Cannabis auf Rezept: 40 Prozent der Anträge abgelehnt

Krankenkassen Cannabis auf Rezept: 40 Prozent der Anträge abgelehnt

Annette Jäger
von Annette Jäger
20.04.2018
Auf einen Blick
  • Kassen- und Privatpatienten können seit einem Jahr bei bestimmten Indikationen medizinisches Cannabis auf Rezept erhalten.

  • Vor der ersten Verordnung ist eine Genehmigung der Krankenkasse oder des privaten Krankenversicherers nötig.

  • Patienten sollten sich an einen erfahrenen Arzt wenden, der sich nicht nur mit der Antragsstellung auskennt sondern auch, was Darreichungsform und Dosierung von Cannabis als Medizin angeht.
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Bei bestimmten Indikationen können die gesetzlichen und privaten Krankenversicherer seit März 2017 die Kosten für Cannabis als Medizin übernehmen. Das Medikament soll schwerkranken Menschen zur Linderung ihrer Beschwerden verhelfen. Ein Jahr nach der Einführung des Cannabisgesetzes ist die Verordnung der Substanz aber längst noch keine Routine geworden.

Rund 40 Prozent der Anträge werden abgelehnt

Wird Cannabis das erste Mal vom Arzt verordnet, muss der Mediziner vorher bei der Krankenkasse eine Genehmigung einholen. Rund 13.600 Anträge gingen seit der Einführung des Gesetzes allein bei diesen drei großen Krankenkassen ein: der Techniker, der Barmer und dem AOK Bundesverband, dem die regionalen AOKs angehören. Nur rund 60 Prozent der Anträge auf Kostenübernahme durch die Krankenkassen werden auch genehmigt. Diese Zahlen hat das Wissensportal Leafly.de erhoben.

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Oftmals sind es formale Gründe, die zu einer Ablehnung führen, hat Leafly.de recherchiert. Vor allem hapert es immer wieder an der medizinischen Begründung, warum Cannabis zum Einsatz kommen soll.

Die Bilanz nach einem Jahr: Es ist insgesamt einfacher und verbraucherfreundlicher geworden, Cannabis auf Rezept zu erhalten, aber deshalb noch lange nicht für alle möglich.

Cannabis auf Rezept: Nur bei schwerwiegenden Krankheiten

In der Tat ist Cannabis nicht so leicht zu verordnen wie übliche Schmerzmittel. Es müssen vielmehr vier Voraussetzungen erfüllt sein, damit der Arzt Cannabis verschreiben und die Krankenversicherung es genehmigen kann. Zunächst muss die Krankheit als schwerwiegend eingestuft sein. In Frage kommt die Substanz etwa bei Erkrankungen wie Krebs, Multiple Sklerose oder HIV, aber zum Beispiel auch bei ADHS. Allerdings reicht die Diagnose alleine nicht aus.

Eine weitere Voraussetzung ist, dass Standardtherapien ausgereizt sind und sich als wirkungslos erwiesen haben oder aber zu viele Nebenwirkungen aufzeigen. Zudem muss durch den Einsatz von Cannabis eine plausible Aussicht auf Besserung gegeben sein – "eine nicht ganz entfernt liegende Aussicht auf eine spürbare positive Einwirkung auf den Krankheitsverlauf oder auf schwerwiegende Symptome" muss bestehen, so ist es im Gesetz formuliert (§ 31 Absatz 6 SGB V). Und schließlich muss die Substanz von einem Vertragsarzt verordnet werden.

Diese Voraussetzungen lassen viel Interpretationsspielraum. Sowohl bei welchen Diagnosen genau Cannabis als Medizin zum Einsatz kommen kann als auch wann genau eine Krankheit als schwerwiegend einzustufen ist. Ab wann Nebenwirkungen als nicht mehr erträglich gelten, ist ebenso nicht genauer im Gesetzestext beschrieben. Es bleibt demnach in der Verantwortung des Arztes, klar darzulegen, warum Cannabis auf Rezept notwendig ist. Wichtig ist, dass der Mediziner im Antrag ausführlich alle Therapieoptionen darlegt, die bereits zum Einsatz kamen.

Cannabis auf Rezept: Der richtige Arzt ist Mangelware

Doch die gut begründete medizinische Notwendigkeit ist nicht der einzige Grund, warum es mit der Verschreibung von Cannabis nicht immer so klappt. Auch auf den Medizinier selbst kommt es an. Grundsätzlich können Ärzte aller Fachrichtungen Cannabis verschreiben. Doch viele sind nicht gut informiert darüber, wann und wie die Substanz wirkt. Viele scheuen auch den bürokratischen Aufwand. Nicht zuletzt belastet die Verordnung von Cannabis das Budget des Arztes. Die Behandlung mit Cannabis ist teuer.

Apotheke haben Lieferengpässe

Vor März 2017 kostete ein Gramm Cannabis in der Apotheke zwischen zwölf und 15 Euro, inzwischen hat sich dieser Preis laut Leafly verdoppelt. Ein Grund für die hohen Preise ist der gestiegene Patientenbedarf, heißt es. Die deutschen Apotheken können den kaum decken. Sie sind auf Importware angewiesen. Die aus den Niederlanden importierte Menge reicht aber bei weitem nicht aus. Bis zu 100 Gramm im Monat kann der Arzt verschreiben. In Frage kommt die Substanz in Form einer Fertigarznei oder als getrocknete Blüten. Die erste Ernte von Cannabisblüten in Deutschland wird noch auf sich warten lassen.

Krankenkassen müssen Fristen einhalten

Die Kassen prüfen jeden Einzelfall, dafür wird ein Gutachten des Medizinischen Dienstes der Krankenversicherung (MDK) wird eingeholt. Zur Beurteilung werden Arztberichte und alle verfügbaren Unterlagen miteinbezogen. Die Aussage des MDK – der MDK ist regional organisiert und jeweils für mehrere Krankenkassen zuständig – ist ausschlaggebend für die Entscheidung der Krankenkasse.

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Berechnungsgrundlage / Modellfall: 

Die Kasse muss den Fall innerhalb von drei bis fünf Wochen geprüft haben, bei einer ambulanten Schmerztherapie muss sie innerhalb von drei Tagen reagieren. Die Kasse darf die Cannabis-Therapie grundsätzlich nur in begründeten Fällen verweigern. Lehnt die Krankenversicherung die Verordnung ab, kann der Patient Widerspruch einlegen. Wird dieser wieder abgelehnt, ist der Gang vor das Sozialgericht eine Option.

Falls die Krankenkasse die oben genannten Fristen versäumt, ist die Kasse verpflichtet, die Kosten für die Cannabis-Verordnung zu tragen, auch wenn nicht alle Voraussetzungen erfüllt sind. Denn dann greift die sogenannte Genehmigungsfiktion, die in Paragraf 13 Abs. 31, Fünftes Sozialgesetzbuch beschrieben ist. Das hat das Sozialgericht Dortmund entschieden (Az. S 8 KR 435/14).

Cannabis für Privatpatienten ist gedeckt

Auch Privatpatienten können Cannabis auf Privatrezept erhalten. In den Musterbedingungen für Krankheitskosten ist die Gabe der Substanz auf Grundlage des Paragrafen 4, Absatz 6 gesichert: "Der Versicherer leistet im vertraglichen Umfang für Untersuchungs- oder Behandlungsmethoden und Arzneimittel, die von der Schulmedizin überwiegend anerkannt sind. Er leistet darüber hinaus für Methoden und Arzneimittel, die sich in der Praxis als ebenso erfolgversprechend bewährt haben oder die angewandt werden, weil keine schulmedizinischen Methoden oder Arzneimittel zur Verfügung stehen", heißt es. Auch im Basis- und Standardtarif kann Cannabis verschrieben werden, denn diese Tarife lehnen sich an die Leistungen der gesetzlichen Krankenversicherung an.

In der privaten Krankenversicherung muss die ärztliche Verordnung ebenfalls genehmigt werden. In dringenden Fällen müssen die Versicherer die Erstattungsfähigkeit innerhalb von zwei Wochen prüfen, ansonsten haben sie vier Wochen Zeit. Auch hier gilt die Verordnung als genehmigt, wenn der private Krankenversicherer die Frist versäumt.

Biallo-Lesetipp

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während meines Studiums der Neueren Geschichte in München begann ich als freie Journalistin zu arbeiten, unter anderem für die Süddeutsche Zeitung. Im Jahr 2000 kam ich zu biallo.de, damals waren Versicherungsthemen für mich Neuland, über Gesundheitspolitik las ich in der Zeitung oder bekam die Auswirkungen als Patientin zu spüren.

Schnell stellte ich fest, dass der unverstellte Blick von außen durchaus von Vorteil ist bei der kritischen Aufbereitung dieser Themen. Bei Biallo schreibe ich noch immer über Versicherungen, Gesundheit und Soziales. Neuland sind diese Themen heute nicht mehr.

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Quelle: www.datenschutzbeauftragter-info.de