Robo-Advisor im Interview

Ginmon-CEO: „Statistisch lohnt es sich nie, gegen den Markt zu wetten"

Update: 07.07.2020
Auf einen Blick
  • Der Frankfurter Robo-Advisor Ginmon fährt eine antizyklische Strategie mittels sogenanntem Faktor-Investing. Das hat sich in der Corona-Krise bislang ausgezahlt.

  • Als einer der wenigen Robo-Advisor hat Ginmon bereits Mitte März die Aktienquoten ausgebaut. Dadurch hat der Frankfurter Robo die Erholung nach dem Corona-Crash komplett mitnehmen können.
Immer mehr Anleger lassen ihr Vermögen von einem Roboter verwalten.
Blue Planet Studio

Die konstant guten Performancewerte in den vergangenen Monaten scheinen sich auszuzahlen: Der Frankfurter Robo-Advisor Ginmon hat Anfang Juni rund sechs Millionen Euro von seinen bisherigen Gesellschaftern und dem neuen Investor BCS Financial Group eingesammelt. Im Interview mit biallo.de verrät Ginmon-Gründer und CEO Lars Reiner, was er mit dem frischen Kapital vorhat und wie Anleger sich in Zeiten von Corona am besten aufstellen.

Herr Reiner, zuerst einmal Glückwunsch! Sie haben die Marke von 100 Millionen Euro beim verwalteten Kundenvermögen geknackt und einen neuen Investor an Land gezogen. Von Krise scheint bei Ihnen derzeit wenig zu spüren zu sein. Was meinen Sie?

Lars Reiner: Teil, teils. Natürlich zieht eine weltweite Gesundheitskrise nicht einfach so an uns vorbei. Auch wir haben uns organisatorisch neu aufgestellt. Dazu kam, dass die weltweiten Kurseinbrüche zwischenzeitlich auch einen Effekt auf die Kundenportfolios hatten. Als Vermögensverwalter haben wir die Betreuung mit Webinaren und Live-Calls hochgefahren, um auf den erhöhten Gesprächsbedarf der Kunden einzugehen. Manche waren sehr besorgt, andere wiederum wollten die Kurseinbrüche zum Zukaufen nutzen.

Wir haben durch die Krise aber auch klare Vorteile für uns erzielt. Unsere Anlagestrategie hat sich als sehr krisenresistent erwiesen. Im Gegensatz zu manch anderem Anbieter haben wir unsere Strategie konsequent beibehalten. Wir fahren eine antizyklische Strategie mittels Faktor-Investing. Wenn die Kurse steigen, dann verkaufen wir eher Titel, und wenn die Kurse fallen, kaufen wir verstärkt nach. Das hat sich in der Corona-Krise als extrem vorteilhaft erwiesen, weil wir ab Mitte März signifikant Aktien nachgekauft haben, was sich im April und Mai dann positiv auf die Performance ausgewirkt hat. Unterm Strich ist für die Kunden deutlich mehr hängengeblieben.

Dennoch hinken Sie dem Spitzenfeld im Moment etwas hinterher. Dabei landeten Sie 2019 in unserem Performance-Vergleich gleich viermal auf dem Siegertreppchen und erzielten den ersten Platz in der ausgewogenen Strategie. Wie ist das zu erklären?

Lars Reiner: Wir investieren in den Size- und in den Value-Faktor. Das heißt, wir investieren mit dem Size-Faktor in kleine Unternehmen und dem Value-Faktor in niedrig bewertete Unternehmen. Diese Aktien zeigen sich in Krisenzeiten generell etwas volatiler als andere Titel. Unter den Value-Unternehmen finden sich auch die Kolosse der Wirtschaft, die eine große Mitarbeiterzahl und hohe Investitionsbeträge vorweisen und die in der Krise oftmals nicht so agil sind, aber in besseren Zeiten wiederum sehr gut skalieren. Wir wollen nicht den Anlageklassen hinterherlaufen, die gerade jetzt gut laufen, sondern wie bereits erwähnt, ziehen wir unsere antizyklische Strategie mit Faktor-Investing konsequent durch und lassen uns auch nicht von kurzfristigen Kursschwankungen beeinflussen. Die Statistik gibt uns Recht: Size und Value zahlen sich langfristig aus.

Lesen Sie auch: Smart Beta und Multi-Faktor-ETFs liegen im Trend

Lars Reiner, Gründer und CEO Ginmon.

Wie haben Ihre Kunden auf die erste Verkaufswelle im März reagiert?

Lars Reiner: Da waren wir selbst überrascht, was die Zahlen anging. Zum einen hat jeder fünfte Kunde von uns Ende März zusätzlich Geld eingezahlt, wo die Mehrheit der Marktteilnehmer eigentlich sehr panisch reagiert hat. Zum anderen haben nur sehr wenige Kunden ihr Geld abgezogen und gekündigt. Damit hat sich die Kritik, der sich Robo Advisor immer ausgesetzt sahen, als nicht gerechtfertigt herausgestellt. Es hieß ja immer: Wenn eine Krise wie in 2008 kommt, dann verlieren die digitalen Vermögensverwalter gut die Hälfte ihrer Kunden, weil sie nicht so gut "Händchen halten" können wie ein physischer Vermögensverwalter. Wir können nun mit Recht behaupten, dass wir das eben sehr gut getan haben! Es waren nur knapp über ein Prozent, die das Handtuch geworfen haben. Das ist deutlich weniger, als wir selbst erwartet hatten. Von daher waren wir schon positiv überrascht.

Das "Social Distancing" dürfte Ihnen als digitaler Vermögensverwalter auch in die Hände gespielt haben.

Lars Reiner: Stimmt, wir konnten mit unserem Geschäftsmodell auch dort punkten, wo traditionell eher Privatbanken mit persönlichem Kontakt zum Zug kommen. Wenn sich zum Beispiel ein sehr wohlhabender Kunde bislang bei einer Privatbank besser aufgehoben fühlte, weil ihm das persönliche Gespräche vor Ort wichtig war, haben wir jetzt auch von solchen Kunden das Feedback bekommen, dass sie mit wöchentlichen Live-Calls und Beratung per Telefon mindestens genauso gut informiert werden. Wir haben zwar nicht die Marmorböden und Holzpaneele an der Wand, aber in Zeiten von Corona braucht man die auch nicht.

Wodurch zeichnet sich Ihre Technologieplattform aus?

Lars Reiner: Das sind eigentlich zwei Dinge: Zum einen ist Apeiron die führende Technologieplattform für die digitale Vermögensverwaltung. Wir investieren beständig einen Großteil unserer liquiden Mittel in diese Technologie und festigen damit unsere Position als Innovator und Pionier in diesem Bereich. Die automatisierte Steueroptimierung zum Jahresende ist eine Funktion, die wir als erster Anbieter auf den Markt gebracht haben und die für jeden Kunden zum Jahresende ungenutzte Freistellungspotenziale identifiziert. Dadurch werden automatisch die richtigen ETFs zum richtigen Zeitpunkt im richtigen Volumen verkauft und dann wieder direkt zurückgekauft. Somit schaffen wir quasi aus dem Nichts einen Mehrwert, der den Leuten meist verlorengeht, weil keiner die Muße hat, sich das selbst auszurechnen. Das ist auch hochgradig kompliziert, da das deutsche Steuergesetz mit "First In – First Out" sehr komplex ist. Insofern sehen wir uns schon als Technologieführer. Wir sind zwar, zumindest noch nicht, der größte digitale Vermögensverwalter in Deutschland, aber wir sind der, der am meisten in die Technologie investiert.

Und das Zweite?

Lars Reiner: Das Zweite ist, dass in diese Plattform bereits die angesprochene Antizyklik eingebaut ist. Das ist das, was uns von anderen großen Anbietern im Markt unterscheidet, die rein prozyklisch arbeiten, indem sie zum Beispiel erst während der Krise – also nicht vor der Krise – Aktien abgebaut und seitdem auch nicht wieder erhöht haben. Als wir zum Beispiel Ende März hohe Aktienquoten hatten und unser größter Wettbewerber aus München die Aktienquoten reduziert hat, da sahen wir bei dem ein oder anderen Kunden zunächst wie die Doofen aus. Nach dem Motto: Schaut mal, die Märkte sind im Turnaround, die Welt geht unter und ihr greift ins fallende Messer! Da fühlt es sich natürlich erst mal wohler an, bei jemandem zu sein, der die Aktienquote von 80 auf 20 runterfährt als bei jemandem, der in dem Moment massiv zukauft. Das ist genau das Problem mit der Antizyklik: Sie ist unglaublich schwer emotional durchzuhalten! Als Mensch und Privatanleger ist das so gut wie unmöglich. Und deshalb ist die automatisierte Plattform so wichtig. Sie schafft Vertrauen, indem sie immer bewiesen hat, dass sie konsequent so handelt, wie es statistisch gesehen richtig ist. Und die Erträge sieht jetzt jeder in seinem Portfolio. Bei uns sind die Kunden fast schon wieder auf dem Level von vor der Krise, während sie bei anderen Anbietern fast noch am Tiefpunkt herumnagen, weil sie mit einer minimalen Aktienquote aus dem Loch gar nicht mehr herauskommen.

Dennoch ist eine zweite Verkaufswelle ja nicht ausgeschlossen.

Lars Reiner: Unser Algorithmus hat natürlich auch nicht die Glaskugel, ob es jetzt noch mal eine zweite Verkaufswelle gibt oder nicht. Dann müssten wir alle nicht mehr arbeiten. Was wir allerdings wissen: Statistisch lohnt es sich nie, gegen den Markt zu wetten und nicht investiert zu sein. Um bei Corona zu bleiben: Die Wahrscheinlichkeit, dass es zu einer zweiten Welle kommt, die dann noch mal die Kapitalmärkte in die Tiefe reißt, ist genauso eingepreist wie die Wahrscheinlichkeit, dass demnächst ein Impfstoff in greifbare Nähe rückt und sich die Wirtschaft schnell wieder erholt. Also beide Szenarien sind derart eingepreist, dass der momentane Preis der Aktien angesichts der aktuellen Inflationslage fair bewertet ist. Der Markt hat immer Recht. Anleger sollten sich weniger Gedanken machen, ob der Markt jetzt hoch oder niedrig bewertet ist, sondern sie sollten sich einfach überlegen, ob sie das Geld jetzt übrighaben, um langfristig zu investieren. Wenn ich das Kapital nur anderthalb Jahre entbehren kann, sollte ich diesen Teil nicht am Kapitalmarkt anlegen.

Die Frage ist aber auch: Auf einen Schlag investieren oder doch lieber in Etappen?

Lars Reiner: Das ist eine Frage der persönlichen Präferenz. Beides können wir empfehlen. Eine Einmalanlage ist in Zeiten wie diesen natürlich emotional deutlich schwieriger und deshalb machen es auch wenige im Moment. Es gibt aber auch die "Zehner-Regel": Dabei teilt der Anleger sein Investitionskapital in zehn gleich hohe monatliche Raten auf. Bei 100.000 Euro zahlt man beispielsweise zehn Monate lang 10.000 Euro ein. Dadurch hat man zumindest das Risiko einer zweiten Welle insofern gemindert, dass – wenn es zu einer zweiten Welle im Herbst kommen sollte – man mit einem signifikanten Teil seiner 100.000 Euro zu einem weit niedrigeren Kurs einkauft. Das ist definitiv eine gangbare Lösung. Dennoch empfehlen wir beides. Es kann ja genauso gut sein, dass die zweite Welle nicht kommt und es weiter hochgeht. Und dann würde man mit einer Aufteilung in Zehnerschritten schlechter fahren, da man zu einem jeweils teureren Kurs einkaufen muss.

Schauen wir auf Ihre Wachstumsambitionen: Sie konnten von Investoren frisches Kapital in Höhe von sechs Millionen Euro einsammeln. Was haben Sie mit dem Geld vor?

Lars Reiner: Wir fokussieren uns auf das, was wir am besten können: die digitale Vermögensverwaltung. Wir wollen uns in diesem Bereich weiter spezialisieren und neue Lösungen anbieten, wie zum Beispiel eine optimierte Lösung für die Altersvorsorge und Ruhestandsplanung. Wir haben uns langfristig das Ziel gesetzt, zu einer konsolidierten Plattform für die Finanzplanung zu werden. Wir wollen – im Gegensatz zu manch anderem Wettbewerber – kein Bauchladen sein, der ganz viele Produkte anbietet, sondern uns speziell an den Bedürfnissen unserer Kunden orientieren und ihnen die richtigen Werkzeuge mit an die Hand geben. Denn ganz ehrlich: Festgeld braucht niemand für die Altersvorsorge, zumindest nicht in der Aufbauphase, da ist der Kapitalmarkt das richtige Tool! Wenn man dann in der Ruhestandsphase ist, sollte man sich überlegen, wie viel Geld man für die nächsten fünf Jahre benötigt, der Rest kann angelegt bleiben. Solche Tools brauchen die Menschen. Was man in der Bankfiliale bekommt, ist keine Altersvorsorgeplanung. Das können wir besser und dazu noch kostengünstiger – als Anlagemotor und Finanzplaner in einem.

Ihr neuer Investor BCS ist auch im Brokerage aktiv. Wollen Sie jetzt auch in den Wertpapierhandel einsteigen?

Lars Reiner: Natürlich spielen solche Überlegungen aus strategischer Sicht auch eine Rolle. Wichtiger als der Wertpapierhandel ist uns aber erst mal, dass unsere Kunden mit uns ihren langfristigen Vermögensaufbau bestmöglich gestalten können. In einer guten Finanzplanung macht der Brokerage-Anteil weniger als 20 Prozent aus, 80 Prozent muss der langfristige Vermögensaufbau sein. Uns geht es nicht darum, mit irgendeinem neuen Produkt jetzt das schnelle Geld in volatilen Zeiten zu verdienen, sondern wir wollen die Produkte entwickeln, die unsere Kunden auch langfristig weiterbringen.

Seit ein paar Monaten arbeiten Sie auch mit dem Beratungsunternehmen Mercer zusammen. Dabei geht es auch um die betriebliche Altersvorsorge. Mercer führt bereits Gespräche mit Kooperationspartnern aus den Bereichen Mobilität, Coaching und Gesundheit. Wann werden Sie hier die ersten Deals verkünden?

Lars Reiner: Die Kooperation passt perfekt zu unserem Geschäftsmodell. Wir sind überzeugt, dass die professionelle Planung und Strukturierung der persönlichen Finanzen nicht nur für das Alter wichtig sind, sondern gerade auch in jungen Jahren. Es erspart einfach viel Stress und Frust, wenn man weiß, dass seine Finanzen geordnet sind. Deshalb haben wir uns mit Mercer zusammengetan, um über möglichst viele Arbeitgeber den Zugang zu Financial Wellbeing (Finanzielles Wohlbefinden; Anm. d. Red.) Angeboten zu ermöglichen, also ein Benefit-Programm, um die persönlichen Finanzen zu strukturieren und zu planen. Da wird es in der zweiten Jahreshälfte noch zu weiteren Ankündigungen kommen.

Ihre Gesellschafter werden ihre Anteile auch irgendwann versilbern wollen. Ist da ein Börsengang von Ginmon mittel- bis langfristig auch ein Thema?

Lars Reiner: Das ist zum jetzigen Zeitpunkt sicher noch zu früh, um sich hier festzulegen. Es gibt ja unterschiedliche Arten, wie ein Investor seine Anteile versilbern und daraus Rendite erzielen kann. Das kann, aber muss kein Börsengang sein.

Aber ein IPO wäre sicher prädestiniert dafür.

Lars Reiner: Natürlich ist ein Börsengang für viele Unternehmen eine Art Krönung, wenn sie es schaffen, ihre Anteile auch an der Börse handelbar zu machen. Zumal wir ja selbst ein Anbieter sind, der mit der Börse engverzahnt ist und sehr stark an die Börse als Mechanismus glaubt. Aber zum jetzigen Zeitpunkt ist das definitiv noch zu früh für solche Überlegungen.

Herr Reiner, besten Dank für das Interview.

Mehr zu den Anlagestrategien von Ginmon erfahren Sie auch im folgenden Youtube-Interview:




  Sebastian Schick


 
Exklusive Informationen und Angebote per Mail erhalten.


 
 
 
Powered by Telsso Clouds