Marktkommentar : Pandemie-Folgen: Wer zahlt jetzt die Zeche?

Wolfgang Köbler
KSW Vermögensverwaltung AGVorstand
Die Corona-Pandemie hat die Welt fest im Griff. Die ökonomischen Folgen des Schocks sind in ihrem Ausmaß noch kaum absehbar, aber wir werden sie alle zu spüren bekommen, und das über einen sehr langen Zeitraum. Die Löcher, die der Shutdown gerissen hat, werden mit frisch gedrucktem Geld und einem massiven Anstieg der Staatsschulden bezahlt – vorerst! Doch Kredite müssen auch wieder abgetragen werden. Bereits vor der Corona Krise war klar dass die fragilen Staatshaushalte zu finanziellen Repressionen, wie beispielsweise Steuererhöhungen führen werden, doch diese Entwicklung dürfte sich jetzt beschleunigen.

Man darf Politik und Notenbanken durchaus loben. Dafür, wie schnell sie begonnen haben, die Krise zu bekämpfen und Schaden abzuwenden. Man darf aber auch den Aufwand dafür hinterfragen: Nach ersten Berechnungen der Deutschen Bank könnten es fast 1,9 Billionen Euro werden, die zur Bewältigung der Pandemiefolgen aufgebracht werden. Dies entspräche beinahe den Kosten der deutschen Wiedervereinigung oder dem Stand der Staatsschulden der Bundesrepublik. Die liegen bei ca. 2,1 Billionen Euro und entsprechen damit rund 60 Prozent des Bruttoinlandsproduktes.

Drohende Vergemeinschaftung der Staatsschulden


Auch wenn wir als Deutsche bisher um die direkte Beteiligung an sogenannten Corona-Bonds umhinkommen, nimmt der Druck weiter zu, Schulden auf EU-Ebene zu vergemeinschaften. Der angekündigte gesamteuropäische Wiederaufbaufonds in Höhe von 750 Milliarden Euro ist im Prinzip der erste Schritt in diese Richtung. De facto haften wir ohnehin schon für die von der Europäischen Zentralbank in den vergangenen fünf Jahren aufgekauften europäischen Staatsanleihen. Der Anteil Deutschlands an diesen Schuldtiteln liegt bisher bei ca. 27 Prozent. Würden Italien oder Spanien als mithaftende Staaten zahlungsunfähig ausfallen, könnte sich der Anteil sogar fast verdoppeln. „Unser Land kann das stemmen“, behauptet Finanzminister Olaf Scholz. Das halte ich für fragwürdig.

Schließlich lagen die Staatsschuldenquoten mehrerer EU-Mitgliedstaaten nach Angaben des statistischen Bundesamtes schon vor Ausbruch bedenklich hoch. Während die Niederlande (48,6 Prozent) und auch noch Österreich (70,4 Prozent) solide Staatsfinanzen aufwiesen, lagen die Schuldenquoten von Spanien (95,5 Prozent), Frankreich (98,1 Prozent) und Italien (134,5 Prozent) bezogen auf das jeweilige Bruttoinlandsprodukt schon in teils schwindelerregender Höhe.

Eine sichere Prognose hinsichtlich der durch die Corona-Krise steigenden Staatsschulden lässt sich noch nicht treffen. Da zeitgleich die Schulden wachsen, das Bruttoinlandsprodukt aber um fünf bis zehn Prozent zurückgeht, schätzen Volkswirte, dass die Quoten bis zu einem Drittel steigen könnten. Am Beispiel Italien würde das einen Anstieg auf ca. 170 Prozent der nationalen Wirtschaftsleistung bedeuten. Griechenland ist bei 185 Prozent kollabiert. Wer soll das bezahlen? Wie geht es weiter?

Sparen oder Steuern erhöhen?

Der Blick in die Geschichtsbücher zeigt, dass der Staat eine Vielzahl von Möglichkeiten hat, den Bürger daran zu beteiligen. Grundsätzlich gibt es drei Möglichkeiten zur Entschuldung: mehr Wachstum, niedrigere Ausgaben oder höhere Steuern. Nach ersten Beteuerungen der Politik wird der Weg vorerst wohl darin bestehen, die Schulden weiter maßlos zu erhöhen und den Bürger zunächst nicht mit größeren Abgaben zu belegen. Die Schuldenquoten werden mit unverzinsten neu herausgegebenen Staatsanleihen weiter steigen. Die europäische Staatengemeinschaft wird krampfhaft versuchen die Inflation zu erhöhen - die aber aufgrund der ökonomischen Situation nicht im gewünschten Ausmaß kommen kann.

Herkömmliche Lösungsansätze werden das Problem also nicht lösen. Am Ende werden die Schulden in der Bilanz der EZB abgeladen sein. Die EU bräuchte dann ein System, wie sie den Staaten gerecht werden kann, die sparsam gewirtschaftet haben. Wahrscheinlicher aber wird man versuchen eine erneute Verlängerung des bisherigen Systems zu erreichen: steigende Assetpreise, stabile Konjunktur und Wohlstand auf Pump. Es ist daher das Gebot der Stunde, seine Vermögenszusammensetzung auf eine solche Entwicklung auszurichten. Denn die Wahrscheinlichkeit wächst, dass wir noch in diesem Jahrzehnt neue staatliche Instrumente kennenlernen werden, wie beispielsweise Beschränkungen des Kapitalverkehrs.

Nur mit solchen tiefgreifenden Regulierungen werden die Staatenlenker eine neue direkte Finanzierung staatlicher Konjunkturprogramme durch die Notenbank darstellen können. So stellt die Pandemie der Politik gleichsam einen Freibrief aus: Was die Regierungen jahrzehntelang versäumt haben, schieben sie jetzt auf die Corona-Virus.

Diesen und weitere Vermögensverwalter findet ihr auf der Profilseite von V-Check.

Disclaimer: Der Marktkommentar stellt die Meinung des jeweiligen Verfassers dar und nicht die der Redaktion von biallo.de. Ferner sind die im Marktkommentar formulierten Inhalte keine konkreten Handlungsanweisungen für den Umgang mit Wertpapieren. Jegliche Investitionsentscheidung, die aus dem Marktkommentar durch den Kunden abgeleitet wird, basiert ausschließlich auf dem eigenen Ermessen des Kunden.

Powered by Telsso Clouds