzinsen Wann kassiert die erste Großbank Kleinsparer ab?

Sebastian Schick
von Sebastian Schick
15.02.2017
Auf einen Blick
  • Immer mehr Banken reichen den negativen Einlagezins der EZB an große Firmenkunden und institutionelle Kunden weiter.
  • Strafzinsen für Kleinsparer sind bislang noch tabu. "Indirekt wurde das Tabu bereits gebrochen", sagt Bankenprofessor Wolfgang Gerke gegenüber biallo.de.
  • Eine Recherche der Biallo-Redaktion zeigt: Die großen Privatbanken fassen das Thema Negativzinsen für Privatkunden derzeit nur mit Samthandschuhen an.

 

 

 

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Der Aufschrei in den Medien war groß, als die FAZ vor einer Woche berichtete, dass die größte Sparkasse Deutschlands - die Hamburger Sparkasse (Haspa) – Negativzinsen für Firmenkunden einführt. Dabei hatte Haspa-Sprecherin Stefanie von Carlsburg bereits kurz vor Weihnachten unserer Redaktion bestätigt, dass dieser Schritt vollzogen wurde: "Die auf Dauer angelegte Negativzinspolitik der EZB macht es auch für die Hamburger Sparkasse notwendig, für größere Guthaben von institutionellen Anlegern und Firmenkunden ein Verwahrentgelt zu nehmen", sagte von Carlsburg damals. "Wir werden aber alles daran setzen, Negativzinsen auf Spareinlagen von unseren privaten Kunden so lange wie möglich fernzuhalten."

Wer bricht zuerst das Tabu?

Negativzinsen für Privatkunden sind ein äußerst sensibles Thema in der Bankenbranche und gelten immer noch als Tabu. "Indirekt wurde das Tabu bereits gebrochen, indem die Banken in großem Umfang neue Gebühren einführten", sagt Wolfgang Gerke, Präsident des Bayerischen Finanz Zentrums, im Gespräch mit biallo.de. "Nur die Angst vor den Wettbewerbern hält sie noch von der Einführung von Negativzinsen ab."  

Bislang verlangen nur wenige kleine Genossenschaftsbanken Strafzinsen von Privatkunden. Die Volksbank Raiffeisenbank Niederschlesien ist das erste Geldinstitut, das Einlagen ab dem ersten Euro belastet. Der Strafzins versteckt sich dabei hinter einer Verwahrgebühr. Je höher der Anlagebetrag ausfällt, desto mehr steigen die Gebühren.  

Getarnter Strafzins  

Wer zum Beispiel 10.000 Euro auf dem Tagesgeldkonto zum aktuellen Zinssatz von 0,01 Prozent anlegt, muss monatlich fünf Euro Verwahrentgelt zahlen. Macht am Jahresende eine Gebühr von 60 Euro. Zieht man einen Euro ab, den die Zinsen abwerfen, liegt die Strafgebühr damit bei 59 Euro - also bei knapp 0,6 Prozent. Das ist deutlich mehr als die 0,4 Prozent negativer Einlagezins, den Banken zahlen müssen, wenn sie über Nacht überschüssiges Geld bei der EZB parken.  

Experten gehen davon aus, dass die EZB frühestens 2018 den negativen Einlagensatz für Banken anheben wird. "Für die Sparer ist es leider egal, wie lange die EZB auf ihrer Negativzinspolitik beharrt", meint Bankenexperte Gerke. "Die Sparer werden erkennen müssen, dass die EZB alles daran setzen wird, die Zinsen unter der Inflationsrate zu halten. Die Sparer bleiben also die Geschädigten und die Finanzminister mit ihrer Staatsverschuldung die Begünstigten."  

"Dramatische Ertragseinbrüche"  

Zu den Geschädigten zählen auch Geldinstitute mit einem dominanten Einlagengeschäft, traditionell Sparkassen und Genossenschaftsbanken. "Die Nullzinspolitik der EZB beschert ihnen dramatische Ertragseinbrüche, die sie durch Kostensenkungen und Gebühren nicht auffangen können", konstatiert Gerke. Zwar helfe den Banken das Geschäft mit Konsumenten- und Baukrediten bei der Suche nach Ertragsbringern. Allerdings entstehen dadurch "bei einigen Instituten neue Gefährdungen im Fall des Platzens einer Immobilienblase", warnt Gerke.

Was sagen die Privatbanken?  

Auch den großen Privatbanken macht der negative Einlagezins der EZB zunehmend zu schaffen. "Die Deutsche Bank beobachtet sehr aufmerksam und fortlaufend die Auswirkungen der negativen Marktzinsen auf die Kunden und die Bank", sagte eine Deutsche-Bank-Sprecherin gegenüber biallo.de. Allerdings plane das Geldinstitut derzeit nicht, im breiten Kundengeschäft Kosten für Einlagen an die Kunden weiterzugeben. Dennoch: "Für institutionelle Kunden mit zusätzlichem Bedarf an Einlageprodukten ist die Bank im engen Dialog, um passende Anlagealternativen oder Kompensationsmodelle zu vereinbaren."

Ähnlich äußert sich Deutschlands zweitgrößte Bank, die Commerzbank: "Auf Einlagen von Privat- und Geschäftskunden berechnen wir derzeit keine negativen Zinsen", erklärte ein Commerzbank-Sprecher. "Bei Firmenkunden, großen Konzernen, institutionellen Kunden und Kunden des öffentlichen Sektors, die hohe Guthaben als Einlagen bei uns parken, vereinbaren wir verstärkt für die überschüssige Liquidität eine individuelle Guthabengebühr." Dabei sei es nicht das Ziel, diese Gebühr zu erheben, "sondern in Gesprächen mit den Kunden gemeinsam alternative Anlagekonzepte zu entwickeln", betonte der Commerzbank-Sprecher.

Die Hypovereinsbank bläst ins gleiche Horn: "Für Sicht- und Spareinlagen bezahlt kein Privat- oder Geschäftskunde der Hypovereinsbank Negativzinsen", sagte ein Sprecher der Unicredit-Tochter. "Bei institutionellen Kunden, Kunden des öffentlichen Sektors und Firmenkunden mit besonders hohen Einlagenvolumina entwickeln wir in individuellen Gesprächen alternative Anlagelösungen und Kompensationsmodelle."  

Auch für die Postbank sind Negativzinsen für Privatkunden "derzeit nicht vorstellbar". Wie Postbank-Sprecherin Iris Laduch-Reichelt gegenüber biallo.de erklärte, befinde sich die Postbank schon länger im Dialog mit institutionellen Kunden, "um eine für beide Seiten zufriedenstellende Lösung für die Verwahrung ihrer Einlagenpositionen zu finden".  

Angst vor Kundenabwanderung  

Die Recherche der Biallo-Redaktion bei den vier großen Privatbanken zeigt: Die Geldinstitute fassen das Thema Negativzinsen für Privatkunden im Moment nur mit Samthandschuhen an. Keine Bank will sich zu weit aus dem Fenster lehnen. Zu groß ist offenbar die Angst, dass man die eigenen Kunden vergraulen könnte.

Bankenexperte Wolfgang Gerke hat eine klare Empfehlung für Sparer, der schleichenden Enteignung infolge der Negativzinspolitik der EZB entgegenzutreten: "Ich rate zu Zins-Hopping", so Gerke. "In Zeiten der Negativzinsen ist ein ständiger Konditionenvergleich zwischen den Banken unumgänglich. Ein Blick zu den Direktbanken lohnt sich."

Biallo-Tipp

Laut Biallo-Index haben die Tagesgeld-Zinsen im Februar ein neues Allzeittief markiert. Bei einem Anlagevolumen von 10.000 Euro belaufen sich die Tagesgeld-Zinsen von 123 Anbietern nur noch auf durchschnittlich 0,20 Prozent. Ein Blick auf unseren Tagesgeld-Vergleich zeigt, dass es auch deutlich bessere Konditionen gibt. So bieten Consorsbank und ING-Diba für Neukunden immer noch einen Zins von 1,0 Prozent. Allerdings sollten Anleger hier die begrenzten Laufzeiten von vier bis sechs Monaten beachten. Durch sogenanntes Zins-Hopping - also dem regelmäßigen Anbieterwechsel - können Sparer die fortschschreitende Geldentwertung zumindest weitgehend kompensieren.

Biallo-Lesetipp

Immer mehr Filialbanken drehen kräftig an der Gebührenschraube. Scheinbar kostenlose Girokonten werden schnell zur Gebührenfalle. Mehr dazu lesen Sie in unserem Artikel: "Der absolute Gebühren-Wahnsinn!"

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nach seinem Studium für das Lehramt an Gymnasien mit der Fächerkombination Deutsch/Latein/Geschichte in Würzburg und Berlin entschied sich Sebastian Schick für den Journalismus. 2005 absolvierte er die Ausbildung zum Rundfunkjournalisten an der Akademie für Neue Medien in Kulmbach.

Direkt im Anschluss volontierte er beim Deutschen Anleger Fernsehen (DAF), wo er sich in seiner zehnjährigen Laufbahn ein umfangreiches Fachwissen zum Thema Geldanlage und Börse aneignete. Zuletzt baute er als Chefredakteur in Kooperation mit dem Kurier Medienhaus den österreichischen TV-Sender DAF Austria mit auf. Bei biallo.de schreibt er als Redakteur über das Thema Kredit und Geldanlage. 

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Quelle: www.datenschutzbeauftragter-info.de