"Die Sünde" oder: "Von Orgien, Wollüsten und Elfmetern"

Glosse "Über den Tellerrand..." "Die Sünde" oder: "Von Orgien, Wollüsten und Elfmetern"

von Norbert J. Breuer
06.05.2019
Auf einen Blick
  • In seiner monatlichen Glosse blickt Norbert J. Breuer über den Tellerrand – pointiert, unterhaltsam und stets mit einem gewissen Augenzwinkern.
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"Die Sünde" wartet geduldig auf Sie. Ja, auf Sie, Sie da, liebe Herren der Schöpfung. Seit langem schon. Wo denn, möchten Sie wissen, um es in Ihr Navi einzuspeisen? Gerne: in der Barer Straße 29 zu München.

Jeder Kunstinteressierte hat seine Lieblingsgemälde. Für meinen Teil mag ich Werke von Edward Hopper, Caravaggio, Sisley, Lesser Ury, um nur einige zu nennen. Und natürlich Spitzweg, an dessen biedermeierlicher Behaglichkeit man sich in Zeiten von Kim Jong-un und weiterer atombombenjonglierender "Volks-wohl-oder-Übeltäter" gar nicht genug sattsehen kann.

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Doch da gibt es auch jene Bilder, die zwar nicht zu den Herzensfavoriten zählen, jedoch unvergesslich oder aufrüttelnd bleiben, wenn man sie bloß ein einziges Mal betrachtet hat. Sie gehen einem nicht mehr aus dem Sinn. Mir ergeht es so bei "Der Schrei" von Edvard Munch und bei "Die Sünde" von Franz von Stuck, Letzteres in der Neuen Pinakothek in München zu besehen. Beide Maler haben eben diese Werke gleich mehrfach gemalt – ihre Erstversionen übrigens zeitgleich 1893.

Heute ist ja wichtig, wie etwas "rüberkommt". Und sie kommt einfach gut rüber – diese Anna Maria Brandmaier aus Bayerdilling, mit ihren knospenden 18 Jahren, ihrem tiefsündigen Blick, der Sie locken, betören, verführen, ja willenlos machen soll. Sie hat‘s einfach, in ihrer nur unzureichend kaschierten Verdorbenheit, ihrer dezent-koketten Durchtriebenheit. Dämonisch-anziehend, à la Femme fatale. Ginge das noch hin, so stört die kolossale Schlange, die sie sich umhängt wie einen schottischen Plaid, doch mächtig. Und das Höllenfeuer dahinter wirkt obendrein überaus beunruhigend.

Da steht es nun also, das Weibliche im Sündenprunk, und wartet – auf Ihre Entscheidung. Mit einem Hauch düsterer Heiterkeit, denn sie kennt sie schon. Und so möchte mancher Mann das lebende Schlangen-Gewand der offenherzigen Mademoiselle gerne etwas weiter zurückschlagen, als sie vorderhand anbietet …

Spätestens seit Gittes Song "Die Schlange" wissen wir freilich, was uns Männern bei zu engem Kontakt blühen kann. So ist es eben gemeinhin mit den Sünden – ihnen wohnen Geheimnisvolles, Verbotenes und die Strafe inne. Die Neugier nebst Entdeckertum ist eine herausragende Eigenschaft des Menschen. Sie hat enormen Fortschritt über uns gebracht und ebensoviel Unheil. Ein jüdisches Sprichwort besagt zwar: "Schon wegen der Neugier ist das Leben lebenswert." Blaise Pascal vertrat jedoch die Meinung, "dass das ganze Unglück der Menschen aus einem einzi­gen Umstand herrühre: dass sie nämlich nicht ruhig in einem Zimmer bleiben können".

Räumen wir es ein: Sünden – Widerpart des Guten – haben ihre prickelnde Seite. Dabei sind sie verdammungswürdig, jedenfalls aus Sicht bedeutender Weltreligionen. Bei der Sünde handelt es sich schließlich nach christlicher Lehre, doch auch im Islam und im Judentum, um die Abweichung vom göttlichen Gebot. (Zwischen läßlichen Sünden und Todsünden wird gravierend unterschieden.)

Wie Pater Bernward Deneke von der Priesterschaft St. Petrus darlegt, sei die Urmutter der Sünden die Hoffart, womit in neuzeitlicher Sprache Hochmut, Ruhmsucht, Eitelkeit und dergleichen Anverwandte mehr gemeint sind. Mich überrascht das ein wenig, hätte ich da doch eher an Begierde, an Fleischeslust gedacht, an "Das große Fressen" mit Marcello Mastroianni. Auch Langnese sah das etwas anders und lockte schon vor etlichen Jährchen mit "Magnum Sieben Sünden", darunter solche wie Wollust und Völlerei.

Es lauern jedenfalls zahlreiche Sünden-Varianten auf uns. Als seien ihrer nicht schon genug, hat der guineische Kurienkardinal Robert Sarah gar noch eine neue erfunden: "Festklammern am Geld ist eine Sünde." Und fügt an: "Korruption, Aufhäufen von Geld, Gewalt und Leben auf Kosten der Gemeinschaft ohne einen eigenen Beitrag sind die wahren Krebsgeschwüre, die die Gesellschaft von innen bedrohen. Auch die Finanzkrise gründet in einem zügellosen und skrupellosen Streben nach Geld." Da wollen wir ihm gar nicht widersprechen, ja teils mit zornigem Herzen zustimmen. Andererseits versteht die Kirche vom "Festklammern an Geld" auch eine Menge: insgesamt soll das Vermögen der Katholischen Kirche sich – allein in Deutschland – auf üppige 200 Milliarden Euro belaufen und sie zudem größter privater Grundbesitzer sein.

Vor Gericht geht es um Schurkereien, Freveltaten aller Spielarten, milder um Ordnungswidrigkeiten und Zuwiderhandlungen. Sünden indes sind zumeist reine Privatsache, sie werden erst zwischen Himmel und Hölle abgehandelt. Es gibt jedoch Ausnahmen: Wer bei Nacht und Nebel seinen Bauschutt vor einen Altglascontainer kippt, ist ein "Umweltsünder". Auch beim israelischen Staatslenker wird eine Ausnahme gemacht, denn wie die "Rheinische Post" am 2. März 2019 vermeldet: "Netanjahus schlimmste Sünden sind politischer Natur". Aha. Sein privates Umfeld wird ihn nach dieser Absolution als Ehrenmann hochleben lassen können.

Kein Chef wird Ihnen wegen Ihrer "Sünden" eine Zigarre verpassen: nur wegen Ihrer Fehler, wenn Sie beispielsweise "behände Delfine" bockig zurück in die alte Rechtschreibung transponieren. Wegen ihrer Sünden hingegen wird seine rothaarige, miniberockte Sekretärin allenfalls befördert und zu einer Spritztour nach Saint Tropez eingeladen.

Doch das ist noch gar nichts: Manch einer mag bedauern, dass klassische Orgien aus der Mode gekommen zu sein scheinen. Gerade bei Orgien soll es ja zu einem brillanten Feuerwerk aller nur denkbaren Sünden kommen. Das Harmloseste dabei sind, neben dröhnendem Tschingdera, Menschen, die an Kronleuchtern baumeln, und – wir kommen nicht drumherum – Bumfideleien ringsumher, ganz wie ehedem auf Schloß Versailles. Gerade in den Nachkriegsjahren gab es ja wunderschöne Orgien, allerdings mitunter verlustreich – in einem Fall aus Bad Oldesloe sollen nur die Rettungssanitäter überlebt haben. Die letzte authentische Orgie soll am 18. September 2016 zur Begehung des 30-jährigen Zusammenbruchs des gewerkschaftseigenen Wohnungsunternehmens "Neue Heimat" stattgefunden haben. Außer einem infernalischen Lärm drang weiter nichts nach außen.

Der ebenso verwerfliche wie einträgliche Ablasshandel des Mittelalters liegt lange hinter uns. Einen Monatslohn kostete es den armen Sünder, dann kam er ohne Buße davon. Neben armen Sündern gibt es auch "alte" und tote. Für Verstorbene kann posthum ein Ablass erlangt werden. Man stelle sich einmal vor, ein solcher würde für einen aus Oberösterreich stammenden, weltweit berüchtigten Diktator erwirkt werden, der – was wenige wissen – zeitlebens Mitglied der katholischen Kirche war und blieb, zumal er nie exkommuniziert wurde. 1942 wurde übrigens ein Dekret erlassen, das einen umfassenden Ablass bei Fliegerangriffen auch ohne vorhergehenden Empfang der heiligen Sakramente gewährte. Vielleicht war es im Bombenhagel doch etwas tröstlich, dies zu wissen.

Trösten wir uns auch damit: Selbst Heilige waren Sünder. Lassen wir mal den geläuterten Lebemann und Vogelprediger Franz von Assisi ganz beiseite; auch der ebenfalls heiliggesprochene, gütige kroatische Kapuziner Leopold Mandić (1866-1942), ein "begnadeter Beichtvater", ließ einen Mitbruder demütig wissen: "Obwohl Priester bin ich ein sündiger Mensch. Nähme mich Gott nicht am Zügel, wäre ich schlimmer als alle anderen."

Hindus und Buddhisten kennen übrigens keine Sünden, die ihnen vergeben werden können. Sie glauben freilich daran, dass eine jede Handlung eine Folge nach sich zieht. Da heißt es vorsichtig sein, zumal das neue Leben immer aus dem alten geboren ist.

Bedauernswert ist zweifellos der "Sündenbock". Das ist stets jener, auf den die anderen ihre eigenen Sünden abladen. Uli Hoeneß hat beispielsweise niemand vergeben, dass er den Elfer im Finale der EM 1976 verfuhrwerkt hat, so dass Franz Beckenbauer seitdem gerne frotzelt: "Den Ball suchen sie noch heute." Man tut dem Schwaben Hoeneß aber unrecht: Sepp Maier konnte alles, bloß keine Elfmeter halten. Mit einem Torhüter vom Schlage eines Hans Tilkowski im Tor hätten wir somit einen Titel mehr.

Und an Uli Hoeneß wäre der Kelch vorbeigegangen. Immerhin hielt er sich schadlos, indem er – obschon unbestallt – späterhin als "Sonderermittler" im Falle des anfänglich verstockten Kokainkonsumenten Christoph Daum auf den Plan trat. Doch dann beging Uli Hoeneß die in Deutschland unverzeihliche Sünde der Steuerhinterziehung. Der sündenbeschuldigende, sündige Sündenbock? Ein kurioser Sündenreigen fürwahr.

Für einen Fehler, ein Mißgeschick kann man sich entschuldigen. Auch für historisches Unrecht: noble Beispiele sind der Papst, Bill Clinton und Elisabeth II. Bei Sünden reicht das jedoch nicht: man muss um Vergebung bitten. Nur durch Sühne wird man mit seinem Gott wieder versöhnt oder – vor den Schranken des weltlichen Gerichts – mit der Gesellschaft friedlich wiedervereint.

Die katholische Kirche gewährt von alters her einen vollkommenen Ablaß jedem Gläubigen, der eine von vier römischen Papstbasiliken besucht und dabei andächtig Vaterunser und Glaubensbekenntnis betet. Falls sich bei unsereinem also mal zuviel an Missetaten angehäuft haben sollte, eine durchaus erwägenswerte Option, zumal: die Route nach Canossa ist gut ausgeschildert.

Gottlob gibt es aber auch hierzulande ein Schlupfloch für arme, vergaloppierte Sünder, zu dem man keine teure Schweizer Vignette erwerben muss. Denn auch in Bayern gilt: "Auf der Alm da gibt’s koa Sünd." Alsdann: "Geh ma, geh ma – heid is heid!" Oder – wie die Franzosen übermütig sagen: "Bedauern können wir ja morgen."

Zumal uns Willy Millowitsch, der unvergessene "Kölsche Jung", schon 1973 vergeben hat:

Wir sind alle kleine Sünderlein,
's war immer so, 's war immer so.
Der Herrgott wird es uns bestimmt verzeih'n,
's war immer, immer so.
Denn warum sollten wir auf Erden
schon lauter kleine Englein werden?

Zum Autor

Norbert J. Breuer ist seit 1995 als internationaler Managementberater mit Schwerpunkt Deutschland/Frankreich tätig. Er bahnt auf Basis einer breitgefächerten Dienstleistungspalette Unternehmens-Zusammenarbeiten im Exportbereich an. Lange Jahre war er als Lehrbeauftragter (Universität Metz, DFHI/HTW Saarbrücken, FH Trier) und bundesweit als IHK-Dozent tätig. Im staatlichen Auftrag war er als Deutscher Konsulent für Wirtschaftsförderungen der Schweiz und Österreichs delegiert.

Schon früh ist Breuer als Buchautor – unter anderem in den Verlagen CAMPUS und ULLSTEIN – hervorgetreten. Seine ausnehmend vielseitigen publizistischen Beiträge erscheinen im In- und Ausland. Mehr Information finden Sie unter www.breuer-exportmarketing.de.

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Quelle: www.datenschutzbeauftragter-info.de