Marktkommentar : Wann folgt der Aktienmarkt diesem zuverlässigen Crash-Indikator?

Stephan Albrech
Vorstand Albrech & Cie. Vermögensverwaltung AG
Nun ist es passiert: Zum ersten Mal seit Ausbruch der Finanzkrise 2008/09 hat die Zinskurve in negatives Terrain gedreht. Bislang war dieses Signal stets der Vorbote einer Rezession und deutlicher Verluste am Aktienmarkt. Doch deshalb sollten Anleger nicht verkaufen – noch nicht!

Die US-Notenbank hat vor einigen Jahren in einer Studie, die unter Ökonomen nur sehr ungern zitiert wird, herausgefunden: Dreht die Zinskurve ins Negative – liegen die kurzfristigen Zinsen also über den langfristigen Renditen von Staatsanleihen –, folgt einige Monate später so gut wie immer eine Rezession. Und vor der Rezession geht in aller Regel der Aktienmarkt als Frühindikator für die wirtschaftliche Zukunft baden. Die Reihenfolge sieht also so aus: Negative Zinskurve – Abschwung/Crash am Aktienmarkt – Rezession in der Realwirtschaft.

Wenn Unternehmen die Luft ausgeht…


Dass die Trefferquote des Indikators weit höher ist als alle Prognosen der Experten, liegt am Wesen des Bankgeschäfts. Banken verdienen ihr Geld mit der Zinsdifferenz nach dem Modell „Für kurzfristige Einlagen wenig zahlen und für langfristige Kredite (deutlich) höhere Zinsen kassieren“. Liegen nun die kurzen über den langen Zinsen, funktioniert das nicht mehr. In diesem Umfeld vergeben die Schlipsträger nur ungern bzw. kaum noch Kredite. Der Kredithahn wird zugedreht und vielen Unternehmen, die auf Darlehen angewiesen sind, geht zunehmend die Luft aus: Arbeitsplätze werden abgebaut, der Konsum geht zurück – willkommen, Rezession!

Die US-Notenbank hat die hohe Prognosequalität der negativen Zinskurve im Jahr 2008 erkannt und ausführlich beschrieben. In ihrer Analyse der zurückliegenden 50 Jahre kam sie zu dem klaren Ergebnis, dass Ökonomen und Finanzanalysten bei der Vorhersage von Rezessionen deutlich schlechter abgeschnitten haben als das hier vorgestellte Modell. Auf den Punkt gebracht, lautet die Erkenntnis der Notenbanker: Sehr selten gab es einen wirtschaftlichen Rückgang ohne negative Zinskurve, doch nach einer negativen Zinskurve kam es stets zu einer Rezession.



Das dritte Mal in 20 Jahren


So weit, so gut bzw. schlecht! Denn Ende März rentierten einjährige US-Staatsanleihen seit zehn Jahren erstmals höher als zehnjährige Schuldpapiere von Uncle Sam. Im angefügten Chart der vergangenen 20 Jahre wird dies durch den roten Kreis angezeigt, wobei die goldene Kurve die Zinsdifferenz (10 minus 1) darstellt, die waagerechte Linie die Marke von 0 % und die blaue Kurve den US-Markt in Form des viel beachteten S&P 500-Kursindex. Der schwarze und der grüne Kreis zeigen die Zeitpunkte an, an denen diese Zinskurve in den vergangenen zwei Jahrzehnten erstmals in den negativen Bereich drehte.

Aktienmarkt geht nach Signal als erstes in die Knie


Bedeutet das Abtauchen der Zinsdifferenz unter die Nulllinie nun, dass es mit dem Aktienmarkt gleich abwärts gehen wird bzw. muss? Nein, denn bis die neuen Fakten durch eine veränderte Kreditvergabe der Banken in den Geschäftsaussichten der Unternehmen und damit am Aktienmarkt ankommen, dauert es meist einige Zeit. Deshalb wurde im Jahr 2000 der Hochpunkt an der Börse erst ein halbes Jahr nach diesem wenig beachteten Ereignis erreicht. Und nach dem Unterschreiten der Nulllinie 2006 ließ sich die Börse sogar fast 20 Monate Zeit, bevor sie nach unten abdrehte. Es kann also durchaus sein, dass die Börsen vor dem Abdrehen noch 20 Prozent aufsatteln, es könnten aber auch nur fünf Prozent sein. Gleichwohl geht der Aktienmarkt aufgrund seiner Ausrichtung auf die Zukunft als erstes in die Knie, wenn die Anleger glauben, dass die Gewinne der Unternehmen spürbar zurückgehen werden.

Mittlerer Kursverlust lag bei 34 Prozent!


Welchen vernünftigen Ratschlag kann ich Ihnen als unabhängiger Vermögensverwalter nun für Ihr Aktien- bzw. Fondsdepot geben? Erstens: Nehmen Sie das Signal ernst! Bislang kam es bei einer negativen Zinskurve regelmäßig zu heftigen Abschlägen: So verlor der breite US-Aktienmarkt, sprich der S&P 500, in Zeiten der ersten Ölkrise 40 Prozent; im Oktober 1978 waren es überschaubare 10 Prozent. 1980/81 gab der S&P 500 etwa 30 Prozent nach, während der Index 1990 bis zu 17 Prozent verlor. Bei den Baissen von 2000 bis 2002 und von 2008/2009 stürzte der breite Markt um 50 bzw. 55 Prozent ab. Im Schnitt ergibt das ein Minus von 34 Prozent – das ist beileibe kein Pappenstiel!

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Breite Streuung und Trendfolge als Anker


Zweitens: Begrenzen Sie Ihr Risiko mit einem strategisch durchdachten Ansatz – zum einen durch eine breite und nennenswerte Streuung auf andere Anlageklassen, zum anderen durch eine kluge Form von Trendfolge bzw. Momentum am Aktienmarkt. Durch den letztgenannten Ansatz ist eines garantiert: Nach dem nächsten Marktzyklus wird Ihr Aktiendepot höher notieren, als wenn Sie den Abschwung am Aktienmarkt komplett mitmachen würden. Und das ist doch vernünftig, oder nicht?

Stephan Albrech, Vorstand der Albrech & Cie.


Vermögensverwaltung AG, Köln Stephan Albrech ist Gründer und Vorstand der Albrech & Cie Vermögensverwaltung AG in Köln. Der gelernte Bankfachwirt ist seit 1978 in der Finanzbranche tätig. Vor der Gründung seines Unternehmens 1996, war er bei der Kölner Bank eG in verschiedenen Bereichen, zuletzt als Vermögensverwalter tätig sowie als Privatkundenberater bei Marcard, Stein & Co. Neben der individuellen Vermögensverwaltung und der Fondsvermögensverwaltung hat Albrech vor allem die ganzheitliche Finanz- und Nachfolgeplanung im Blick.

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Disclaimer: Der Marktkommentar stellt die Meinung des jeweiligen Verfassers dar und nicht die der Redaktion von biallo.de. Ferner sind die im Marktkommentar formulierten Inhalte keine konkreten Handlungsanweisungen für den Umgang mit Wertpapieren. Jegliche Investitionsentscheidung, die aus dem Marktkommentar durch den Kunden abgeleitet wird, basiert ausschließlich auf dem eigenen Ermessen des Kunden.


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