Marktkommentar : Übernahmen und Fusionen können die Aktienkurse treiben

Christian Köffler
Vermögensverwalter I.C.M. Independent Capital Management Vermögensberatung Mannheim GmbH
Wer den M&A-Markt genau beobachtet, kann durch den Aktienkauf im Vorfeld von Transaktionen kurzfristig von zum Teil enormen Kurssteigerungen profitieren. Das ist aber kein Selbstläufer, sondern erfordert viel Recherche und ein gutes Händchen. Fonds können helfen, in den Markt einzusteigen.

Das internationale Transaktionsgeschäft (M&A) bewegt sich weiterhin auf einem sehr hohen Niveau. In den USA wird 2019 als das viertbeste M&A-Jahr überhaupt bezeichnet, und laut einer Umfrage der Beratungsgesellschaft Ernst & Young (EY) planen 52 Prozent der Befragten weitere M&A-Aktivitäten in diesem Jahr. Damit werde die gute Entwicklung fortgeführt: „Wie bei der gegenwärtigen globalen wirtschaftlichen Expansion hat dieser Aufschwung bei Fusionen und Übernahmen weitaus länger gedauert als normale Zyklen und länger als viele vorhergesagt. Der Hauptgrund ist, dass die Geschwindigkeit, mit der Unternehmen ihre Portfolios transformieren müssen, in vielen Fällen nicht ohne M&A erreicht werden kann. Gleichzeitig nutzen Unternehmen Desinvestitionen, um das für Akquisitionen benötigte Kapital freizusetzen“, heißt es. Dazu komme extrem viel sogenanntes „Dry Powder“, also das nicht investierte Kapital von Finanzinvestoren (Private Equity). Dies sei auch ein Baustein für das weiterhin hohe Potenzial des Transaktionsmarkts.

Auf dem deutschen M&A-Markt ist es zwar etwas ruhiger geworden. Daten des Finanzportals „Mergermarket“ zufolge fanden hierzulande bis Ende September 2019 Transaktionen mit einem Gesamtvolumen von 64 Milliarden Euro statt. Im vergleichbaren Vorjahreszeitraum hatte das Dealvolumen in Deutschland noch bei insgesamt 95 Milliarden Euro gelegen. Laut der Wirtschaftskanzlei Clifford Chance nähere sich das M&A-Niveau nach außerordentlich guten Jahren wieder dem „normalen Pegelstand“ an, so wie er noch vor drei bis vier Jahren zu beobachten gewesen sei.

Aber was bedeutet dies für Investoren? Können sie mit dem starken Transaktionsgeschäft etwas anfangen? Ja, durchaus: Ein Beispiel aus der Vergangenheit: Seit 2008 sind die Aktienkurse von Versicherungsgesellschaften, die größere Akquisitionen tätigten, um rund vier Prozentpunkte stärker gestiegen als die von Wettbewerbern ohne Akquisitionen. Und 2017 hat die Übernahme Stillwater Mining durch den Bergbaukonzern Sibanye zu interessanten Kursgewinnen der Stillwater-Aktie geführt. Im Vorfeld der Übernahme ist der Wert innerhalb weniger Monate um rund 40 Prozent gestiegen.

Weitere Beispiele: Der US-Biotech-Gigant Gilead Sciences hat im Sommer 2017 für 11,9 Milliarden US-Dollar das kleine US-Biotech-Unternehmen Kite Pharma übernommen, das zuvor mit etwa 2,3 Milliarden US-Dollar an der Börse bewertet wurde. Und Pharmariese Eli Lilly hat sich Armo Biosciences für 1,6 Milliarden US-Dollar einverleibt. Das bedeutet einen Aufschlag von 200 Prozent im Vergleich zum Niveau von 17 US-Dollar pro Aktie beim Börsengang. Vergangenen Sommer wiederum hat sich die Londoner Börse den Datendienstleister Refinitiv einverleibt. Kaufpreis: 27 Milliarden US-Dollar. Nach der Ankündigung der Übernahme sprang die LSE-Aktie um mehr als 15 Prozent auf ein Rekordhoch.

Wer den M&A-Markt genau beobachtet, kann also durch den Aktienkauf im Vorfeld von Transaktionen kurzfristig von zum Teil enormen Kurssteigerungen profitieren. Zugleich sind aber Aktien von Übernahmekandidaten oftmals nicht so leicht zu finden, denn die allermeisten Deals finden nicht auf Blue Chip-Ebene statt, sondern eher in der zweiten oder dritten Reihe. Denn vor der Aufgabe, die Märkte und Übernahmegerüchte genau zu verfolgen, spezielle Sektorenkompetenz aufzubauen und dann auch den Mut zu besitzen, frühzeitig die Werte einzukaufen, wenn die ersten leisen Anzeichen für einen Deal auftreten.

Es ist also kein Selbstläufer, durch M&A-Deals schnelles Geld an den Börsen zu verdienen – aber gleichzeitig auch kein Ding der Unmöglichkeit. Es sind eben nur eingehende Recherchen erforderlich und der Mut, dass auch einmal ein Investment schiefgehen kann, weil auf den letzten Metern der Deal doch noch platzt, wie es immer wieder vorkommt.

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