Marktkommentar : Die Emerging Markets gehören in jedes ausbalancierte Portfolio

Christian Köffler
Vermögensverwalter I.C.M. Independent Capital Management Vermögensberatung Mannheim GmbH
Langfristig gesehen entwickeln Schwellenländer eine sichtbare wirtschaftliche Stärke und sind deshalb auch für Anleger interessant. Sie sollten aber vor allem auf politische Risiken schauen und Entscheidungen fürs richtige Instrument treffen.

Globale politische Risiken, unsichere Konjunkturaussichten, starke Schwankungen an den Märkten: Viele Anleger suchen aktuell die Einfahrt in sichere Häfen. Da haben es eher risikogeneigte Investments klassischerweise nicht leicht, etwa Wertpapiere aus den Emerging Markets. Es scheint daher auch keine allzu große Überraschung zu sein, dass sich der MSCI Emerging Markets, der rund 1200 Aktien aus 26 Schwellenländer umfasst, seit Jahresbeginn weniger robust präsentierte als beispielsweise der globale Aktienindex MSCI World.

Zwar hat er eine ähnliche Wertentwicklung jenseits von zehn Prozent hingelegt, aber seine Ausflüge nach oben und unten nehmen sich erheblich heftiger aus als die der westlichen Substanzwerte. Kurzfristige Ausschläge nach unten von zehn Prozent sind innerhalb weniger Monate zweimal vorgekommen, der MSCI World verlief hingegen bis auf eine kleine Delle von rund fünf Prozent behutsam nach oben.

Bedeutet das jetzt, dass Emerging Markets nichts für Geldanleger sind? Nein, nicht unbedingt, denn langfristig gesehen entwickeln Schwellenländer eine sichtbare wirtschaftliche Stärke. Ein Beispiel dazu: Vor der Finanzkrise lag der Anteil der Schwellenländer am globalen Bruttoinlandsprodukt ebenso wie der der Eurozone bei zwanzig Prozent. Heute ist er auf 45 Prozent angewachsen – dreimal so viel wie die Eurozone, deren Anteil auf 15 Prozent gesunken ist.

Entgegen der landläufigen Annahme zeichnen sich die Emerging Markets durch eine deutlich niedrigere Schuldenquote aus als die Industrienationen: Während die Staatsverschuldung laut Franz Schardax, Asset Manager bei Spängler IQAM Invest, in Japan 2018 rund 240 Prozent, in Italien 130 und in den USA 106 Prozent betrug, liegt der Durchschnitt der Schwellenländer bei 42 Prozent. Und eine weitere Zahl: Während die Industriestaaten von 2010 bis 2018 auf ein durchschnittliches Wachstum im Jahr von knapp zwei Prozent kamen, legte das Bruttoinlandsprodukt (BIP) der Emerging Markets im Schnitt um rund 5,3 Prozent zu.

Und so gehören Schwellenländerwerte in jedes ausbalancierte Portfolio und können dabei helfen, ein Mehr an Rendite zu erwirtschaften. So lag der JPM GBI Global, der die Rendite der Anleihen der Industriestaaten angibt, Ende September bei 0,82 Prozent. Für denselben Zeitpunkt errechnet JPMorgan eine Durchschnittsrendite von 5,21 Prozent für die Anleihen von Schwellenländern. Invesco Asset Management beispielsweise ersetzt aktuell Positionen von US-Hochzinsanleihen durch Aktien aus Schwellenmärkten.

„In den nächsten fünf Jahren ist hier von einem annualisierten Dividendenwachstum um sieben Prozent auszugehen. In Verbindung mit dem prognostizierten Dividendenrenditen-Rückgang von 3,2 auf drei Prozent dürfte sich ein jährlicher Gesamtertrag von 11,7 Prozent ergeben“, heißt es in einer Analyse. Zudem ließ J.P. Morgan Asset Management verlauten, dass Aktien aus den Schwellenländern Renditen von durchschnittlich acht Prozent zugetraut werden.

Zugleich sollten Anleger sich aber auch der Risiken von Schwellenländer-Investments bewusst sein. Besonders politisch gibt es einiges zu beachten. In der Türkei trifft ein überhitzter Markt auf eine immer rigider werdende Regierung mit zum Teil fragwürdigen Tendenzen und Äußerungen, die Inflation sah man schon bei 25 Prozent, die Währung Lira war eingebrochen, und Sanktionsdrohungen hängen noch immer in der Luft. Argentinien hat nach der Abwahl des liberalen Präsidenten Mauricio Macri einen Linksruck gesehen, und nach der Staatspleite 2001 droht nun eine neue Argentinien-Krise: Die Wirtschaft schrumpft, die Inflation könnte Ende des Jahres 55 Prozent erreichen. In Chile prägen schwere Ausschreitungen die Tagesordnung, in Brasilien hat der neue Präsident Jair Bolsonaro einen Kurs eingeschlagen, der vielen als allzu autoritär erscheint und international für Kritik sorgt.

Auch eine generelle Abkühlung der Weltwirtschaft könnte die Risiken steigen lassen: Im Fall einer Rezession werden die Schwellenländer-Assets am stärksten leiden, sagt zum Beispiel David Levy, Chairman des Jerome Levy Forecasting Center.

Daher gilt: Den Blick für frische Emerging Markets zu schärfen, kann zielführend sein. Aber es kommt immer darauf an, die politischen und ökonomischen Risiken im Blick zu haben und die Ertrags- und Gefahrenpotenziale gegeneinander abzuwägen – und auch die Entscheidung fürs richtige Instrument zu treffen. Sollen es beispielsweise aktive Fonds sein, steht die spezifische Länderkompetenz und strategische Weitsicht des Asset Managers bei der Auswahl der Werte im Fokus. Ist dies gegeben, lohnen sich auch die Gebühren des Fonds. Auch MSCI Emerging Markets-ETFs (zum Beispiel „Xtrackers MSCI Emerging Markets UCITS ETF“, „Amundi MSCI Emerging Markets UCITS ETF“ und „UBS ETF (LU) MSCI Emerging Markets UCITS ETF“) können für Investoren interessant sein.

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Disclaimer: Der Marktkommentar stellt die Meinung des jeweiligen Verfassers dar und nicht die der Redaktion von biallo.de. Ferner sind die im Marktkommentar formulierten Inhalte keine konkreten Handlungsanweisungen für den Umgang mit Wertpapieren. Jegliche Investitionsentscheidung, die aus dem Marktkommentar durch den Kunden abgeleitet wird, basiert ausschließlich auf dem eigenen Ermessen des Kunden.
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