"Oftmals subventionieren die Onlinekunden die Filialkunden"

Girokonto "Oftmals subventionieren die Onlinekunden die Filialkunden"

Horst Biallo
von Horst Biallo
29.11.2017
Auf einen Blick

Immer mehr Geldinstitute überarbeiten ihre Gebührenstrukturen rund ums Girokonto. "Es sind neue Modelle gefragt", sagt Christian Zilch, Prokurist der Raiffeisenbank Oberursel, im Interview mit biallo.de.

Artikelbewertung
Teilen
Schrift

Online- oder Filialkonto? Das ist natürlich immer auch eine Frage des Preises. Bestes Beispiel: die Raiffeisenbank Oberursel. Während das Online-Konto das günstigste aller Filialbanken in Hessen ist, zählt das "FullService-Konto" bundesweit zu den teuersten Kontomodellen. Im Interview mit biallo.de nennt Christian Zilch, Prokurist der Raiffeisenbank Oberursel, die Gründe für den deutlichen Preisunterschied.

Herr Zilch, Sie bieten Ihr Online-Konto gratis an. Das "FullService-Konto" kostet dagegen 30 Euro im Monat. Wie erklären Sie das Ihren Kunden?

Zilch: Die Digitalisierung hat längst Einzug in den Alltag der Menschen gehalten und macht auch vor Bankdienstleistungen nicht Halt. Sie hat das Nutzerverhalten von Bankkunden in den letzten Jahren nachhaltig verändert und führt dazu, dass herkömmliche Preismodelle nicht mehr zu den Anforderungen unserer digitalen Gesellschaft passen. Es sind neue Modelle gefragt. Neue Modelle, die den neuen Anforderungen der Gesellschaft gerecht werden.

Was bedeutet das für Sie und Ihre Kunden?

Zilch: Aus Kundenzufriedenheits-Umfragen wissen wir, dass eine transparente und leistungsbezogene Gebührenstruktur gewünscht wird. Mit unseren neuen Kontomodellen, die wir seit dem 1. August 2017 anbieten, werden wir den Anforderungen an ein modernes Banking gerecht. Jeder Kunde kann das Angebot auswählen, das seinen Bedürfnissen entspricht - und zahlt nur noch für die Leistungen, die sie auch tatsächlich in Anspruch nimmt.

Laufen Ihnen nicht die Kunden zum Beispiel Richtung Taunus Sparkasse davon?

Zilch: Wir sind selbstbewusst zu sagen: Der Wettbewerb spornt uns nur an. Die Taunus Sparkasse bietet beispielsweise kein kostenfreies Online-Konto und keine Online Filiale, die über Innovationen wie zum Beispiel einen Robo-Advisor verfügt. Das sind aber die Dinge, die Kunden heute zunehmend von ihrer Bank erwarten und genau das bieten wir an.

Und wie sieht es mit dem teuren Service-Konto aus?

Zilch: Das ist nicht so teuer, wie es auf den ersten Blick aussieht. Es gibt nach wie vor sehr viele Menschen, die persönlichen Service schätzen und ihre Bankgeschäfte nicht online, sondern mit einem Menschen abwickeln wollen. Diese Anforderungen erfüllen wir mit unserem FullService-Konto. Es ist eines der wenigen Konten, bei denen im Pauschalpreis sämtliche Leistungen enthalten sind. Angefangen von der Kontoführung über Girocards, eine Kreditkarte in Gold mit einem tollen Versicherungspaket, beleghaften Überweisungen bis hin zu persönlichen Beratungsleistungen. Es gibt auch attraktive Bonusangebote wie zum Beispiel sieben Prozent Rückvergütung auf Urlaubsreisen sowie eine Reiserücktrittsversicherung. Wenn Sie beispielsweise als Familie für 4.000 Euro verreisen, erhalten Sie eine Rückvergütung von 280 Euro und sparen sich die Police, die ansonsten 100 Euro gekostet hätte. Damit haben Sie schon mehr als den Jahrespreis des FullService-Kontos eingespart.

Sollen wir Sie weiterhin zum Thema Girokonto auf dem Laufenden halten? Dann abonnieren Sie unseren kostenlosen Newsletter!

Bitte geben Sie eine korrekte E-Mail Adresse ein
Unsere Datenschutzerklärung finden Sie hier.

Wie haben Ihre Kunden auf die neuen Gebühren reagiert?

Zilch: Wir haben unsere Kunden frühzeitig umfassend und transparent über unsere neuen Kontomodelle informiert. Einige konnten zunächst nicht glauben, dass das OnlineOnly-Konto tatsächlich kostenfrei ist und der Pauschalpreis beim FullService-Konto wirklich alle notwendigen Leistungen beinhaltet. Eine so konsequente Transparenz haben einige Kunden einer Bank nicht zugetraut, damit grenzen wir uns sehr deutlich von vielen Mitbewerbern ab.

Hat es einen Run auf das kostenlose Online-Konto gegeben?

Zilch: Nein. Aber Kunden, die ihre Bankgeschäfte bereits heute zu großen Teilen über das Internet abwickeln, haben in der Regel auf das OnlineOnly-Konto umgestellt. Wer wie bisher seine Bankgeschäfte in einer der Geschäftsstellen abwickeln möchte, hat sich in der Regel für das FullService-Konto entschieden.

Und wie viele Kunden haben Sie denn nun verloren?

Zilch: Ein kleiner Teil der Kunden hat uns verlassen und ist zu einer anderen Bank gewechselt. Das waren insgesamt rund fünf Prozent, die ein privates Girokonto bei uns unterhalten haben. Das heißt aber auch: 95 Prozent sind mit uns und unsere neuen, ehrlichen Linie einverstanden. Darauf sind wir wirklich stolz.

Sind Filialkonten wirklich nur zu diesem stolzen Preis kostendeckend? Werden günstigere tatsächlich dann quersubventioniert?

Zilch: Ja. Um Filialkonten kostendeckend anbieten zu können, ist dieser Kostenbeitrag nötig. Bei den meisten Banken wird quersubventioniert. Das fängt innerhalb der Girokonten an. Oftmals subventionieren die Onlinekunden die Filialkunden! Das ist absolut nicht fair! Warum soll ein Online-Kunde für Kosten aufkommen, die ein Filialkunde verursacht? Vielfach findet Quersubvention aber auch über ganz andere Geschäftsbereiche statt.

Ihr Schritt ist zugegeben mutig und wird von anderen Banken mit Interesse beobachtet. Werden andere Ihrem Beispiel folgen oder haben das schon getan?

Zilch: Natürlich haben wir das Preismodell eingeführt, weil wir es für fair und zukunftsfähig halten. Unser bisherige Erfahrung damit, die Rückmeldungen der Kunden und auch die Anfragen von anderen Banken bestärken uns in unserer Meinung. Wir sind davon überzeugt, ein Modell der Zukunft entwickelt zu haben, das auch für andere Banken interessant sein kann.

Online-Kunden müssen für eine Beratung 100 Euro pro Stunde bezahlen, wenn sie kein entsprechendes Produkt abschließen, Filialkunden nicht. Wie kommt das bei Ihrer Kundschaft bisher an?

Zilch: Wir bieten als eine der ersten Banken bundesweit Innovationen wie MeinInvest, einen digitalen Anlageassistenten, an. Wer dennoch eine Beratung wünscht, kann diese – im Gegensatz zu einer Direktbank – von uns bekommen. In der Regel lassen sich die Kunden mit dem Ziel, auch den Abschluss zu machen, beraten. In diesem Fall ist die Beratung kostenfrei. Nur wenn ein Kunde ausschließlich Beratungsdienstleistungen in Anspruch nimmt und kein Geschäft mit uns eingeht, muss er für die Beratung bezahlen. Das ist doch absolut fair. So zahlt jeder das, was er in Anspruch nimmt. In anderen Branchen wie bei Steuerberatern oder Rechtsanwälten ist dies seit Jahren üblich. Mit dem Unterschied, dass diese häufig deutlich teurer als 100 Euro pro Stunde sind.

Gibt es erste Erfahrungen mit dem am 1. August 2017 eingeführten Beratungsmodell?

Zilch: Die erste Honorarvereinbarung haben wir bereits in der ersten August-Woche getroffen. Für die Kunden war das zwar ungewohnt. Aber wir sind auch auf viel Verständnis gestoßen. Zu den ersten Rückerstattungen von Beratungshonoraren aufgrund von Abschlüssen kam es in der zweiten Augustwoche. Sie sehen: eine Win-win-Situation für den Kunden und die Bank.

Herr Zilch, besten Dank für das Gespräch.

Kurzvita

Christian Zilch (38) ist Prokurist der Raiffeisenbank Oberursel eG und verantwortet als Bereichsleiter Vertrieb den Marketingbereich sowie das Privatkundengeschäft der Bank. Das Privatkundengeschäft umfasst neben den Girokonto- und Kartenprodukten alle Anlage- und Wertpapierthemen sowie das Konsumentenfinanzierungsgeschäft im klassischen Filialgeschäft sowie in der Online-Filiale der Bank. Zilch trat 1999 als Berater im Privatkundengeschäft in "Meine Bank" ein und ist seit 2004 als Markt-Bereichsleiter tätig.

Ihre Meinung ist uns wichtig
Horst Biallo
Horst Biallo
Herausgeber und Gründer biallo.de
Jetzt Artikel bewerten
E-Mail an den Autor
Artikel kommentieren
Horst Biallo
Horst Biallo

Jahrgang 1954, studierte Wirtschaft und absolvierte eine Ausbildung zum Wirtschaftsjournalisten bei der Tageszeitung Die Welt. Später machte er sich selbstständig, schrieb für Wirtschaftswoche, Stern und zahlreiche Tageszeitungen. Er ist Autor mehrerer Fachbücher, u.a. "Die geheimen deutschen Weltmeister" und "Die Doktormacher". Im Jahr 1999 gründete er das Verbraucherportal www.biallo.de, vier Jahre später www.geldsparen.de und 2009 www.biallo.at. Horst Biallo ist verheiratet und hat drei Kinder.

E-Mail an den Autor
Artikelbewertung
Teilen
Drucken
Zur Startseite
Horst Biallo
Horst Biallo

Jahrgang 1954, studierte Wirtschaft und absolvierte eine Ausbildung zum Wirtschaftsjournalisten bei der Tageszeitung Die Welt. Später machte er sich selbstständig, schrieb für Wirtschaftswoche, Stern und zahlreiche Tageszeitungen. Er ist Autor mehrerer Fachbücher, u.a. "Die geheimen deutschen Weltmeister" und "Die Doktormacher". Im Jahr 1999 gründete er das Verbraucherportal www.biallo.de, vier Jahre später www.geldsparen.de und 2009 www.biallo.at. Horst Biallo ist verheiratet und hat drei Kinder.

E-Mail an den Autor
Newsletter
Keine News mehr verpassen
Bitte geben Sie eine korrekte E-Mail Adresse ein:
Unsere Datenschutzerklärung finden Sie hier.

Regeln für das Schreiben von Kommentaren:

  1. Kommentieren Sie sachlich und ohne persönliche Angriffe.
  2. Verfassen Sie keine Beiträge mit strafbarem, diskriminierendem, rassistischem, anstößigem, beleidigendem oder kommerziellem Inhalt und verweisen Sie nicht auf Seiten mit solchem Inhalt.
  3. Stellen Sie weder zu lange Texte noch Bilder ein, außer, wenn es unbedingt nötig ist.
  4. Veröffentlichen Sie keine personenbezogenen Daten Dritter, wie Namen, Adressen, Telefonnummern oder E-Mail-Adressen.
  5. Wenn Sie persönliche Mitteilungen oder Texte anderer Verfasser einstellen oder Kommentare anderweitig veröffentlichen möchten, beachten Sie die Rechte Dritter. Bei einer Verletzung dieser Rechte (z.B. Persönlichkeitsrecht, Urheberrecht, Datenschutz) haften Sie.
  6. Sie haben die Möglichkeit, Ihren Benutzernamen frei zu wählen. Sie sollten aber im eigenen Interesse markenrechtlich geschützte Namen vermeiden.

Quelle: www.datenschutzbeauftragter-info.de