Robo-Advisor im Interview

Whitebox-Gründerin Preiswerk: "Volatilität bietet auch Chancen"

Update: 08.05.2020
Sebastian Schick
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Auf einen Blick
  • Der digitale Vermögensverwalter Whitebox bezeichnet sich selbst als Value-Investor. Bei der Titelauswahl spielt der sogenannte faire Wert eine maßgebliche Rolle.

  • Von kurzfristigen Prognosen hält Whitebox nichts: "Das ist nichts anderes als In-die-Glaskugel-Schauen", so Gründerin und Geschäftsführerin Salome Preiswerk im Interview mit biallo.de.
Nach dem Corona-Crash im März haben sich die Börsenbullen eindrucksvoll zurückgemeldet. Doch die Bären könnten schon bald den nächsten Gegenangriff starten.
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Die Corona-Krise stellt eine erste Reifeprüfung für die noch junge Branche der digitalen Vermögensverwalter dar. Einige Robo-Advisor hat der Corona-Crash im März auf dem falschen Fuß erwischt. Nicht so Whitebox: Der Freiburger Robo hatte sich bereits vor dem Crash sehr defensiv aufgestellt und die Aktienquote zuletzt wieder hochgefahren. Im Interview mit biallo.de erklärt Gründerin und Geschäftsführerin Salome Preiswerk die Gründe für die Umschichtungen und gibt Einblick in die Anlagestrategie von Whitebox.

Frau Preiswerk, als einer der ersten Robos hat Whitebox die Aktienquote in nahezu allen Portfolios bereits Anfang April erhöht. Gehen Sie davon aus, dass wir die Tiefs schon hinter uns haben?

Salome Preiswerk: Das wissen wir nicht und das kann auch niemand seriös voraussagen. Kurzfristige Prognosen sind nichts anderes als In-die-Glaskugel-Schauen. Und wer danach handelt, betreibt nichts anderes als Zockerei. Die richtige Antwort liegt in der Perspektive: Wir managen Portfolios nicht für den Moment, sondern für die zumindest mittelfristige Zukunft. Wir sind Value-Investoren und haben per Definition einen mittel- bis langfristigen Betrachtungszeitraum.

Aber das Momentum hat doch sicher auch eine Rolle gespielt.

Preiswerk: Höchstens in dem Sinne, dass Preise gewisser Anlageoptionen auf ein Niveau gefallen sind, das für uns aus Value-Gesichtspunkten an Attraktivität gewonnen hat. Das kann für uns ein Grund sein, ein Engagement einzugehen oder zu erhöhen. Aber eben nicht für heute und morgen, sondern für übermorgen und überübermorgen – um es metaphorisch auszudrücken. Das ist die Perspektive, die uns interessiert und die eigentlich jeden Anleger interessieren sollte – und die zu einem langfristigen Anlageerfolg führt, wenn man nicht zufällig bei der kurzfristigen Zockerei die Sechs gewürfelt hat.

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Im Gegensatz zu anderen Anbietern mit aktivem Risikomanagement schichten Sie verhältnismäßig wenig um. Wie kommt‘s?

Preiswerk: Wir sind durchaus aktiv, aber nicht aktionistisch. Wir halten nicht viel von kurzfristigem Risiko- oder Volatilitätsmanagement. Zum einen, weil die Geldanlage immer langfristig ausgerichtet sein sollte und es daher nicht nachvollziehbar ist, dass es beim Risikomanagement als integralem Bestandteil anders sein soll. Zum anderen, weil derartige Aktionen den Anleger oft zu viel kosten und – was fast noch schlimmer ist – dem eigentlichen Versprechen der Verhinderung temporärer Buchverluste oft nicht gerecht werden. Wir versprechen keine Volatilitätsglättung, im Gegenteil: Volatilität ist nicht notwendigerweise etwas Negatives – denn sie bietet auch Chancen! Zudem sind wir uns bewusst, dass es solche Dips gibt und würden niemals kurzfristig – aus Panik heraus oder aus welchen Gründen auch immer – drastische Umschichtungen in den Portfolios vornehmen. Unsere Portfolio-Anpassungen sind stets behutsam, sowohl in der Häufigkeit als auch im Ausmaß, und geschehen ebenfalls immer mit langfristigem Blickwinkel.

Die jüngsten Umschichtungen waren auch die ersten seit Ausbruch der Corona-Krise. Das heißt, Sie waren vorher schon relativ vorsichtig in den Portfolios aufgestellt?

Preiswerk: Ja, wir waren vorher bereits defensiv aufgestellt. Aber nicht, weil wir die Corona-Krise vorausgesagt hätten, sondern weil wir grundsätzlich gesehen haben, dass die Märkte flächendeckend über die meisten Assetklassen hinweg überbewertet waren und die Preise zum Teil in irrationalen Höhen lagen. Von daher hatten wir schon eine Korrektur erwartet, durchaus auch in dieser Höhe, und unsere Portfolios entsprechend defensiver ausgerichtet. Grundsätzlich gilt: Maßnahmen zum Schutz vor den Folgen einer Krise oder Katastrophe sollte man ergreifen, bevor diese eintreten. Wenn die Erde bereits bebt, ist es für Risikoprävention zu spät.

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Sie haben vor einem Monat nicht nur Ihr Engagement in US-Aktien erhöht, sondern erstmals auch koreanische Aktien aufgenommen. Was sind die Gründe?

Preiswerk: Aus unserer Sicht sind koreanische Aktien über Gebühr abgestraft worden – auch infolge des Handelskriegs zwischen den USA und China – und der Preis ist deutlich unter den fairen Wert gefallen. Natürlich sind wir hier nach wie vor vorsichtig – vor allem im Hinblick auf die Zyklizität der dort ansässigen Halbleiterbranche und der hohen Gewichtung von Samsung im koreanischen Index. Dennoch macht ein Engagement in der langfristigen Perspektive für uns Sinn.

Salome Preiswerk, Gründerin und Geschäftsführerin von Whitebox.

Im Anleihesegment haben Sie erste Positionen bei globalen Hochzinsanleihen aufgenommen. Ist das nicht ein heißer Tanz auf dem Vulkan im Moment?

Preiswerk: Ein "heißer Tanz" wäre es höchstens, wenn man es rein kurzfristig betrachtet. Doch das tun wir wie gesagt nicht. Nach den starken Renditeaufschlägen gegenüber Staatsanleihen halten wir das Segment langfristig für attraktiv bewertet. Diese und generell alle Anpassungen machen wir dann auch dosiert, je nach Risikoklassen.

Welche Sektoren oder Branchen halten Sie im Moment noch für attraktiv?

Preiswerk
: Da ist zum einen die europäische Energiebranche, die bereits vor dieser Baisse attraktiv bewertet war, weil die Bilanzstrukturen der Unternehmen mittlerweile deutlich besser aussehen als noch in den kritischen Jahren 2014 bis 2016. Die Rezessionsängste und der Ölpreis-Verfall haben zuletzt dafür gesorgt, dass das Bewertungsniveau weiter gesunken ist. Das zweite ist der Gesundheitssektor – und das unabhängig von Corona. Gesundheitstitel haben sich in der Baisse bislang vergleichsweise gut geschlagen, sie sind aber immer noch günstiger bewertet als andere defensive Aktienkategorien wie zum Beispiel europäische Kommunikationsdienstleiter. Der Gesundheitssektor weist stabile Cashflows aus, die Verschuldungsquote ist relativ gering und die Wachstumsaussichten sind intakt.

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Also bleiben Sie insgesamt erst mal auf der defensiven Seite?

Preiswerk: Wir haben jetzt nicht von komplett defensiv zu komplett offensiv gewechselt, sondern die ersten Chancen behutsam genutzt. Es kann sein, dass wir weitere nutzen werden. Egal, ob es eher um Chancen oder um Risiken geht: Wir handeln immer mit einer langfristigen Perspektive. Auf der Risikoseite liegt unser aktueller Fokus als Value-Investoren darauf, die Dinge auseinander zu halten, sprich: Die Schäden, die einen Einfluss auf unsere langfristige Fair-Value-Annahmen haben, von denjenigen zu unterscheiden, die sich nur kurzfristig auswirken und die genauso schnell wieder verschwinden, wie sie gekommen sind.

Keine einfache Aufgabe derzeit…

Preiswerk: Für seriöse Bewertungen ist es zum jetzigen Zeitpunkt in vielen Fällen noch zu früh. So kann es auch zu einem späteren Zeitpunkt noch zu "coronabedingten" Anpassungen kommen, aber eben nicht, weil eine Anlage gerade etwas in die Bredouille gekommen ist, sondern weil wir das im Hinblick auf die langfristigen Aussichten der jeweiligen Anlageklassen tun. Wir sind aktuell immer noch vorsichtig aufgestellt, weil unsere langfristige Sicht noch nicht wesentlich optimistischer geworden ist.

Heißt, Sie rechnen noch mit einer zweiten Verkaufswelle?

Preiswerk: Etwas überspitzt formuliert interessiert uns die Frage nicht, ob es nochmal eine zweite Verkaufswelle gibt oder nicht. Wie gesagt, richten wir unsere Portfolios nicht nach kurzfristigen Ereignissen aus. Wir schauen immer mindestens fünf bis zehn Jahre voraus. Da spielt es eine untergeordnete Rolle, ob jetzt noch ein Dip kommt oder nicht.

Fürs Nachkaufen könnte es schon eine Rolle spielen.

Preiswerk: Ja, ein Dip könnte gewisse Anlageoptionen wiederum attraktiver erscheinen lassen. Aber wir halten es da mit Warren Buffett: Man sollte eine Anlage unabhängig davon kaufen, ob der Preis morgen noch etwas günstiger oder teurer ist. Das darf kein Kriterium in der langfristigen Perspektive sein. Wir schauen natürlich schon auf den Preis, aber nicht auf den Tagespreis.

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Wie spürt Ihr Algorithmus solche Unterbewertungen auf?

Preiswerk: Wir sind nicht rein algorithmusgetrieben. Wir kombinieren im Portfoliomanagement das Beste aus zwei Welten. Nicht nur in Sachen aktiv und passiv, sondern auch in Sachen Mensch und Maschine. Das bedeutet: Bei uns gibt es viele kleine Roboter, aber eben auch Menschen, die mit ihrer Ratio diese Roboter steuern und füttern. Solche Portfolioentscheidungen werden keineswegs allein von wild gewordenen Robotern getroffen. Die Herleitung des Fair-Values basiert auf einem sogenannten Baukastenprinzip, wo viele Parameter einfließen und in einer langfristigen Kapitalmarktannahme münden. Am Ende führen wir auch verschiedene Simulationen durch, indem wir diese Annahmen sowohl qualitativ als auch quantitativ einem Stresstest unterziehen, bis wir letztlich zu einem endgültigen Ausblick kommen. Diese Annahme stellen wir dann dem Preis gegenüber. Und je nachdem, wie weit der aktuelle Marktpreis von dem fairen Wert abweicht, gehen wir dann ein Engagement ein – oder eben nicht. Allerdings glauben wir an Bewertungen genauso wie an eine breite Diversifikation: So finden wir den optimalen Mix aus Chancen und Risiken.

Woher beziehen Sie Ihre Marktanalysen?

Preiswerk: Wir arbeiten mit Morningstar Investment Management zusammen, die in Sachen Kapitalmarktannahmen und Asset-Allokation eine Koryphäe sind und uns auch im Portfoliomanagement unterstützen.

Es gibt Kritiker, die meinen, dass ein ETF auf den MSCI World Index und ein ETF auf einen globalen Anleihenindex zur Diversifizierung vollkommen ausreichen. Was entgegnen Sie?

Preiswerk: Es ist grundsätzlich nicht falsch, sich auf wenige Indizes zu konzentrieren und sich damit ein Portfolio zusammenzustellen. Tragischerweise ist das häufig besser als das, was einem zuweilen die eigene Hausbank anbietet. Dennoch sollte sich jeder Anleger bewusst sein: Auch wer passiv investiert, trifft letztlich aktive Entscheidungen in Sachen Asset-Allokation. Wer sich beispielsweise für einen MSCI World Index entscheidet, schließt damit gewisse Segmente aus – zum Beispiel Schwellenländer wie Korea, China oder Taiwan oder auch die Small Caps. Ähnliches gilt natürlich auch für die Anleihenseite. Hinzu kommt, dass ein statisches Portfolio auch zu statisch sein kann, weil sich die Welt auf lange Sicht eben doch im Wandel befindet und man das als Investor im Auge behalten muss – und zwar in Sachen Chancen und Risken. Hier können sich aus Value-Gesichtspunkten zeitweise deutliche Divergenzen ergeben zwischen Preis und Wert. Dem sollte man entsprechend Rechnung tragen, indem man auf lange Sicht Adjustierungen vornimmt. Dadurch kann sich langfristig für den Anleger ein Mehrwert ergeben, der sich auch in der Rendite niederschlagen sollte.

Frau Preiswerk, besten Dank für das Interview.




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