Furchtlos in den Brexit –  Germany‘s eigenes England

Über den Tellerrand... Furchtlos in den Brexit – Germany‘s eigenes England

von Norbert J. Breuer
05.02.2019
Auf einen Blick
  • In seiner monatlichen Glosse blickt Norbert J. Breuer über den Tellerrand – pointiert, unterhaltsam und stets mit einem gewissen Augenzwinkern: Diesmal von "Good old Germany" nach "Good old England".
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Theresa Mays Musikalität steht, nicht zuletzt aufgrund ihrer admirablen tänzerischen Einlagen, tief drunten in Afrika und auf dem Tory-Parteitag – an denen ich mich einfach nicht sattsehen konnte – ganz außer Frage.

Ich stelle mir vor, dass sie – wenn der Brexit hinter Schloss und Riegel sein wird – am Vorabend ihrer letzten Fahrt hinüber nach Albion für die EU-Kommission sachte "The last Farewell" von Roger Whittaker anstimmen wird:

"Da liegt ein Schiff im Hafen, betakelt und bereit zum Auslaufen.
Morgen wird es nach dem guten alten England segeln.
Weit weg von deinem Land der ewigen Sonne.
In mein Land, reich an regnerischem Himmel und Sturmwinden.
Und ich werde morgen an Bord dieses Schiffes sein.
Obgleich mein abschiedswehes Herz tränenreich ist."

An den Gestaden des alten Kontinents stehen derweil, rührend anzuschauen, die verwaist zurückbleibenden Festlandeuropäer und -innen. Ergriffen winken sie mit Union Jack-Taschentüchern: Die Deutschen lassen Helene Fischer "Gruß an Kiel" singen (wegen nicht mehr auffindbarer Blasinstrumente musste die deutsche Marine sich durch sie vertreten lassen).

Die Polen in Gdańsk singen wehmütig "Noch seid Ihr nicht verloren", für ihre plötzlich verinselten 880.000 Landsleute drüben, wo man für sie ehedem eigens polnischsprachige Verkehrsschilder aufgestellt hat, auf dass sich ihre Lkw nicht in den steilen, reusenartigen Gässlein von Cornwall verfangen.

Die Franzosen in Calais winken mit Camembert-Schachteln – obwohl sie doch immerhin 116 Jahre mit den Engländern im Kriege lagen, obendrein auch noch Admiral Nelson in demütigster Erinnerung behalten – weil sie jetzt um ihre Rohmilchkäse-Exporte an Prinz Charles fürchten müssen.

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Schauen wir uns an, was wir hier in Good old Germany verlieren. Ich darf mit einer persönlichen Retrospektive einleiten:

Meine gymnasialen Bemühungen zum Erlernen der englischen Sprache kann man ohne weiteres als zurückhaltend qualifizieren; alldieweil unser Englischlehrer, ein Rustikalpauker mit Stoppelhaaren, eine beunruhigende Auftretensweise pflegte, die ganz und gar nicht zu jenem passen wollte, was ich mir von der "feinen englischen Art" versprochen hatte.

Besonders förderlich hingegen empfand ich als Kind schon den witzigen BBC-Sprachkurs "Walter and Connie", der mich früh mit den Subtilitäten der englischen Sprache in Berührung brachte:

Connie: "What are you doing?”
Walter: "I am making a radio.”
Connie: "Do you always make radios here?”
Walter: "Yes."

Später entsandte mich mein Chef des öfteren in britische Gefilde. Immerhin machte ich dort dank bildhübscher Hostessen am Messestand gegenüber (eine hieß Samantha und bestieg halbstündig halbnackert eine Luxusbadewanne) rasante Fortschritte in Persönlichkeitsentwicklung und moralischer Festigung. Meine englischen Kollegen verbrachten viel Zeit und Heiterkeit damit, mich zu lehren, auf welche Art ein echter Englishman Zunge und Lippen zu wölben hat, um akustisch zwischen "Greek" und "creek" zu differenzieren.

Meine Kenntnisse kamen mir auf Reisen weit über die weißen Klippen von Dover hinaus namentlich zustatten, wenn ich Sätze meiner deutschen Mitreisenden, wie "I would like to become a steak", souverän zu korrigieren vermochte.

Vor mir liegt ein in perfekter Eleganz aufgemachtes, 176 Seiten starkes, Hochglanz-Katalöglein der Firma "The British Shop - Die feine englische Art", die ihren Sitz indes nicht etwa in Newcastle upon Tyne, sondern in Meckenheim/Voreifel hat. Wir finden darin ein dezent gemixtes Potpourri aus authentisch oder vermeintlich Britischem: Country-Style-Kleidung, zum Beispiel das Baumwoll-Wintershirt "Wonderful Autumnally" und einen berückenden Lambswool-Cardigan- beides für den Außenbereich des Oktoberfestes unverzichtbar. Doch auch Käse der Geschmacksrichtung Red Leicester, Raritäten wie einen 18 Jahre alten Bowmore-Whisky, mit, wie versichert wird, "schokoladigen Noten" sowie die Kolonial-Kommode "War Chest", in der man den superben Karamell-Konfekt "Fudge" verstecken kann.

Da meine Freundin einen teuren Taschentick pflegt und zudem Hüte nicht ausstehen kann, wird die Seite mit dem Tweethut "Hanna" ebenso überblättert wie die Veloursledertasche von Clarks. Hier greifen wir lieber zu einem Glasflakon, welches uns eine Schwebung gasoider britischer Zismen aus weißem Moschus und Rhabarber offeriert. Für mich käme hingegen sowohl das "Oxfordhemd" mit Zweiknopf-Manschette als auch das "Darwin-Explorer-Set" in Frage – wobei mich bei letzterem stört, dass das Messing-Fernrohr bloß für 2½-fache Vergrößerung taugt.

Ich nehme an, der pfiffige Charles drehte das Fernrohr damals um, wodurch die Alligatoren so zusammenschrumpelten, dass er sie mit seiner Pinzette in eine Streichholzschachtel legen und mit nach Good old England transportieren konnte.

Nachdem wir nun auf Britisches so richtig eingestimmt sind, lassen wir doch einmal Revue passieren, was wir Deutsche an England, generell am Vereinigten Königreich, so lieben.

Bitte denken Sie jetzt zunächst an den erschröcklichen Klaus Kinski in "Die toten Augen von London" (1961) oder Heinz Drache in "Das Wirtshaus von Dartmoor" (1964). Natürlich an Hörspiele mit Sherlock Holmes ("Mein lieber Watson"), in denen Peter Pasetti und Walter Renneisen brillieren. Dazu muss natürlich reichlich Atmosphäre eingewoben werden, für die kuschelige Mimi, die bekanntlich nie ohne Krimi: 

"Es war eine wilde, stürmische Nacht gegen Ende November. Holmes und ich hatten den ganzen Abend schweigend beieinandergesessen. Draußen heulte der Wind die Baker Street entlang und der Regen klatschte gegen die Fensterscheiben." Wozu eine moderne Lady Godiva Kate Bushs "Wuthering heights" hört und ein Fudge-Konfekt vernascht.

Auch in Reinhard Meys Lied "Der Mörder ist immer der Gärtner" werden alle nötigen Klischees einfühlsamst bedient:

"Die Nacht liegt wie Blei auf Schloß Darkmoor,
Sir Henry liest Financial Times.
Zwölfmal schlägt gespenstisch die Turmuhr,
Der Butler hat Ausgang bis eins.
Da schleicht sich im flackernden Lampenschein
Fast lautlos ein Schatten zur Türe herein …"

Wenn Sie belesen sind, erinnern Sie sich vielleicht auch an jenen guten alten Mister Erskine of Treadley, von Dandy Oscar Wilde in seinem Roman Dorian Gray etikettiert als "ein Herr von beträchtlichem Reiz und Kultur, der sich die schlechte Gewohnheit des Schweigens angeeignet hatte, da er schon vor seinem dreißigsten Lebensjahr alles gesagt haben wollte, was er überhaupt zu sagen hatte".

Mitnichten schweigsam, vielmehr arg geräuschvoll geht es im unverwüstlichen Dinner for One mit Sir Toby, Admiral von Schneider, Mr. Pommeroy und … na – richtig: Mr. Winterbottom, zu.

Ja, that‘s very british, jedenfalls von Meckenheim aus betrachtet. (Die Meckenheimer mögen mir verzeihen – ich erwähne zum Ausgleich, dass sie an der "Apfel- und Rosenroute" gelegen sind, deren Hauptsehenswürdigkeit der einsame Bahnhof Kottenforst und nicht etwa die belebte "Paddington Station" ist.)

The Beatles ("Twist and shout") und The Rolling Stones ("Paint it black") waren uns schon als Teenager ans Herz gewachsen. Und das dritte Tor von Wembley war zwar gar keines, aber unter Cousins sind wir ja großherzig: sollen sie ihren auf ewig einzigen WM-Titel ruhig haben. 1990 mussten die Engländer schließlich gegen uns aus dem Turnier. Betreten meinte Stürmerstar Gary Lineker danach: "Football is a simple game; 22 men chase a ball for 90 minutes and at the end, the Germans always win.”

Der Mann erhielt als fairer Sportsmann übrigens in allen seinen Profijahren keine einzige gelbe Karte. Briten sind eben höfliche Menschen. Heißt es jedenfalls. Wofür spricht, dass Arzthelferinnen ein "Excuse me" hauchen, bevor sie dir die Nadel zur Blutabnahme in die Vene pieksen. Nach dem Motto: "Wir können auch anders", wollten sie mir allerdings in einem kostspieligen Londoner Hotel für den Transport der Koffer einer von mir geführten Reisegruppe einen sehr anspruchsvollen Geldbetrag pro Person abzwacken.

Als ich das empört monierte, fand ich meinen Koffer auf meinem Zimmer so eingetreten vor, dass er hinfort unbrauchbar war und als schlagender Beleg für britische Gastfreundschaft in meinem Keller einen Ehrenplatz einnimmt. Von weiteren solcher Erlebnisse zu schweigen, die ich als etwas aus dem Rahmen fallend bezeichnen würde, erlege ich mir hiermit auf.

Auch an den spleenig-snobistischen Sir David Lindsay, der mit Karl Mays Kara Ben Nemsi durch Arabien galoppierte, sei nostalgisch erinnert.

Und nun hätten wir fast "My name is Bond, James Bond" vergessen. Wie der da am Ende seines ersten Abenteuers, in dem er "Dr. No" jagt und in kochendem Kühlwasser erledigt, seelenruhig in einer kleinen Nussschale in der tiefblauen Karibik dümpelt, von der kurvigen Ursula Andress warmbusig geherzt – beneidenswert. In einer ähnlichen Bootsszene wird er von Miss Moneypenny ("Sie sind so schwer zu verführen ...") via Autotelefon erreicht; der Boss frage schon den ganzen Morgen nach ihm. Bond feinsinnig: "Also ... ich habe mir einen alten Fall wieder vorgenommen ..." Bei der bezaubernden Herrenreiterin Jenny Flex wird er direkter: Sie: "Ich liebe einen Ritt am frühen Morgen." Er: "Nun ... ich selbst bin auch Frühaufsteher."

Irgendwie werde ich den Eindruck nicht los, dass wir uns unser England so geschneidert haben, wie sich Karl May den Wilden Westen zimmerte: Als altdeutsche Wohnstube. Wir haben schon längst unser eigenes England, sie das ihre. Notfalls drehen wir uns gar ein Remake von Graf Yoster. Eine faire Aufteilung.

Der altehrwürdige Londoner Daily Telegraph mag uns, scheint's durchaus. Selbst wenn er zuweilen über die Deutschen spöttelt, namentlich über deren inzwischen verblichenes "Rindfleischetikettierungsueberwachungsaufgabenuebertragungsgesetz". Doch als man uns die DM nahm, da kam echtes Mitgefühl auf und das Blatt schrieb aufmunternd: "Good luck, Germany". Das fanden wir nett.

So wollen wir nicht anstehen und jenen Briten, die ihr Leben zu uns herüberverlagern, und das sind gegenwärtig gar nicht wenige, zurufen: "You will be warmly welcomed" und jenen, die es sich auf ihrer Insel abgeschottet gemütlich machen möchten – einer Einstellung, der auch so mancher German einen mildwarmen Hauch wohlwollenden Mitempfindens entgegenbringt:

"If you want, you'll never walk alone. All the best, Great Britain."

Zum Autor

Norbert J. Breuer ist seit 1995 als internationaler Managementberater mit Schwerpunkt Deutschland/Frankreich tätig. Er bahnt auf Basis einer breitgefächerten Dienstleistungspalette Unternehmens-Zusammenarbeiten im Exportbereich an. Lange Jahre war er als Lehrbeauftragter (Universität Metz, DFHI/HTW Saarbrücken, FH Trier) und bundesweit als IHK-Dozent tätig. Im staatlichen Auftrag war er als Deutscher Konsulent für Wirtschaftsförderungen der Schweiz und Österreichs delegiert.

Schon früh ist Breuer als Buchautor – unter anderem in den Verlagen CAMPUS und ULLSTEIN - hervorgetreten. Seine ausnehmend vielseitigen publizistischen Beiträge erscheinen im In- und Ausland. Mehr Information finden Sie unter www.breuer-exportmarketing.de.

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ist seit 1995 als internationaler Managementberater mit Schwerpunkt Deutschland/Frankreich tätig. Er bahnt auf Basis einer breitgefächerten Dienstleistungspalette Unternehmens-Zusammenarbeiten im Exportbereich an. Lange Jahre war er als Lehrbeauftragter (Univ. Metz, DFHI/HTW Saarbrücken, FH Trier) und bundesweit als IHK-Dozent tätig. Im staatlichen Auftrag war er als Deutscher Konsulent für Wirtschaftsförderungen der Schweiz und Österreichs delegiert.

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Quelle: www.datenschutzbeauftragter-info.de