Börse

Wirecard-Insolvenz: Was passiert mit meinen Aktien?

Update: 17.07.2020
Alexander Rudow
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Auf einen Blick
  • Die Insolvenz von Wirecard ist spektakulär, steht aber in einer langen Reihe anderer Skandale und Pleiten.

  • Grundsätzlich gilt bei einer Insolvenz: Aktien sind keine Darlehen, die Aktionäre keine Gläubiger sondern Anteilseigner.

  • Anleger sollten geduldig die Ermittlungen abwarten und sich gegebenenfalls einer Sammelklage auf Schadenersatz anschließen.
Handy mit Wirecard-Symbol: Auch die Finanzaufsicht Bafin machte beim Wirecard-Skandal keine gute Figur. Ansprüche gegen die Bafin haben Anleger aber nicht.
Stakon / Shutterstock.com

Diesmal also Wirecard, eine spektakuläre Insolvenz - ohne Frage: Es ist das erste Mal, das ein Unternehmen aus dem Deutschen Aktienindex (Dax) pleite geht. Doch war es nicht die erste Zahlungsunfähigkeit einer Gesellschaft, und es wird auch nicht die letzte gewesen sein.

Sind solche Pleiten ein neues Phänomen?

Nein, das zeigt ein kurzer Rückblick auf längst vergangene Pleiten. Es gab sie bereits vor mehr als 500 Jahren. So musste 1494 die Banco Medici in Florenz abgewickelt werden. Das Bankhaus hatte immerhin die päpstlichen Finanzen betreut und war wirtschaftliche Stütze von Florenz. 1799 wurde die Niederländische Ostindien-Kompanie verstaatlicht, oder vielmehr deren verbliebene Vermögensmasse und Schulden nach dem Bankrott. 1931 wurde die Danatbank zahlungsunfähig, die damals zweitgrößte deutsche Bank, und zwar im Zusammenhang mit einem Bilanzfälschungs-Skandal.

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Solche Skandale gibt es immer wieder. So ereignete sich 1988 ereignete der seinerzeit größte Wirtschaftsskandal der deutschen Nachkriegsgeschichte: Das Einzelhandelsunternehmen coop wurde zerschlagen, infolge von Bilanzmanipulationen und Vermögensverschiebungen von heute umgerechnet 4,5 Milliarden Euro. Der Vorstand hatte mehrere Banken um zwei Milliarden D-Mark geprellt.

1995 fiel die Barings Bank, die älteste Investmentbank im Vereinigten Königreich Verlusten von 1,4 Milliarden US-Dollar zum Opfer, die der Derivate-Händler Nick Leeson verspekuliert hatte. Die ING Groep übernahm Barings für ein symbolisches Pfund. 2001 sorgte der Energiekonzern Enron für einen der größten Wirtschaftsskandale der USA – umfassende Bilanzfälschungen führten zur Insolvenz und vernichteten 60 Milliarden US-Dollar Börsenwert.

Welche Skandale gab es in jüngerer Zeit?

2002 wurde bekannt, dass 95 Prozent der angegebenen Umsätze der Telematikfirma Comroad frei erfunden waren – eines der bekanntesten Unternehmen des Neuen Marktes. Der Gründer wurde wegen Kursbetrugs, Insiderhandels und gewerbsmäßigen Betrugs zu sieben Jahren Haft verurteilt. 2008 war das Jahr der Subprime-Krise mit dem bekannten Namen Lehman Brothers.

Die Investmentbank musste Insolvenz anmelden, weil die US-Regierung anders als bei Bear Stearns, Fannie Mae und Freddie Mac nicht mehr gewillt war, das Unternehmen zu retten. Infolge der Lehman-Insolvenz brach der Interbankenhandel zusammen, was die Krise bei der Hypo Real Estate auslöste und schließlich zu deren Verstaatlichung Ende 2009 führte.

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2009 ging der Handelskonzern Arcandor – ehemals Karstadt-Quelle – insolvent. Der Vorstandsvorsitzende Thomas Middelhoff wurde wegen Untreue und Steuerhinterziehung verurteilt. 2012 reichte der Drogeriemarkt Schlecker Insolvenz ein, der die meisten Filialen der Branche in Deutschland betrieb. Gegen mehrere Mitglieder der Familie wurden Verfahren wegen Untreue, Insolvenzverschleppung und Bankrott eingeleitet.

2014 befand sich die IVG Immobilien in einem Insolvenzverfahren, das das Kapital der Gesellschaft auf Null herabsetzte und durch einen "Debt-to-Equity-Swap" wieder erhöhte. Dabei wurden die Forderungen der Gläubiger gegen neue Anteile am Unternehmen eingetauscht, unter Ausschluss der Alt-Aktionäre. Damit endete die Börsennotierung.

Was können Aktionäre bei einer Insolvenz tun?

Die Aufzählung ließe sich noch lange erweitern mit Namen wie Philipp Holzmann, Swissair, der Kirch-Gruppe, Hypo Alpe Adria oder Air Berlin. Und nun also Wirecard. Was lässt sich aus der Vergangenheit für die Aktionäre lernen? Was kann man tun? Um das Ergebnis vorwegzunehmen: In der Regel sieht es nicht gut aus für die Anteilseigner. Sie machen Verluste, oft sogar Totalverlust. Häufig fallen die Werte ins Bodenlose.

Rendite und Risiko hängen am Aktienmarkt eng zusammen: Je höher die Rendite, desto höher ist in der Regel auch das Risiko. Schlägt die Gefahr bei einer Insolvenz voll durch, trägt der Aktionär dieses unternehmerische Risiko. Aktionäre empfinden sich oft als Gläubiger und das insolvente Unternehmen als Schuldner, dem man mit seiner Zeichnung Kapital gegeben hat. Es ist aber umgekehrt: Streng genommen sind Aktionäre Schuldner im Insolvenzverfahren. Denn sie sind Gesellschafter des insolventen Unternehmens – allerdings ohne Nachschusspflicht.

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Der Verlauf des Verfahrens hängt davon ab, wie die Aussichten in und nach der Insolvenz stehen. Prinzipiell kann eine Zahlungsunfähigkeit auf zwei Wegen entstehen: durch Überschuldung eines Unternehmens oder durch fehelnde Liquidität. Entweder sind dann die Kredite höher als das Vermögen der Gesellschaft, oder das Unternehmen kann die laufenden Kosten nicht mehr aus den Einnahmen zahlen.

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Gibt es noch Hoffnung für Wirecard?

Wenn bei einer insolventen Firma noch Aussicht auf Erholung besteht, kommt es zur Eigenverwaltung: Innerhalb einer Schutzschirmzeit von drei Monaten arbeitet das Unternehmen einen Insolvenzplan zur Sanierung aus. Die drei Monate sind eine Schonfrist für Forderungen der Gläubiger. Ein Sachwalter überwacht diese Phase. Andernfalls bestellt das Amtsgericht einen (vorläufigen) Insolvenzverwalter von außen, der die Sache für die Gesellschaft regelt.

Bei Wirecard ist das der Münchner Rechtsanwalt Michael Jaffé. Das bisherige Management hat dann nichts mehr zu sagen. In so einem Fall werden die Aktien zum Spielball von Spekulanten, oft mit starken Kursbewegungen auf niedrigem Niveau. Die Alt-Aktionäre schauen meist in die Röhre, von ihrem Kapital bleibt nicht viel übrig. Unternehmen wie Arcandor, Babcock Borsig, Philipp Holzmann, Walter Bau oder eben Wirecard werden an der Börse zu Untoten, zu Zombies, die als lebende Leichen im Index liegen.

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Bei Überschuldung kommt es oft zu einer Vereinbarung, wie sie bei IVG Immobilien zum Zuge kam: einem Debt-to-Equity-Swap. Die Gläubiger verzichten auf Forderungen und erhalten dafür im Tausch (neue) Aktien. Für die Alt-Aktionäre schrumpft dadurch ihr Anteil am Unternehmen und der Wert ihrer Aktien.

Bei mangelnder Liquidität des insolventen Unternehmens kann das Eigenkapital erhöht werden, etwa durch Ausgabe neuer Aktien. Dafür muss sich ein Geldgeber finden, der die Kapitalerhöhung stemmt. Auch in diesem Fall wird der Anteil der Alt-Aktionäre verwässert, weil mehr Aktien im Umlauf sind.

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Welche Ansprüche haben die Aktionäre?

Weil die Aktionäre keine Gläubiger der insolventen Gesellschaft sind, können sie auch keine Forderungen beim Insolvenzverwalter anmelden. Sie bleiben draußen vor der Tür, ohne Anspruch darauf, Einfluss auf das Insolvenzverfahren zu nehmen. Erst wenn wirklich alle Verbindlichkeiten beglichen sind, kommen die Aktionäre zum Zuge (Paragraph 199 S. 2 InsO). Was wohl nicht passieren wird. Denn normalerweise reicht das Vermögen nicht einmal dazu, die Forderungen der Gläubiger zu befriedigen.

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Bei Wirecard besteht für die Aktionäre nicht gerade Grund zu Optimismus. Am 25. Juni 2020 hat das Unternehmen Insolvenzantrag gestellt, wegen drohender Zahlungsunfähigkeit und Überschuldung. Das geschah schon eine Woche nach der endgültig geplatzten Vorlage der Jahreszahlen. Die Anleger verloren Beträge in Milliardenhöhe. Die Aktie fiel aber nie auf Null, sondern zuckte noch. Was einige verleitet zu denken: Die Hoffnung stirbt zuletzt. Gibt es vielleicht noch werthaltige Bereiche bei Wirecard?

Selbst wenn das so ist, kriegen Aktionäre davon wohl nichts zu sehen. In einem typischen Insolvenzverfahren werden ohnehin weniger als zehn Prozent der Ansprüche befriedigt. Und die Aktionäre stehen ganz hinten bei der Verteilung. Sie kommen erst an die Reihe, wenn Finanzamt, Sozialkassen, Banken, Lieferanten und die Anleihe-Inhaber befriedigt sind. Alleine die Commerzbank, die LBBW, ABN Amro und ING sollen Darlehensforderungen von 1,5 Milliarden Euro an Wirecard haben.

Soll man Wirecard verklagen?

Von wem sollte man Schadensersatz fordern, wenn nicht von Wirecard selbst? So eine Forderung könnte man sogar schon zur Insolvenztabelle anmelden, bevor ein Gericht über den Schadensersatz entschieden hat. Allerdings dürften bis zu einem Urteil viele Jahre vergehen. Und der Insolvenzverwalter muss die Schadensersatz-Ansprüche anerkennen. Steht man den jahrelangen Rechtsstreit durch, winkt als Lohn jedoch nicht die Kompensation der Kursverluste, sondern lediglich eine Befriedigung nach Quote.

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Eine weitere Möglichkeit wäre es, den Vorstand von Wirecard zu verklagen. Und den Aufsichtsrat gleich dazu? Auch hier gilt: abwarten. Falls es sich wirklich um ein groß angelegtes Betrugssystem handelt, muss die Staatsanwaltschaft das ermitteln. Die Haftpflichtversicherung der Manager zahlt jedoch nicht bei Vorsatz. Und einen Schaden im zweistelligen Milliardenbereich werden verurteilte Täter nicht aus ihrem Privatvermögen begleichen können.

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Wie sieht es mit den Wirtschaftsprüfern aus?

Ernst and Young wirkt dagegen wie ein solventer Schuldner. EY hat die vergangenen Bilanzen Wirecards ja auch testiert. Kann man sie dafür zur Verantwortung ziehen? Auf wen sollen Aktionäre sich denn verlassen, wenn nicht auf das Urteil der Bilanzprüfer? Allerdings wird EY sich gegen solche Klagen natürlich wehren. Um vor Gericht Erfolg zu haben, müsste man den Wirtschaftsprüfern Vorsatz nachweisen.

Auch hier ermittelt zunächst die Staatsanwaltschaft, ob EY wirklich nur wegen eines Fehlers vergessen hat, sich Saldenbestätigungen der asiatischen Banken einzuholen. EY argumentiert, der konspirative und umfassende Betrug bei Wirecard sei nicht in der Prüfung aufzudecken gewesen. Es bleibt abzuwarten, wie die Ermittlungen verlaufen. Die gesamten strafrechtlichen Ermittlungen werden aufwendig sein und damit die Prozesse auf Schadensersatz verzögern.

Sind Bankberater haftbar – oder die Finanzaufsicht?

Falls jemand zu einem Investment bei Wirecard geraten wurde, kämen zudem etwa die Banken im Rahmen einer Beraterhaftung in Betracht. Indes war Wirecard ein etablierter Dax-Wert, sodass nicht von einer schuldhaften Pflichtverletzung der Berater auszugehen ist. Aber was ist mit der Bafin? Soll sie nicht auch "geschlampt" haben? Doch die Bafin genießt ein Haftungsprivileg und haftet normalerweise nicht direkt gegenüber den Anlegern. Vor den Anlegern liegt insgesamt ein langer, steiniger Weg, für den sie Geduld benötigen.

Biallo-Fazit

Für die Aktionäre ist die Lage ernst, aber nicht hoffnungslos. Auf dem Weg zu Schadensersatz brauchen sie allerdings gehörig Durchhaltevermögen. Wegen der Verjährungsfrist von drei Jahren besteht aber auch keine Eile. Wenn sich der Nebel um die dubiosen Vorgänge gelichtet hat, kann es ratsam sein, sich einer Sammelklage anzuschließen.



  Alexander Rudow


 

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