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Estland wird in verschiedenen Zinsvergleichen mit einem S&P-Rating von A+ geführt. Dabei wurde die Wertung vor über einem Jahr zurückgezogen.
Estnische Banken spielen bei den Sparzinsen in Deutschland vorne mit. Hierzu gehört etwa die Bigbank, die eines der bestverzinsten Festgelder für kurze Laufzeiten anbietet. Über Raisin oder Check24 lassen sich Sparkonten bei estnischen Instituten wie der Holm Bank, Inbank oder Coop Pank abschließen.
In einschlägigen Vergleichen für Tagesgeld oder Festgeld wird Estland mit einem soliden S&P-Rating von A+ geführt, wie zum Beispiel auch Frankreich oder Spanien. Das Problem: Diese Bewertung gibt es längst nicht mehr – zumindest bei S&P Global. Vor etwa einem Jahr hat das Unternehmen sein Rating für Estland zurückgezogen. Wir verraten, wie Sparer die Lage einschätzen können und warum sie sich erstmal keine Sorgen machen müssen.
Zum Jahreswechsel 2024/25 hat S&P Global sein Rating für Estland "auf Wunsch des Emittenten", also der estnischen Regierung, zurückgezogen. Ein offizielles Statement Estlands liegt uns nicht vor. Generell hat die Entscheidung praktisch keine Aufmerksamkeit erregt. Selbst bei Wikipedia findet sich noch das alte S&P-Rating (Stand 10.02.2026).
Dem Vernehmen nach wollte sich Estland mit dem Verzicht auf das Rating einfach Geld sparen. Ein beauftragtes ("solicited") Rating kostet den Staat Geld und administrativen Aufwand, etwa für die Bereitstellung exklusiver Informationen. Zuvor wurde Estland von S&P von AA auf A+ abgestuft, allerdings mit stabilem Ausblick. Grund war unter anderem der Krieg in der Ukraine.
Unserer Auffassung nach müssen sich Anleger wegen des fehlenden Ratings aber keine Sorgen machen. Das hat folgende Gründe:
Estland wird weiterhin von vier Ratingagenturen bewertet, darunter die beiden großen US-Agenturen Fitch und Moodys. Dazu kommen die deutsche Scope und die kanadische Morningstar DBRS. Alle vier Ratings entsprechen in etwa dem Stand des letzten S&P-Ratings. Alle attestieren Estland einen stabilen Ausblick. Das heißt, sie rechnen nicht mit einer Änderung in den nächsten Jahren. Fitch und Scope, die die gleiche Skala wie S&P verwenden, führen Estland mit A+, also der gleichen Note wie S&P zuletzt. Moodys nennt A1 (identisch) und DBRS AA low (etwas besser).
EU-Vorgaben hat der baltische Staat mit seinem Schritt nicht verletzt – im Gegenteil. Sie werden eher übererfüllt. Bei der Europäischen Wertpapier- und Marktaufsichtsbehörde (ESMA), die die Ratingagenturen in der EU beaufsichtigt, hieß es auf unsere Nachfrage, "dass es zwar üblich ist, dass Emittenten zwei oder mehr Ratingagenturen für das Rating einer Emission auswählen, es jedoch keine regulatorische Verpflichtung für staatliche Emittenten gibt, bestimmte Ratingagenturen auszuwählen, und auch keine Verpflichtung für Ratingagenturen, bestimmte Staaten zu bewerten."
Jedes Land kann unter den zugelassenen Agenturen also frei wählen, von wem es seine Kreditwürdigkeit bewerten lassen möchte. Vier Agenturen wie im Falle von Estland wären nicht nötig. Zwischen den Agenturen sieht die ESMA keine qualitativen Unterschiede.
Uns teilte man mit, dass laut der EU-Verordnung Credit Rating Agency Regulation (CRAR) "alle in der EU registrierten Ratingagenturen, unabhängig von ihrer Größe oder Konzernzugehörigkeit, identische, strenge Anforderungen für Länderratings erfüllen müssen, darunter transparente und strenge Methodiken, verbindliche Länderrating-Kalender und strenge Bedingungen für etwaige Abweichungen."
Dabei werden Emittenten sogar aufgefordert, auch kleinere Agenturen in Betracht zu ziehen (Artikel 6d), falls sie sich von mehreren bewerten lassen. Genau das tut Estland, wenn es sich neben den US-Agenturen auch auf Scope und Morningstar DBRS stützt.
Auch die Finanzmärkte schienen von der Entscheidung Estlands unbeeindruckt. So konnte das Land sich bei der Ausgabe neuer Anleihen im Frühjahr 2025 über eine große Nachfrage und moderate Zinsen freuen.
Generell scheint der Kapitalmarkt Estland weiterhin zu vertrauen. Laut Europäischer Zentralbank sind die Zinsen 10-jähriger estnischer Staatsanleihen letztes Jahr von 3,50 auf 3,38 Prozent sogar gesunken – ganz anders als zum Beispiel bei den deutschen Bundesanleihen, wo die Renditen letztes Jahr aufgrund der höheren Neuverschuldung gestiegen sind.
Dass sich Länder Aufwand und Kosten für ein beauftragtes ("solicited") S&P-Rating sparen, ist keine Seltenheit, eher der Normalfall. Nicht zuletzt sparen sich Deutschland und Frankreich seit Jahren die Beauftragung von S&P – genau wie die Niederlande, Dänemark, Italien, Spanien oder Portugal. Diese Länder beauftragen bei S&P Global kein Rating, stellen also keine exklusiven Daten zur Verfügung und bezahlen S&P auch nicht für ihre Bewertung.
Dass sie trotzdem von S&P beurteilt werden, liegt daran, dass die US-Agentur sie auf eigene Kosten und ohne Auftrag ("unsolicited") bewertet. Vermutlich sind sie für Investoren einfach so wichtig, dass S&P nicht darauf verzichten will. Kleinere Länder wie Estland bekommen diesen Service offenbar nicht.
Vor diesem Hintergrund halten wir Estlands fehlendes S&P-Rating für unkritisch. Um weiterhin eine einheitliche Darstellung zu ermöglichen, verwenden wir für Estland in unserem Vergleich das Rating von Fitch, also der größten Agentur, die das gleiche Schema wie S&P Global verwendet. Üblicherweise unterscheiden sich die Einschätzungen der beiden Agenturen ohnehin nur selten und wenn doch, dann eher im Detail.
Letztlich kann ein Länderrating immer nur einen ersten Eindruck vermitteln, welche Risiken mit einer Geldanlage in einem bestimmten Land verbunden sind. Grundsätzlich können sich Sparer darauf verlassen, dass in der EU bis 100.000 Euro je Bank und Kunde über die nationalen Sicherungsfonds geschützt sind. Fraglich ist nur, was im etwa im Fall einer schweren Krise passieren würde. Hier gehen wir davon aus, dass Anlagen in stabilen, finanzstarken Ländern besser abgesichert wären. Deshalb liefern wir die aktuellen Ratings als Orientierungshilfe in unseren Vergleichen immer mit.
Als Anleger müssen Sie anhand Ihrer persönliche Risikotoleranz selbst entscheiden, wie Sie damit umgehen. Das gilt für die Frage, ob Sie überhaupt einem Anlageland vertrauen wollen, das "nur" mit A+ bewertet wird. Und es gilt für die Frage, wie viel Geld Sie im Zweifel auf einem entsprechenden Konto parken möchten.

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