"Es ist nicht sinnvoll, dem Kunden Fesseln anzulegen"

Vermögensverwalter Werthstein im Interview "Es ist nicht sinnvoll, dem Kunden Fesseln anzulegen"

Peter Rensch
von Peter Rensch
06.06.2018
Auf einen Blick
  • Im Sommer 2016 wurde Werthstein gegründet, seit Januar 2018 bietet das Unternehmen eine digitale Vermögensverwaltung an.

  • Die ausgewogenen Portfoliostrategien und Anlagevorgaben, die durch den Anleger individuell ausgestaltet werden können, sowie die "Zeitgeist"-Investments heben das Unternehmen von den Mitbewerbern ab.

  • Im Interview mit biallo.de erklärt Gründer und Generalbevollmächtigter Felix Röscheisen das Geschäftsmodell und die Anlagestrategie von Werthstein.
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Herr Röscheisen, wie schätzen Sie den Markt für Robo-Advisor ein? Gibt es noch Wachstumspotenzial oder droht womöglich eine Übersättigung?

Felix Röscheisen: Vermögensverwaltung ist ein Wachstumsmarkt, und digitale Vermögensverwaltung erst recht. Laut einer Statista-Umfrage wird der Markt bis 2022 jährlich mehr als 40 Prozent wachsen, andere Studien, zum Beispiel von Oliver Wyman, erwarten sogar deutlich mehr. Ich persönlich sehe in der digitalen Vermögensverwaltung nicht nur sehr starkes Wachstum, sondern auch Ausdifferenzierung. Es wird nicht das eine Modell geben, das sich vor allen anderen durchsetzt, sondern unterschiedliche Ansätze und Modelle werden nebeneinander existieren. Der Markt ist groß und die Kunden wollen es.

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Aus welchen Segmenten kommen Ihre Kunden?

Röscheisen: Die meisten Kunden der digitalen Vermögensverwalter kommen heute von traditionellen Anbietern, hauptsächlich aus dem Banken- und speziell aus dem Privat-Banking-Segment, aber auch von klassischen Vermögensverwaltern. Einen Verdrängungswettbewerb unter den Robo-Advisor sehe ich momentan nicht.

Ein paar Sätze zur Geschichte der Werthstein GmbH. Gründung, Entstehung, Ziele...

Röscheisen: Werthstein wurde im Sommer 2016 als Vermögensverwalter nach Paragraph 32 Kreditwesengesetz (KWG) in München gegründet. Alle drei Gründer, also Giles Keating, Bastian Lossen und ich selbst, verfügen über langjährige Erfahrungen im Privat-Banking-Geschäft renommierter internationaler Banken. Uns hat immer gestört, dass selbst Kunden mit ansehnlichen Vermögen zunehmend keine individuelle Vermögensanlage mehr erhalten. Bei traditionellen Vermögensverwaltern ist individuelles Portfoliomanagement oft erst ab einer Anlage von einer Million Euro möglich.

Das wollten wir ändern. Unsere Kunden sollen ihre Portfolien nach persönlichen Vorstellungen kostengünstig zusammenstellen können und dabei trotzdem professionell betreut werden. Man könnte also von einer Demokratisierung der individuellen Vermögensverwaltung zu kostengünstigen Konditionen sprechen.

Wie sieht diese individuelle Vermögensverwaltung konkret aus?

Röscheisen: Individuell ist erst einmal die Risikoeinstufung, die uns der Kunde übermittelt. Nachdem die unterschiedlichen Parameter wie Anlagehorizont, Anlagebetrag, Risikopräferenz et cetera eingegeben und ausgewertet wurden, kann der Kunde Anlagevorgaben machen in Form von Zukunftsthemen, in die der Kunde gerne investieren möchte. Natürlich wenden wir uns an Anleger mit einem langfristigen Horizont und nicht an Day-Trader, aber Portfolioanpassungen beziehungsweise Veränderungen können selbstverständlich jederzeit individuell vorgenommen werden.

Stichwort Themeninvestments. Könnten Sie das konkretisieren und erklären, welche Vorteile Anleger davon haben?

Röscheisen: Zukunftsthemen bieten Chancen auf eine höhere Performance als der Markt insgesamt, und von diesen Chancen sollen unsere Kunden profitieren. Also bieten wir Trendthemen an, die wir "Zeitgeist" nennen. Derzeit gibt es 16 verschiedene Zeitgeist-Portfolios im Angebot. Bei der Entwicklung dieser Produkte achten wir nicht allein auf Finanzanalysen, sondern beobachten Entwicklungen und Trends in Wirtschaft, Gesellschaft und in der Technologie. Egal, ob wir den Zeitraum seit dem 1. Januar 2017, seit 1. Januar 2018 oder den Jahresvergleich betrachten: Unsere Zeitgeist-Portfolios haben sich im Durchschnitt immer besser entwickelt als der iShares MSCI World ETF, und das zum Teil sehr deutlich. Besonders gut war die Performance der Zeitgeist-Portfolios auf Einzeltitelbasis. 

Zu den Anlagestrategien von Werthstein →

Sie investieren in Einzeltitel, ähnlich wie Solidvest. Was steckt hinter dieser Strategie?

Röscheisen: Gut die Hälfte unserer Zeitgeist-Investments beruht auf Einzeltiteln, das heißt zehn bis 20 Aktien. Aber wir sind bei der Anlage nicht ideologisch. Wir nutzen alle in Frage kommenden Instrumente. Wenn wir einen Zeitgeist durch ETFs genau abbilden können, dann nehmen wir ETFs. Das sind durchaus gute Instrumente, denn sie sind durch die große Zahl von Einzeltiteln gut diversifiziert. Grundsätzlich sind wir auch gegenüber aktiv gemanagten Fonds offen, aber wegen der höheren Verwaltungskosten müssen schon sehr starke Gründe für deren Verwendung sprechen. Derzeit investieren wir nicht in einen solchen Fonds.

Wie heben Sie sich sonst von den Mitbewerbern ab?

Röscheisen: Sicherlich ist der auffälligste Unterschied, dass wir ganz grundsätzlich Mensch und Maschine sozusagen an einen Tisch setzen. Es gibt Dinge, die Computer perfekt machen, und andere, die Menschen besser beherrschen. Wir wollen das Beste aus diesen zwei Welten zusammenbringen. Wir sind davon überzeugt, dass Investmenttrends besser von Spezialisten identifiziert werden können als von einer Maschine. Das betrifft auch die Anlageentscheidungen. Der Computer wiederum überwacht, dass das Kundenportfolio zur Risikoeinstufung des Kunden passt. Hinzu kommen die digitalen Vorteile: Der Kunde hat einen unmittelbaren Zugriff auf seine Daten und kann jederzeit Anlageveränderungen vornehmen.

Kommen wir zu Neuigkeiten bei Werthstein. Sie bieten einen kostenlosen Portfoliocheck an. Wie funktioniert dieser?

Röscheisen: Wir laden unsere Kunden ein, uns Informationen über ihr aktuelles Portfolio zuzusenden, zum Beispiel einen aktuellen Depotauszug oder eine eigene Aufstellung. Unsere Portfolio­manager nehmen auf Grundlage einer umfassenden Analyse eine Einschätzung vor. Der Kunde erhält dabei keine Kauf- oder Verkaufsempfehlungen, sondern eine professionelle Bewertung seines Portfolios nach professionellen Maßstäben, zum Beispiel in Bezug auf Risiko, Diversifikation und Kosten.

Thema Gebühren. Sie haben sich vom Festpreis verabschiedet. Wie sieht das neue Preismodell aus?

Röscheisen: Wir haben im März unser Preismodell geändert und insbesondere für Kunden mit kleineren und mittleren Anlagebeträgen deutlich attraktiver gestaltet. Die Gebühren liegen nun für Anlagebeträge bis zu 100.000 Euro bei 0,85 Prozent und für Beträge, die über diesen Wert hinausgehen, sogar nur bei 0,35 Prozent. Darin sind alle Gebühren für Vermögensverwaltung, Konto- und Depotführung und alle Wertpapiertransaktionen bei üblicher Nutzung bereits enthalten. Hinzu kommen die Drittkosten für ETFs, die für das Portfolio eines typischen Kunden etwa 0,15 Prozent betragen. Damit gehören wir zu den günstigsten Anbietern und sind vor allem bei höheren Anlagesummen unschlagbar günstig. Zusätzlich haben wir auch die Mindestanlagesumme von 35.000 auf 20.000 Euro gesenkt.

Sie wurden in diesem Jahr beim German Accelerator Southeast Asia ausgezeichnet. Mit welcher Begründung?

Röscheisen: Der German Accelerator Southeast Asia ist eine Initiative des Bundeswirtschaftsministeriums, die innovative Startups auszeichnet, die eine Expansion nach Südostasien ins Auge fassen. Den Juroren hat besonders gefallen, und hier zitiere ich, dass wir unseren Kunden hochwertige Medieninhalte und zukunftsweisende Produkte anbieten. Für uns ist das Bestätigung und eine tolle Chance. Wir haben Asien mit seiner wachsenden, finanzkräftigen Mittelschicht schon länger im Visier und können nun vor Ort Netzwerke zu Innovationspartnern und Investoren aufbauen.

Wie sieht der typische Werthstein-Kunde aus?

Röscheisen: Unsere Kunden sind oft Anleger, die Freude und Interesse an der Geldanlage mitbringen. Sie wollen einen gewissen Einfluss auf Anlageentscheidungen nehmen, ohne sich um Details kümmern zu müssen. Unser Angebot passt zu diesen Wünschen. Es motiviert, sich mit Geldanlage zu beschäftigen und ist spannend, da man bei der Geldanlage auf Trends setzen kann. Wir achten darauf, dass der Kunde in wenigen und einfachen Schritten zum Ziel gelangt. Das durchschnittliche Anlagevolumen liegt bei etwa 50.000 Euro, wobei dies sich durch die Senkung der Mindestanlage etwas nach unten bewegen wird.

Was können Sie uns zu Mindesthaltezeit, Verfügbarkeit und Kündigungsfristen sagen?

Röscheisen: Mindesthaltezeit und Kündigungsfristen sind wohl eher Instrumente, die eingesetzt werden, um Erträge zu sichern. Wir verzichten darauf, unsere Kunden können jederzeit über ihr Kapital verfügen. Es ist nicht sinnvoll, dem Kunden Fesseln anzulegen. Wer zufrieden ist, hat keinen Grund zu kündigen.

Abschließend noch eine Frage: Wo sehen Sie Werthstein und den Markt für Robo-Advisor in fünf Jahren?

Röscheisen: Ich denke, der Begriff "Robo-Advisor" wird in fünf Jahren so gut wie vergessen sein. Dann wird es keinen Unterschied mehr zwischen traditioneller Vermögensverwaltung und dem Robo-Advisor-Markt geben, und zwar schlichtweg deshalb, weil alle Anbieter zumindest auch Robo-Advisor sein werden. Traditionelle Anbieter werden sich ebenfalls dieser Entwicklung nicht verschließen können. Werthstein bietet ein sehr spezifisches Angebot, das sich vom reinen Robo-Advisor absetzt, und mit diesem speziellen Angebot haben wir gute Chancen, in diesem Markt eine signifikante Rolle zu spielen.

Herr Röscheisen, wir danken Ihnen für das Gespräch.

Biallo-Tipp

Wer seine Geldanlage nicht selbst gestalten will oder kann, für den sind die sogenannten Robo Advisor eine geeignete Alternative. Hier gibt es Vermögensverwaltung, Depotführung, Transaktions- und Fondskosten bereits für unter einem Prozent des Anlagevolumens. Anbieter wie Visualvest, Investify oder Werthstein bieten auch Themenschwerpunkte für nachhaltiges Investieren. Wie die digitalen Vermögensverwalter genau funktionieren, lesen Sie in unserem Ratgeber Robo-Advisor.

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Quelle: www.datenschutzbeauftragter-info.de