"Auf Biegen und Brechen"

Berufsunfähigkeitsversicherung "Auf Biegen und Brechen"

Manfred Fischer
von Manfred Fischer
05.05.2017
Auf einen Blick
  • Anbieter von Berufsunfähigkeitspolicen verweigern häufig Leistungen. Einige Versicherungen blocken selbst in außergerichtlichen Schlichtungsverfahren ab.

  • Von den rund 10.000 Leistungsanträgen, die jährlich abgelehnt werden, landen einige hundert beim Versicherungsombudsmann. In knapp der Hälfte dieser Fälle kommt es zu einer Einigung.
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Zwischen Versicherungen und Analysehäusern liegen Welten, jedenfalls was Zahlen angeht. Der Gesamtverband der Deutschen Versicherungswirtschaft spricht von einer Leistungsquote bei Berufsunfähigkeitspolicen von über 75 Prozent. Von 40.200 Anträgen auf Leistungen im Jahr 2014 sind demnach mehr als 30.000 positiv beschieden worden. Glaubt man der Ratingagentur Morgen & Morgen, zahlt nur ein Viertel der Versicherungen anstandslos. Die Beratungsgesellschaft Premium Circle berichtet, dass die Leistungsquote je nach Versicherung zwischen 56 und 14 Prozent liegt. Und, dass 91 Prozent aller Versicherten das Handtuch werfen, wenn ihr Antrag abgelehnt wird.

Machen Verbraucher es Versicherungskonzernen zu leicht? Auf dem Schreibtisch von Professor Günter Hirsch landen offene Streitfälle. Der ehemalige Präsident des Bundesgerichtshofs ist Versicherungsombudsmann und schlichtet Konflikte außergerichtlich.

Herr Professor Hirsch, wie hoch sind die Erfolgschancen für Versicherte in einem Schlichtungsverfahren?

Hirsch: Die "Erfolgsquote" lag 2016 bei knapp 47 Prozent aller Beschwerden, ausgenommen die Beschwerden über Lebensversicherungen. "Erfolg" bedeutet, dass der Versicherer den geltend gemachten Anspruch erfüllt, dass eine gütliche Einigung erreicht wird oder der Ombudsmann zugunsten des Beschwerdeführers entscheidet beziehungsweise bei einem Beschwerdewert von über 10.000 Euro eine Empfehlung ausspricht. Bei Beschwerden über Lebensversicherungen ist die "Erfolgsquote" niedriger. Dabei geht es häufig lediglich um die laienverständliche Erläuterung komplexer Sachverhalte; das zählt nicht als erfolgreiche Beschwerde, da dem Beschwerdeführer keine geldwerte Leistung zufließt.

Wie oft beschweren sich Verbraucher?

Hirsch: Die Zahl der zulässigen Beschwerden zur Berufsunfähigkeitsversicherungen ist in den letzten Jahren leicht rückläufig und liegt 2016 bei knapp 400.

Biallo-Tipp

Berufsunfähigkeitspolicen umfassen je nach Anbieter sehr unterschiedliche Leistungen. Bei der Auswahl der Versicherung und bei Vertragsabschluss gilt es, eine Vielzahl von Punkten zu beachten. Tipps finden Sie hier: Berufsunfähikeitsversicherung - Sie treffen die Wahl!

Legt man die Daten der Versicherungswirtschaft zugrunde, werden jährlich rund 10.000 Anträge abgelehnt. Müsste es nicht viel mehr Beschwerden geben?

Hirsch: Diese Zahl ist in der Tat verblüffend, wenn man sie mit jener der Beschwerdeverfahren vergleicht. Die Frage ist, welche Rückschlüsse die Zahl zulässt. Die Versicherungswirtschaft würde möglicherweise sagen, viele Betroffene sehen ein, dass sie keinen Anspruch auf Leistungen haben. Verbraucherschützer würden wahrscheinlich argumentieren, die Konzerne entmutigen oder zermürben die Versicherten.

Wie viel Druck bekommen Sie in Schlichtungsverfahren zu spüren?

Hirsch: Ich sehe Unternehmen, bei denen kommt es überproportional häufig zu Beschwerden. Bei anderen gibt es selten Probleme. Auffällig ist auch: Versicherungen reagieren auf Beschwerden sehr unterschiedlich. Manche wollen ihre Interessen auf Biegen und Brechen durchsetzen und führen einen Kampf ums Recht. Vor Gericht ist das in Ordnung, aber nicht in einem Schlichtungsverfahren. Andere Versicherungen haben verinnerlicht, wozu ein Schlichtungsverfahren dient. Davon profitieren sie, denn die Schlichtung ist ein kundenfreundliches Verfahren, es spricht sich unter Verbrauchern herum, wenn sich ein Unternehmen so verhält, davon hat es bei kleineren Streitwerten mehr als von einem gewonnenen Prozess.

Haben Sie den Eindruck, dass strategisches Kalkül dahinter steckt, wenn Versicherungen auf stur schalten?

Hirsch: Das Bundesjustizministerium hat von einiger Zeit eine Umfrage bei Gerichten durchgeführt, ob Unternehmen gezielt auf Verzögerungs- und Verschleppungstaktik setzen oder auf Abschreckung. Das Ergebnis war: Es ließ sich nicht erkennen, dass die Unternehmen systematisch die Regulierung verzögern. Aber nach der Umfrage gab es auch Ausreißer. Mein Eindruck ist, dass dies oft an einem Sachbearbeiter liegt, der eine harte Linie fahren will.

Müssten die Verbraucherrechte bei einem so wichtigen Schutz wie der Berufsunfähigkeitsversicherung nicht gestärkt werden?

Hirsch: Die ungleiche Machtverteilung zwischen Versicherern und Versicherten ist typisch für Verbraucherverträge, bei denen auf der einen Seite ein starkes Unternehmen mit erheblichen finanziellen Ressourcen, juristischem Sachverstand und Marktmacht seine Interessen vertritt, dem auf der anderen Seite ein "kleiner" Verbraucher gegenüber steht. Ausdruck dieser Überlegenheit der einen Seite ist, dass diese die Vertragsbedingungen einseitig festlegt. Hieran kann der Gesetzgeber strukturell wenig ändern. Mit dem Verbraucherstreitbeilegungsgesetz wird Verbrauchern jedoch ein Verfahren der außergerichtlichen Konfliktbeilegung zur Verfügung gestellt, das es ihnen ermöglicht, ihre Rechte und Interessen auf Augenhöhe zu vertreten.

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