Erwerbsminderung: Die Vorteile der neuen EM-Rente

Ratgeber der Woche Erwerbsminderung: Die Vorteile der neuen EM-Rente

Rolf Winkel
von Rolf Winkel
10.12.2018
Auf einen Blick
  • Wer ab 2019 eine Rente wegen Erwerbsminderung erhält, wird deutlich besser gestellt.

  • Die Erwerbsminderungsrente fällt für ältere Menschen mit Handicaps höher aus als etwa die vorzeitige Schwerbehindertenrente.

  • Das liegt an der Verlängerung der Zurechnungszeit bei der EM-Rente. Ab 2019 läuft die anrechenbare Zeit bis zum regulären Renteneintrittsalter.
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Zum 1. Januar 2019 tritt eine Reihe von Leistungsverbesserungen bei der gesetzlichen Rentenversicherung in Kraft. Zugleich sollen Rentenniveau und Beitrag bis 2025 stabil bleiben. Das sieht das "Gesetz über Leistungsverbesserungen und Stabilisierung in der gesetzlichen Rentenversicherung" vor. Besonders wichtig sind dabei die erheblichen Aufbesserungen bei der Erwerbsminderungsrente. Handlungsbedarf gibt es hierdurch vor allem für viele Versicherte jenseits der 61, deren Arbeitsfähigkeit durch gesundheitliche Einschränkungen erheblich gemindert ist. Für sie gilt nämlich: Mit einer Erwerbsminderungsrente (EM-Rente) stellen sie sich deutlich besser als mit einem vorzeitigen Altersruhegeld.

Verbesserungen bei der Erwerbsminderungsrente

Wichtig ist zunächst, für wen die im Folgenden skizzierte Neuregelung nicht gilt: Wer bereits 2018 eine Erwerbsminderungsrente bezogen hat (Bestandsrentner), für den bleibt es bei der derzeitigen Rentenhöhe (beziehungsweise genauer: bei der bislang ermittelten Summe von Entgeltpunkten, die der Rentenberechnung zugrunde liegt). Auch wenn die zunächst meist befristet bewilligte Rente später erneut bewilligt, beziehungsweise zu einer unbefristeten EM-Rente wird, ändert sich an der Berechnungsgrundlage nichts. Die Neuregelung gilt nur für diejenigen, die ab 2019 in EM-Rente gehen, für "Neurentner" sozusagen.

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Verlängerung der Zurechnungszeit

Bei dem jüngsten Reformvorhaben heißt das entscheidende Stichwort "Zurechnungszeit". Diese Zeit ist wichtig, weil Erwerbsminderung derzeit im Durchschnitt schon im Alter von 51 Jahren eintritt – das heißt: in einem Alter, in dem die Betroffenen erst geringe Rentenansprüche erworben haben. Die Zurechnungszeiten sollten bislang – rentenrechtlich zumindest – die Lücke zwischen dem Eintritt der Erwerbsminderung und dem Rentenalter zumindest einigermaßen schließen. Für Neurentner ab 2019 soll diese Lücke sogar vollständig geschlossen werden. Bei der Rentenberechnung wird dann so getan, als ob der Rentenbezieher bis zum regulären Rentenalter mit seinem bisherigen Durchschnittsverdienst (das jeweils in Relation gesetzt wird zum Durchschnittsverdienst aller Rentenversicherten) weiter gearbeitet und Versicherungsbeiträge an die Rentenkasse abgeführt hätte.

Sonderregelung bei zuletzt schlechtem Verdienst

Im Normalfall wird das bis zum Eintritt der Erwerbsminderung im Schnitt erzielte Einkommensniveau in der Zurechnungszeit in die Zukunft einfach fortgeschrieben. Genauer gesagt: Die im Durchschnitt pro Jahr erzielten Entgeltpunkte (EP) werden fortgeschrieben. Wer also im Schnitt jeweils die Hälfte des Durchschnittsentgelts aller Versicherten erzielt hat und damit pro Jahr einen halben EP auf dem Rentenkonto gutgeschrieben bekommen hat, dessen Zurechnungszeit ist pro Jahr ebenfalls einen halben EP wert.

Schon seit dem 1. Juli 2014 wird von diesem Standardverfahren in manchen Fällen abgewichen: Die letzten vier Versicherungsjahre vor dem Eintritt der Erwerbsminderung bleiben nämlich unberücksichtigt, wenn sie negativ zu Buche schlagen würden. Dieses Verfahren nennt sich "Günstigerprüfung". 
Achtung: Für die günstigere Einstufung ist kein Antrag erforderlich. Die Rentenversicherung nimmt diese Günstigerprüfung automatisch vor.

Diese Regelung ist vor allem für diejenigen vorteilhaft, deren Einkommen bereits in den letzten Jahren vor der amtlich festgestellten Erwerbsminderung gesunken ist – etwa durch eine gesundheitsbedingte Verkürzung der Arbeitszeit, Phasen der Krankheit oder den Wegfall von Überstunden.

Die Zurechnungszeit wird für neue Erwerbsminderungsrentner ab dem 1. Januar 2019 in einem Schritt auf 65 Jahre und acht Monate angehoben (statt bisher 62 Jahre und sechs Monate). Zur Erläuterung: Mit 65 Jahren und acht Monaten können Versicherte des Jahrgangs 1954 die reguläre Altersrente erhalten. Ab 2020 steigt die Zurechnungszeit für Erwerbsminderungsrentner bis 2027 in jedem Jahr um einen Monat, danach jährlich um zwei Monate – parallel zur Anhebung der Regelaltersgrenze. Dieser Prozess endet im Jahr 2031, wenn die reguläre Altersgrenze von 67 Jahren erreicht ist.

Die Verlängerung der Zurechnungszeit in einem Schritt wird Erwerbsminderungs-rentnern mit einem Rentenbeginn ab 2019 nach den Berechnungen der Deutschen Rentenversicherung im Schnitt monatlich circa 70 Euro mehr Rente bringen. Wichtig ist aber weiterhin: Die meisten Erwerbsminderungsrentner müssen bei ihrer Rente noch einen Abschlag von 10,8 Prozent hinnehmen. Hieran ändert sich nichts.

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Weiterhin Rentenabschläge

Folgendes Beispiel zeigt, wie dabei gerechnet wird: Nehmen wir an, ein Arbeitnehmer erhält ab Januar 2019 im Alter von genau 50 Jahren Erwerbsminderungsrente. Zu diesem Zeitpunkt hat er 30 Entgeltpunkte (EP) auf seinem Rentenkonto. Aus seinem Konto ergibt sich weiter, dass er bis zu diesem Zeitpunkt pro Versicherungsjahr im Schnitt genau einen EP erarbeitet hat – er hat also jeweils ein genau durchschnittliches Arbeitsentgelt erzielt.

Dem Betroffenen werden nun (bis zum Alter von 65 Jahren und acht Monaten) 15 Jahre und acht Monate Zurechnungszeit anerkannt. Damit kommt er auf 15 und zwei Drittel weitere Entgeltpunkte, insgesamt also auf 45 und zwei Drittel EP.

Erwerbsminderungsrente ohne Abschläge bzw. mit Maximalabschlag von 10,8 Prozent

Eintritt in die EM-Rente

Abschlagsfreie EM-Rente

im Alter von …

Maximalabschlag bei Renteneintritt

bis zum Alter von …

Jahr

Jahr

Monat

Jahr

Monat

2018

64

0

61

0

2019

64

2

61

2

2020

64

4

61

4

2021

64

6

61

6

2022

64

8

61

8

2023

64

10

61

10

Quelle: § 264d SGB VI

Eine abschlagsfreie Erwerbsminderungsrente wird 2019 an Neurentner nur dann gezahlt, wenn diese bei Renteneintritt mindestens 64 Jahre und zwei Monate alt waren (nach Paragraf 264d SGBVI, der unverändert weiter gilt, siehe Tabelle). Für jeden Monat des vorzeitigen Bezugs dieser Rente werden 0,3 Prozent Rentenabschlag fällig – maximal aber 10,8 Prozent. Dieser Maximalsatz gilt derzeit, wenn die Rente mit 61 Jahren und zwei Monaten oder vorher bezogen wird – so wie im Beispielfall. Bei einem früheren Renteneintritt erhöhen sich die Abschläge also nicht weiter. Von den 45 und zwei Drittel EP werden im Beispielfall somit 10,8 Prozent abgezogen. Das sind 4,93 EP. Es bleiben damit nur 40,74 EP. Das bringt nach dem derzeitigen Stand in Westdeutschland eine monatliche Rente in Höhe von 1.304,90 Euro. Hiervon gehen noch Beiträge zur Kranken- und Pflegeversicherung ab.

Gerade für ältere Versicherte, die meist lange Jahre versicherungspflichtig waren, ist eine Bestandsschutzregelung wichtig, die den Betroffenen – soweit sie bei Eintritt der Erwerbsminderung älter als 60 Jahre alt sind – geringere Rentenabschläge sichert. Soweit sie 35 Jahre Pflichtbeiträge und Berücksichtigungszeiten sowie bestimmte Anrechnungszeiten oder auch Ersatzzeiten vorweisen können, steht ihnen eine abschlagsfreie Erwerbsminderungsrente bereits ab 63 Jahren zu. Der Maximalabschlag von 10,8 Prozent fällt an, soweit die Betroffenen bei Eintritt der Erwerbsminderung 60 Jahre oder jünger sind.

Ab 2024 gilt diese Bestandsschutzregelung nur noch für erwerbsgeminderte Versicherte, die 40 Jahre mit den genannten Zeiten nachweisen können.

Zurechnungszeiten gelten auch für Hinterbliebenenrenten

Die verbesserte Regelung über Zurechnungszeiten gilt genauso für Hinterbliebenenrenten, wenn der Ehepartner (beziehungsweise bei Waisenrenten ein Elternteil) früh verstorben ist und noch keinen Anspruch auf die reguläre Altersrente hatte. In diesem Fall wird ab 2019 die Zeit zwischen dem Ableben des Betroffenen und dem zum Todeszeitpunkt geltenden regulären Rentenalter – genau wie oben skizziert – fiktiv durch eine Zurechnungszeit aufgefüllt. Geregelt ist dies in Paragraf 59 und Paragraf 264c SGB VI.

Rechenbeispiel für Rentenversicherte ab 61 Jahren

Für Erwerbsgeminderte, die zum Zeitpunkt des Renteneintritts 60 Jahre oder jünger sind, bedeutet die Neuregelung eine Verbesserung. Diese tritt jedoch automatisch und ohne Antrag ein und Handlungsalternativen gibt es für die Betroffenen nicht.

Ganz anders stellt sich die Situation für Versicherte ab (knapp) 61 Jahren dar, deren Arbeitsfähigkeit deutlich eingeschränkt ist. Denn klar ist: Eine Erwerbsminderung kann natürlich auch erst spät eintreten. Versicherte jenseits der 60 haben bisher – selbst bei starken gesundheitlichen Handicaps – meist eine vorzeitige Altersrente beantragt, Behinderte vielfach die Schwerbehindertenrente, die es derzeit mit knapp 61 Jahren gibt. Denn Erwerbsminderungsrenten waren bislang im Regelfall nicht höher als vorzeitige Altersruhegelder. Zudem ist das Antragsverfahren hierbei kompliziert und langwierig.

Am Antragsverfahren ändert sich 2019 nichts, doch es lohnt sich künftig weit mehr, statt der vorgezogenen Altersrente Erwerbsminderungsrente zu beziehen – wie die folgenden Vergleichsberechnungen zeigen.

Vergleichsberechnung: Altersrente für besonders langjährig Versicherte und Erwerbsminderungsrente

Bei der Vergleichsberechnung wird Folgendes unterstellt: Ein 1955 geborener Versicherungsnehmer erreicht im Laufe des Januars 2019 das Alter von 63 Jahren und sechs Monaten. Als langjährig Beschäftigter kommt er zu diesem Zeitpunkt auf 45 Versicherungsjahre und hat damit ab Februar 2019 Anspruch auf die abschlagsfreie Altersrente für besonders langjährig Versicherte. Die Rente wird auf Grundlage von 45 Entgeltpunkten berechnet. Pro Jahr kann er im Schnitt einen EP auf seinem Rentenkonto vorweisen.

Nun sei unterstellt, der Versicherte sei voll erwerbsgemindert und könnte ab Februar 2019 Erwerbsminderungsrente erhalten. Zum Zeitpunkt des Rentenbeginns ist er 63 Jahre und sechs Monate alt, Zurechnungszeiten werden ihm bis zum Alter von 65 Jahren und acht Monaten anerkannt. Das sind – leicht aufgerundet – 2,17 Jahre. Da er zuvor im Schnitt jeweils pro Jahr einen EP erzielt hat, werden ihm auch 2,17 EP gutgeschrieben. Damit kommt er auf (45 + 2,17=) 47,17 EP.

Abschlagsfrei gibt es die EM-Rente 2019 allerdings erst mit 64 Jahren und zwei Monaten (s. Tabelle). Unser Beispiel-Versicherter profitiert jedoch noch von der weiterhin geltenden Vertrauensschutzregelung für langjährig Versicherte (§ 77 SGB IV, s. o.) und kann deshalb bereits bei einem Renteneintritt ab 63 Jahren die EM-Rente abschlagsfrei erhalten. Er muss daher auch bei der EM-Rente keine Abschläge hinnehmen. Damit wird die EM-Rente auf Grundlage von 47,17 EP berechnet. Unter dem Strich fällt die (volle) EM-Rente in diesem Fall um 2,17 EP höher aus als die abschlagsfreie Altersrente für besonders langjährig Versicherte. Das macht – legt man den aktuellen Rentenwert West zugrunde – einen Unterschied von 69,50 Euro bei der Brutto-Monatsrente. Im Vergleich zum Altersruhegeld für schwerbehinderte Menschen fällt das Plus bei der EM-Rente noch weit höher aus.

Vergleichsberechnung: Altersrente für schwerbehinderte Menschen und Erwerbsminderungsrente

Bei der Vergleichsberechnung wird hier Folgendes unterstellt: Ein Anfang 1958 geborener schwerbehinderter Versicherter wird im Januar des kommenden Jahres 61 Jahre alt. Ab diesem Alter können Schwerbehinderte seines Jahrgangs frühestens die Altersrente für Schwerbehinderte erhalten – allerdings mit dem maximalen Abschlag von 10,8 Prozent. Nehmen wir an, der Versicherte, der im Schnitt in seinem Arbeitsleben pro Jahr jeweils einen EP erwirtschaftet hat, hat bis zu diesem Zeitpunkt 43 EP auf seinem Rentenkonto. Hiervon werden 10,8 Prozent abgezogen, dies sind 4,64 EP. Es bleiben damit 38,36 EP, die der Rentenberechnung zugrunde gelegt werden.

Nehmen wir an, der Betroffene ist nicht nur schwerbehindert, sondern nach den gesetzlichen Regeln auch voll erwerbsgemindert. Damit werden ihm vier Jahre und acht Monate (bis zum Alter von 65 Jahren und acht Monaten) für die Berechnung der EM-Rente gutgeschrieben. Da er in seinem Arbeitsleben im Schnitt jährlich immer einen EP erwirtschaftet hat, entspricht dies 4,67 EP. Insgesamt kommt er damit auf 47,67 EP.

Hierauf fallen, da er von der Vertrauensschutzregelung für langjährig Versicherte profitiert (s. o.), nur Abschläge in Höhe von 7,2 Prozent an (statt 10,8 Prozent). Dies entspricht 3,43 EP. Seine Erwerbsminderungsrente wird damit auf Grundlage von (47,67-3,43=) 44,24 EP errechnet. Dies sind 5,88 EP mehr, als er bei einer vorgezogenen Altersrente für Schwerbehinderte erhalten würde. Dies macht einen Unterschied von 188,34 Euro bei der Bruttorente aus.

Tipp: Bei Antragstellung zweigleisig fahren

Nun lohnt es sich für Betroffene, zweigleisig zu fahren: Vorrangig sollten sie die EM-Rente und – nur für den Fall, dass dieser Antrag abgelehnt wird – ein vorzeitiges Altersruhegeld beantragen. Wird die EM-Rente nicht bewilligt, dann gibt es eben nur die niedrigere vorgezogene Altersente.

Weil die Anträge auf eine vorgezogene Altersrente weit weniger Prüfaufwand erfordern, werden diese meist bewilligt werden, bevor eine Entscheidung über den Antrag auf Erwerbsminderungsrente vorliegt. Falls dann – möglicherweise einige Monate später – für den denselben Zeitraum eine höhere EM-Rente bewilligt wird, besteht von Anfang an Anspruch auf diese Rente. Dies ist in Paragraf 89 Absatz 1 SGB VI nun durch eine im jüngsten Rentenpaket vorgenommene Einfügung im SGB VI ausdrücklich geregelt. Danach ist in solchen Fällen "der Bescheid über die niedrigere oder rangniedrigere Rente vom Beginn der laufenden Zahlung der höheren oder ranghöheren Rente an aufzuheben".

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Erwerbsminderungsrente: Fragen und Tipps zur Antragsstellung

Den Antrag auf Erwerbsminderungsrente sollte man mit Unterstützung seiner behandelnden Ärzte und mit kompetenter Beratung – etwa durch Gewerkschaften oder Sozialverbände – sorgfältig vorbereiten. Aussagekräftige Diagnosen von Ärzten sind wichtig. Allerdings kommt es darauf an, wie sich Funktions- und Leistungseinschränkungen jeweils beim Einzelnen auswirken

Die wichtigsten Fragen

  • Was sind die wichtigsten Diagnosen, die bei Erwerbsminderungsrentnern gestellt werden?

Unter den 166.000 Neuzugängen von EM-Renten im Jahr 2017 wurden 71.000 (= 43 Prozent) wegen psychischer Erkrankungen – etwa wegen schwerer Depressionen – zugestanden. Danach folgten Skeletterkrankungen (vor allem Bandscheibenleiden), Krebs und Herz-/Kreislaufleiden.

  • Ist die Erwerbsminderungsrente an bestimmte Krankheiten gebunden?

Nein, es kommt nicht allein darauf an, wie schwer eine Krankheit ist. Die Gutachter der Rentenversicherung müssen vielmehr über die (Rest-)Arbeitsfähigkeit urteilen. Die höhere Rente wegen voller Erwerbsminderung gibt es, wenn nur noch Jobs mit täglich weniger als drei Stunden in Frage kommen. Eine Rente wegen teilweiser Erwerbsminderung kann erhalten, wer pro Tag weniger als sechs Stunden arbeiten kann.

  • Und wenn es keine Teilzeitstellen mit wenigen Stunden gibt?

Wer pro Tag zwar mehr als drei, aber weniger als sechs Stunden erwerbstätig sein kann und keinen entsprechenden Teilzeitjob findet, kann ebenfalls die Rente wegen voller Erwerbsminderung bekommen. Dies wird individuell geprüft. Dann spricht man von einer "Arbeitsmarktrente".

  • Kann Antragstellern eine Arbeit in einem anderen Beruf zugemutet werden?

Das kommt auf das Alter an. Für diejenigen, die vor dem 2. Januar 1961 geboren wurden – also alle, die derzeit (Jahreswechsel 2018/19) 57 Jahre alt oder älter sind, gilt noch ein Berufsschutz. Sie erhalten die Rente also dann, wenn sie das Stundenlimit in ihrem ausgeübten Beruf nicht mehr erreichen können. Für alle Jüngeren ist dagegen eine Arbeitsaufnahme in jedem Beruf zumutbar.

  • Welche Vorversicherungszeiten müssen Antragsteller erfüllen?

Die Rente gibt es nur, wenn die Betroffenen mindestens fünf Jahre rentenversichert waren und in den letzten fünf Jahren mindestens drei Jahre Pflichtbeiträge gezahlt haben. Sonderregelungen gelten für Berufsanfänger.

  • Wie sind die Chancen, dass ein Rentenantrag bewilligt wird?

Nur rund die Hälfte der Anträge auf Erwerbsminderungsrente wird bewilligt. Wichtigster Ablehnungsgrund: Die Gutachter befanden, dass die Betroffenen doch noch mindestens sechs Stunden täglich arbeiten konnten. Aussagekräftige Gutachten von Fachärzten erhöhen die Chance, dass der Antrag bewilligt wird. Oft sind die Unterlagen zu mager. Sinnvoll ist es bei der Antragstellung auch, auf andere Gutachten hinzuweisen, die etwa bei der Arbeitsagentur oder der Krankenkasse vorliegen. Hierauf kann die Rentenversicherung zurückgreifen.

  • Kann man Widerspruch gegen einen ablehnenden Bescheid einlegen?

Ja, das lohnt sich häufig. Dies gilt gerade dann, wenn die Rente aus medizinischer Sicht abgelehnt wurde. Aktuelle statistische Daten zur Erfolgsquote von Widersprüchen liegen nicht vor. Nach Daten vom ersten Jahrzehnt dieses Jahrhunderts wurde in etwa einem Drittel der Fälle dem Widerspruch stattgegeben, oft weil neue Unterlagen eingereicht oder neue medizinische Aspekte vorgebracht wurden. Gegen einen abgelehnten Widerspruch kann Klage eingelegt werden. Auch hier ist die Erfolgsquote beträchtlich.

  • Wird die Rente befristet oder unbefristet bewilligt?

Zunächst überwiegend nur befristet – und zwar meist für drei Jahre. Wer heute 62 Jahre oder älter ist, dürfte die EM-Rente – soweit sie überhaupt bewilligt wird – unbefristet erhalten. Wird die Rente befristet bewilligt, so ist nach Ablauf der Frist ein neuer Antrag erforderlich.

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Tipps zur Beantragung der Erwerbsminderungsrente und zur Begutachtung

Nur etwa die Hälfte der Anträge auf Erwerbsminderungsrente wird im "ersten Angang" (also ohne Widerspruch und Klage) bewilligt. Teilweise werden Anträge abgelehnt, weil die versicherungsrechtlichen Voraussetzungen für die Rente nicht erfüllt sind, häufiger jedoch deshalb, weil der Gutachter befindet, dass noch gar keine (größere) Erwerbsminderung vorliegt. Ein Grund für die hohe Ablehnungsquote liegt in der unzureichenden Vorbereitung der Antragsteller und insbesondere in der falschen Schwerpunktsetzung bei der Vorbereitung.

Antragsteller sollten ihr Augenmerk weniger auf medizinische Diagnosen richten (darum kümmern sich ihre Ärzte!) als darauf, welche Tätigkeiten/Verrichtungen im Beruf und im Alltag sie nicht mehr oder kaum noch ausführen können und wie ihre Tätigkeiten/Verrichtungen durch ihre Krankheiten/Verletzungen/Leiden gestört werden.

Sie sollten genau dokumentieren – und zwar möglichst schriftlich in Tabellenform – wie sich ihre gesundheitlichen Beschwerden auswirken. Dabei sollten sie auch keineswegs Tätigkeiten zu Hause, im Garten oder im Hobbybereich vergessen. Behinderungen äußern sich dabei häufig in Aspekten, die man nach jahrelanger Gewohnheit kaum mehr wahrnimmt: Wer keine Kartoffeln mehr schälen oder seine Schuhe nicht mehr zuschnüren kann und deshalb nur noch Schuhe mit Klettverschluss trägt, sollte genau das vortragen. Denn dies zeigt, dass die Feinmotorik gestört ist. Solche Punkte werden von Antragstellern vielfach vergessen, eben weil die Einschränkungen für die Betroffenen inzwischen so selbstverständlich geworden sind, dass sie gar nicht mehr registriert werden. Wer beispielsweise schon jahrelang Schuhe mit Klettverschluss trägt, dem wird das möglicherweise gar nicht mehr auffallen. Das Gleiche kann beim Punkt Kartoffelschälen der Fall sein: Möglicherweise benutzt jemand schon seit langem eine Kartoffelschälmaschine – und hält dies nicht für erwähnenswert, weil die Benutzung der Maschine inzwischen für ihn zum Alltag gehört.

Um es nochmals zu verdeutlichen: Natürlich hat jeder, der gesundheitlich eingeschränkt ist, unter anderen Restriktionen im Alltag zu leiden. Die Beispiele "Kartoffelschälen" und "Schuhebinden" wurden hier nur gewählt, um zu verdeutlichen, dass auch Details bei der Vorbereitung des Gutachtertermins wichtig sind.

Einige weitere Beispiele für das, worauf es ankommt:

  • Müssen Sie sehr oft auf die Toilette? Wie oft? Führen Sie über einige Tage Buch!
  • Leiden Sie häufig unter Schwindel? Wie oft? Wie intensiv? Was machen Sie in diesen Situationen? Denken Sie an Folgendes: Schwindel am Arbeitsplatz gefährdet nicht nur Sie, sondern auch Ihre Kollegen!
  • Welche Tätigkeiten können Sie im Haushalt nicht mehr (allein) verrichten?

Achten Sie dabei auf genaue Formulierungen: Wenn Sie nur noch das Fensterputzwasser und den Abzieher bringen und jemand anders – etwa ein Verwandter – das Putzen übernimmt, dann sollten Sie genau dies angeben und nicht einfach sagen, dass sie Hilfe beim Fensterputzen benötigen. Beachten Sie: Je mehr Tätigkeiten Sie im Haushalt ausführen können, desto geringer ist ihre Chance, dass ihre Rente bewilligt wird. Notieren Sie gegebenenfalls auch, wie häufig Sie Pausen bei Ihren Verrichtungen im Haushalt einlegen müssen und wie lange die Pausen dauern.

Natürlich sollten Sie auch auf die (früheren) Einschränkungen im betrieblichen Arbeitsalltag eingehen – doch mit dem Arbeitsalltag haben Sie ja vielfach zum Zeitpunkt, an dem die Begutachtung stattfindet, schon lange nichts mehr zu tun. Auch aus diesem Grund sollten Sie das Schwergewicht auf Haushalt und Hobbies legen.

Weniger Gewicht sollten Sie dagegen Diagnosen beimessen. Diese gehen ohnehin aus den Berichten Ihrer Ärzte hervor. Selbst wenn gesundheitliche Probleme als schwerwiegend anzusehen sind, spielen sie unter Umständen für einen Antrag auf Erwerbsminderungsrente keinerlei Rolle. Dies gilt etwa für einen Bluthochdruck, der medikamentös gut eingestellt ist, die Entfernung der Gebärmutter oder ein beeinträchtigendes Hautekzem. All dies wirkt sich kaum auf die Erwerbsfähigkeit aus und wirkt sich somit auch nicht positiv auf die Rentengewährung aus. Solche Beeinträchtigungen sollten keinesfalls in den Vordergrund gerückt werden.

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ist unser Spezialist für alles, was mit den Sozialversicherungen und Sozialleistungen  zu tun hat. Er ist gelernter Sozialwissenschafter und schreibt seit 35 Jahren Sozialratgeber, unter anderem die vom DGB-Bundesvorstand herausgegebenen „111 Tipps für Arbeitslose - Arbeitslosengeld I“ und die „111 Tipps zu Arbeitslosengeld II und Sozialgeld“.

Seit 2005 arbeitet er für biallo.de und betreut die Monatszeitschrift "Soziale Sicherheit".

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