Krankenkasse: Cannabis auf Rezept

Gesundheit Krankenkasse: Cannabis auf Rezept

Update: 12.10.2017
Annette Jäger
von Annette Jäger
12.10.2017
Auf einen Blick
  • Kassen- und Privatpatienten können seit März bei bestimmten Indikationen Cannabis als Medizin auf Rezept erhalten.

  • Vor der ersten Verordnung ist eine Genehmigung der Krankenkasse oder des privaten Krankenversicherers nötig.

  • Patienten sollten sich an einen erfahrenen Arzt wenden, der sich nicht nur mit dem Genehmigungsprozedere auskennt, sondern auch was Darreichungsform und Dosierung von Cannabis als Medizin angeht.
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Bei bestimmten Indikationen können die gesetzlichen und privaten Krankenversicherungen seit März 2017 die Kosten für Cannabis als Medizin übernehmen. Während früher die Verordnung von Cannabis als Arzneimittel die Ausnahme war, ist es jetzt umgekehrt: "Die Kostenübernahme wird mit der Gesetzesänderung zukünftig eher die Regel sein", sagt Michael Bialek, Gesundheitsexperte bei der Verbraucherzentrale Bayern.

Bei der Krankenkasse Barmer sind seit dem Inkrafttreten des Cannabis-Gesetzes am 10. März 2017 über 2.250 Anträge auf Kostenübernahme eingegangen. Davon wurden etwa 1.350 genehmigt und 900 abgelehnt. Die Zahlen machen deutlich: es ist einfacher und verbraucherfreundlicher geworden, Cannabis auf Rezept zu erhalten, aber deshalb noch lange nicht für alle möglich.

So viele Anträge auf Cannabis als Medizin haben vier große Krankenkassen bisher genehmigt.

Krankenkasse + VersicherteAnträge insesamtAnträge genehmigtAnträge abgelehnt
Techniker 9,9 Millionen Versicherte1.250*730**
Barmer 9,3 Millionen Versicherte2.2501.350900
AOK Baden-Württemberg 4,2 Millionen Versicherte923639111
IKK Classic 3,3 Millionen Versicherte623369251


*Bis 14.08.2017 **Zahlen noch nicht endgültig erhoben. Viele Anträge sind noch im laufenden Verfahren. Stand: 30. September 2017

Cannabis auf Rezept: nur bei schwerwiegenden Krankheiten

Das liegt unter anderem an vier Voraussetzungen, die erfüllt sein müssen, damit der Arzt Cannabis verschreiben und die Krankenversicherung es genehmigen kann. Zunächst muss die Krankheit als schwerwiegend eingestuft sein. Bei Erkrankungen wie Krebs, Multiple Sklerose oder HIV kann Cannabis als Medizin in Frage kommen. Aber auch bei vielen anderen Indikationen. Allerdings reicht die Diagnose alleine nicht. "Es müssen Symptome sichtbar sein", erklärt Bialek.

Außerdem müssen Standardtherapien ausgereizt sein und sich als wirkungslos erwiesen haben oder aber zu viele Nebenwirkungen aufzeigen. Zudem muss durch den Einsatz von Cannabis eine plausible Aussicht auf Besserung gegeben sein – "eine nicht ganz entfernt liegende Aussicht auf eine spürbare positive Einwirkung auf den Krankheitsverlauf oder auf schwerwiegende Symptome" muss bestehen, so ist es im Gesetz formuliert (§ 31 Absatz 6 SGB V). Und schließlich muss die Substanz von einem Vertragsarzt verordnet werden, "ein Heilpraktiker kommt nicht in Frage", so Bialek.

Diese Voraussetzungen lassen viel Interpretationsspielraum – sowohl bei welchen Diagnosen genau Cannabis als Medizin zum Einsatz kommen kann, als auch wann genau eine Krankheit als schwerwiegend einzustufen ist. Ab wann Nebenwirkungen als nicht mehr erträglich gilt, ist ebenso nicht genauer im Gesetzestext beschrieben.

Cannabis auf Rezept: Der richtige Arzt ist Mangelware

Es bleibt in der Verantwortung des Arztes, klar darzulegen, warum Cannabis auf Rezept notwendig ist. Wird Cannabis das erste Mal vom Arzt verordnet, muss der Mediziner vorher bei der Krankenkasse eine Genehmigung einholen.

Im Antrag sollte er ausführlich alle Therapieoptionen darlegen, die bereits zum Einsatz kamen. "Unvollständige sowie nicht ausreichend begründete Anträge auf Kostenübernahme sind die häufigsten Gründe für negative Prüfergebnisse", sagt ein Sprecher der Techniker Krankenkasse. Den richtigen Arzt zu finden, ist eine große Hürde.

Nicht alle sind offen dafür, die Substanz zu verschreiben. Viele scheuen auch den bürokratischen Aufwand. Darüber hinaus hat die Unabhängige Patientenberatung Deutschland (UPD) beobachtet, dass viele Ärzte noch nicht umfassend über die neuen Verschreibungsmodalitäten informiert sind. Nicht zuletzt belastet die Verordnung von Cannabis das Budget des Arztes – für manch einen mag auch das ein Grund sein, die Substanz nur ungern zu verschreiben.Privatpatienten haben das Problem nicht. Übrigens: Ärzte aller Fachrichtungen können Cannabis verschreiben.

Krankenkasse müssen Fristen einhalten

Die Kassen prüfen jeden Einzelfall, dafür wird ein Gutachten des Medizinischen Dienstes der Krankenversicherung (MDK) wird eingeholt. Zur Beurteilung werden Arztberichte und alle verfügbaren Unterlagen miteinbezogen. Die Aussage des MDK – der MDK ist regional organisiert und jeweils für mehrere Krankenkassen zuständig - ist ausschlaggebend für die Entscheidung der Krankenkasse.

"Die Kasse muss den Fall innerhalb von drei bis fünf Wochen geprüft haben, bei einer ambulanten Schmerztherapie muss sie innerhalb von drei Tagen reagieren", erklärt Bialek.

Die Kasse darf die Cannabis-Therapie grundsätzlich nur in begründeten Fällen verweigern. Lehnt die Krankenversicherung die Verordnung ab, kann der Patient Widerspruch einlegen. "Wird dieser wieder abgelehnt, ist der Gang vor das Sozialgericht eine Option", so der Gesundheitsexperte. Falls die Krankenkasse die oben genannten Fristen versäumt, ist die Kasse verpflichtet, die Kosten für die Cannabis-Verordnung zu tragen, auch wenn nicht alle Voraussetzungen erfüllt sind.

Denn dann greift die sogenannte Genehmigungsfiktion, die im §13 Abs. 31, Fünftes Sozialgesetzbuch beschrieben ist. Das hat das Sozialgericht Dortmund entschieden (Az. S 8 KR 435/14).

Cannabis für Privatpatienten ist gedeckt

Auch Privatpatienten können Cannabis auf Privatrezept erhalten. In den Musterbedingungen für Krankheitskosten ist die Gabe der Substanz auf Grundlage des §4, Absatz 6 gesichert: "Der Versicherer leistet im vertraglichen Umfang für Untersuchungs- oder Behandlungsmethoden und Arzneimittel, die von der Schulmedizin überwiegend anerkannt sind.

Er leistet darüber hinaus für Methoden und Arzneimittel, die sich in der Praxis als ebenso erfolgversprechend bewährt haben oder die angewandt werden, weil keine schulmedizinischen Methoden oder Arzneimittel zur Verfügung stehen", heißt es darin. "Auch im Basis- und Standardtarif kann Cannabis verschrieben werden, denn diese Tarife lehnen sich an die Leistungen der gesetzlichen Krankenversicherung an", sagt Bialek.

In der privaten Krankenversicherung muss die ärztliche Verordnung ebenfalls genehmigt werden. In dringenden Fällen müssen die Versicherer die Erstattungsfähigkeit innerhalb von zwei Wochen prüfen, ansonsten haben sie vier Wochen Zeit. Auch hier gilt die Verordnung als genehmigt, wenn der private Krankenversicherer die Frist versäumt.

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Berechnungsgrundlage / Modellfall: 

Apotheke haben Lieferengpässe

Hat der Patient die Genehmigung seiner Krankenversicherung in der Tasche, bleibt die letzte Hürde: der Besuch in der Apotheke. Denn die Substanz kann als Fertigarznei verschrieben werden oder aber die getrockneten Blüten werden verordnet. "Bis zu 100 Gramm im Monat können verschrieben werden", sagt Bialek. Bei Letzteren mussten viele Apotheken in der Vergangenheit passen. Der Grund: Lieferschwierigkeiten. Die Apotheken sind derzeit noch auf importierte Produkte angewiesen. Cannabisblüten aus Deutschland sollen laut Ärzteblatt erst in zwei bis drei Jahren zur Verfügung stehen (Dtsch Arztebl 2017; 114(8): A 352–6).

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während meines Studiums der Neueren Geschichte in München begann ich als freie Journalistin zu arbeiten, unter anderem für die Süddeutsche Zeitung. Im Jahr 2000 kam ich zu biallo.de, damals waren Versicherungsthemen für mich Neuland, über Gesundheitspolitik las ich in der Zeitung oder bekam die Auswirkungen als Patientin zu spüren.

Schnell stellte ich fest, dass der unverstellte Blick von außen durchaus von Vorteil ist bei der kritischen Aufbereitung dieser Themen. Bei Biallo schreibe ich noch immer über Versicherungen, Gesundheit und Soziales. Neuland sind diese Themen heute nicht mehr.

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während meines Studiums der Neueren Geschichte in München begann ich als freie Journalistin zu arbeiten, unter anderem für die Süddeutsche Zeitung. Im Jahr 2000 kam ich zu biallo.de, damals waren Versicherungsthemen für mich Neuland, über Gesundheitspolitik las ich in der Zeitung oder bekam die Auswirkungen als Patientin zu spüren.

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Quelle: www.datenschutzbeauftragter-info.de