Volks- und Raiffeisenbanken: Tricksen, täuschen, tarnen

Girokonto und Bargeldversorgung Volks- und Raiffeisenbanken: Tricksen, täuschen, tarnen

Horst Biallo
von Horst Biallo Sebastian Schick
11.04.2017
Auf einen Blick
  • Gebühren zeitgesteuert. Keine Anzeige der Kosten am Automaten, obwohl vorgeschrieben. Bargeld ist selbst beim teuersten Konto nicht mehr gratis. So dreist gehen viele VR-Banken vor.
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Die Aufregung nach unserer letzten Untersuchung über die Gebühren bei den Sparkassen war bundesweit riesengroß. Wir hatten aufgedeckt: Die lange Zeit und viel beworbene uneingeschränkte kostenlose Bargeldversorgung gehört der Vergangenheit an. Mehr als 40 Sparkassen in Deutschland kassieren Gebühren, wenn ein Teil der Kunden am Schalter oder Automaten ans eigene Geld will.

Und wie sieht es nun bei den gut 1.000 Volks- und Raiffeisenbanken aus?

Hier gestalten sich die Recherchen deutlich schwieriger. Das liegt nicht nur an der höheren Zahl der Banken. Sondern auch daran, dass:

  • rund ein Drittel aller VR-Banken kein Preisverzeichnis im Internet veröffentlicht,
  • sehr viele Daten weder bestätigt oder dementiert werden,
  • einzelne Banker mit Wortklaubereien die Öffentlichkeit hinters Licht führen wollen.

Erste, noch unbestätigte Ergebnisse deuteten letzte Woche jedoch darauf hin, dass gut 150 VR-Banken die Gebührenfreiheit am Schalter und an den Automaten teilweise oder sogar ganz abgeschafft haben. Wahrscheinlich sogar deutlich mehr.

Aussagen des Bankenverbandes sind falsch

Der Bundesverband der Deutschen Volksbanken und Raiffeisenbanken (BVR) sieht sich bemüßigt, zu beschwichtigen. Uns sagt deren Pressesprecherin, Melanie Schmergal, dass dem Verband keine Mitgliedsbanken bekannt seien, "die ihren Kunden nicht wenigstens ein Kontomodell anbieten, bei dem die Verfügung am eigenen Geldautomaten kostenfrei ist".

Und Mitte März hatte BVR-Präsident Uwe Fröhlich noch gesagt, eine Bank müsse am Automaten anzeigen, dass die Abhebung ein Entgelt koste. Wenn sie das unterlasse, könne der Kunde Klage erheben.

Die genaue Auswertung unserer Daten aller VR-Banken zeigt jedoch, dass beide Aussagen der VR-Vertreter so nicht stimmen:

  • Die ersten VR-Banken kassieren immer, bieten also keinerlei Möglichkeit, auf teurere Girokonten auszuweichen, um die Geldabhebegebühren zu vermeiden.

  • Viele Banken zeigen ihren Kunden diese Gebühren nicht an ihren Geldautomaten an, obwohl dies eigentlich vorgeschrieben ist.

Hinzu kommt:

  • Einige Banken erheben diese Gebühren "zeitgesteuert". In der Mittagspause der Bank fallen die Gebühren an und dann wieder am Feierabend.

  • Mindestens 50 Banken gewähren zwar freie Abhebungen im Monat. Danach kann es aber teuer werden. Bis zu 0,65 Euro je Abhebung.

  • Mehr als 100 VR-Banken kassieren bereits beim ersten Abheben. Hier liegt die Spanne zwischen 0,05 und 1,02 Euro.

  • Dass diese Gebühren vor allem dort erhoben werden, wo der Bankenwettbewerb eher gering ist, also auf dem Land, versteht sich fast von selbst.

  • In immer mehr Städten und Gemeinden erheben Sparkassen und VR-Banken diese Gebühren in seliger Eintracht.

Wollen wir uns die von uns kritisierten Punkte einmal im Detail ansehen. Gibt es wirklich bei allen VR-Banken zumindest ein teureres Kontomodell, auf das die Kunden umsteigen können, um die Abhebegebühren zu vermeiden?

Da kennt der Spitzenverband BVR die Gebührenstruktur seiner Genossen nicht. Bei einer ganzen Reihe gehört diese Wahlfreiheit mittlerweile der Vergangenheit an. Hier nur drei Beispiele:

  • Die Raiffeisenbank Gotha hat mehrere Kontomodelle. Ganz gleich, ob man sich für das günstige Giro-Flex für 1,99 Euro oder das teure Giro-Fix für 6,99 Euro Monatsgebühr entscheidet: Nach fünf Abhebungen werden 50 Cent für jede Abhebung fällig. Auch fürs Jugendkonto, obwohl Jugendliche eher dazu neigen, öfter im Monat eher kleinere Beträge abzuheben.

  • Volks- und Raiffeisenbank Muldental mit Sitz in Grimma: Egal für welches Konto man sich entscheidet, werden nach zwei Freiposten 60 Cent fällig. Also auch beim relativ teuren Privatkonto Plus für 6,50 Euro im Monat.

  • Selbst wer sich in Coesfeld für das Giro Top mit "attraktiver Monatspauschale" von immerhin 7,00 Euro entscheidet, zahlt dennoch Abhebegebühren. Genauso wie der Kunde, der das Giro-Direkt für 2,50 Euro im Monat wählt. Hier handelt es sich um die Volksbank Lette-Darup-Rorup südwestlich von Münster.

Geldabheben selbst beim teuren Konto nicht gratis

Von offizieller Seite wird immer behauptet, dass man nur bei den günstigen Konten für Bargeldabhebungen zu zahlen habe. Das stimmt aber weder bei den Sparkassen noch bei den Volks- und Raiffeisenbanken.

Dafür ist die Volksbank Eifel aus Bitburg ein treffendes Beispiel. Selbst wer das teurere Modell VR-Standard für immerhin 7,50 Euro im Monat wählt, hat keine unbegrenzte Bargeldverfügung. Die gibt es nur beim "Girokonto mit Komplettleistung". Das kostet allerdings 12,90 Euro im Monat oder 156 Euro im Jahr. Die Mastercard Gold ist dennoch nicht enthalten. Sie kostet 69,00 Euro extra.

Mangelnde Transparenz am Geldautomaten

Ärmere oder sparsame Kunden könnten am Monatsende ja auf den Gedanken kommen, die nächste Geldabhebung erst am folgenden Monatsersten zu tätigen, um Gebühren zu sparen. Dann müssten sie aber wissen, wann die nächste Gebühr fällig ist. Hilfreich wäre, wenn ihnen dies der Geldautomat anzeigt, wie das bei Fremdabhebungen auch vorgeschrieben ist.

Diese Klientel hatte BVR-Präsident Fröhlich sicher im Hinterkopf, als er Mitte März betonte, dass die Banken diese umstrittenen Gebühren anzuzeigen hätten. Eben damit die Wahlfreiheit erhalten bleibt.

Leider sieht die Realität auch hier anders aus. Eine ganze Reihe von Banken teilte uns mit, dass eben dies nicht geschehe. Stellvertretend für andere erklärt Jens Walther von der Vereinigten Volksbank Raiffeisenbank Michelstadt südöstlich von Darmstadt, wie das seiner Meinung nach korrekt geht: "Bei diesem genannten Entgelt handelt es sich um Buchungspostengebühren. Diese werden im Kontoabschluss als solche ausgewiesen. Es handelt sich nicht um ein gesondertes Dienstleistungsentgelt für die Barauszahlung". Den gleichen Standpunkt vertritt Wolfgang Eichenseer von der Raiffeisenbank Parsberg-Velburg nahe Neumarkt in der Oberpfalz.

Kein schlechter Kniff. Statt "Abhebegebühren", die man womöglich anzeigen müsste, heißt es nun "Buchungspostengebühren", die man verbergen kann. Eine kreative Lösung.

Verbraucherschützer sind alarmiert

Die Verbraucherzentrale Sachsen prüft rechtliche Schritte. "Wenn wir zu dem Ergebnis kommen, dass die Information irreführend ist und/oder Verbraucher unangemessen benachteiligt werden, werden wir die Darstellung oder Klausel abmahnen beziehungsweise eine gerichtliche Klärung herbeiführen", sagt Verbraucherschützerin Andrea Heyer.

Trickreich sind auch einige andere VR-Banken, die Gebühren manchmal nicht erheben, manchmal doch. Wie die FNP berichtet, kassieren die Frankfurter Volksbank und die Raiffeisenbank Oberursel nach Geschäftsschluss bis zum nächsten Morgen. Die Raiffeisenbank Offenbach/Bieber zudem in der Mittagspause zwischen 13 und 14 Uhr. Wir vermuten: weil ihre Kunden vermehrt diese Zeit zum Geldabheben nutzen. Der Leser, der unsere Geschichte über die Bargeld-Gebühren gelesen hat, wird sich vielleicht nun fragen:

"Welche Bankengruppe ist aus Verbrauchersicht eigentlich schlimmer? Die Sparkassen oder die VR-Banken?"

Unsere Antwort ist ganz eindeutig: Die VR-Banken.

Dafür gibt es diese Gründe:

  • Bei den knapp 400 Sparkassen haben wir nicht so viele Tricksereien festgestellt, wie sie vor Ort bei VR-Banken offensichtlich üblich sind.

  • Die Transparenz bei den Sparkassen gegenüber Kunden und Öffentlichkeit ist wesentlich größer.

  • Der Anteil der VR-Banken, die die uneingeschränkte kostenlose Bargeldversorgung wieder abgeschafft haben, ist wesentlich höher als bei den Sparkassen.

Die Dunkelziffer liegt viel höher

Gut 40 von knapp 400 Sparkassen haben mittlerweile die gebührenfreie Bargeldversorgung eingeschränkt. Bei den VR-Banken sind es auf den ersten Blick 160. Gut 50 davon bieten ihren Kunden meist noch zwischen zwei und fünf kostenlosen Abhebungen an, bis Gebühren fällig werden. Der Rest kassiert sofort bis zu 1,02 Euro je Abhebung. Welche Sparkassen und VR-Banken im einzelnen betroffen sind, sehen Sie in unserer Bundesländer-Übersicht.

Wir werden den Verdacht nicht los, dass diese Zahl der Banken, die kassiert, in der Realität deutlich höher liegt, also bei weit über 200, vielleicht sogar über 300 VR-Banken. Dafür sprechen zwei Überlegungen. Zum einen hat rund ein Drittel der untersuchten gut 1.000 VR-Banken kein Preisleistungsverzeichnis auf der Website und nur rudimentäre Preisangaben. Zum anderen werden wir den Verdacht nicht los, dass sehr viele der regionalen Banken die Gebühren fürs Geldabheben bewusst nicht ausgewiesen und hinter allgemeinen Buchungskosten versteckt haben.

Über diese Intransparenz sind Verbraucherschützer sehr unglücklich. "Kunden müssen schnell und verständlich erkennen können, in welchem Kontomodell Entgelte für das Bargeldabheben anfallen und in welchen nicht", sagt Andrea Heyer von der Verbraucherzentrale Sachsen.

Auffällig ist, dass die Volks- und Raiffeisenbanken vor allem in ländlichen Regionen Gebühren fürs Geldabheben erheben. Gerade dort, wo sie wenig oder keine Konkurrenz haben und es nicht die Möglichkeiten gibt, zu einer günstigeren Bank zu wechseln. Denn die privaten Banken haben in den letzten Tagen erklärt, dass sie bei der uneingeschränkten kostenlosen Bargeldversorgung bleiben wollen.

So vermeiden Sie Gebühren für Abhebungen an Geldautomaten:

  • Lieber weniger höhere Abhebungen als viele kleine.

  • Eventuell auf das nächste teurere Kontomodell umsteigen. Aber gut nachrechnen, ob sich das lohnt.

  • Zur Sparkasse im Ort wechseln, die diese Gebühren nicht hat? Es besteht die Gefahr, dass diese früher oder später nachzieht. Mit unserer Landkarte sehen Sie, welche Sparkasse oder VR-Bank in Ihrer Region bereits Gebühren fürs Geldabheben erhebt.

  • Gibt es bei Ihnen Aldi, Edeka oder Rewe? Dort lassen sich bis zu 200 Euro kostenlos abheben bei einem Einkauf ab 20 Euro.

  • Sie wollen unbedingt bei Ihrer VR-Bank oder Sparkasse bleiben? Besorgen Sie sich die kostenlose 1-Plus Visa Card der Santander Bank. Damit heben Sie weltweit ab - ohne Gebühren. Auch bei ihrer Sparkasse oder VR-Bank vor Ort.

  • Das Beste: Sie wechseln zu einer Direktbank aus unserem Girokontovergleich. Die neue Bank übernimmt alle Arbeit für Sie! In 14 Tagen ist alles erledigt. Dort gibt es meist gar keine Gebühren und Sie sparen mindestens 150 Euro im Jahr.
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Herausgeber und Gründer biallo.de
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Jahrgang 1954, studierte Wirtschaft und absolvierte eine Ausbildung zum Wirtschaftsjournalisten bei der Tageszeitung Die Welt. Später machte er sich selbstständig, schrieb für Wirtschaftswoche, Stern und zahlreiche Tageszeitungen. Er ist Autor mehrerer Fachbücher, u.a. "Die geheimen deutschen Weltmeister" und "Die Doktormacher". Im Jahr 1999 gründete er das Verbraucherportal www.biallo.de, vier Jahre später www.geldsparen.de und 2009 www.biallo.at. Horst Biallo ist verheiratet und hat drei Kinder.

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Jahrgang 1954, studierte Wirtschaft und absolvierte eine Ausbildung zum Wirtschaftsjournalisten bei der Tageszeitung Die Welt. Später machte er sich selbstständig, schrieb für Wirtschaftswoche, Stern und zahlreiche Tageszeitungen. Er ist Autor mehrerer Fachbücher, u.a. "Die geheimen deutschen Weltmeister" und "Die Doktormacher". Im Jahr 1999 gründete er das Verbraucherportal www.biallo.de, vier Jahre später www.geldsparen.de und 2009 www.biallo.at. Horst Biallo ist verheiratet und hat drei Kinder.

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Quelle: www.datenschutzbeauftragter-info.de