Genossenschaften: Gemeinsam ans Ziel

Ratgeber der Woche Genossenschaften: Gemeinsam ans Ziel

Helga Riedel
von Helga Riedel
06.05.2019
Auf einen Blick
  • Engagierte Bürgerinnen und Bürger organisieren sich in Genossenschaften, um gemeinsam zu erreichen, was einer allein nicht schaffen kann.

  • Zur Gründung einer Genossenschaft braucht es zwei weitere Mitstreiter, einen Geschäftsplan und eine Satzung. Ein bestimmtes Startkapital wird nicht benötigt.

  • Wer einer Genossenschaft beitreten möchte, sollte sich gründlich informieren – auch hier gibt es schwarze Schafe.
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Sie betreiben Dorfläden und Kultureinrichtungen, versorgen ganze Ortschaften mit erneuerbarer Energie oder kümmern sich um den Breitbandausbau: Engagierte Bürgerinnen und Bürger, die zur Erreichung eines gemeinsamen Ziels ihre Kräfte bündeln und sich in Genossenschaften organisieren.

Es sind die "Energiebürgerinnen und -bürger, die mit ihrem Engagement in ganz Deutschland die Energiewende von unten aktiv vorantreiben. Nur dank ihnen werden wir es schaffen, auf 100 Prozent erneuerbare Energien umzustellen", glaubt Felix Schäfer, Vorstand der Energiewerke eG, einem Verbund von derzeit 92 Energiegenossenschaften aus ganz Deutschland.

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Ob lokales Ladenetz für E-Autos der "Inselwerke" auf Usedom, erstes Mieterstromprojekt "BürgerEnergieGenossenschaft RuhrWest" in Nordrhein-Westfalen oder Ausbau des Nahwärmenetzes im Bioenergiedorf Ebenweiler bei Ravensburg – überall in Deutschland beschließen Menschen, nicht länger auf Politik und Wirtschaft zu warten, sondern gemeinsam mit Gleichgesinnten aktiv zu werden. Sie schließen sich dafür in Genossenschaften zusammen – einer Organisationsform mit langer Tradition und überraschender Aktualität.

Ursprung der Genossenschaftsidee

Wohl selten in der Geschichte sind gut gemeinte Reformen zunächst so gründlich schief gegangen wie die Befreiung der Bauern aus der Abhängigkeit von Gutsherren und die Einführung der Gewerbefreiheit in der Mitte des 19. Jahrhunderts. Nicht abgefedert durch Starthilfen, ohne unternehmerische Erfahrung und Zugang zu Krediten, endete die neu gewonnene Freiheit für die meisten schnell in noch schlimmerer Armut und in der Schuldenfalle privater Geldverleiher.

Um sie daraus zu befreien – oder gar nicht erst hineintappen zu lassen –, entwickelten in Deutschland zwei Sozialreformer unabhängig voneinander die gleiche Idee: Hilfe zur Selbsthilfe durch solidarische Bündelung der Kräfte nach dem Motto "Einer für alle, alle für einen". Dafür gründete Hermann Schulze-Delitzsch 1850 den "Vorschussverein" und Friedrich Wilhelm Raiffeisen 1864 den "Heddesdorfer Darlehnskassenverein", die Vorläufer der genossenschaftlichen Volks- und Raiffeisenbanken. Doch beiden war klar, dass gemeinschaftlich gestemmte Kredite allein die wirtschaftlichen Bedingungen in Kleingewerbe, Handwerk und Landwirtschaft nicht nachhaltig verbessern würden. Deshalb initiierten sie viele weitere Gemeinschaftsassoziationen für Einkauf, Verarbeitung und Handel.

Erfolgsgeschichte Genossenschaft

Kein anderer Name – weder von Industriellen noch Erfindern – ist in der Wirtschaft präsenter als der eines bescheidenen Sozialreformers aus dem Westerwald. Weltweit findet sich "Raiffeisen" im Namen von rund 330.000 genossenschaftlich geprägten Unternehmen rund um Landwirtschaft und Finanzen. Fast jeder Landwirt, Gärtner und Winzer zwischen Kiel und Konstanz ist Mitglied in mindestens einer Genossenschaft und jeder vierte Bundesbürger Miteigentümer einer Bank, Aktionär dagegen ist nur jeder sechzehnte.

Genossenschaften haben Weltwirtschaftskrise und -kriege überstanden wie etwa die noch zu Lebzeiten Raiffeisens 1868 gegründete älteste Winzergenossenschaft der Welt Mayschoss Altenahr in Rheinland-Pfalz, die Baugenossenschaft München von 1871 oder der 1885 in Hannover gegründete Spar- und Bauverein. Und obwohl bei Genossenschaften nicht die Rendite, sondern das Wohl der Mitglieder im Vordergrund steht, sind aus ihnen wirtschaftlich höchst erfolgreiche Unternehmen hervorgegangen. So entwickelte sich aus der 1898 gegründeten Einkaufgenossenschaft der Kolonialwarenhändler Deutschlands größter Arbeitgeber Edeka mit 336.000 Beschäftigten. Und auch Konkurrent Rewe startete bereits 1927 als Revisionsverband der Westkauf-Genossenschaften.

Einen noch rasanteren Aufstieg legte eine Genossenschaft aus dem baskischen Örtchen Mondragon hin. Aus der von einem Priester 1956 im Kampf gegen die Arbeitslosigkeit gegründeten Kooperative mit dem Ortsnamen entwickelte sich die weltgrößte Industrie-Genossenschaft mit einem Jahresumsatz von über zwölf Milliarden Euro – geführt von Vorständen, die bis heute nicht mehr als das fünffache des normalen Durchschnittslohns verdienen dürfen. Weltweit schaffen Genossenschaften derzeit über 100 Millionen Arbeitsplätze und damit 20 Prozent mehr als multinationale Konzerne.

Solidarität als Basis unternehmerischen Handelns

An den Prinzipien von Genossenschaften hat sich seit den Zeiten von Raiffeisen und Schulze-Delitzsch nichts geändert. Oberster Grundsatz ist die Solidarität unter den Mitgliedern, aus der sich quasi alle weiteren ergeben – wie das Prinzip ein Stimmrecht pro Mitglied unabhängig von Position oder Anteilen, die Generalversammlung als oberstes Willensbildungsorgan bei grundsätzlichen Entscheidungen und der aus den eigenen Reihen bestellte Vorstand und Aufsichtsrat. Im Mittelpunkt des Handelns einer Genossenschaft steht der im Genossenschaftsgesetz zwingend vorgeschriebene "Förderauftrag", das heißt die Interessen der Mitglieder.

Heute in Zeiten der Globalisierung, einer auf Gewinnmaximierung ausgerichteten Weltwirtschaft und dem zunehmenden Gefühl von Ausgeliefertsein und Fremdbestimmung vieler Menschen gewinnt die Genossenschaft als Gegenmodell ganz neue Attraktivität und Aktualität. Ob Solidarische Landwirtschaft, Mehrgenerationenhäuser, Sharing-Economy, Erneuerbare Energien, Versorgung auf dem Land, Fairer Handel oder Erhalt von Kultur- und Sporteinrichtungen – wo immer Menschen gemeinsam für ein lebenswertes Umfeld, gerechtere Strukturen oder den Schutz unserer Lebensgrundlagen unternehmerisch aktiv werden, gibt es wohl keine passendere Rechtsform als die Genossenschaft. Denn der ebenfalls basisdemokratisch organisierte Verein darf nur ideelle Zwecke verfolgen.

Genossenschaft auf einen Blick

Die Genossenschaft unterliegt wie alle anderen Unternehmensformen gesetzlichen Vorgaben. Anders als bei Aktiengesellschaften oder einer GmbH betreffen sie auch die inhaltliche Ausrichtung.

  • Ziel und Zweck einer Genossenschaft ist die Förderung der wirtschaftlichen, sozialen oder kulturellen Interessen ihrer Mitglieder.
  • Eine Genossenschaft gründen können mindestens drei natürliche als auch juristische Personen, das heißt Unternehmen, zum Beispiel Handwerksbetriebe oder Körperschaften wie Kommunen.
  • Voraussetzung für die Gründung sind die Ausarbeitung eines Geschäftsplans und der Satzung. Ein Mindestkapital ist, anders als bei anderen Unternehmensformen, vom Gesetzgeber nicht vorgeschrieben.
  • Die Satzung ist die Verfassung einer Genossenschaft und muss neben Anschrift und Geschäftszweck Angaben über die Organisation der Generalversammlung, Kommunikation zwischen den Mitgliedern, Höhe der Anteile, Pflichten im Insolvenzfall, Kündigungsfristen, Bestimmung des Vorstands durch Wahl oder Aufsichtsrat etc. enthalten. Darüber hinaus können darin je nach Gründungsvorhaben individuelle Vereinbarungen schriftlich fixiert werden.
  • Anschließend kontrolliert ein genossenschaftlicher Prüfverband Geschäftsplan und Satzung auf wirtschaftliche Tragfähigkeit und Konformität mit den gesetzlichen Vorgaben.
  • Auf der folgenden Gründungsversammlung verabschieden die Mitglieder die Satzung, wählen den Aufsichtsrat (nicht nötig bei weniger als 20 Mitgliedern) und bestellen den Vorstand.
  • Die Gründung wird durch die Eintragung ins Genossenschaftsregister vollzogen. Eine notarielle Beurkundung ist nicht notwendig.
  • Die nun eingetragene Genossenschaft eG ist eine juristische Person und kann als solche Geschäfte abwickeln, als Vertragspartner auftreten und Kläger oder Beklagter in juristischen Auseinandersetzungen sein.
  • Der Vorstand (mindestens zwei Personen, bei unter 20 Mitgliedern eine) leitet stellvertretend die Geschäfte der Genossenschaft und vertritt sie nach außen. Kontrolliert wird er durch den Aufsichtsrat (mindestens drei Personen) bzw. bei kleineren Genossenschaften mit weniger als 20 Mitgliedern durch die Vollversammlung.
  • Jedes Mitglied hat ein Stimmrecht, unabhängig von der Position innerhalb der Genossenschaft (Vorstand, Aufsichtsrat) oder der Höhe der Anteile.
  • Eine Haftung der Mitglieder besteht im Insolvenzfall normalerweise wie bei der GmbH nur in der Höhe der Einlagen. Dafür muss in der Satzung die sogenannte "Nachschusspflicht" ausgeschlossen werden.
  • Die Genossenschaft unterhält ihrer Rechtsform gemäß eine offene Mitgliedschaft. Das bedeutet, Mitglieder können der Genossenschaft beitreten oder sie, nach entsprechender Kündigung, verlassen, ohne Auswirkungen auf den Geschäftsbetrieb oder die Satzung.
  • Beim Austritt aus einer Genossenschaft muss man die, je nach Satzung verzinsten, eingezahlten Beiträge zurückerhalten. Ein öfter zu zahlendes "Eintrittsgeld" wird dagegen nicht erstattet.
  • Genossenschaften müssen einem sogenannten Prüfungsverband beitreten, der eine Abschlussprüfung vornimmt. Liegen die Bilanzsumme unter einer Million und die Umsatzerlöse unter zwei Millionen Euro, entfällt diese Pflicht und spart damit kleinen Genossenschaften Kosten.
  • Die Kosten für eine Gründung variieren je nach Größe und Geschäftsvolumen. Die Eintragung in das Genossenschaftsregister kostet rund 250 Euro und für die Arbeit des Prüfungsverbandes werden zwischen 850 und 2.500 Euro fällig. Für die jährlichen Abschlussberichte, falls notwendig, ist mit mindestens 800 Euro zu rechnen.

Genossenschaft im Wandel

Ein Alleinstellungsmerkmal der klassischen Genossenschaft ist das sogenannte "Identitätsprinzip". Das bedeutet: Die Eigentümer einer Genossenschaft sind zugleich ihre Kunden wie etwa bei genossenschaftlichen Banken, Wohnungsbaugesellschaften, Energieprojekten oder Einkaufsverbänden. Damit war die Genossenschaft in ihrem Betätigungsfeld relativ eingeschränkt. Im Zuge verschiedener Rechtsentwicklungen und der Einführung der Europäischen Genossenschaft SCE kam es 2006 zu einer grundlegenden Reformierung des 1889 erstmals verabschiedeten Genossenschaftsgesetzes. Dabei wurden einerseits die Gründung von Mini-Genossenschaften vereinfacht, Verwaltungsaufwand und Prüfungspflichten entsprechend reduziert und andererseits das Identitätsprinzip bei Ziel und Zweck gelockert.

Nach Einschätzung von Theresia Theurl, Direktorin des Instituts für Genossenschaftswesen an der Universität Münster, hat man damit "den Kern des Genossenschaftsgesetzes beibehalten, es gibt jetzt aber ein viel breiteres Anwendungsfeld dafür". So sind erstmals kulturelle und soziale Anliegen als gemeinschaftlicher Förderzweck zugelassen. Auch dabei stehen weiterhin die Interessen der Mitglieder im Mittelpunkt – doch nicht unbedingt als unmittelbare Kunden und Nutznießer. Das ermöglicht den Betrieb von Pflegeeinrichtungen, Kindertagesstätten oder Dorfläden, die Durchführung von Projekten in Umweltschutz und Entwicklungshilfe oder kulturelle Aktivitäten. Und die Chance, im sicheren Rechtsrahmen der Genossenschaft neue Wege zu gehen und gemeinsam Ziele anzupacken, die einer allein nicht schaffen würde, wird überall im Land genutzt.

Ein paar Beispiele: Die PuroVerde eG in Freiburg entwickelt seit 2007 Projekte für Aufforstung und Waldwirtschaft in Costa Rica. In Todtnau-Geschwend rettete die 2011 gegründete dasrößle eG ein historisches Schwarzwaldhaus aus dem Jahr 1773 vor dem Verfall. Seit der Totalrenovierung und Wiedereröffnung 2013 bietet das "Dorfgasthaus dasrößle" nun neben regionaler Küche auch sieben Gästezimmer – und wurde zum Schauplatz des Spielfilms "Ende der Schonzeit" und der SWR-Serie "Die Fallers".

In Monheim schlossen sich 2013 sechs mittelständische Unternehmen zusammen, um die Vereinbarkeit von Familie und Beruf mit einer Betriebskita zu verbessern. Die "Fairtrade Stadt" Groß-Umstadt bekam dank einer Genossenschaft vor zwei Jahren auch einen "Weltladen". Und in der Mainzer Innenstadt vollzieht sich gerade ein kleines Wunder: Auf dem Gelände der Güterhallen hinter dem Hauptbahnhof entstehen nicht teure Eigentumswohnungen, sondern ein Quartier für junge Unternehmer und Start-ups. Die Stadtentwickler der Synthro-Coop eG treibt dabei eine Vision an: "Wir möchten Menschen für alternative Formen des Wirtschaftens begeistern", die "sich an bedürfnisorientierten, sozialen, demokratischen und ökologischen Ansätzen" orientieren.

Begegnungsstätten schaffen – das schwebt auch Tely Büchner vor. Die Initiatiorin der KulturQuartier Schauspielhaus eG im thüringischen Erfurt will zusammen mit ihren Mitstreiterinnen und Mitstreitern nicht nur das seit über einem Jahrzehnt leerstehende Theater zu neuem Leben erwecken, sondern Kinoklub, Cafe, Bürgerradio und Restaurant rund herum ansiedeln. Im hessischen Wetzlar betreibt eine Genossenschaft aus Lehrern und Eltern sogar eine Grundschule mit einem, vom Kultusministerium anerkannten, "Konzept mit besonderem pädagogischem Interesse".

Energiegenossenschaften

Welches Potenzial im bürgerschaftlichen Engagement steckt, belegen eindrucksvoll die Energiegenossenschaften. Mit 855 Gründungen in den letzten Jahren toppen sie mittlerweile die Anzahl der traditionsreichen Genossenschaftsbanken. Nach Angaben des Genossenschaftsverbands DGRV engagieren sich dort rund 180.000 Menschen für eine dezentrale, lokal organisierte Energiewende und haben dafür in den letzten Jahren rund 1,8 Milliarden Euro in Solar- und Windenergie sowie den Ausbau von Nahwärmenetzen investiert.

Etwa die Hälfte der in Deutschland gewonnenen erneuerbaren Energie wird heute bereits von Genossenschaften produziert. Die Einbindung und Mitbestimmung vieler Bürgerinnen und Bürger erhöht dabei die Akzeptanz für den Wechsel zu erneuerbaren Energien und eröffnet zusätzlich die Möglichkeit, bislang brach liegende Ressourcen wie etwa große Dachflächen von privaten, landwirtschaftlichen oder öffentlichen Gebäuden für Photovoltaikanlagen zu nutzen. Häufig arbeiten die Energiegenossenschaften mit Kommunen, Energieversorgern, Genossenschaftsbanken und den örtlichen Handwerksbetrieben zusammen. Die allgemein starke Verwurzelung von Genossenschaften in ihrer Region führt dabei nicht nur zu mehr Zusammenhalt und Zufriedenheit in der Bevölkerung, sondern auch zur Stärkung der Wirtschaft vor Ort. 

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Wohnungsgenossenschaften

Die Idee der gemeinschaftlichen, eigenverantwortlichen Selbsthilfe eroberte in der Mitte des 19. Jahrhunderts schnell alle Lebensbereiche. Im Zuge der Industrialisierung und der in die Städte strömenden Arbeiter herrschten dort akuter Wohnungsmangel und katastrophale hygienische Zustände. Eine Gruppe von Schiffszimmerern beschloss 1862 etwas dagegen zu unternehmen und gründete mit der "Häuserbau-Genossenschaft zu Hamburg" das erste kooperative Wohnungsprojekt. Es folgten die Münchner Baugenossen 1871 und der "Flensburger Arbeiter-Bauverein" 1878. Nur 40 Jahre später am Ende des Deutschen Kaiserreichs gab es bereits 1.400 Baugenossenschaften. Eine weitere Gründungswelle nach dem 1. Weltkrieg erhöhte ihre Zahl auf über 4.000 im Jahr 1928. Heute sind es etwas mehr als 2.000, von denen 33 älter als 125 Jahre sind und 423 feierten immerhin bereits ihr 100. Jubiläum.

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Wie bei allen Genossenschaften ist auch hier das Unternehmensziel nicht, eine möglichst hohe Rendite zu erwirtschaften, sondern die Mitglieder mit bezahlbarem Wohnraum zu versorgen. Den knapp drei Millionen Bau-Genossen in Deutschland gehören derzeit etwa 2,2 Millionen Wohnungen und damit etwa zehn Prozent des gesamten Wohnungsbestands. Ihre rund fünf Millionen Bewohner genießen darin lebenslanges Wohnrecht zu einem vergleichsweise günstigen 'Nutzungsentgelt'.

Der Bestand der einzelnen Gesellschaften variiert von einigen wenigen Objekten bis zu zigtausenden Wohnungen – vor allem in den neuen Bundesländern. Besonders viele Wohnungsgenossenschaften findet man in Bayern, Nordrhein-Westfalen und Sachsen. Den höchsten Anteil am gesamten Wohnungsbestand haben jene in Leipzig (15,9 Prozent), Hamburg (15 Prozent) und Berlin (11,5 Prozent). Seit einigen Jahren steigt die Zahl der Neugründungen wieder kontinuierlich an. Von elf im Jahr 2007 auf 44 im Jahr 2017.

Dabei spielen neben der Schaffung günstigen Wohnraums häufig weitere Ziele eine wichtige Rolle wie Quartiersentwicklung, Inklusion, altersgerechtes Wohnen oder Mehrgenerationenhäuser wie bei der Genossenschaft Uferwerk. Sie renovierte eine alte Fabrik am Großen Zernsee bei Potsdam und schuf in dem historischen Backsteinbau sowie weiteren Neubauten auf dem Gelände eine Wohngemeinschaft für 150 Menschen.

Die Mitglieder von Wohnungsgenossenschaften genießen durch Mitsprache und Unkündbarkeit vergleichbare Rechte wie Eigentümer – bei höherer Flexibilität und einem deutlich geringeren finanziellen Aufwand und damit Risiko. Denn sie haften in der Regel nur mit ihrem – im Vergleich zum Wert der Wohnung – geringen Eigenanteil. Dessen Höhe liegt je nach Finanzierungsbedarf der Genossenschaft (Neubau, Renovierung), Alter der Gebäude und Größe der Wohnung zwischen 400 und rund 20.000 Euro.

Bei einer neu gegründeten Genossenschaft mit hohen Investitionen und vielen Angeboten rund ums Wohnen wie beim Uferwerk können die Kosten allerdings auch deutlich höher ausfallen. Aber dieses Geld ist ja nicht verloren. Im Fall einer Kündigung erhält man seine Einlage mit einer Verzinsung von bis zu vier Prozent zurück. Nur die einmalige Eintrittsgebühr wird nicht zurückerstattet. Dafür kommen die Miteigentümer in den Genuss günstigerer Mieten. Im Vergleich zur durchschnittlichen Kaltmiete von 7,69 Euro pro Quadratmeter liegt sie bei Genossenschaftswohnungen bei 5,27 Euro (Stand Herbst 2017).

Wer in eine bereits bestehende Wohnungsgenossenschaft einsteigen möchte, erfährt auf deren Internetseiten alles Wichtige über die Aufnahmemodalitäten. Denn dabei gibt es große Unterschiede. Manche Genossenschaften verhängen bei Vollbelegung einen Aufnahmestopp ohne Möglichkeit der Voranmeldung, andere führen Wartelisten mal mit der Voraussetzung der Mitgliedschaft, mal ohne. Wieder andere suchen sogar noch neue Mitstreiter für geplante Neubauprojekte. Hier heißt es einfach: Augen und Ohren offen halten – und sich gründlich informieren. Denn auch unter Wohnungsbaugenossenschaften gibt es weniger seriöse Kandidaten, die beispielsweise mit unrealistischen Renditeversprechen auf Kundenfang gehen oder die Rechte ihrer Mitglieder missachten wie die jüngst verurteilte Nova Sedes.

Bei der Einschätzung einer Gesellschaft helfen, neben der Warnliste der Stiftung Warentest, auch die vom GdW Bundesverband deutscher Wohnungs- und Immobilienunternehmen zusammengestellten Alarmsignale:

  • Viele Mitglieder und wenige Wohnungen
  • Zum Immobilienvermögen gehören auch Gewerbeimmobilien wie Hotels oder Anteile an Fonds
  • Aktive Werbung mit hohen Renditen und der Förderung in Form von vermögenswirksamen Leistungen und/oder Wohnungsbauprämien
  • Vertrieb über Telefon mit Provisionszahlungen
  • Abschluss von Verträgen mit externen Dienstleistern (oft Tochtergesellschaften)
  • Beschneidung von Mitgliederrechten, Aufnahme von rein investierenden Mitgliedern ohne Stimmrecht
  • Häufiger Wechsel von Vorstand- und Aufsichtsratsmitgliedern, verwandtschaftliche Beziehungen zwischen deren Mitgliedern
  • Ausschluss der Haftungsbegrenzung auf das eingezahlte Geschäftsguthaben in der Satzung (Nachschusspflicht)

Die große Mehrheit der Genossenschaften wirtschaftet jedoch seit vielen Jahren erfolgreich, so dass sich das Risiko einer Mitgliedschaft in Grenzen hält. Insgesamt stellt die Genossenschaft mit nicht ganz 0,1 Prozent Anteil an allen Insolvenzen eine der sichersten Unternehmensformen dar. Die Quote steigt allerdings bei Neugründungen. Hier sollte man beachten, dass vereinbarte Ratenzahlungen von Geschäftsanteilen auch im Insolvenzfall und bei Ausschluss der Nachschusspflicht weiter fällig werden.

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Sonderform: Spar- und Bauvereine

Die ebenfalls bereits im 19. Jahrhundert entstandenen Spar- und Bauvereine sind Wohnungsgenossenschaften, die über die festgelegten Anteile hinaus Geld von ihren Mitgliedern und deren Angehörigen einsammeln und in das Immobilienvermögen der Gesellschaft investieren. Eine Win-Win-Situation, denn die Gesellschaft deckt ihren Kapitalbedarf zinsgünstiger als bei einem Geldinstitut und die Mitglieder erhalten eine attraktivere Rendite als für Sparguthaben bei einer Bank.

Derzeit gibt es in Deutschland 48 solcher Wohnungsgenossenschaften mit Spareinlagen in Höhe von rund drei Milliarden Euro. Sie gelten als Einlagen-Kreditinstitute nach dem Kreditwesengesetz und unterliegen damit der Aufsicht der Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht Bafin. Außerdem müssen sie dem Selbsthilfefonds zur Sicherung von Spareinlagen des GdW angehören, der seit seiner Gründung 1974 noch nie einspringen musste. Damit sind Spar- und Bauvereine – im Gegensatz zu normalen Wohnungsgenossenschaften – auch für eine reine Kapitalanlage geeignet.

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nach dem Studium der deutschen, italienischen und vergleichenden Literaturwissenschaft begann sie 1985 mit ihrer journalistischen Tätigkeit für verschiedene Magazine und Tageszeitungen mit den Schwerpunkten Kulturgeschichte, Soziales und Umweltthemen. Bei Biallo.de schreibt sie seit der Gründung 2001 über Themen aus den Bereichen Nachhaltigkeit, Energie und Umweltschutz.

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Quelle: www.datenschutzbeauftragter-info.de