Wie ich die Tour de France gewann oder: Von Onkels, Helmen und Flaggen

Glosse "Über den Tellerrand..." Wie ich die Tour de France gewann oder: Von Onkels, Helmen und Flaggen

von Norbert J. Breuer
28.08.2019
Auf einen Blick
  • In seiner monatlichen Glosse blickt Norbert J. Breuer über den Tellerrand – pointiert, unterhaltsam und stets mit einem gewissen Augenzwinkern.
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Ich soll ja, bitte staunen, schon mit kaum drei Jahren auf einem Kinderrädlein – ohne Stützen – spektakulär herumgebraust sein. Auf dem Schulhof eines altehrwürdigen Gymnasiums, in dem ich aufgewachsen bin, zwischen uralten Bäumen, ohne je dagegen zu knallen. Da selbiges vor der sogenannten "infantilen Amnesieschwelle" lag, vermag ich mich indes nicht zu entsinnen, ob ich tatsächlich unfallfrei davonkam.

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Die Stützen soll mir mein Pate Onkel Juppi, ein ansonsten stets besonnener, pfeiferauchender Busfahrer und Ex-Matrose (der als "Traumschiffkapitän" weit authentischer herüberwehte als Florian Silbereisen, den man allenfalls als Fähnrich zur See besetzen könnte) zum Schrecken aller anderen Lieben noch während der Fahrt abmontiert haben.

Bald wurde der winzige Drahtesel zu klein und ich war etliche Jahre radlos. Bis ich dann mit etwa zehn Jahren von besagtem Onkel Juppi mein erstes großes "Fahrrad" bekam: eine ausgediente, potthäßliche, schwarze Solex, ohne Hilfsmotor natürlich, denn selbigen hatte man ebenfalls wieder abmontiert. Das bleierne Gefährt war für Kinderbeine doch arg beschwerlich ins Mühlen zu bringen, doch es ging. Besser als nix eben.

Ein entfernter Onkel namens Hans erbarmte sich meiner und ich pflege heute – wo er schon Jahrzehnte der ehedem grassierenden "Managerkrankheit" zum Opfer gefallen ist – immer noch ein ehrendes Andenken an ihn. Auch wenn er vor 1945 einer Partei inbrünstig angehört haben soll, die meine übrige Familie von Grund auf nicht ausstehen konnte. Zwölfjährige indes interessieren sich kaum für Gewesenes, sondern zuvörderst für blinkende, knallrote Räder mit strahlend weißem Werkzeugtäschchen, die Blizzard oder Tornado heißen. Und mit denen man Solex und Co., auf denen lästige, uniformierte "Parkschütze" hockten, souverän abzuschütteln vermochte. Wenn man denn wieder einmal ebenso frohlockend wie widerrechtlich den feingestutzten städtischen Rasen der 60er Jahre überquert hatte.

Auch heute radele ich übers Jahr noch ne Menge. Ja, es liegt noch nicht lange zurück, dass ich mit 62 km/h meinen Hausberg herunterraste – ohne Sturzhelm. Vielleicht weil ich von Helmen seit meiner Bundeswehrzeit eine gewisse Distanz einzuhalten, mir rein vorsorglich auferlegt habe.

Unerwartet erklomm ich aber eine weitere Stufe der Weisheit und kaufte mir für 60 Euro letztlich doch solch eine Schutzhaube, wie sie alle anderen aufhaben. Unbedacht in rot-weiß. Wie mir erst später beifiel, sind das die Nationalfarben Österreichs. Und weil die alles tun, damit sie bei uns kostenfrei im Straßennetz herumgondeln können, wir bei ihnen aber nicht, war ich im Nachhinein sauer auf meine geringe Umsicht.

Nun hätte ich das untere Rot ja durch Blau ersetzen können, aber dann wäre es die Flagge der Holländer gewesen. Und eben die haben schließlich im Verein mit den Österreichern unsere Maut verhindert und tun alles technisch Erdenkliche, nur um in Deutschland nicht tanken zu müssen, wenn sie hinüber nach Österreich karawanen.

Als Deutscher hätte Schwarz-Rot-Gold für meinen Helm ja durchaus nahegelegen. Da aber Ex-Verfassungsrichter Udo di Fabio jüngst dartat "nur Kleingärtner und Sympathisanten der rechtspopulistischen Partei würden die Deutschlandfahne hissen", habe ich davon lieber mal abgesehen: unser Garten ist schließlich recht geräumig und ich radele ja schon seit dem hoffentlich seligen Onkel Hans strikt unsympathisierend.

So habe ich meinen Helm einfach kreativ umgemodelt: in rot-weiß-blau-weiß-rot. Jetzt fahr ich allerdings, siehe da, unversehens für Thailand. Darauf kam ich aber erst, als ich jüngst am Restaurant "Siam Paradise" vorbeifuhr. Wo man mir ein freundliches Thi mo som zurief (ich nehme an, Sie wissen, dass das in Bangkok "Guten Tag" heißt) und man mir einen Gutschein über eine Portion Pad Kra Pao Moo nebst einer persönlich gehaltenen Dankeskarte von Prinzessin Bajrakitiyabha in die Trikottasche steckte.

Hat man mit der altersweisen Umsicht erst einmal angefangen, geht es hurtig weiter. Radfahren ist schließlich hochgefährlich, so ganz ohne Knautschzone, und bei all den fetten Prahlhans-SUVs und allzuoft bedenkenlos rechtsabbiegenden LKW. 2018 verunfallten 445 Menschen, darunter 21 Kindlein, tödlich auf einem Fahrrad – 63 mehr als im Vorjahr, die höchste Anzahl seit 2009; insgesamt verunglückten 88.850 Radfahrer auf deutschen Straßen, wozu manch rabiater Rad-Rowdy indes selbst beigetragen haben dürfte. Man stelle sich das mal bildlich vor: Das sind fast so viele Menschen, wie an Zuschauern ins Berliner Olympiastadion plus Stadion des 1. FC Union Berlin passen.

Und was machen unsere Politgestalter? Sie sorgen dafür, dass es noch gefahrvoller wird. Denn nun moränen ja weitere Ungetüme aus allerlei suspekten Forscher-Höhlen: selbstfahrende Autos, E-Scooter und Drohnen. Von hinten, vorne, seitlich und oben also. Himmel hilf! Am besten bleibt man hinfort in seiner Wohnstatt und lässt die Fortschrittsnarren draußen sich gegenseitig fällen. Ich selbst bin ja dafür, allen Politikschaffenden, die diese vorgeblichen Menschheitsbeglückungen fördern, ihre Luxuslimousinen mit Chauffeur zu konfiszieren – sollen sie doch mit einem E-Bike von Berlin nach Brüssel jagen, um sich dort ihre Instruktionen abzuholen.

Eingedenk all dieser Schrecknisse habe ich mir ein Ergometer zugelegt. Und es von Grittli zusammenbauen lassen, zum Dank dafür, dass sie auch die Lampen aufhängt. Dieses blinkende Ergometer, das mich an meinen Tornado erinnert, habe ich ins Büro zwischen Terrassentür und PC förmlich gewuchtet, denn es ist noch schwerer als meine Solex einstmals.

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Dergestalt habe ich es mir ermöglicht, bei der diesjährigen Tour de France bei üppig Freiluft mitzustrampeln, habe ich via PC-Fernsehen unter anderem den Col de la Gorge rocheuse bezwungen. Das mache mir mal einer nach. Gekleidet war ich in das von mir selbst kreierte himmelblaue Trikot des Spitzenreiters (Aufdruck: "Auto-Knittel, Ihr zuverlässiger Kfz.-Service"). Dieses habe ich von der ersten Etappe an wacker verteidigt, nicht zuletzt gegen alle naserümpfenden Waschvorschläge Grittlis.

Es gibt ja viele verrückte Sportarten, zum Beispiel Schachboxen, Frauentragen oder Moorschnorcheln. So könnte man auch eine "Ergometer-Tour de France" organisieren. Man müsste digital vom Fernseher oder PC mit dem Ergometer verkuppelt sein. Und mit seinem Hausarzt natürlich, auf dass er die Wattzahlen mit dem Puls abgleichen kann. Quasi dem "Tourarzt".

Welcher übrigens früher mehr zu tun hatte: 3.365 km Streckenlänge der Tour 2019 sind natürlich ne Menge Gegend. Früher bewältigte man bei der Tour freilich ungleich mehr Kilometer als heutzutage: 1926 waren es kolossale 5.745. Tja, das waren noch Kerle, noch ohne 12.500 Dollar teure Aero-Rennräder mit Scheibenbremsen unter ihren Podexen. Und es wurden nicht per Flieger die Etappen gewechselt, sondern man fuhr schnurstracks von Ziel zu Ziel weiter. Aus Gründen des Umweltschutzes sollte die Tour-Direktion auf diese schöne Sitte doch schleunigst wieder zurückkommen, meinen Sie nicht auch?

So habe ich mir ausgerechnet, dass ich unter Berücksichtigung meines Alters von jeder Etappe nur fünf Prozent fahren muss. Für jedes Lebensjahr über 30 darf ich nämlich drei Prozent abziehen. In etwa, denn ich bin großzügig und fahre mehr. Als sie die Hagel-Etappe verkürzt hatten, fuhr ich als Einziger unbeirrt weiter und kam mit Schlamm und Ruhm bedeckt ins Ziel. Zur Freude der Zuschauer im Zielbereich, die sonst umsonst angereist wären.

Eigentlich hätte ich demnach trotz der geringeren Streckenlänge auf den Champs-Elysées auch auf dem Siegertreppchen stehen sollen. (Zumindest als Zweiter, wie mein Großonkel Kasimir, der war ein echter Radrennfahrer, und hatte sich den Titel "Der ewige Zweite" redlich verdient.) Denn ich habe ja schließlich auch nicht allen Komfort wie diese Bernals und Buchmänner. Ich fahre schließlich immer im Wind und habe keine Domestiken an meiner Seite.

Der Verpflegungsservice ist übrigens miserabel. Beispiel: Ich rufe zu Grittli herüber: "Bring doch mal ein Selters, Baby." Replik: "Hol Dir doch selber eins!" Ich: "Könntest das Rad auch während der Fahrt mal kurz abstauben." Nun ernte ich die Früchte meiner Umsicht: der Wurf mit dem Handfeger aus dem Besenwagen kann mir nämlich nichts anhaben. Denn selbstverständlich fahre ich jetzt selbst inhäusig mit Helm.

Auch beim Doping war ich im Nachteil, wenngleich ich zuweilen mit dem Mirabellenschnaps in der Glasvitrine gegenüber liebäugelte. Das kriminelle Schnapsschrankschlüsselchen mochte ich aber lieber nicht während der Fahrt suchen, wo ich just – wie Reporter Florian Naß bestätigte – die Pyrenäen mit 92 km/h herunterschoß, knapp vor Alaphilippe.

Im Gegensatz zu Bernal habe ich am Ende auf Alkohol während der Tour verzichtet, wenn auch schweren Herzens. Kein Doping, nein. Sieben Toursiege lang musste ich schließlich Lance Armstrong mit seinem lügenhaft-engstehenden Blick ertragen. Nachher kam raus, dass er sich mit merklich mehr als Bergsteigermüsli aufputschte. Er hatte den gleichen Blick wie jener Läufer, wegen dessen ich ergrimmt bei jeder Zahnpastatube den Silberverschluß abziehen muss.

Doch jetzt darf endlich ganz offen gedopt werden: Seit dem 1. Januar 2018 hat die Welt-Anti-Doping-Agentur die drakonische Promille-Grenze von 0,1 abgeschafft. Nun ist Alkohol zulässig – selbst im Motorsport, unerhört. Die schlimmen Folgen haben wir gesehen: Egan Bernal genehmigte sich auf der letzten Tour-Etappe zwei randvolle Gläser Champagner und fuhr sichtbar angeheitert über Frankreichs Prachtboulevard. Falls das so weitergeht, werden die frenetischen Zuschauer und geplagten Gendarmen auf den Bergetappen aus Sicherheitsgründen weiter zurücktreten müssen, wenn ein fraternisierendes Gruppetto an ihnen vorbeitorkelt – sich zuprostend mit nitrathaltigen Fernsehbieren und im Kanon grölend "Zeig der Welt, was in dir steckt: das einzig Wahre – eine Perle der Natur".

Bier treibt. Einige Kilometer weiter bewahrheitete sich denn wohl auch des legendären ARD-Sportreporters Heinz Maegerlein unvergessener Satz: "Tausende standen an den Hängen und Pisten" zur schon immer vermuteten Doppelbedeutung.

Nun aber Schluss und auf in den Sattel: die 3.272 Kilometer der Vuelta a Espana stehen an.

Zum Autor

Norbert J. Breuer ist seit 1995 als internationaler Managementberater mit Schwerpunkt Deutschland/Frankreich tätig. Er bahnt auf Basis einer breitgefächerten Dienstleistungspalette Unternehmens-Zusammenarbeiten im Exportbereich an. Lange Jahre war er als Lehrbeauftragter (Universität Metz, DFHI / HTW Saarbrücken, FH Trier) und bundesweit als IHK-Dozent tätig. Im staatlichen Auftrag war er als Deutscher Konsulent für Wirtschaftsförderungen der Schweiz und Österreichs delegiert.

Schon früh ist Breuer als Buchautor – unter anderem in den Verlagen CAMPUS und ULLSTEIN – hervorgetreten. Seine ausnehmend vielseitigen publizistischen Beiträge erscheinen im In- und Ausland. Mehr Information finden Sie unter www.breuer-exportmarketing.de.

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Quelle: www.datenschutzbeauftragter-info.de