Value und Growth: So profitieren Sie von beiden Anlagestilen

Wertpapieranlage Value und Growth: So profitieren Sie von beiden Anlagestilen

von Andreas Jalsovec
20.12.2019
Auf einen Blick
  • Value- und Wachstums-Ansatz sind zwei der wichtigsten Anlagestile am Aktienmarkt.

  • Technologische Umbrüche lösen die Unterscheidung zwischen reinen Wachstums- und Value-Titeln jedoch immer mehr auf.

  • Anleger sollten sich nicht nur an einem Stil orientieren, sondern verschiedene Stile mischen – und ihre Investitionen breit streuen.
Artikelbewertung
Teilen
Schrift

Benjamin Graham durchleuchtete interessante Unternehmen stets bis ins kleinste Detail. In den 20er Jahren des vergangenen Jahrhunderts nahm der US-amerikanische Aktienanalyst und Investor etwa die Öl-Pipeline-Firma "Northern Pipe Line" unter die Lupe. Dabei entdeckte Graham hochwertige Vermögensbestände wie etwa Anleihen und machte dadurch eine Unterbewertung des Unternehmens am Aktienmarkt aus. Er kaufte schließlich Aktien der Firma für 65 US Dollar pro Stück. Drei Jahre später verkaufte er sie wieder - für 110 US Dollar.

Diese Vorgehensweise machte Graham zum Prinzip: Eine Aktie, so seine Überzeugung, sollte man nur unter ihrem "wahren Wert" kaufen - also zu einem Kurs, der unter dem tatsächlichen Firmenwert lag. Der Investor gilt daher nicht nur als Begründer der fundamentalen Wertpapieranalyse. Graham ist auch der Vater des sogenannten "Value-Investing", das sich am wahren Wert einer Firma orientiert. Grahams Schüler war der Star-Investor Warren Buffett, der mit dieser Strategie ein Milliarden-Vermögen gemacht hat.

Lesen Sie auch: Investieren wie Buffett - So funktioniert Buy and Hold

Der Value-Ansatz gehört neben dem Wachstums- oder Growth-Ansatz zu den beiden wichtigsten Anlagestilen am Aktienmarkt. Beide stehen in ihrer ursprünglichen Form stellvertretend für unterschiedliche Anlegertypen: Während die soliden Value-Aktien eher etwas für vorsichtige Anleger sind, setzen risikofreudigere Investoren auf Wachstumsfirmen. In Zeiten technologischer Umbrüche, von Internet und Social Media, löst sich diese Unterscheidung jedoch zunehmend auf.

Der klassische Value-Ansatz

Das englische Wort "value" bedeutet Wert. Value-Investoren setzen demnach auf werthaltige Unternehmen. Gemeint sind damit Firmen, die viele Vermögenswerte, eine gute Marktposition, hohe Renditen und eine stabile Gewinnentwicklung aufweisen. Attraktiv sind dabei vor allem jene Unternehmen, die verglichen mit anderen Marktteilnehmern an der Börse unterbewertet sind. Dadurch entsteht ein Kurspotenzial. Value-Investoren setzen darauf, dass die Aktie dies in der Zukunft aufholt. "Bei Value-Aktien gibt es stets einen Grund dafür, warum der Kurs niedrig ist", sagt Marcel Müller, Leiter des Portfolio-Managements beim Multi-Family-Office HQ Trust. Die Kunst sei es, diesen Grund herauszufinden. "Und dann ist die Frage: Glaube ich daran, dass sich das Ganze in der Zukunft so auflöst, dass die Aktie steigt?"

Um unterbewertete Aktien zu finden, betrachten Value-Investoren verschiedene Kennzahlen. So deutet etwa ein niedriges Kurs-Buchwert-Verhältnis (KBV) auf eine Unterbewertung hin. Das KBV gibt den Kurs der Aktie im Verhältnis zum Buchwert an - also zum Eigenkapital, das auf eine Aktie entfällt. Ein niedriges KBV zeigt an, dass die Aktie im Verhältnis zu den Vermögenswerten des Unternehmens günstig ist. Auch ein niedriges Kurs-Gewinn-Verhältnis (Aktienkurs im Verhältnis zum Gewinn je Aktie) und eine hohe Dividendenrendite (Dividende im Verhältnis zum Aktienkurs) können auf eine Unterbewertung hindeuten.

Lesen Sie auch: Mit diesen Kennzahlen entschlüsseln Sie die Börse

In der Praxis jedoch ist es alles andere als einfach, unterbewertete Aktien zu finden. Professionelle Value-Investoren ziehen dazu zum Teil ausgefeilte Computer-Programme heran. "Wir filtern solche Titel aus einer sehr großen Unternehmens-Datenbank heraus und nutzen hierbei auch Werkzeuge der künstlichen Intelligenz", erläutert Stefan Riße, Kapitalmarktstratege bei der Fondsgesellschaft Acatis, die gezielt in Value-Titel investiert. Unternehmen, die gemessen an ihrem Aktienkurs unterbewertet sind, werden dann noch einmal kritisch analysiert und vergleichbaren Firmen gegenüber gestellt. "Wir fragen uns: Warum sind die so attraktiv. Gibt es ein Haar in der Suppe?", meint Riße.

Nicht jedes Unternehmen, das günstig bewertet ist, sei auch ein attraktives Investment: "Oft gibt es fundamentale Gründe für einen niedrigen Aktienkurs", meint Riße: "Etwa wenn ein Unternehmen hoch verschuldet ist und in der Zukunft hohe Investitionen anstehen." Dies sei derzeit etwa bei einigen Unternehmen der Autobranche der Fall. Die "Perlen" unter den Value-Aktien herauszufinden, erfordert daher eine umfassende Analyse - und viel Erfahrung. Value-Investor Warren Buffet etwa beschäftigt dafür einen ganzen Stab von Mitarbeitern.

Der klassische Wachstums-Ansatz

Wachstums-Investoren setzen im Gegensatz zum Value-Ansatz weniger auf Einzelaktien als auf ganze Branchen. Sie versuchen künftige Wachstumsmärkte frühzeitig zu erkennen. Attraktiv sind darin vor allem diejenigen Unternehmen, die sich bereits einen hohen Anteil am Markt sichern konnten - und eine hohe Wachstumsdynamik aufweisen. Entscheidend sind dabei die Erwartungen: Titel, denen ein hohes Gewinnwachstum zugetraut wird, sichern sich die Gunst der Investoren. Dies kann auch bei Unternehmen der Fall sein, die noch gar keine Gewinne erzielen.

Damit ist es vor allem die Fantasie der Anleger, die Hoffnung auf Gewinne in der Zukunft, die den Kurs der Growth-Aktien steigen lässt. Das bedeutet gleichzeitig: Wird die Fantasie enttäuscht, kann der Kurs auch schnell wieder abstürzen. Um die Erwartungen der Anleger zu erfüllen, sind Wachstumsunternehmen daher auf einen kontinuierlichen Strom positiver Nachrichten bei Gewinn, Umsatz oder Innovationen angewiesen. Versiegt der Strom, geht auch die Fantasie verloren. Spätestens dann sollten Anleger ans Verkaufen denken.

Lesen Sie auch: So wählen Sie die richtige Anlagestrategie

Die Aktien von Wachstums-Unternehmen sind - ganz im Gegensatz zu den Value-Firmen - durch hohe Bewertungen an der Börse gekennzeichnet: also ein hohes Kurs-Gewinn- und Kurs-Buchwert-Verhältnis. Die Dividendenrendite ist in der Regel gering - wenn es überhaupt eine Dividende gibt. Viele Growth-Unternehmen schütten keine Gewinne aus, oder sie machen gar Verluste..

Fließende Übergänge zwischen Value und Wachstum

Klassische Value-Unternehmen finden sich in Industriebranchen wie Handel, Banken, der Auto- oder der Lebensmittelindustrie. Im Portfolio von Warren Buffet etwa gibt es traditionelle Value-Titel wie die Bank of America, die Lebensmittelkonzerne Coca Cola und Kraft, die Fluggesellschaft American Airlines oder den Automobilhersteller General Motors. Der Titel mit dem stärksten Gewicht im Portfolio ist derzeit allerdings der Computerkonzern Apple - eine Aktie, die man früher zweifelsohne zu den Wachstums-Aktien gezählt hätte. Auch die Aktie des Online-Riesen Amazon hat Buffett im Depot.

Dies zeigt: Die Übergänge zwischen Wachstums- und Value-Aktien können fließend sein. Ein typisches Wachstums-Unternehmen kann zum Value-Investment werden, wenn es im Laufe der Zeit seine Markposition behauptet und seine Gewinne verstetigt. "Microsoft, Amazon oder Facebook - das sind für uns mittlerweile Value-Werte", sagt Acatis-Stratege Stefan Riße. Die Fondsgesellschaft habe den Value-Begriff daher weiterentwickelt. Unter dem Stichwort "Buffet 2.0" suchen Acatis-Gründer Hendrik Leber und sein Team längst nicht mehr nur nach Titeln, die durch geringe Bewertungen und hohe Dividendenrenditen gekennzeichnet sind. "Einem Unternehmen, das solide ist, stabile Gewinne erwirtschaftet, gleichzeitig jedoch stark wächst, dem können wir auch eine hohe Bewertung zugestehen", meint Acatis-Stratege Riße. So sei die Google-Holding Alphabet einst ein typischer Wachstums-Wert gewesen. Heute ist die Internet-Firma zum Medien-Unternehmen geworden - "und als solches ein typischer Value-Wert", meint Riße.

Value oder Wachstum: Die Gewissheiten schwinden

Die Welt, sagt Riße, wandle sich an vielen Stellen. Technologische Umbrüche - sogenannte "Disruptionen" - machten es schwieriger Value-Titel zu identifizieren. Klassische Value-Titel zu kaufen, sie ins Depot zu legen und auf regelmäßige Gewinne zu hoffen, das funktioniere nicht mehr so einfach wie früher. Tatsächlich sind klassische Value-Aktien in den vergangenen zehn Jahren bei der Kursentwicklung deutlich gegenüber Wachstumsaktien zurückgeblieben. Das zeigt auch eine Untersuchung, die Marcel Müller von HQ Trust für die vergangene Dekade erstellt hat. "Der Unterschied zwischen der Bewertung von Value- und Wachstumsaktien ist derzeit so hoch wie zuletzt während der Technologie-Blase Anfang der 2000er Jahre", sagt Müller. Die Frage, die sich für Anleger dabei stelle, sei: "Werden die Value-Werte diesen Unterschied irgendwann wieder aufholen - und wenn ja, wann?"

Lesen Sie auch: Die Kluft zwischen Substanz- und Wachstumsaktien wächst

Für HQ Trust, das als Multi Family-Office vermögende Kunden in der Geldanlage betreut, beantwortet der Portfolio-Manager die Frage eher vorsichtig: "Wir investieren in kleinen Dosen wieder in das Value-Thema", sagt Müller: "Sollten Value-Aktien zurückkommen, haben wir einen Fuß in der Tür." Ansonsten habe man vor allem einen "Qualitätsfokus": Man setze auf Firmen mit hohen Eigenkapitalquoten, stabilen Dividenden und niedriger Verschuldung. "Es sollten jedoch Unternehmen sein, die gleichzeitig auch wachsen", erklärt Müller.

Kapitalmarktstratege Riße meint: "Value wird so, wie es früher war, nicht mehr zurückkommen." Die technologischen Umbrüche bereiteten den klassischen Value-Firmen zum Teil große Probleme. Seine Fondsgesellschaft sehe sich daher auch in klassischen Branchen auch nach jenen Firmen um, die auf neue Technologien setzen. Das könnten Unternehmen sein, die in der Landwirtschaft mit Drohnen arbeiten, um Düngemittel einzusetzen. Auch das Thema regenerative Energien sei interessant oder etwa die Elektromobilität: "Es geht darum, Firmen zu identifizieren, die es verstehen, sich die technologischen Umbrüche, die Disruptionen der modernen Welt zunutze zu machen."

Beispiele für in Deutschland verfügbare Aktienfonds mit Value-Strategie:

Fonds ISIN/WKN Anlageschwerpunkt Entwicklung 1 Jahr Entwicklung 3 Jahre Entwicklung 5 Jahre
First Eagle Amundi International Fund

LU0068578508

/ 635297

Investiert vorwiegend in Aktien und Anleihen ohne Beschränkungen in Bezug auf Marktkapitalisierung oder geografische Streuung

+16,82 % (USD)

+19,57 % (EUR)

+18,33 % (USD)

+11,13 % (EUR)

+25,01 % (USD)

+38,17 % (EUR)

Vontobel Fund - Global Equity A

LU0218910023

/ A0EQVB

Der Fonds verfolgt eine substanzwert-orientierte Anlagepolitik (Value-Ansatz). Der Liquiditätsanteil darf 20% des Fondsvermögens nicht überschreiten.

+25,02 % (USD)

+27,97 % (EUR)

+50,92 % (USD)

+41,47 % (EUR)

+61,70 % (USD)

+78,72 % (EUR)

Value plus Wachstum: Die Mischung macht‘s

Value- und Growth-Strategie sind zwei wichtige Anlagestile am Aktienmarkt - aber sie sind nicht die einzigen. Anleger können auch auf Unternehmen setzen, die hohe Dividenden auszahlen. Oder sie orientieren sich an Ländern und Regionen. So war in der jüngsten Vergangenheit die Unterscheidung zwischen europäischen und US-Aktien mindestens genauso wichtig wie die zwischen Wachstum und Value: Amerikanische Titel hatten gegenüber den europäischen deutlich die Nase vorn. Anleger sollte sich daher nicht nur an einem oder zwei Anlagestilen orientieren. Sie müssen sich auch nicht für den einen oder anderen entscheiden - zumal die Auswahl auch schon für einen Stil sehr komplex sein kann. Besser ist es daher, verschiedene Stile zu mischen.

Lesen Sie auch: Neun Regeln für einen guten Anlagemix

Dabei können Anleger durchaus auch in einzelne Wachstums- oder Value-Werte investieren. Sie sollten aber jeweils nur einen sehr geringen Teil des Depots ausmachen. Aktienexperte Marcel Müller empfiehlt Anlegern vor allem eine breite, weltweite Streuung des Aktienportfolios. "Das erreicht man etwa mit einem ETF auf einen weltweiten Index wie den MSCI World", sagt der Portfolio-Manager. Ganz langfristige Anleger könnten daneben in Betracht ziehen, zehn bis zwanzig Prozent ihres Geldes in einen Value-ETF zu stecken. "Value hat über 20 oder 30 Jahre betrachtet stets eine Prämie erwirtschaftet.", sagt Müller: "Wer einen solchen Anlagehorizont hat, kann diese Prämie auf diese Art durchaus mitnehmen."

Hier zwei Beispiele für in Deutschland handelbare Aktienfonds mit Growth-Strategie:

Fonds ISIN/WKN Anlageschwerpunkt Entwicklung 1 Jahr Entwicklung 3 Jahre Entwicklung 5 Jahre

Comgest Growth World

IE0033535075

/ A0BK3M

Portfolio besteht aus internationalen und diversifizierten Wachstumswerten mit einem Schwerpunkt auf Aktien.

+20,60 % (USD)

+23,44 % (EUR)

+65,27 % (USD)

+55,22 % (EUR)

+68,93 % (USD)

+86,71 % (EUR)

Robeco Global Growth Trends Equities

LU0974293671

/ A1W6M7

Investiert in erster Linie in Aktien von Unternehmen weltweit, die von strukturellen globalen Wachstumstrends profitieren.

+31,71 % (EUR)

+50,11 % (EUR)

+83,72 % (EUR)

Auch im Bereich der ETFs mit Value- oder Growth-Ansatz gibt es zahlreiche durchaus empfehlenswerte Vertreter. Hier je ein Beispiel eines entsprechenden Finanzprodukts.

ETF ISIN/WKN Benchmark

Performance

1 Jahr

Performance

3 Jahre

Performance

5 Jahre
Xtrackers MSCI World Value UCITS ETF 1C

IE00BL25JM42/ A1103E

DB Equity Value Factor Index

+16,28 %
(USD)

+19,02 %
(EUR)

+23,85 %
(USD)

+16,32 %
(EUR)

+36,27 %
(USD)

+50,62 %
(EUR)

Deka STOXX Europe Strong Growth 20 UCITS ETF

DE000ETFL037

/ ETFL03

Dow Jones STOXX Strong Growth 20 Index

+44,83 % (EUR)

+72,40 %
(EUR)

+95,39 %
(EUR)

Quelle: fondsdiscount.de; eigene Recherche; Stand: 20. Dezember 2019

Ihre Meinung ist uns wichtig
Andreas Jalsovec
Autor
Jetzt Artikel bewerten
E-Mail an den Autor
Artikel kommentieren
Andreas Jalsovec
E-Mail an den Autor
Artikelbewertung
Teilen
Drucken
Zur Startseite
Andreas Jalsovec
E-Mail an den Autor
Newsletter
Keine News mehr verpassen
Bitte geben Sie eine korrekte E-Mail Adresse ein:
Unsere Datenschutzerklärung finden Sie hier.

Regeln für das Schreiben von Kommentaren:

  1. Kommentieren Sie sachlich und ohne persönliche Angriffe.
  2. Verfassen Sie keine Beiträge mit strafbarem, diskriminierendem, rassistischem, anstößigem, beleidigendem oder kommerziellem Inhalt und verweisen Sie nicht auf Seiten mit solchem Inhalt.
  3. Stellen Sie weder zu lange Texte noch Bilder ein, außer, wenn es unbedingt nötig ist.
  4. Veröffentlichen Sie keine personenbezogenen Daten Dritter, wie Namen, Adressen, Telefonnummern oder E-Mail-Adressen.
  5. Wenn Sie persönliche Mitteilungen oder Texte anderer Verfasser einstellen oder Kommentare anderweitig veröffentlichen möchten, beachten Sie die Rechte Dritter. Bei einer Verletzung dieser Rechte (z.B. Persönlichkeitsrecht, Urheberrecht, Datenschutz) haften Sie.
  6. Sie haben die Möglichkeit, Ihren Benutzernamen frei zu wählen. Sie sollten aber im eigenen Interesse markenrechtlich geschützte Namen vermeiden.

Quelle: www.datenschutzbeauftragter-info.de