Fonds

Smart Beta und Multi-Faktor-ETFs liegen im Trend

Update: 09.10.2019
Auf einen Blick
  • Multi-Faktor-ETFs – auch Smart Beta genannt – stehen zwischen marktbreiten ETFs und aktiv gemanagten Fonds. Das gilt für Anlagestrategie und Kosten.

  • Die Diskussion um Multi-Faktor-Investments wird teilweise ideologisch geführt. Wir zeigen Ihnen, was es mit dieser Art der Geldanlage auf sich hat.
Mit sogenannten Mulit-Faktor-ETFs können Anleger den Markt schlagen. Die Betonung liegt dabei aber auf "können".
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Tempus fugit – die Zeit flieht. Gerade noch hieß es nach der reinen Lehre des passiven Investierens: Erstellen Sie ein Portfolio aus günstigen, marktbreiten ETFs–am besten ein Weltportfolio aus Industrie- und Schwellenländern. Lassen Sie das Ganze langfristig liegen, mindestens zehn bis 15 Jahre, und bleiben Sie passiv – tun Sie gar nichts. Oder besparen Sie das Portfolio regelmäßig und langfristig mit festen Beträgen. Günstig, langfristig, breit diversifiziert. 

Und die eherne Regel: Privatanleger sollten niemals versuchen, den breiten Markt zu schlagen, also etwa den MSCI Word oder den S&P 500. Nicht einmal Profis schlagen die Vergleichsindizes auf Dauer, abgesehen vielleicht von Ausnahmeerscheinungen wie Warren Buffett. Und der empfiehlt anderen selbst ein Buy-and-Hold-Investment in Indexfonds. Das ist die eine Welt der Anlage in Aktien beziehungsweise Fonds.

Outperformance hat ihren Preis

Die andere der beiden Anlegerwelten geht aktiv vor, es geht darum, den Markt durch geschickte Auswahl von Aktien zu schlagen. Wenn man sich nicht selbst einen hinreichend diversifizierten Korb von einzelnen Aktien zusammenstellen will, dann wählt man einen aktiv gemanagten Fonds, bei dem man auf den Manager vertraut. Der wählt Unternehmen aus, die ihm vielversprechend erscheinen. Die Praxis lehrt, dass der Fondsmanager auf lange Zeit gesehen in den meisten Fällen an seiner Benchmark scheitert, dem jeweiligen Index, dem Durchschnitt also.

Das gilt besonders nach Abzug der Kosten. Aktiv gemanagte Aktienfonds haben im Durchschnitt jährliche Gesamtkosten (OGC) von 1,6 Prozent der Anlagesumme. Dazu wird in der Regel ein Ausgabeaufschlag fällig, eine Vertriebsprovision. Dieser beträgt bei Aktienfonds häufig vier bis sechs Prozent der Anlagesumme. Passive Aktienfonds (ETFs) verzichten gewöhnlich auf einen Ausgabeaufschlag. Und die jährlichen Gesamtkosten für einen ETF auf den MSCI World etwa liegen bei circa 0,2 Prozent.

Die Welt dazwischen: Multi-Faktor-Investing

Derzeit wird eine dritte Variante heiß diskutiert: Multi-Faktor-ETFs, manchmal auch mit dem Marketing-Begriff "Smart-Beta" belegt. Was ist das jetzt wieder? Nun, solche Fonds setzen darauf, langfristig sogenannte Faktorprämien zu erzielen, also besser abzuschneiden als der breite Markt. Das haben sie mit dem aktiven Investment gemein.

Auf der anderen Seite vertrauen solche ETFs nicht auf das Geschick eines Managers, sondern gehen regelbasiert vor, was wiederum dem passiven Lager entspricht. Solche Fonds vertrauen also nicht auf den menschlichen Genius, sondern werden nach Vorgaben von Computern zusammengestellt. Die jährlichen Kosten liegen zwischen denen der aktiven und passiven Fonds, nämlich bei Welt-Fonds zwischen 0,4 und knapp 0,7 Prozent.

Vereinen Multi-Faktor-ETFs die Vorteile von "aktiv" und "passiv"?

Was sind die Vorgaben, mit denen die Computer rechnen? Es sind die sogenannten Faktoren. Die wichtigsten sind:

  • Value: Unternehmen mit niedriger Bewertung,

  • Quality: Aktien ertragsstarker Unternehmen mit solider Bilanz,

  • Low Volatility: Aktien mit unterdurchschnittlicher Schwankung,

  • Size: Aktien mit geringer Marktkapitalisierung, also kleine Unternehmen,

  • Momentum: der Schwung oder Impuls einer Aktie, deren Kurs sich besser als der Gesamtmarkt entwickelt.

Wenn man diese Faktoren über Jahrzehnte betrachtet, dann lässt sich dokumentieren, dass sie besser abschneiden als der allgemeine Markt. Das klingt großartig, ist aber leider nicht ganz so leicht. Man kann nämlich nicht einfach die Faktoren addieren und dabei die langfristigen Prämien der Einzelfaktoren aufsummieren.

Denn vielmehr überlappen sich zum einen die Faktoren und entwickeln sich teils auch gegenläufig. Zum anderen gibt es keine verbindliche Definition für die einzelnen Faktoren, erst recht nicht für den Begriff "Multi-Faktor". Wo "Multi-Faktor" draufsteht, stecken mitunter verschiedene Inhalte drin, je nach Anbieter.

Der Anbieter definiert den Faktor erst genau

Der Reihe nach: Der Value-Ansatz legt zugrunde, dass ein gutes Unternehmen dann kein gutes Investment ist, wenn die Aktien zu teuer sind. Dieser Faktor bezieht sich auf unterbewertete Titel. Nur: Wann ist ein Unternehmen unterbewertet? Wie konstruiere ich einen Value-ETF? (Es gibt ja nicht nur Multi-, sondern auch Einzel-Faktor-ETFs). Anders gefragt: Mit welchen Vorgaben füttere ich den Computer, damit er regelbasiert die Aktien für das Portfolio errechnet?

Die Anbieter verwenden verschiedene Algorithmen. In Betracht kommen ganz unterschiedliche Kennzahlen wie das Kurs-Gewinn-Verhältnis (KGV), das Kurs-Buchwert-Verhältnis (KBV), das Kurs-Umsatz-Verhältnis (KUV), das Kurs-Cash-Flow-Verhältnis (KCV), die Gesamtkapitalrendite (GKR), die Eigenkapitalquote (EKQ) und vor allem deren Mischverhältnis.

Der Quality-Faktor sucht nach krisenfesten und profitablen Firmen mit geringen Schulden. So weit, so klar. Unschärfer wird es, wenn es um die Wettbewerbsvorteile solcher Unternehmen geht oder um die Kompetenz des Managements. Objektivierbare Kennzahlen sind dann wieder die Eigenkapitalrendite und die Differenz aus Cashflow und Investitionen im Verhältnis zu den Gesamtaktiva. 

Biallo-Tipp: Bis zu zehn Prozent Dividende

Eine interessante Alternative zu Wertpapier-Dividenden sind die Ausschüttungen von Genossenschaftsbanken. In der Spitze winken bis zu zehn Prozent Dividende – ganz ohne Kursrisiko. Manche Genossen gehen sogar bundesweit auf Mitgliederfang. Mehr dazu lesen Sie in unserem Ratgeber:  Die besten Dividenden von Genossenschaftsbanken.

Welche Algorithmen nutzen die Computer?

Der Low-Volatility-Faktor spiegelt wider, welche Aktien geringer schwanken als der breite Markt. Allerdings kann man die Schwankung natürlich nur in der Rückschau betrachten. Historisch gesehen ist bei diesen Aktien die Sharpe Ratio besser – darunter versteht man das Verhältnis von Risiko zu Rendite. Eindeutig bestimmen lässt sich der Faktor Size: Er berücksichtigt Unternehmen bis zu einer bestimmten, geringen Marktkapitalisierung. Solche Nebenwerte, Small Caps und Mid Caps genannt, entwickeln sich auf lange Sicht besser als die Blue Chips, gerade in Bullenmärkten.

Beim Momentum untersucht man den Trend der Aktie. Man geht davon aus, dass eine Aktie weiter steigt, wenn sie "einen Lauf" hat. Mit diesem Faktor möchte man die Schwungkraft quantifizieren und danach auswählen. Dazu werden Kursrichtung, Geschwindigkeit, Kursbewegung und Veränderungsrate der Geschwindigkeit analysiert. 

(Multi-)Faktor-ETFs sind etwas für Fortgeschrittene

Man sieht: Die Berechnung der Faktoren ist transparent und regelbasiert, kann sich aber je nach Anbieter unterscheiden. Und was für einzelne Faktoren gilt, das gilt erst recht für deren Mischung. Sucht man etwa nach Aktien-ETFs auf die Region "Welt", so findet man unter anderem den iShares Edge MSCI World Multifactor und den Lyxor J.P. Morgan Multi-Factor World Index.

Beide tragen als Etikett "Multi-Faktor World", aber der iShares-ETF ist aus vier Faktoren konstruiert, nämlich: Value, Momentum, Quality und Size – der Lyxor-ETF dagegen aus fünf, nämlich zusätzlich noch dem niedrigen Marktrisiko (Low Beta).

Auch Multi-Faktor-ETFs auf einzelne Länder und dieselben Indizes können sich unterscheiden: Der UBS MSCI USA Select Factor Mix und der iShares Edge MSCI USA Multifactor wählen beide ihre Aktien aus dem MSCI USA. Sie haben aber unterschiedliche Portfolios, weil sie verschieden konstruiert sind. Der ETF von UBS mischt Indizes von Einzelfaktoren, der von iShares wählt einzelne Aktien aus, die am besten zu den Zielfaktoren passen.

Die erste Konstruktion ist einfach und transparent, nimmt aber in Kauf, dass sich die Faktoren gegenseitig neutralisieren können. Die Auswahl von Einzelaktien kann den Faktoren stärkere Geltung verschaffen, aber dieser Ansatz ist sehr komplex und schwierig nachzuvollziehen für den Privatanleger.

Vertrau mir, ich bin dein Computer

Bei so komplizierten Modellen ähnelt daher der ETF-Anbieter dem aktiven Manager eines Fonds, wenn man Nicht-Experten als Anleger zugrunde legt. Dass ein ETF regelbasiert ist, hilft dem Privatanleger wenig, wenn er die Regeln nicht durchschaut. Die Lage ist dann fast wie bei einem Fondsmanager, dem man sein Vertrauen schenkt, aus welchen Gründen auch immer. In diesem Sinne äußern sich auch kritische Stimmen.

"Ich mag ganz einfache Produkte. Etwa den S&P 500 oder einen Welt-Index. Ohne Schnörkel. Die Schnörkel kosten meistens extra Geld", äußert sich Tim Schäfer gegenüber biallo.de, Finanzjournalist und -blogger in New York. "Die angebliche Prämie in bestimmten Nischen ist allseits bekannt – Value, Small-Cap et cetera. Es lohnt sich vermutlich kaum, hier nach mehr Mehr-Rendite zu fischen, denn nach Abzug der Mehrkosten dürfte kaum etwas unterm Strich übrig bleiben."

Allerdings sind die Kosten eines Multi-Faktor-ETFs immer noch erheblich niedriger als die eines aktiv gemanagten Fonds. Und schließlich rechnet Factor-Investing ja auch mit einem erhöhten Ertrag gegenüber dem breiten Markt. Der Investmentbanker und Vermögensberater Gerd Kommer geht davon aus, dass ein Verzicht auf jegliche Übergewichtung von Faktoren langfristig zwischen einem und dreieinhalb Prozentpunkte Rendite kostet.

Marktineffizienz oder Risikofaktoren?

Am Aktienmarkt ist steigende Ertragschance mit steigendem Risiko verbunden. Führen die Faktoren aber zu einer Risikoprämie? Oder flaut ihr Effekt ab, weil sie "allseits bekannt" sind, wie Tim Schäfer schreibt?

"Tatsächlich gab es auf vielen Märkten in der Vergangenheit eine Size- und Value-Prämie. Wir haben diese nicht explizit berücksichtigt, vor allem weil wir nicht sicher sind, ob diese Prämie auch in der Zukunft noch Bestand haben wird", erklärt Professor Sebastian Müller, Mitglied im Team des Investmentfonds Arero.

Die entscheidende Frage sei wissenschaftlich noch nicht entschieden: "Die zugrundeliegende Überlegung ist, dass wissenschaftlich nicht eindeutig geklärt ist, ob Value und Size eine Marktineffizienz darstellen – in diesem Fall würde man erwarten, dass die Prämien im Zeitablauf kleiner werden und irgendwann komplett verschwinden – oder tatsächlich Risikofaktoren sind." 

Diskussion um Multi-Faktor teilweise überspitzt

Kritiker monieren bei Smart Beta- oder Faktor-Investments, dass Banken und Finanzdienstleister hier nur ein Instrument gefunden haben, um mehr Geld zu verdienen als mit günstigen, marktbreiten ETFs. Solche Fonds liefen dem Grundgedanken der simplen Nachbildung eines Index zuwider.

Im Vergleich mit marktbreiten Indizes wie dem MSCI World steckt auch der Vorwurf mangelnder Diversifikation, denn: "Diversification is the only free lunch in investing", wie Nobelpreisträger Harry Markowitz zu sagen pflegt. Was so viel heißt wie: Breite Streuung kostet nichts und bringt Gewinn.

Sind aber Multi-Faktor-ETFs nicht hinreichend diversifiziert? Nun, als Auswahl des "Grund-Index" enthalten sie notwendigerweise weniger Aktien – allerdings verhält es sich beim MSCI World so: Dieser Index besteht aus rund 1.600 Aktien.

Der "MSCI World Diversified Multiple-Factor Index" dagegen enthält immer noch 350 Aktien. Es wäre nicht seriös zu sagen, dass dies nicht ausreichend diversifiziert ist. Allerdings findet man solche Angaben wie die Zahl der enthaltenen Unternehmen erst im Factsheet des Index von MSCI und noch nicht beim ETF-Produkt von iShares.

Beim Faktor-Investment ist langer Atem besonders wichtig

Wer sich für Faktor-Investment interessiert, der muss jedenfalls sehr langfristig denken. Die Performance der Faktoren unterscheidet sich nach den Marktphasen. Es ist gut möglich, dass ein Multi-Faktor-Portfolio während eines Jahrzehnts sieben Jahre lang schlechter performt als der marktbreite Bruder.

Solche Perioden muss man aussitzen können und darauf hoffen, dass ein Faktor später dann besonders gut abschneidet. Dafür sollte man sicher sein, dass man an der Börse, um es mit André Kostolany zu sagen, "nicht zu den Zittrigen gehört, sondern zu den Hartgesottenen". 

Der nachfolgende Vergleich zeigt jedenfalls, dass Multi-Faktor-ETFs mit globaler Ausrichtung in den vergangenen Jahren deutlich schlechter performt haben als klassische ETFs auf den MSCI World Index. Ein Schelm, wer böses dabei denkt!

Drei ausgewählte Multi-Faktor-ETFs mit globaler Ausrichtung

ETF Lfd. Kosten Performance 1 Jahr Performance 3 Jahre Performance 5 Jahre
iShares Edge MSCI World Multifactor UCITS ETF 0,50 %

9,75 %

13,50 %

45,05 %

Invesco Goldman Sachs Equity Factor Index World UCITS ETF 0,55 %

5,41 %

15,57 %



HSBC Multi Factor Worldwide Equity UCITS ETF 0,25 %

10,34 %



Drei konventionelle ETFs auf den MSCI World Index

ETF Ldf. Kosten Performance 1 Jahr Performance 3 Jahre Performance 5 Jahre
Xtrackers MSCI World UCITS ETF 0,19 %

13,88 % 26,78 % 60,83 %
iShares Core MSCI World UCITS ETF 0,20 %

13,85 % 26,76 % 60,93 %
Invesco MSCI World UCITS ETF 0,19 %

14,02 % 27,05 % 60,84 %
Quelle:eigene Recherche / Performance zum Stichtag 7. Okt. 2020 in Originalwährung US-Dollar / Kurse werden bereitgestellt von Mountain-View Data GmbH / Angaben ohne Gewähr



  Alexander Rudow


 
 
 
 
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