Sie zahlt, sie zahlt nicht, sie zahlt, sie ...?

Versicherung gegen Berufsunfähigkeit Sie zahlt, sie zahlt nicht, sie zahlt, sie ...?

Manfred Fischer
von Manfred Fischer
30.04.2017
Auf einen Blick
  • Umfragen ergeben: Viele Verbraucher mit Berufsunfähigkeitsversicherung gehen im Bedarfsfall leer aus oder erhalten nur einen Bruchteil der erhofften Rente.

  • Der Gesetzgeber lässt Anbietern viel Freiraum bei der Vertragsgestaltung. Zahlreiche Klauseln lassen sich zu Ungunsten von Versicherten auslegen.

  • Leistungsbereitschaft und Leistungsmerkmale von Versicherungen sind teils sehr unterschiedlich. Gründliche Beratung tut not.
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Deutlicher geht es nicht. "Untauglich" - so nennen Verbraucherschützer das Angebot der Versicherungswirtschaft. Gebetsmühlenartig fordern sie einen erleichterten Zugang zu Berufsunfähigkeitsversicherungen, bessere Rentenleistungen und Transparenz. Und nicht zuletzt: Beratung, die Verbraucher und Versicherungen "auf Augenhöhe" bringt. Höchste Zeit sei es, die private Vorsorge zu reformieren, sagt Bianca Boss vom Bund der Versicherten.

Zahlen geben Verbraucherschützern Recht.

Erhebungen der Ratingagentur Morgen & Morgen zufolge gerieren sich viele Versicherungen als Leistungsverweigerer. Demnach zahlten im Jahr 2014 nur neun von 37 Unternehmen in den allermeisten Schadensfällen, ohne Fisimatenten zu machen. Unter ihnen etwa die Allianz und Axa. Schlecht schnitten im Ranking neben anderen die Nürnberger, DEVK und Familienfürsorge ab. In jedem dritten Fall stellten sie sich quer.

Warten bis Sankt Nimmerlein

Dabei tauchen diese Zahlen die Wirklichkeit offenbar in ein noch zu mildes Licht. Zahlreiche Versicherungen geben überhaupt keine Daten heraus, monieren Verbraucherschützer. Anonyme Umfragen deuteten darauf hin, dass mehr als die Hälfte aller versicherten Arbeitsunfähigen leer ausgehen oder mit Almosen abgespeist werden.

Dahinter steckt Methode. Nach einer neuen Studie der Beratungsgesellschaft Premium Circle sind Vertragsbedingungen gespickt mit Formulierungen, mit denen sich die Konzerne aus Verpflichtungen herauswinden. Über 300 sehr dehnbare Begriffe die Macher der Studie gezählt. Die erlaubten es Versicherungen im Ernstfall, ärztliche Atteste bis zum Sankt Nimmerleinstag zu fordern. Oder mit Begriffen wie "zumutbar" und "altersentsprechend" arbeitsunfähige Menschen so einstufen, als könnten diese ihren Lebensunterhalt größtenteils noch selber bestreiten.

Biallo-Tipp

Beratungsunternehmen wie Franke & Bornberg oder Morgen & Morgen benoten BU unterschiedlicher Anbieter. Vergeben werden bis zu fünf Sterne oder bestenfalls ein "FFF". Nehmen Sie nur Angebote mit sehr guter Bewertung in Ihre engere Wahl. Die Bewertungen finden sie hier: Ranking Franke und Bornberg, Ranking Morgen & Morgen.

"Schutzbedürftige Verbraucher und Vermittler haben derzeit kaum die Möglichkeit, gute von schlechten Leistungen zu unterscheiden", kritisiert Premium Circle-Geschäftsführer Claus-Dieter Gorr die vagen Vertragsformulierungen. Zusammen mit unverbindlichen Formulierungen im Versicherungsvertragsgesetz und in den Musterbedingungen der Versicherungswirtschaft ermöglichten sie "eklatante Unterschiede im Leistungsverhalten".

Massive Abschläge bei der Rente

Die Zahlen der Beratungsgesellschaft - ebenfalls für das Jahr 2014 -, ergeben: Manche Versicherungen wiesen jeden siebten Antrag auf Berufsunfähigkeitsrente ab, andere jeden zweiten. In nur knapp zwei Dritteln der Fälle wurden Leistungsansprüche unbefristet anerkannt; die Quote betrug, je nach Versicherung, 36 bis 83 Prozent. Die durchschnittliche BU-Rente - gewichtet mit der Fallzahl - lag bei knapp 800 Euro; je nach Versicherung lag das durchschnittliche Minimum bei 590 Euro, das Maximum bei rund 1200 Euro.

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Berechnungsgrundlage / Modellfall: 

Die meisten Betroffen wehren sich nicht. Nicht einmal zehn Prozent klagen gegen die Versicherungen, sagt Gorr. Und die, die den Schritt tun, scheitern in der Mehrzahl vor Gericht. Fast 70 Prozent der Verfahren im Jahr 2014 endeten zugunsten der Konzerne, heißt es.

Das Papier der Beratungsgesellschaft ist nicht unumstritten. Der Gesamtverband der Versicherungswirtschaft hält Gorrs Argumentation für "abwegig". Berufsunfähigkeitspolicen müssen über Jahrzehnte hinweg Bestand haben, daher ist für Begrifflichkeiten ein gewisser Spielraum unverzichtbar, betont der Verband. Er wirft der Beratungsgesellschaft wirft er vor, eigene wirtschaftliche Interessen mit der Studie befördern zu wollen.

Verflixte Klausel

Ein häufiger Auslöser für Streit mit der Versicherung ist die sogenannte abstrakte Verweisung. Mit einer solchen Klausel regeln Versicherer, dass jemand, der seinen Beruf nicht mehr ausüben kann, einer sozial gleichwertigen Tätigkeit nachgehen muss. Egal, ob er Chancen auf eine Stelle hat oder nicht.

"Für hochspezialisierte Akademiker mag die Klausel Sinn machen", sagt Bianca Boss. Anders sehe das zum Beispiel bei Handwerkern aus. "Ein Zimmerer, der aus gesundheitlichen Gründen nicht mehr auf der Baustelle arbeiten kann, muss sich dann sagen lassen, dass er ja noch im Baumarkt als Kundenberater Geld verdienen könne."

Massive Kritik übt der Bund der Versicherten an der Praxis, dass Verträge ohne abstrakte Verweisung teurer sind als jene mit. "Der Unterschied bei der Prämie ist nicht unerheblich", sagt Boss. "Diejenigen, die eine BU am ehesten benötigen wie Handwerker, zahlen die höchsten Prämien. Und wenn sie eine Versicherung ohne diese Klausel wollen, zahlen sie noch mehr."

Lesen Sie auch den Biallo-Ratgeber zum Thema: Berufsunfähigkeitsversicherung - Sie treffen die Wahl!

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