Mystisch-elegant altern – oder: Der alte Wolf wird langsam grau

Glosse: Über den Tellerrand... Mystisch-elegant altern – oder: Der alte Wolf wird langsam grau

von Norbert J. Breuer
03.07.2019
Auf einen Blick

"Auch mit sechzig kann man noch vierzig sein – aber nur noch eine halbe Stunde am Tag."

Anthony Quinn (1915 – 2001), US-amerikanischer Schauspieler.

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Die Redaktion hat mir nahegelegt, in meinen Glossen nicht immer irgendwelchen Unsinn zu verzapfen. Ich möge mich endlich auch einmal einer sehr ernsthaften Thematik widmen. Gerne, bitteschön: Sprechen wir also über meinen letzten Geburtstag.

George Bernard Shaw legte sich schließlich fest: "Nur ein Narr feiert, dass er älter wird." Nun ja: Altwerden ist ja mitnichten alternativlos – doch das Alternativprogramm auf dem Städtischen Waldfriedhof ist nicht eben verlockend ...

Ehedem war es eher die gereiftere Damenwelt, die ihr Alter gerne verschwieg oder zumindest damit augenblinzelnd kokettierte: Kopf nach links, Händchen unterm Kinn. Eine liebenswerte Eigenheit, zumal uns Oscar Wilde lehrt, dass "eine Frau, die ihr wahres Alter verriete, auch fähig sei, alles andere zu verraten".

Im Zuge der ideologisch verordneten Verweiblichung der Männer greift diese feminine Sitte indes auch bei letzteren zunehmend um sich. Selbst ich vermag mich dem nicht mehr zu entziehen. Insoweit nutze ich diskret allerlei Cremlein, Pästlein, Säftlein, Düftlein, vorzugsweise der Marke "Aus alt mach neu"; couragiert balsamiere ich mir zudem Gel-Wax mit solch bedenklichen Zutaten wie Hexyl Cinnamal auf meinen schütter werdenden Haarschopf, welcher einst, als er noch im kastanienbraunen Originaldekor als Naturdauerwelle wehte, die Mädels hinriß.

Das Geheimnis meines transmutierenden Erfolgs zwischen Reife und Verblühen gebe ich gerne preis: bis zum Brustpelz hinunter ein mystisch-elegantes Parfüm mit markigem Patchouli nebst seiner Sinnlichkeitsschwebung von warmem Moschus. Ab Nabelbruch abwärts: eine atemberaubende Emulsion aus vibrierendem orientalischem Oud-Holz und betörendem Amber; hintenrum bewaffne ich mich vorsorglich mit einer "Frische-Explosion aus Minze und Zitrusnoten", die ich wie einen Kometenschweif graziös hinter mir herziehe.

Trotz soviel Offenheit wollen Sie mir bitte nachsehen: Auch ich möchte mein Alter etwas kaschieren und raune Ihnen dessentwegen an dieser Stelle bloß verschämt die Quadratwurzel (√) meines vollendeten Lebensjahres zu: 8,0622577. Dazu eignet sich mein Lieblingsschulbuch: "Vierstellige logarithmische und trigonometrische Tafeln" von Dr. F. G. Gauß aus dem Jahre 1960. (Dies Rätsel ist jedenfalls leichter zu lösen als "Wie alt ist der Kapitän?", wenn man bloß die Anzahl der Schiffsbohrwürmer und die Länge der Marsstenge kennt.)

Ich selbst griff nun allerdings zum Taschenrechner, weil ich das Buch mittlerweile nicht mehr kapiere; was mich ebenso beunruhigt wie die Tatsache, daß mir kürzlich von der Beatgruppe "Shocking Blue" ("Venus") nur mehr die Namen des Drummers und der Sängerin beifielen, vordem kannte ich sie noch alle.

Mein Logarithmenbuch entstammt übrigens dem alteingesessenen "Verlag Konrad Wittwer, Stuttgart", als Buchhandlung 1867 daselbst gegründet und heute noch als "Buchhaus Wittwer-Thalia" am Schlossplatz prangend. 152 Jahre. Das ist schon was, wie? Womit wir weiter beim Alter wären. Fakt ist: Alt werden hierzulande Steine, Steuern und zerknautschte Weintüten.

Die Biersteuer beispielsweise wurde im düsteren Mittelalter eingeführt und ist dem Staate seitdem ausnehmend "bekömmlich", auch wenn er diesen Begriff für Bier unerbittlich untersagt hat, obschon es mir doch sehr wohl bekommt. Sie können das gerne bei mir im Büro besichtigen, bei meiner allabendlichen After-Work-Party.

Ich habe mich dabei zeitlebens auf Werbungen wie die folgenden verlassen: "Bier ist gut … sagt der Arzt" und "Acht Biere decken den Tagesbedarf an Vitamin C – Gesunde Ernährung kann so einfach sein."

Die entsprechenden Blechschilder finden Sie heute noch im Internet. Auf einem davon hält ein weißbekittelter "Onkel Doktor" ein volles Bierglas in die Höhe. Dazu fällt mir ein, dass einer seiner Standeskollegen, der ehrengeachtete François Rabelais (1483-1553), einst schäumte: "Es gibt mehr alte Säufer als alte Ärzte." Solche Aphorismen stützen meine ketzerischen Thesen.

Ob es danach "Majestät haben jelacht" hieß, ist nicht überliefert – fest steht jedoch: Die sog. Schaumweinsteuer wurde 1902 vom Reichstag zur Finanzierung der Kaiserlichen Kriegsflotte eingeführt – und wird noch heute erhoben, unverfroren, obgleich wir außer unserem Franzl doch keinen Kaiser mehr haben. Und die kaiserliche Flotte sich am Ende selbst versenkte, was jüngst übrigens um ein Haar noch von der Leyens Friedens-Fregatte "Sachsen" sehr unfreiwillig gelungen wäre, als an Bord eine Rakete schlimmer abdüste als tausend Sektkorken.

Ein Jungbrunnen wurde nie gefunden. Und so gilt von alters her die schlimme Wahrheit: "Die Jugend geht dahin – ohne je wiederzukehren". Solche finalen Sätze sind arg schmerzlich, sintemal: in Zeiten des grassierenden Jugendwahns will bekanntlich kein Mensch alt sein, jedoch alle alt werden. Wilhelm Busch, der zuweilen ebenfalls sehr gerne einmal die Wurzel aus einer Unbekannten gezogen haben soll, drohte es den Herren an: "Wird am Ende krumm und faltig, grimmig, greulich, ungestaltig, bis ihn dann bei Nacht und Tag gar kein Mädchen leiden mag. Onkel heißt er günstgen Falles, aber dieses ist auch alles."

Wie sang Hildegard Knef so treffend: "Der alte Wolf wird langsam grau, er kennt die Schliche, die man braucht, schon sehr genau". Aber was nützt ihm selbst ein Balzdiplom, wenn die anmutige Apfelblütenkönigin von nebenan sich eher für junge Wölfe interessiert, denn "heut' sind die jungen Wölfe das, was er einst war." Da möchte man ein wehmütiges Wolfsgeheul anstimmen.

Kürzlich kaufte ich mir einen Jerry-Cotton-Krimi (Band 2402: "Ich jagte ihn bis Feuerland") und las ihn in einem durch, obschon im "Deutschlandfunk" auch mitreißende Sendungen zu buddhistischen Pagoden und traditioneller Musik vom Bosporus meiner harrten. Wenn man bedenkt, dass der G-Man inzwischen um die 95 Jahre auf dem Buckel haben dürfte, dabei immer noch im Dienst, flott und gutaussehend. Beneidenswert. Wenngleich ich nirgends mehr auffand, dass er – und das ist signifikant – wie früher über den Kotflügel seines roten Jaguar E-Types geflankt wäre.

Auch ein alter Büffel hat schöne Hörner", lehrt mich indes mein fernöstlicher Philosoph im Suzie-Wong-Restaurant um die Ecke. In der Tat: auch Oldtimer haben ihren Charme und sind gar wertvoll, wie jene morbiden hier, die ich – längst vergessen in Stallungen auf dem Schloß eines früheren französischen Präsidenten – aufspürte. Die aus der Zeit gefallene Schönheit der Vergänglichkeit. Fast möchte man hauchen: "Angenehme Verwesung".

Ich weiss, jetzt wird es tragisch, denn wir kommen nicht umhin festzustellen: Mit der Geburt hat das rosig-herzige Menschenkind neben dem Alete-Begrüßungspaket bereits sein Todesurteil in der Tasche. Bis zur Vollstreckung leben wir vor uns hin, als Sanguiniker oder in missmutiger Schicksalsergebenheit. Legen uns Schulabschlüsse, Ehegesponse, Häuser, elektrische Zahnbürsten und güldene Chronometer zu, welche aus der Zeit aber auch nicht mehr herauszuholen vermögen als ein billiger chinesischer Küchenwecker.

Denken wir hier an Eugen Roth, der sinniert: "Ein Mensch west, vorerst nur im Traum, im All, noch ohne Zeit und Raum. Doch sieh, schon drängt's ihn in die Furt des Stroms ans Ufer der Geburt. Und eh er noch ein Erdengast, hat ihn die Zeit bereits erfasst. Der erste Blick, der erste Schrei - schon ist ein Quentchen Zeit vorbei, und was von nun an kommt, das ist nur Ablauf mehr der Lebensfrist." Erich Kästner springt ihm bei: "Wer nicht zur Welt kommt, hat nicht viel verloren. Er sitzt im All auf einem Baum und lacht."

Heutige Spötter unken: Wer gesund lebt, werde alt – und damit wahrscheinlich senil oder dement. Wer ungesund lebt, hat es aber auch nicht viel besser, wenn er denn späterhin womöglich im Rollstuhl oder im Pflegebett existieren oder gar vor sich hinvegetieren muss.

Mal ganz praktisch, wir sind schließlich auf biallo.de: Wer private Rentenversicherungen abgeschlossen hat, gerät irgendwann in die ebenso unumgängliche wie unangenehme Verlegenheit, schätzen zu müssen, wie alt er wird. Steht er doch vor der epochalen Frage: Nehme ich Kapital oder Rente? Nimmt er die Rente, sollte er heutigen Sterbetafeln zufolge im Mittel noch 22 Jahre leben, andernfalls lieber das Kapital nehmen, rät man. Bloß wie alt wird man? Diese Unwägbarkeit verursacht Kopfzerbrechen. Und: Wie wird man überhaupt alt?

Indem man auf dem Ergometer im Büro noch einen Sturzhelm aufsetzt? Manche versuchen es ja mit einer Mischung aus Kurkuma, Preiselbeersaft und Sesamöl. Andere mit Bewegung. Schließlich mahnte uns schon in barocken Zeiten Universalprofessor Georg Christoph Lichtenberg: "Die Gesundheit sieht es lieber, wenn der Körper tanzt, als wenn er schreibt." Soll ich jetzt hier etwa mitten in der Arbeit als Ballroom Tiger mit einem Jive übers Büroparkett hovern – wo sind meine Orthesen?

Alternativ mag Knoblauch helfen. Ich erinnere mich gerne an die Werbung mit dem bärtigen Ilja Rogoff, dieses 130 Jahre alte kaukasische Turnmännlein am Reck im Apothekenschaufenster. Johannes Heesters wurde 108 Jahre alt. Knoblauch aß er zeitlebens, pur natürlich, in respekteinflössenden medizinalen Mengen – wenigstens fünf Zehen am Tag. Seine Filmpartnerinnen sollen darüber nicht immer "amused" gewesen sein. Aber er hat sie sämtlich überlebt. Eine Güterabwägung also.

Auch ne Wahrheit: Da wo in südlichen Gefilden, meist bei polychronen Völkern, Vollkornbrot und Müsli nahezu unbekannt sind, wo man sich aber glücklich und geborgen unter Freunden, in der Familie, im Bistro wohl fühlt, werden diese bockig karnivoren menschlichen Prädator/-innen älter als wir hier in unserer automatisierten Welt.

Nicht wenige betrachten das Leben ja als eine Art Völkerballspiel: Wer wird als letzter abgeworfen? Sie lesen dazu allmorgendlich die Trauerinserate, ein menschliches Bedürfnis, dem viele Regionalzeitungen ihr Überleben verdanken. Bloß die eigene Todesanzeige, die liest keiner mehr. Und wenn dann dereinst auf einem Stein steht: "Als Gott sah, dass der Weg zu weit, der Hügel zu hoch und zu steil, der Atem zu schwer wurde, nahm er dich in die Arme und sprach ‚Komm heim‘" mussten wir uns dem höheren Ratschluss beugen.

Und wem diese Vorstellung nicht behagt, dem mag zum Troste dienen, wie es ihm 1870 ging. Und wie es ihm "In the year 2525" (wenn der Solidaritätszuschlag noch immer nicht abgeschafft sein wird; immerhin aber die Sektsteuer, weil man uns das Bechern bis dahin ohnehin verboten haben wird) zumute sein wird. Blendend nämlich, denn er wusste von Nichts und er wird von nichts wissen. Und manchmal ist das wohl auch besser so. Unsere Welt, nahezu erdumspannend heimgesucht von regierungsamtlicher Borniertheit und Schlechtigkeit, wird ja mitnichten menschlicher.

Lassen wir uns die Jahre nicht durch menschliche Warnschilder, Miesmacher, Neider, Berufsbetroffene, Einmischer, vegane Besserleute und sonstige dominante Quälgeister und gemeingefährliche Ideologie-Heinis verderben. Halten wir unbeirrt durch. Zumal: Der französische Schriftsteller Joseph Joubert (1754-1824) hat Tröstliches für jene zur Hand, die die Alterspforte durchschreiten: "Der Abend des Lebens bringt sein Licht mit ..."

"Carpe diem. Tempus fugit." sprachen die alten Römer: "Nutze den Tag, genieße den Augenblick. Die Zeit flieht." So lassen Sie uns – wenngleich besteuert, zum Jupiter – eine Tulpe Bier oder einen Kelch Sekt ergreifen und auf ein langes Leben anstoßen. Wohl bekomm’s!

Zum Autor

Norbert J. Breuer ist seit 1995 als internationaler Managementberater mit Schwerpunkt Deutschland/Frankreich tätig. Er bahnt auf Basis einer breitgefächerten Dienstleistungspalette Unternehmens-Zusammenarbeiten im Exportbereich an. Lange Jahre war er als Lehrbeauftragter (Universität Metz, DFHI/HTW Saarbrücken, FH Trier) und bundesweit als IHK-Dozent tätig. Im staatlichen Auftrag war er als Deutscher Konsulent für Wirtschaftsförderungen der Schweiz und Österreichs delegiert.

Schon früh ist Breuer als Buchautor – unter anderem in den Verlagen CAMPUS und ULLSTEIN – hervorgetreten. Seine ausnehmend vielseitigen publizistischen Beiträge erscheinen im In- und Ausland. Mehr Information finden Sie unter www.breuer-exportmarketing.de.

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ist seit 1995 als internationaler Managementberater mit Schwerpunkt Deutschland/Frankreich tätig. Er bahnt auf Basis einer breitgefächerten Dienstleistungspalette Unternehmens-Zusammenarbeiten im Exportbereich an. Lange Jahre war er als Lehrbeauftragter (Univ. Metz, DFHI/HTW Saarbrücken, FH Trier) und bundesweit als IHK-Dozent tätig. Im staatlichen Auftrag war er als Deutscher Konsulent für Wirtschaftsförderungen der Schweiz und Österreichs delegiert.

Schon früh ist Breuer als Buchautor – u.a. in den Verlagen CAMPUS und ULLSTEIN – hervorgetreten. Seine ausnehmend vielseitigen publizistischen Beiträge erscheinen im In- und Ausland. Mehr Information finden Sie unterwww.breuer-exportmarketing.de.

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Quelle: www.datenschutzbeauftragter-info.de