Verdreht und verkauft

Tachobetrug Verdreht und verkauft

Manfred Fischer
von Manfred Fischer
06.01.2017
Auf einen Blick
  • Tacho-Betrüger schrauben den Preis von Gebrauchtwagen um einige Tausend Euro nach oben.
  • Mit Dongles für die On Board Diagnose lassen sich Manipulationen eher selten aufdecken.
  • Gebrauchtwagen-Käufer sollten alle wichtigen Fahrzeugunterlagen auf Unstimmigkeiten prüfen.
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Die App soll es zeigen. Stimmt der Kilometerstand? Passt der Autopreis zur Laufleistung? Oder verbirgt sich unter neuem Lack ein alter Hobel? Per Smartphone und Adapter sollen Gebrauchtwagen-Käufer Tachobetrüger jetzt entlarven können. Carly-App heißt der digitale Schnüffler. Ein Schnüffler für jedermann.

Die Technik stützt sich auf einen Dongle, der in den OBD-Anschluss unterhalb des Lenkrads eingesteckt wird und sich über Bluetooth, WLAN  oder Wifi mit dem Smartphone oder Tablet verbinden lässt. Der Dongle greift neben den Tacho- auch andere Fahrzeugdaten ab, dazu zählen etwa die Anzahl der Betriebsstunden, das Fahrverhalten oder die Rußmenge im Dieselpartikelfilter. Er kostet zwischen 25 und 55 Euro, dazu kommen 45 Euro für die App. Dongle und App gibt es wahlweise für drei Automarken: BMW, Mercedes oder Porsche.  

Carly ist eine von zahlreichen Lösungen. Hard- und Software, mit der man über die OBD-Buchse – das Kürzel steht für On Bord Diagnose – auf Kfz-Daten zugreifen kann, ist frei erhältlich. In manchen Online-Shops werden Diagnose-Dongles schon für ein paar Euro feilgeboten.

Decken solche Lösungen Tachomanipulationen zuverlässig auf?  

Franz Duschek lacht, als er die Frage hört. Er ist Chef einer auf „Tachojustierung“ spezialisierten Firma. Er hat schlechte Erfahrungen mit Billiggeräten gemacht. „Mit so einem Ding habe ich mal eine Wegfahrsperre geschossen“, erzählt er. Er selber setzt je nach Automarke spezifische Geräte ein und könne so bis zu 87 Speicherplätze auslesen und einstellen. So ausgeklügelt seine Technik ist  – Tachomanipulationen bringt sie nicht immer zum Vorschein. „Wenn der Tacho-Dreher hundertprozentig sauber gearbeitet hat, ist da nichts zu machen“, sagt Duschek.  

3000 Euro illegale Wertsteigung im Schnitt  

Überhaupt keine Chance habe man bei neueren Modellen wie etwa dem Golf VII. Da sei das Tacho-Drehen zwar ausgeschlossen. Doch die Laufleistung könne mit "Stoppern" verfälscht werden. Wenn ein Tachozähler eine Zeit lang aufgehalten worden ist, lasse sich das im Nachhinein nicht feststellen.  

Manchmal aber kann ein einfacher digitaler Schnüffler einen Tacho-Dreher offenbar nachweisen. Bei gewissen Autos und unter gewissen Bedingungen kann das klappen“, sagt Duschek.  

Nur, was bedeutet manchmal? Tachobetrug ist ein Milliardengeschäft. Der ADAC verweist auf Ermittlungen der Polizei, wonach bei einem Drittel aller Gebrauchtwagen die Kilometerstände zurückgedreht worden sind. Das sind zwei Millionen Fahrzeuge pro Jahr. „Die illegale Wertsteigerung pro Auto liegt im Schnitt bei 3000 Euro“, sagt Arnulf Thiemel, technischer Berater beim ADAC.  

Betrug beim Leasing mit Kilometer-Abrechnung  

Der Schaden entsteht am Ende der Wertschöpfungskette – beim Verbraucher. „Die Autohersteller betrifft es nicht, und Leasinggeber können den Schaden weiterreichen“, sagt Thiemel. So klar ist, wer draufzahlt, so diffus ist oft, wer hinter dem Schwindel steckt. Täter seien zum einen Verbraucher selbst.  

Die einfach zu bedienenden Geräte für Tacho-Manipulation seien ausschließlich für diesen Zweck gemacht, sagt Thiemel. Wer sein Auto jünger erscheinen lassen will oder seinem Leasinggeber am Ende der Vertragslaufzeit einen geringeren Kilometerstand als den tatsächlichen vorspiegeln will, habe leichtes Spiel. Wer nicht selber Hand anlege wolle, finde übers Internet im Handumdrehen einen Tacho-Dreher, sagt er. Seine Stimme am Telefon hebt sich und lässt erahnen, wie ihn das nervt. Wenn auf der Website des Anbieters ein Hinweis stehe, dass Manipulationen verboten und entsprechende Anfragen nicht erwünscht seien, müsse das für die Praxis nicht unbedingt etwas bedeuten.  

Tacho-Dreher rüsten auf  

Am Rad für die illegale Wertsteigerung drehen zum anderen Autohändler. „Das kann ein unter Druck stehender Leiter der Gebrauchtwagen-Abteilung eines Vertragshändlers sein genauso wie ein freier Händler“, sagt Thiemel.  

Mit Dongeln und Diagnose-Software lässt sich das Problem nach Auffassung des ADAC nicht in den Griff bekommen. „Kaum dass eine neue Lösung auf den Markt gekommen ist, sind die Tacho-Dreher mit ihrer Technik schon wieder weiter.“  

Der Automobilclub fordert seit langem von Fahrzeugherstellern, ihre Tachos gegen illegale Eingriffe abzuschirmen. Die IT-Sicherheit sollte durch die EU-Typgenehmigung für jedes neue Fahrzeugmodell vorgeschrieben werden, heißt es. Die Technik sei längst vorhanden, sagt Thieme und nennt als Beispiele die sogenannten Hardware Secure Modules.  

Was können Gebrauchtwagen-Käufer gegen Schwindler tun?  

Wer sich einen alten Hobel als wenig gefahrenen Gebrauchten hat unterschieben lassen, hat das Problem der Beweisführung. Der Vorwurf, „der hätte noch nicht kaputtgehen dürfen“, ist in vielen Fällen kaum belegbar. Denn Trickser schrauben nicht nur an Tachos. Sie frisieren auch andere Teile, an denen sich das Alter erkennen lässt, wie Pedalgummis, Sitz-Kanten oder Sitzbezüge. Obendrein bleibt Gelackmeierten wenig Zeit, um Ansprüche geltend zu machen. Die Sachmängelhaftung währt nur für ein Jahr.

Das rät der ADAC

Eher selten können Tachomanipulationen mit einem digitalen Schnüffler entdeckt werden. Spuckt das Gerät keine Fehlermeldung aus, bedeutet das nicht automatisch, dass der Tacho den wahren Kilometerstand anzeigt. Der ADAC rät Gebrauchtwagen-Käufern:  

  • Fragen Sie beim Kauf nach allen üblichen Unterlagen wie Serviceheft, Reparaturbelegen oder TÜV-Papieren und prüfen Sie diese auf Unstimmigkeiten und Plausibilitäten. 

  • Ziehen Sie in Zweifelsfällen einen Fachmann für einen Gebrauchtwagen-Check hinzu. Die Experten kennen die modellspezifischen Altersschwachstellen.  

  • Auch wenn es sich auf den ersten Blick um Ihr Wunschauto handelt: Lassen Sie lieber die Finger davon, wenn ein Tacho-Dreher möglicherweise vorher dran war.
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Quelle: www.datenschutzbeauftragter-info.de