Der Hauptzeuge kam durch den Hintereingang: Zivilpolizisten bahnten am vergangenen Donnerstag Markus Braun den Weg in jenen Raum, in dem der Untersuchungsausschuss des Bundestages versucht, den Wirecard-Skandal aufzuklären. Braun ist der ehemalige Vorstandschef der Firma. Er gilt als einer der Hauptverantwortlichen in dem Verfahren um Betrug und verschwundene Milliarden bei dem einstigen Zahlungsdienstleister.
Bei Wirecard waren im Sommer Luftbuchungen und ein Finanzloch in Höhe von 1,9 Milliarden Euro aufgetaucht. Die Staatsanwaltschaft wirft Braun vor, Kopf einer gewerbsmäßigen Betrugsbande zu sein. Vor dem Untersuchungsausschuss sollte Braun jedoch vor allem über seine Beziehungen zu Behördenvertretern und Politik berichten. Der Ausschuss will herausfinden, ob im Umgang öffentlicher Stellen mit dem Skandalunternehmen Fehler gemacht wurden.
Doch der Ex-Chef verlas lediglich ein Eingangsstatement. Ihm sei nicht bekannt, "dass Behörden, Aufsichtstellen oder Politiker sich unlauter verhalten hätten", hieß es darin. Er wolle sich zeitnah zu den Sachverhalten gegenüber der Staatsanwaltschaft äußern, fügte Braun hinzu. Anschließend beantwortete er keine einzige, der ihm von den Ausschussmitgliedern gestellten Fragen – außer der nach seinem Geburtsdatum. Auch den Mitarbeitern und geprellten Anlegern von Wirecard hatte er nichts zu sagen: Er berufe sich auch hier auf sein Auskunftsverweigerungsrecht.
Mitarbeiter, Gläubiger und Aktionäre werden es zur Kenntnis genommen haben. Für den ehemaligen Dax-Konzern läuft derzeit das Insolvenzverfahren. Tausende Gläubiger haben ihre Ansprüche bereits angemeldet. Und auch viele Aktionäre hoffen, über Klagen noch zu einer Entschädigung zu kommen. Es ist das erste Mal, das ein Unternehmen aus dem Deutschen Aktienindex pleite gegangen ist. Doch es war nicht der erste Insolvenz-Skandal – und es wird auch nicht der letzte gewesen sein.
Seit wann gibt es solche Pleiten?
Es gab sie bereits vor mehr als 500 Jahren. So musste 1494 die Banco Medici in Florenz abgewickelt werden. Das Bankhaus hatte immerhin die päpstlichen Finanzen betreut und war wirtschaftliche Stütze von Florenz. 1799 wurde die Niederländische Ostindien-Kompanie verstaatlicht, oder vielmehr deren verbliebene Vermögensmasse und Schulden nach dem Bankrott. 1931 wurde die Danatbank zahlungsunfähig, die damals zweitgrößte deutsche Bank, und zwar im Zusammenhang mit einem Bilanzfälschungs-Skandal.
Der seinerzeit größte Wirtschaftsskandal der deutschen Nachkriegsgeschichte ereignete sich 1988: : Das Einzelhandelsunternehmen co op AG wurde zerschlagen. Grund waren Bilanzmanipulationen und Vermögensverschiebungen von heute umgerechnet 4,5 Milliarden Euro. Der Vorstand hatte mehrere Banken um zwei Milliarden D-Mark geprellt.
1995 fiel die Barings Bank, die älteste Investmentbank im Vereinigten Königreich Verlusten von 1,4 Milliarden US-Dollar zum Opfer, die der Derivate-Händler Nick Leeson verspekuliert hatte. Die ING Groep übernahm Barings für ein symbolisches Pfund. 2001 sorgte der Energiekonzern Enron für einen der größten Wirtschaftsskandale der USA – umfassende Bilanzfälschungen führten zur Insolvenz und vernichteten 60 Milliarden US-Dollar Börsenwert.
Welche Skandale gab es seit 2000?
Im Jahr 2002 wurde bekannt, dass 95 Prozent der angegebenen Umsätze der Telematikfirma Comroad frei erfunden waren – eines der bekanntesten Unternehmen des Neuen Marktes. Der Gründer wurde wegen Kursbetrugs, Insiderhandels und gewerbsmäßigen Betrugs zu sieben Jahren Haft verurteilt. 2008 war dann das Jahr der Immobilien-Krise in den USA. Sie ist verknüpft mit dem Namen Lehman Brothers.
Die Investmentbank musste Insolvenz anmelden, weil die US-Regierung anders als bei Bear Stearns, Fannie Mae und Freddie Mac nicht mehr gewillt war, das Unternehmen zu retten. Infolge der Lehman-Insolvenz brach der Interbankenhandel zusammen. Dies löste auch eine Krise bei der deutschen Hypo Real Estate aus. Die Schieflage des Immobilien-Konzerns führte zu dessen Verstaatlichung Ende 2009. Der Bund übernahm sämtliche Anteile von den Aktionären. Unterm Strich kostete die Pleite den Steuerzahler Milliarden.
2009 ging auch der Handelskonzern Arcandor – ehemals Karstadt-Quelle – insolvent. Der Vorstandsvorsitzende Thomas Middelhoff wurde wegen Untreue und Steuerhinterziehung verurteilt. 2012 reichte der Drogeriemarkt Schlecker Insolvenz ein, der die meisten Filialen der Branche in Deutschland betrieb. Gegen mehrere Mitglieder der Familie wurden Verfahren wegen Untreue, Insolvenzverschleppung und Bankrott eingeleitet.
2014 befand sich die IVG Immobilien in einem Insolvenzverfahren, das das Kapital der Gesellschaft auf Null herabsetzte und durch einen "Debt-to-Equity-Swap" wieder erhöhte. Dabei wurden die Forderungen der Gläubiger gegen neue Anteile am Unternehmen eingetauscht, unter Ausschluss der Alt-Aktionäre. Damit endete die Börsennotierung.