Erwerbsminderungsrente Psychische Erkrankungen häufigster Grund

Rolf Winkel
von Rolf Winkel
21.09.2016
Auf einen Blick

Für gesundheitlich angeschlagene Versicherte kommt die Rente wegen Erwerbsminderung in Frage – auch für Jüngere.

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Gut 1,6 Millionen Erwerbsminderungsrentner gibt es derzeit. Jahr für Jahr beantragen knapp 400.000 Versicherte diese Leistung. Doch fast jeder zweite Antrag wird abgelehnt.


Wichtigste Diagnosen

Psychische Leiden stehen bei den anerkannten Erwerbsminderungen (EM) immer mehr im Vordergrund. Unter den 180.000 im Jahr 2014 bewilligten EM-Renten wurden 43 Prozent wegen psychischer Erkrankungen zugestanden. Danach folgten Skeletterkrankungen (vor allem Bandscheibenleiden), Krebs und Herz-/Kreislaufleiden. Es kommt nicht darauf an, wie schwer eine Krankheit ist. Die Gutachter der Rentenversicherung müssen vielmehr über die (Rest-)Arbeitsfähigkeit urteilen. Die Rente wegen voller Erwerbsminderung gibt es, wenn nur noch Jobs mit täglich weniger als drei Stunden ausgeübt werden können. Die nur halb so hohe Rente wegen teilweiser Erwerbsminderung kann erhalten, wer pro Tag noch zwischen drei und unter sechs Stunden arbeiten kann.


Arbeitsmarktrenten

Wer täglich etwa noch fünf Stunden erwerbstätig sein kann, aber keinen entsprechenden Teilzeitjob findet, kann ebenfalls die Rente wegen voller Erwerbsminderung bekommen. Eine Sekretärin, die noch fünf Stunden arbeitsfähig ist und gute Chancen hat, einen entsprechenden Teilzeitjob zu finden, wird kaum die „Arbeitsmarktrente“ wegen voller Erwerbsminderung bekommen. Diese gibt es weit eher für Schlosser und Bauarbeiter, für die es kaum Teilzeitstellen gibt.

Berufsschutz

Diesen gibt es nur noch für ältere Versicherte, die vor dem 2. Januar 1961 geboren wurden. Sie erhalten die Rente, wenn sie das Stundenlimit von unter drei Stunden in ihrem zuletzt ausgeübten Beruf nicht mehr erreichen können. Für Jüngere gilt dagegen jeder Job als zumutbar. Verbraucherschützer raten deshalb, frühzeitig eine private Berufsunfähigkeitsversicherung abzuschließen.

Vorversicherungszeiten

Die gesetzliche Erwerbsminderungsrente erhält nur, wer mindestens fünf Jahre rentenversichert war und in den vergangenen fünf Jahren mindestens drei Jahre lang Pflichtbeiträge gezahlt hat. Günstigere Regelungen gelten für Berufsanfänger und für Ältere, die vor 1984 schon 60 Versicherungsmonate erwerbstätig waren.


Hürden

Immer wieder wird die Rente abgelehnt, weil z.B. ein Gutachter befindet, dass die Antragsteller doch noch mindestens sechs Stunden täglich arbeiten können. Der Rentenberater Tibor Jockusch aus Kirchheim unter Teck weiß: „Aussagekräftige Diagnosen von Ärzten sind wichtig, aber es kommt darauf an, wie sich die Krankheit jeweils beim Einzelnen auswirkt.“ Das sollten Antragsteller genau dokumentieren und dabei auch Tätigkeiten zu Hause, im Garten oder im Hobbybereich nicht vergessen. Beispiel: „Wer keine Kartoffeln mehr schälen oder seine Schuhe nicht mehr zuschnüren kann und deshalb nur noch Schuhe mit Klettverschluss trägt, sollte genau das vortragen.“ Denn es zeige, dass die Feinmotorik gestört ist. Viele Tätigkeiten kämen dann nicht mehr in Frage.

Widerspruch und Rentenhöhe

Innerhalb eines Monats kann gegen eine Ablehnung der Erwerbsminderungsrente Widerspruch eingelegt werden, was häufig Erfolg hat. Auch Klagen – gegen einen abgelehnten Widerspruch – fallen oft zugunsten der Betroffenen aus. Die volle Erwerbsminderungsrente betrug bei den Neuzugängen des Jahres 2011 im Schnitt nur 634 Euro im Monat. Auch deshalb lohnt es sich in der Regel, zunächst die meist höheren Ansprüche auf Kranken- und Arbeitslosengeld auszuschöpfen.

Biallo-Lesetipp:

Immer wieder liest man von der Möglichkeit, eine Berufsunfähigkeitsversicherung (BU) abschließen zu können, ohne die Gesundheitsfragen beantworten zu müssen oder eine Gesundheitsprüfung über sich ergehen lassen zu müssen. Mehr dazu lesen Sie in unserem Artikel: "BU-Vertrag Schutz ohne Gesundheitsfragen?"

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ist unser Spezialist für alles, was mit den Sozialversicherungen und Sozialleistungen  zu tun hat. Er ist gelernter Sozialwissenschafter und schreibt seit 35 Jahren Sozialratgeber, unter anderem die vom DGB-Bundesvorstand herausgegebenen „111 Tipps für Arbeitslose - Arbeitslosengeld I“ und die „111 Tipps zu Arbeitslosengeld II und Sozialgeld“.

Seit 2005 arbeitet er für biallo.de und betreut die Monatszeitschrift "Soziale Sicherheit".

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